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Andreas Brandhorst - „Äon“

ISBN: 9-783-453-53385-1

 

Klappentext:

Manche Wunder sind tödlich In einem Dorf in Kalabrien soll ein Junge Wunderheilungen vollbringen. Für den Journalisten Sebastian Vogler ein klarer Fall von Aberglauben – bis er Verbindungen zu anderen Phänomenen dieser Art in ganz Europa entdeckt. Eine dunkle Verschwörung droht die Zukunft der Menschheit für immer zu verändern, und für Sebastian Vogler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit…

 

Inhalt:

Sebastian Vogler ist Journalist für ein doch recht reiserisches Magazin. Er soll den Fall eines wunderheilenden Jungen recherchieren.

In Italien angekommen, sucht er auch Kontakt zu seiner getrennt lebenden Frau. Gerade, als sie sich wieder annähern bricht Sebastian zusammen. Ein Hirntumor wird diagnostiziert Sebastian Vogler kommt dem Jungen näher als geplant.

Der Junge kann Sebastian heilen, pflanzt ihm dabei aber auch etwas ein. Das Böse will nun Macht über ihn gewinnen.

Sebastian Vogler kämpft nun gegen das Böse in sich und gegen das Böse, was sich auf der Welt ausbreiten will.

 

Leseprobe:

… Der Papst lächelte. »Sehen Sie sich diese Bücher an, Ignazio. Manche von ihnen sind tausend und mehr Jahre alt. Einige der hier lagernden Schriftrollen stammen aus der Zeit der Evangelisten. Ihre Autoren haben über das geschrieben, was sie für die Wahrheit hielten, und nur selten waren sie dabei einer Meinung. Selbst in den Evangelien gibt es Widersprüche.«

»Weil das Wissen damals mündlich weitergegeben wurde«, sagte Ignazio Giorgesi sofort. Er arbeitete seit fast zehn Jahren als päpstlicher Berater, zuerst für Johannes Paul II. und jetzt für den Papst mit dem unüberhörbaren deutschen Akzent. Inzwischen genoss er dessen besonderes Vertrauen. »Dabei geschah es, dass bestimmte Dinge nicht korrekt überliefert wurden.«

»Aber wer entscheidet, was korrekt ist und was nicht?«

»Führen Sie einen dialektischen Dialog mit mir, Heiliger Vater?«

»Nun, manchmal ist es nützlich, in Gegensätzen zu denken, um die Dinge dazwischen zu erkennen. Zwischen Schwarz und Weiß erstreckt sich ein Universum von Grautönen, das wissen Sie ebenso gut wie ich.« Der Papst ging langsam weiter, den Blick auf die Buchrücken gerichtet. »Die Menschen sind immer auf der Suche nach Erkenntnis und Wahrheit gewesen«, fuhr er fort, und fast klang es so, als spräche er mit sich selbst. »Diese Bibliothek ist der Beweis dafür. Aber es kann sehr schwer sein, die Wahrheit zu finden, und nie gibt es Gewissheit. Abgesehen vielleicht von der Mathematik.«

»Nicht einmal dort«, sagte Ignazio und fragte sich, worauf der Papst hinauswollte. »Mathematische Gewissheit findet spätestens in der Quantenmechanik ihr Ende.«

Der Papst blieb erneut stehen, und als er seinen Berater diesmal ansah, wirkte er plötzlich sehr ernst. »Ein interessanter Hinweis, Ignazio. Die Quantenmechanik beschert uns noch mehr Ungewissheit. Je tiefer wir nach Wahrheit suchen, desto mehr Unsicherheit finden wir. Weil Wahrheit und Lüge Weiß und Schwarz sind, getrennt von einer grauen Unendlichkeit. Und um bei dem Beispiel zu bleiben, Ignazio: Vielleicht gibt es auch zwischen Wahrheit und Lüge eine Verbindung, die sich mit der quantenmechanischen Verschränkung vergleichen lässt. Vielleicht erfordert das eine das andere. Keine Wahrheit ohne Lüge. Und nichts Gutes ohne das Böse.«

»Gott und Teufel? Engel und Dämonen?«

Der Papst lächelte wieder, aber es war ein flüchtiges Lächeln, das schnell neuem Ernst wich.

»Paradies und Hölle? Vielleicht muss beides existieren, damit die Dinge im Gleichgewicht bleiben. Möglicherweise ist das wichtiger als alles andere, sogar noch wichtiger als Wahrheit: Balance. Vielleicht ist eine Störung des Gleichgewichts schlimmer als Lüge, Ignazio.«

»Warum sagen Sie mir das alles, Heiliger Vater?«

»Das Gleichgewicht ist gestört, Ignazio«, sagte der Papst mit schwerer Stimme. »Gutes hat Böses geschaffen, zu viel davon. Dinge sind in Bewegung geraten, die viele Jahrhunderte geruht haben, und dadurch sind alte Wahrheiten bedroht. Wahrheiten, die nicht infrage gestellt werden dürfen. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Sie sollen sich für mich um eine ebenso delikate wie gefährliche Angelegenheit kümmern.«

Ignazio verstand sofort: Es handelte sich um etwas, in das Vatikan und Papst offiziell nicht verwickelt werden durften. »Natürlich, Heiliger Vater.«

Der Papst hob die Hand. »Warten Sie, bis Sie wissen, worum es geht.« Er deutete auf die vielen Bücher, die sie umgaben. »Was wir hier sehen, ist nur ein kleiner Teil von dem, was einst existierte. Viel ist im Lauf der Zeit verloren gegangen. Brände, Kriege, Naturkatastrophen und böser Wille haben ganze Bibliotheken zerstört. Gerade im Mittelalter hat die katholische Kirche wichtige Bestandteile ihres Schriftguts verloren, darunter einen Brief, den Sophronius Eusebius Hieronymus im Jahr 412 nach Christus an Papst Innozenz I. geschrieben hat. Er enthielt eine Warnung. Achthundert Jahre später, im August 1212, las Papst Innozenz III. diesen Brief und nahm ihn zum Anlass, die Kinderkreuzzüge zu verraten. Er beschränkte sich nicht  nur darauf, ihnen keine Unterstützung zu gewähren. Er ging noch viel weiter und verschwor sich mit den damaligen Feinden des Christentums, den sarazenischen Muslimen im Heiligen Land, gegen die vielen tausend Kinder und Erwachsenen, die aus Deutschland und Frankreich nach Jerusalem ziehen wollten, um die Stadt wieder unter christliche Herrschaft zu bringen.«

»Aber … Innozenz III. gilt als ein Papst mit vielen Verdiensten …«, begann Ignazio.

»Vielleicht war dies sogar sein größtes. Nun, es gibt eine Kopie des Briefes, den Hieronymus damals schrieb. Sie stammt vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts, und leider wissen wir nicht, wie vollständig sie ist. Kommen Sie, Ignazio.«

Der Berater folgte dem Papst an den Bücherschränken vorbei zu einer Tür, die in ein kleines Lesezimmer führte. Regale bedeckten dort die Wände, voll weiterer Bücher. In der Mitte des Zimmers stand ein einfacher Tisch mit einem Sessel dahinter. Auf dem Tisch lagen mehrere Dokumente. Der Papst machte eine einladende Geste in Richtung Sessel.

»Nehmen Sie Platz, Ignazio. Lesen Sie die Kopie des Briefes. Die anderen Unterlagen stehen damit in Verbindung. Vielleicht möchten Sie das eine oder andere nachschlagen.« Der Papst setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke des Zimmers. »Nur zu, Ignazio.«

»Wie Sie wünschen, Heiliger Vater.«

Ignazio Giorgesi nahm Platz, öffnete das direkt vor ihm liegende Dokument und begann zu lesen. Nach den ersten Absätzen war er verblüfft, blätterte in einem der anderen Dokumente und las Erläuterungen. Nach zehn Minuten wurde aus der Verblüffung Faszination, und nach zehn weiteren Minuten verwandelte sich die Faszination in Entsetzen. Er las weiter und vergaß die Zeit. Als er schließlich aufsah und feststellte, dass der Papst noch immer in der Ecke saß, war mehr als eine Stunde vergangen.

»Jetzt verstehe ich, warum Sie mich gefragt haben, ob ich an Gott glaube. Keine Wahrheit ohne Lüge … Haben Sie dies damit gemeint, Heiliger Vater?« Sie sprachen ausführlich über die betreffende Stelle im Brief des Hieronymus, und fast eine weitere halbe Stunde verging. Schließlich räusperte sich Ignazio, in dem noch immer großer Aufruhr herrschte, und fragte: »Es geschieht wieder?

»Darauf deutet alles hin.«

»Wann ist das Grab geöffnet worden?«

»Das erste Mal?« Der Papst stand auf und trat zum Tisch. »Vor drei- oder viertausend Jahren. Wir wissen es nicht genau. Damals waren sie schwach, und das Grab konnte wieder geschlossen werden. Danach geriet es unglücklicherweise in Vergessenheit. Im dritten Jahrhundert nach Christus wurde es erneut entdeckt, offenbar von Grabräubern. Die Sechs waren noch schwächer, aber niemand erinnerte sich an sie. Niemand wusste, wie man sie in dem Grab festhalten konnte, und so entkamen sie. Und niemand wusste, wer oder was sie waren.«

»Im Jahr 412 wusste man es.«

»Ja«, bestätigte der Papst. »Sie versuchten, sich zu treffen, doch das konnte verhindert werden, was wir nicht zuletzt Hieronymus verdanken. Er erfuhr von ihnen in der Wüste Chalcis bei Aleppo in Syrien, wo er Hebräisch lernte. Als einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit erkannte er die Gefahr, stellte Nachforschungen an und warnte Papst Innozenz I. Es war damals eine sehr primitive Welt, Ignazio. Lange Reisen kosteten viel Zeit, und die Sechs waren noch immer schwach. Sie brauchten die Nähe von Menschen, um stärker zu werden, aber die damaligen Städte waren nicht groß und lagen weit auseinander. All diese Probleme verhinderten ein für die Welt fatales Zusammentreffen.«

Ignazio nickte langsam. »Es vergingen achthundert Jahre, und daraufhin bot sich ihnen eine neue Chance. Aber Innozenz III. erfuhr rechtzeitig davon … Waren die Sechs mit den Kreuzzügen der Kinder unterwegs?«

»Davon gehen wir aus. Sie wurden damals stärker, denn es gab mehr Menschen und mehr Leid in der Welt. Innozenz musste verhindern, dass die Kreuzzüge der Kinder ihr Ziel erreichten, dann das Treffen sollte in Jerusalem stattfinden.«

»Und jetzt … Es sind wieder achthundert Jahre vergangen, fast«, sagte Ignazio ernst. »Die Welt ist groß geworden.« …