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Andreas Eschenbach - „Exponentialdrift“

ISBN: 9-783-404-14912-4

 

Klappentext:

Auf einer Pflegestation erwacht ein Mann, der seit vielen Jahren im Wachkoma gelegen hat. Die Welt um ihn herum kommt ihm seltsam verändert vor. In seinen Erinnerungen mischen sich Bilder, die nicht zueinander passen. In ihm reden Stimmen durcheinander, die er nicht versteht. Am wenigsten identifizieren kann er sich mit dem Elementarsten von allem, mit sich selbst. Er kommt zu der Überzeugung, in Wirklichkeit ein Außerirdischer zu sein, den es in den Körper eines Menschen verschlagen hat. Eine Wahnvorstellung? Der Neurologe, der ihn behandelt, ist fasziniert. Seine Frau fühlt sich ihm entfremdet. Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Fremder, der ihn zu verfolgen, zu beobachten scheint ... Dieser Roman ist ein hochspannendes Buch, ein literarisches Experiment. Vom September 2001 bis Juli 2002 erschien "Exponentialdrift" als Fortsetzungsroman in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Für die Taschenbuchausgabe dieses Thrillers stellte der Autor den jeweiligen Folgen die damaligen Schlagzeilen voran und fügte einen ausführlichen Werkstattbericht hinzu, der interessante Einblicke in seine Arbeit und Hintergründe des Projekts gewährt.

 

Inhalt:

Während einer Aufnahme über die Pflege von Apallikern, wacht ein Patient nach 4 Jahren Koma auf. Das ist eine absolute Sensation.

Der Patient kann nach kurzer Zeit nach Hause entlassen werden und scheint sich auch gut in die Gesellschaft wieder einzufinden. Doch dann scheint er ein psychisches Problem zu bekommen. Er bildet sich ein, dass er ein Außerirdischer ist, der den Körper nur übernommen hat, weil die Menschheit auf eine Katastrophe zu steuert und seine Spezies das verhindern will.

Doch diese Gedankengänge sind keine Spinnerei, denn von seiner Sorte gibt es schon mehrere auf der Erde. Nur teilen diese sich auch in zwei Lager. Die einen wollen der Menschheit helfen, sie aber erhalten. Und die anderen wollen die Menschheit ausrotten...

 

Leseprobe:

… Die Vorweihnachtszeit verlief beinahe entspannt, abgesehen davon, daß Vorweihnachtszeit und Entspannung natürlich eigentlich grundsätzlich unvereinbare Begriffe sind. Von dem Augenblick an, in dem Bernhard das erkannt hatte, was er für die Wahrheit hielt, war jene Unruhe von ihm abgefallen, die ihn seit seinem Erwachen umgetrieben hatte. Er war freundlich, wenn Evelyn nach Hause kam, erledigte mehr oder weniger den ganzen Haushalt und spielte stundenlang mit seiner Tochter, letzteres mit einer kindlichen Hingabe, die ihm in seinem früheren Leben völlig abgegangen war. Theresa war glücklich, gar keine Frage.

Das verblüffte Evelyn am meisten. Vor dem Schlaganfall war Bernhard anstrengend und in sich gekehrt gewesen, oft in Gedanken, meist um seine Arbeit kreisend, in seiner Tochter eher einen Störfaktor als eine Bereicherung seines Lebens sehend. Doch nun fragte Theresa ihn: »Wo liegt eigentlich Somalia?«, und er holte den Atlas hervor, zeigte es ihr, und danach gingen sie, beide neugierig, zum Lexikon, um herauszufinden, was es über das Land, das neuerdings durch die Fernsehnachrichten geisterte, alles zu wissen gab. Als der erste Schnee fiel (wann hatte es eigentlich das letzte Mal im Dezember so geschneit wie in diesem Jahr, in diesem verrückten, furchteinflößenden Jahr 2001?), stürmten Vater und Tochter morgens auf den Balkon hinaus, rafften die Schicht weißer Flocken auf der Brüstung zu unbeholfenen Schneebällen, bewarfen Autos und Fußgänger damit und lachten sich schief dabei.

Einzig wenn er abends am Tisch saß und Zeitungen las, wirkte er wahrhaftig wie ein Gesandter von einem anderen Planeten, der die Verhältnisse auf der Erde und die Gepflogenheiten ihrer Bewohner studierte.

»Ich spiele den Menschen Bernhard Abel lediglich«, erklärte er ihr eines Abends ernst. »Ich will, daß du dir dessen bewußt bist. Du hast keine Verpflichtungen mir gegenüber. Ich bin dir dankbar für alles, was du für mich getan hast, aber ich bin nicht der Mann, den du geheiratet hast. Ich bewohne nur seinen Körper, und ich nutze seine Erinnerungen – das, was davon noch übrig ist.«

Was sagt man auf eine solche Eröffnung? Evelyn Abel sagte: »Ich verstehe.«

»Worum ich dich bitten möchte, ist, mir noch eine Weile zu helfen«, fuhr der Mann fort, der aussah wie Bernhard Abel und es nicht zu sein behauptete. »Denn deine Spezies ist in ernster Gefahr, und ich wurde geschickt, um sie zu retten. Falls das möglich ist.«

»Meine Spezies.«

Er lächelte. »Hört sich seltsam an, nicht wahr?«

»Ziemlich seltsam sogar«, nickte sie.

»Und im Grunde glaubst du mir nicht.« Er sagte es ruhig. »Wenn du mir nämlich glauben würdest, würdest du fragen, wo genau ich herkomme, wie es dort aussieht und so weiter. Aber du denkst, es ist einfach eine Geistesverwirrung. Ein Spätschaden, den das Koma verursacht hat.«

Das dachte Evelyn Abel tatsächlich. Deshalb nahm sie einen Tag frei (in der Vorweihnachtszeit! Ihrem Chef gegenüber behauptete sie, Zahnschmerzen zu haben, und ihre Kolleginnen in der Parfümerie schnitten sie die folgenden Tage), um Doktor Jürgen Röber in der Brückenkopfklinik aufzusuchen und ihm die Sachlage zu schildern.

Der Neurologe, der ihren Mann jahrelang betreut hatte, wirkte nicht einmal überrascht. »Ich habe mir so was beinahe gedacht«, erklärte er zu Evelyns Verwunderung und zog ein Bild eines jungen Mannes mit kurzgeschorenem Haar und einer auffälligen Hautverfärbung am Hals hervor. »Kennen Sie diesen Mann?«

Evelyn schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Er war am achten November hier, und nach dem, was Ihr Mann mir erzählt hat, am Tag darauf bei Ihnen.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Sein Name ist vermutlich Armin Pallens. Er hatte ebenfalls ein apallisches Syndrom, und zwar von 1988 bis 1990, und nach seinem Erwachen – halten Sie sich fest – behauptete er, in Wirklichkeit ein Außerirdischer zu sein.«

Irgendwie tröstete sie das. »Scheint häufiger vorzukommen, oder?«

»Offengestanden, ich habe das erste Mal davon gehört«, sagte Doktor Röber. »Und das, was ich weiß, hat mir die Sekretärin meines alten Professors erzählt. Der seinerseits behauptet, den Mann nicht zu kennen. Dabei war es sein Patient. Und außerdem hat er gelogen, das war ihm anzusehen.«

»Seltsam«, grübelte Evelyn. »Was hat das zu bedeuten?«

Der Arzt hob in einer hilflosen Geste die Arme. »Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung.«

So vergingen die Wochen, und endlich war der vierte Advent da, der Tag vor Heiligabend. Ein Vormittag Hektik noch, das Nachzüglergeschäft, dann war es geschafft. Evelyn Abel ruhte aus und überließ das Schmücken des Weihnachtsbaumes Bernhard und Theresa, die sich der Aufgabe mit Begeisterung widmeten. Doch, es war nicht das Schlechteste, mit einem Ehemann zusammenzuleben, der sich für einen Außerirdischen hielt.

Das Telefon klingelte. …