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Leon Leyson - „Der Junge auf der Holzkiste“

ISBN: 9-783-733-50048-1

 

Klappentext:

Ein ergreifender Zeitzeugenbericht eines Holocaust-Überlebenden und ein Vermächtnis für alle Leser von heute. Leon Leyson war Nummer 289 auf Schindlers Liste, die über tausend Juden während des Holocaust das Leben rettete. Er war dreizehn, als er als Arbeiter in Oskar Schindlers Emailwarenfabrik anfing, und weil er so klein für sein Alter war, musste er immer auf eine Holzkiste steigen, um die Maschinen bedienen zu können. In einer klaren und einfachen Sprache erzählt Leon Leyson vom grausamen Lageralltag, der ständigen Todesgefahr, aber auch von seinem persönlichen Helden Oskar Schindler.

 

Inhalt:

Leon Leyson, ein jüdischer Junge aus Polen, erzählt seine Geschichte. Am Ende seines Lebens bricht er sein Schweigen und lässt uns an seinem Leben teil haben.

Eigentlich sollte Krakau für die Familie ein neues, ein besseres Leben geben. Doch der zweite Weltkrieg ist ausgebrochen und mit den Deutschen kommt auch der Schrecken nach Polen.

Die jüdische Familie landet im Ghetto, sie hungern und leiden. Sie verlieren die ersten Familienmitglieder, aber nicht den Willen zu überleben.

Der Vater ist ein Arbeiter im Werk von Oscar Schindler, was der verbleibenden Familie am Ende das Leben rettet.

Sie stehen zwar unter dem Schutz von Oscar Schindler, aber leicht wird es deswegen trotzdem nicht.

 

Leseprobe:

… Wir besaßen zwar nicht viele Kleidungsstücke, aber meine Mutter arbeitete hart dafür, sie sauber zu halten, und wir waren nie schmutzig. Und als ich unsere Nasen betrachtete, stellte ich fest, dass keine besonders groß war. Ich verstand nicht, warum uns die Deutschen so zeigen wollten, wie wir nicht waren.

Die Einschränkungen nahmen rasch zu. Den Juden schien bald gar nichts mehr erlaubt zu sein. Erst durften wir nicht mehr auf Parkbänken sitzen, dann wurden wir ganz aus den Parks verbannt. In den Straßenbahnen wurden Seile gespannt, um die Plätze für Nichtjuden im vorderen Teil des Wagens von denen für Juden ganz hinten zu trennen. Diese Maßnahme störte mich besonders, denn sie hinderte mich, zusammen mit meinen Kameraden die Schaffner zu täuschen. Doch bald sollte das Spiel ohnehin unmöglich werden, weil Juden die öffentlichen Verkehrsmittel nicht länger benutzen durften. Und die Jungen, mit denen ich so viele Abenteuer geteilt hatte und denen es immer egal gewesen war, dass ich Jude war, fingen allmählich an, mich zu ignorieren. Sie murmelten Schimpfwörter, wenn ich in der Nähe war, und am Schluss sagte der grausamste meiner früheren Freunde, dass sie von nun an nicht mehr mit einem Juden spielen würden.

Mein zehnter Geburtstag am 15. September 1939 ging unbemerkt in den Wirren und der Unsicherheit der ersten Wochen der deutschen Besatzung unter. Glücklicherweise wurde Krakau von den Bombardierungen verschont, die Warschau und andere Städte trafen. Doch auch ohne die Bombendrohungen herrschte Angst auf den Straßen. Die deutschen Soldaten taten, was sie wollten. Man wusste nie, was ihnen als Nächstes einfallen würde. Sie plünderten jüdische Geschäfte. Sie vertrieben Juden aus ihren Wohnungen, konfiszierten ihren Besitz und zogen selbst dort ein. Orthodoxe jüdische Männer waren ihre bevorzugten Opfer. Soldaten packten sie auf offener Straße, schlugen sie und schnitten ihnen ihre Bärte und ihre Schläfenlocken, ihre Pejes, ab, nur so zum Spaß, oder was sie als Spaß ansahen. Es gab auch nichtjüdische Polen, die neue Chancen für sich sahen. Eines Morgens stürmten einige Polen in unser Haus, um die Wohnung über uns zu plündern, in der die geflohenen Juden gelebt hatten. Sie schlugen an unsere Tür. Als mein Vater sich weigerte, ihnen den Schlüssel auszuhändigen, der ihm anvertraut worden war, rannten sie einfach die Treppe hinauf, brachen gewaltsam ein und plünderten die Wohnung.

Nicht lange danach tauchten nationalsozialistische Unternehmer auf, in der Hoffnung, das Unglück der jüdischen Fabrikbesitzer, denen jedes Eigentum verboten war, auszunutzen und in Krakau ihr Glück zu machen. Die Glasfabrik, in der mein Vater arbeitete, war eines ihrer Ziele. Der nationalsozialistische Geschäftsmann, der die Fabrik übernahm, feuerte die jüdischen Arbeiter, alle außer meinem Vater. Er wurde verschont, weil er deutsch sprach. Der neue Besitzer machte ihn zu einer Art Verbindungsmann, zum Übersetzer zwischen ihm und den christlichen Polen, die noch bei ihm arbeiten durften. Zum ersten Mal seit Monaten sah mein Vater ein bisschen zuversichtlicher aus. Er behauptete, der Krieg würde nicht lange dauern, und da er einen Job hatte, wäre er sicher. Bis zum nächsten Jahr, vielleicht sogar schon bis Ende dieses Jahres, wäre alles vorbei, prophezeite er. So wie die Deutschen nach dem Ende des Großen Krieges verschwunden waren, würden sie jetzt auch wieder verschwinden. Ich nehme an, dass überall in Krakau jüdische Eltern ihren Kindern Ähnliches einredeten, nicht nur um die Kinder zu beruhigen, sondern auch sich selbst. Mein Vater machte den gleichen Fehler wie viele andere, als er glaubte, die Deutschen, mit denen er jetzt zu tun hatte, wären nicht viel anders als jene, die er von früher kannte. Er hatte keine Ahnung von der grenzenlosen Unmenschlichkeit und Bösartigkeit dieses neuen Feindes. Er konnte es einfach nicht wissen.

Eines Abends, ohne Vorwarnung, stürmten zwei Mitglieder der Gestapo in unsere Wohnung. Die Polen, die die Wohnung über uns ausgeraubt hatten, hatten ihnen den Tipp gegeben und gesagt, wir seien Juden und mein Vater habe sich geweigert, ihnen den Schlüssel auszuhändigen. Ihn zu melden, war ihre Form der Rache. Vor unseren Augen verhöhnten die beiden Rowdys, die kaum älter als achtzehn Jahre gewesen sein konnten, meinen Vater und schrien ihn an, er solle zeigen, wo er den Schlüssel versteckt habe. Sie zerschlugen Geschirr und stießen Möbelstücke um. Sie drängten meinen Vater an die Wand und wollten wissen, wo wir unser Geld und unseren Schmuck aufbewahrten. Vermutlich hatten sie sich in unserer bescheidenen Wohnung nicht genau umgeschaut. Sie folgten nur ihrem rassistischen Vorurteil, alle Juden würden Wertsachen anhäufen. Trotz ihrer Brutalität glaubte mein Vater, er könne vernünftig mit ihnen sprechen und sie durch Logik davon überzeugen, dass wir weder Geld noch Juwelen besaßen.

»Schauen Sie sich doch um«, sagte er, »sehen wir etwa reich aus?«

Als er erkannte, dass sie sich nicht für seine Argumente interessierten, tat er etwas, was noch schlimmer war. Er sagte, er würde sie ihren Vorgesetzten melden, den Nazigrößen, die er aus der Fabrik kannte. Seine Drohung stachelte sie nur noch mehr an. Sie schlugen mit bloßen Fäusten auf ihn ein, warfen ihn zu Boden und würgten ihn. Mir wurde ganz schlecht bei ihrer Skrupellosigkeit. Ich wollte weglaufen, um diese Szene nicht mit ansehen zu müssen, aber meine Füße waren wie angewurzelt. Ich erkannte das Entsetzen und die Scham in den Augen meines Vaters, als er vor seiner Frau und seinen Kindern hilflos auf dem Boden lag. Der stolze, ehrgeizige Mann, der seine Familie für ein besseres Leben nach Krakau gebracht hatte, war unfähig, diese nationalsozialistischen Unholde zu stoppen, die es gewagt hatten, in sein Heim einzubrechen. Plötzlich, noch bevor ich verstand, was vor sich ging, zerrten diese Kerle meinen Vater aus der Wohnung, die Stufen hinunter, hinein in die Nacht.

Das waren die schlimmsten Momente meines Lebens. …