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Stefan Gemmel & Uve Zissener - „Befreiungsschlag“

ISBN: 9-783-401-50952-5

 

Klappentext:

Damit hatte Maik nicht gerechnet. Geprügelt hat er sich schon oft, immer folgenlos, aber nun wurde er zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Er hat die Wahl: Knast oder ein Anti-Gewalt-Training. Klar, dass Maik solch ein Training für völlig überflüssig hält, auf Psychogeschwätz kann er verzichten. Doch weil das Training besser ist als Gefängnis, willigt er ein und macht erstaunliche Erfahrungen. Seine Umwelt und vor allem seine Freundin Julia beginnen gerade, ihn mit anderen Augen zu betrachten, da droht der Rausch der Spielkonsole ihn vom Weg abzubringen …

 

Inhalt:

Maik steht mit seinen wenigen Lebensjahren schon so ziemlich weit unten. Dem Knast konnte er noch einmal entgehen, aber dafür gilt es Sozialstunden abzuleisten und ein Anti Gewalt Training zu bestehen.

Maik nimmt das alles anfangs noch sehr auf die leichte Schulter. Immer schön im selben Trott bleiben. Doch seine Familie bekommt das Urteil irgendwann mit und setzt ihm die Pistole auf die Brust.

Maik macht also erst seine Sozialstunden, um zum Training zugelassen zu werden. Im Training erlebt er mit, wie Menschen scheitern. Er begreift die Konsequenzen und begreift, um was es auch für ihn geht.

Maik kämpft sich wieder zurück, auf den richtigen Weg.

 

Leseprobe:

… Maik erinnerte sich ganz genau. Er hob die Hand, doch Andy kam ihm zuvor und rief es einfach in den Raum: »Wertschätzung.«

»Genau: Wertschätzung«, wiederholte Katzner. »Danke, Andy. Überlegt mal bitte, was gerade passiert ist. Können wir da von Wertschätzung sprechen?«

Wieder hob Maik die Hand, doch dieses Mal war Tobias schneller. »Nein«, sagte er. »Das war nicht wertschätzend.«

Das wäre Maiks Antwort auch gewesen. Er beschloss, ab jetzt nicht mehr die Hand zu heben.

»Warum?«, hakte Katzner nach.

»Weil es unfreundlich war«, antwortete Maik rasch. »So sollte Martin nicht mit Robert reden.«

»Was hätte er denn sagen können?«

Sie grübelten. Schließlich fragte Messut: »Hätte er fragen sollen, was das für ein Wort ist, dieses ›geschmeidig‹?«

Katzner blickte zu ihm. »Möglich. Und dann?«

»Robert hätte es erklären und Martin hätte sagen können, dass er das Wort merkwürdig findet.«

»Was sagen die anderen dazu?«

Die meisten nickten. Bloß Artur schaute weiterhin zu Boden. Auch Marcel beteiligte sich nicht. Die beiden interessierten sich offensichtlich nicht für das, was hier geschah.

Katzner sprach Martin direkt an: »Kannst du dir vorstellen, dass du so mit Robert sprichst?«

Martin zog die Schultern in die Höhe. »Weiß nicht. Ja. Vielleicht.«

»Mach es doch mal.«

»Was?«

Katzner trat an Martin heran. »Stell dir vor, Robert hat gerade das Wort ›geschmeidig‹ gesagt. Und dich stört der Begriff.« Er zeigte auf Robert. »Sprich mit ihm.«

Martin verzog das Gesicht. Dennoch kam er der Bitte nach: »He, Robert, was ist denn das für ein besch… Was ist denn das für ein Wort?«

Robert machte mit: »Das sagt man so bei uns. Wenn etwas gut läuft, dann läuft es geschmeidig.«

»Hab ich noch nie gehört«, antwortete Martin. Und mit einem Blick auf Katzner fügte er vorsichtig hinzu: »Und ich mag es nicht.«

Katzner fragte in die Runde: »Und jetzt?«

»Das war höflich«, sagte Messut.

»Mit Wertschätzung«, sagte Tobias.

»Das war okay«, meinte Maik.

Katzner nickte. »Vor allem hat sich niemand angegriffen gefühlt. Die beiden sind wertschätzend miteinander umgegangen. Beide konnten ihre Meinung sagen. Niemand wurde angegriffen.«

Nun erhob sich auch Thomas Maus von seinem Stuhl. »Ihr merkt gerade, wie wichtig es ist, dass man sich an gewisse Regeln hält«, sagte er. »Wann immer mehrere Leute aufeinandertreffen, so wie wir, ist es wichtig, ein paar Regeln zu haben. Gebt ihr mir da recht?«

Alle nickten.

»Aber zu viele Regeln, das nervt, oder?«, hakte Maus nach. Und auch da bekam er Zustimmung, deshalb schlug er vor: »Wir könnten unseren eigenen Regel-Katalog aufstellen. Wir legen fest, woran wir uns halten wollen. Aber nur so viele Regeln, wie nötig sind. Einverstanden?«

Er ging zur Tafel und klappte die beiden Seitenteile auseinander. Auf die mittlere Fläche war bereits ein riesiger Bogen Papier gespannt. Maus nahm einen dicken Filzstift zur Hand und schrieb als Überschrift auf das Papier: Vertrag.

»Wenn wir Regeln festlegen, dann ist das ein Vertrag unter uns. Also: Welche Regeln kommen in den Vertrag?«

»Wertschätzung!«, rief Robert in den Raum.

Maus notierte als ersten Punkt: wertschätzender Umgang. »Noch ein Vorschlag?«

»Ehrlichkeit«, schoss es aus Andy heraus. »Wir sollten ehrlich miteinander umgehen.«

Auch diesen Punkt notierte Maus, als Maik in den Raum warf: »Klappe halten!«

Als Maus ihn fragend ansah, erkannte Maik, dass sein Vorschlag zweideutig war. Deshalb erklärte er schnell: »Ich meine nicht, dass jemand die Klappe halten soll. Nein, das, was hier gesagt wird, sollte draußen nicht weitererzählt werden.«

»Ah, guter Vorschlag«, antwortete Katzner. Maus notierte »Verschwiegenheit« auf das Papier an der Tafel, während Katzner erläuterte: »Ihr erinnert euch bestimmt auch in diesem Punkt an das AGT-Interview. Ihr könnt hier ehrlich sein. Miteinander. Mit uns. Was immer ihr loswerden wollt, es bleibt unter uns. Wir Trainer haben eine Schweigepflicht gegenüber Dritten. Bis auf die wenigen Ausnahmen, die wir euch geschildert hatten, werden wir niemandem etwas erzählen von dem, was ihr uns sagt.«

Alle nickten. Maus wies zur Tafel. »Fehlt noch was?«

»Pünktlichkeit«, schlug Martin vor.

»Warum?«, entgegnete Maus. »Nur weil es zur Höflichkeit gehört?«

»Nein. Wenn wir hier miteinander reden, dann sollten auch alle alles mitbekommen. Das ist wichtig. Wenn jemand zu spät kommt, dann kann man jedes Mal von vorn anfangen.«

Maus nickte und schrieb »Pünktlichkeit« unter »Verschwiegenheit«.

»War es das?« Maus legte den Filzstift schon zur Seite.

Maik spürte, wie Andy neben ihm rumzappelte. Er schien zu zögern. Anscheinend hatte er etwas auf der Seele, das er loswerden wollte, und wusste nicht, ob er das hier sagen konnte. Maik überlegte noch, ob er ihn ansprechen sollte, als es aus Andy herausplatzte: »Ich hab da vielleicht noch was.«

Maus nahm den Stift wieder auf. »Ja?«

»Ist vielleicht unangebracht. Und vielleicht nur mein Problem.«

Katzner kam auf Andy zu. »Schau zur Tafel«, sagte er. »Wir wollen ehrlich und offen miteinander umgehen. Wenn dich was nervt, sag es.«

»Nicht  Etwas  nervt mich, sondern die beiden da!«, antwortete Andy und zeigte auf Marcel und Artur. »Wenn wir hier was erreichen wollen, dann müssen alle mitmachen. Nur blöd dabeisitzen …« Er erinnerte sich wohl an Martins Angriff gegen Robert und korrigierte schnell: »Nur still dabeizusitzen, das bringt keinem was. Es stört.«

Marcel blickte auf. »Was willst du denn? Ich tu doch nichts!«

»Genau. Du tust nichts. Dich interessiert das hier wohl gar nicht.«

»Doch. Klar.«

Auch Artur hob den Kopf. »Ich habe alles mitbekommen.«

Andy schaute in die Runde. »Wie sehen die anderen das denn?«

Messut gab ihm recht: »Ihr solltet euch beteiligen.«

Auch Robert stimmte zu: »Wir sollten das zu den Regeln nehmen.«

Maus ging zur Tafel. »Wenn Marcel und Artur keine Einwände haben«, sagte er, wartete noch eine mögliche Reaktion ab und schrieb »Mitmachen« als Regelpunkt auf das Papier.

»Gibt es noch was?«, wiederholte Maus erneut seine Aufforderung.

»Eine Sache hätte ich auch noch«, ergänzte Robert. Er merkte gar nicht, wie einige genervt die Augen rollten, und machte eine Kopfbewegung in Richtung Martin. »Kann er nicht seine Kapuze abnehmen? Ich hatte früher in der Schule oft Kappen auf und einen Höllenärger bekommen. Irgendwann hab ich verstanden, dass es unhöflich ist, mit Mütze oder Kapuze dazusitzen.« Er schaute auf Martin. »Sorry, du.«

Martin zog seine Kapuze runter. »Kein Problem«, erklärte er freundlich. »Wenn es dich stört, nehme ich sie ab.«

Tobias hob die Hand. »Brauchen wir dafür eine eigene Regel?«

Katzner gab die Frage in die Runde: »Wie seht ihr das?«

»Ach, aufschreiben muss man das nicht«, meinte Messut. »Wir haben das jetzt geklärt. Und wir halten uns dran. Ende.«

Die anderen nickten. Katzner wartete noch einen Moment, ob es weitere Wortmeldungen oder Vorschläge gab, dann sagte er, an Maus gewandt: »Ich hätte noch was. Schreib bitte Spaß auf die Regelliste.« Die überraschten Blicke einiger Teilnehmer amüsierten ihn wohl. »Ja. Spaß. Ich wünsche mir, dass wir das alles locker angehen. Dass ihr gern hierherkommt. Lasst uns ruhig ein wenig Spaß haben bei allem, was wir tun.«

Die Antwort bestand aus einem allgemeinen Nicken. Maus kam von der Tafel in die Runde und hielt den Stift in die Höhe. »Dann bitte ich jetzt alle, diesen Vertrag zu unterschreiben.«

Nacheinander erhoben sie sich von ihren Plätzen, gingen vor und schrieben ihren Namen unter die Regel-Liste. Auch Marcel und Artur.

Katzner blickte zur Uhr. »Dann haben wir ja schon richtig was geschafft. Unser Vertrag ist jetzt für alle verbindlich. Und zwei Stunden sind auch schon fast um. Wir könnten also unsere erste Pause machen.«

Taschen wurden gegriffen, Zigaretten gesucht, Handys eingeschaltet und Martin zog sich wieder die Kapuze über die schulterlangen blonden Haare.

Nun kam der Moment, in dem Maik seinen Zettel über die abgeleisteten Sozialstunden endlich loswerden konnte. Noch befand er sich in der vorgegebenen Frist.

Das war verwirrend: Irgendwie war es ein geiles Gefühl für ihn, mal was richtig ordentlich und gut gemacht zu haben. Andererseits kannte er sich kaum wieder, weil ihm das so wichtig war.

Egal: Alle anderen waren schon auf dem Weg nach draußen und Maik reichte Katzner die Bescheinigung. Katzner bedankte sich und wollte ihn noch etwas fragen, doch Maik steuerte schon auf den Ausgang zu. Draußen, vor der Schule, an dem Platz, wo sie sich vorher getroffen hatten. Marcel und Artur stellten sich ein wenig abseits. Schweigend. Sie gaben ein merkwürdiges Bild ab.

Robert eröffnete das Gespräch mit »Hey, ist wirklich lässig hier. Hab ich mir anders vorgestellt.«

»So?«, hakte Martin nach, allerdings machte er nicht den Eindruck, dass ihn Roberts Meinung interessierte.

»Na, ich dachte, wir werden hier zugelabert«, antwortete Robert. »Ihr wisst schon, dieses übliche Ogen-Geschwätz.«

Nun sah Martin doch auf. »Ogen-Geschwätz?«

»Kennt ihr nicht? Ist doch immer dasselbe, was von denen kommt: Pädagogen, Psychologen. Ogen eben.«

Maik blickte von Robert zu Martin und dann wieder zurück auf Robert. Wenn Maik auf etwas keine Lust hatte, dann auf Roberts Gequatsche. Also zog er Andy zur Seite. »Komm mal mit!«

Andy folgte ihm willig. Einige wenige Meter von den anderen entfernt, konnte Maik endlich die Frage stellen, die ihm nun seit zwei Stunden auf der Seele brannte: »Was ist denn das für einer, dieser Marcel. Warum Psycho?«

Andy stellte sich so herum, dass er direkten Blick auf Marcel und Artur hatte. Er antwortete leise. Was er Maik anvertraute, war definitiv nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: »Der Typ ist völlig durchgeknallt. Abgespaced. Es gibt Geschichten über ihn, da gruselt es dich.«

»Was denn so?«

»Er hat seinem Schulleiter die Nase gebrochen.«

»Was? Echt?«

»Und das nur, weil der einen Blick in Marcels Tasche werfen wollte. Wegen Kontrolle von Drogen oder Waffen oder so. Marcel hat ihn erst suchen lassen, hat geduldig gewartet, bis der Pauker alles durchgesehen und nichts gefunden hatte, und dann plötzlich ist er wie ein Irrer auf den Direx los und hat ihm die Faust ins Gesicht gerammt.« …