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Rick Yancey - „Der Monstrumologe und die Insel des Blutes“

ISBN: 9-783-404-20751-0

 

Klappentext:

Dr. Warthrop ist auf der Jagd nach einem legendären Monster, das die Fachwelt als den "Heiligen Gral" der Monstrumologie bezeichnet. Er lässt Will Henry in New York zurück und nimmt stattdessen einen neuen Assistenten mit. Monatelang hört Will nichts vom Doktor. Dann kehrt eines Tages der Assistent zurück, mit einer schrecklichen Nachricht: Der Doktor ist tot. Will traut dem Assistenten nicht über den Weg und macht sich selbst auf die Suche nach seinem Lehrmeister. Seine Reise führt ihn nach Socotra. Die Insel des Blutes, wo roter Regen vom Himmel fällt -

 

Inhalt:

Dreizehn Notizbücher, hinterlassen von einem Verstorbenen, der in einem Altersheim starb, erzählen die Begebenheiten, die ein William James Henry mit und bei einem Monstrumologen erlebt. Er beschreibt die Erlebnisse einer Reise auf die so genannte Insel des Blutes. Von dieser Insel gehen die Blut- und Fleischregen aus. Und hier soll der Ursprung einer fäuleartigen Krankheit liegen, die Menschen zu Kannibalen werden lässt.

William James Henry macht die Reise seines Lebens, wird infiziert und geheilt.

 

Leseprobe:

… Ich denke, es ist ein Maß für das Ausmaß meiner Besorgnis, dass ich meine größte Angst der letzten Person, von der ich glaubte, sie könnte ein Geheimnis für sich behalten, anvertraute. Es entschlüpfte mir eines Nachmittags über einer Partie Schach im Washington Square Park. Schach war eigentlich meine Idee gewesen. Wenn ich, sagte ich mir, mehr übte, dann könnte ich den Doktor, bis er zurückkam, vielleicht schlagen – und das wäre natürlich ein Ding! Lilly nahm meine Herausforderung an. Sie hatte das Spiel von ihrem Onkel Abram gelernt und war ausgesprochen wetteifernd. Lillys Spielstil war aggressiv, impulsiv und intuitiv, nicht so sehr verschieden von dem Mädchen selbst.

»Du brauchst so lang!«, beschwerte sie sich, als ich mit einer Entscheidung wegen meines Turms rang. Er saß zwischen ihrer Dame und einem Bauern in der Falle. »Kommt es auch mal vor, dass du einfach nur irgendetwas machst? Es einfach machst, ohne darüber nachzudenken? Neben dir wirkt Prinz Hamlet regelrecht impulsiv!«

»Ich denke nach«, antwortete ich.

»Oh, du denkst die ganze Zeit nach, William James Henry! Du denkst zu viel. Weißt du, was mit jemandem passiert, der zu viel nachdenkt?«

»Weißt du es denn?«

»Ha, ha. Ich nehme an, das war ein Witz. Du solltest keine Witze machen. Menschen sollten ihre Grenzen kennen.«

Ich verabschiedete mich von meinem Turm und zog den Läufer vor, um ihren Springer zu bedrohen. Sie kickte meinen Turm mit der Dame vom Brett.

»Schach!«

Ich seufzte. Ich spürte ihren Blick auf mir, während ich das Brett studierte. Ich zwang mich dazu, nicht hochzusehen. Der leichte Wind kitzelte das neue Laub der Bäume; die Frühlingsluft war sanft und roch nach ihrer Lavendelseife. Ihr Kleid war gelb, und sie trug einen weißen Hut mit einem gelben Band und einer großen gelben Schleife. Selbst mit neuer Garderobe und einem frischen Haarschnitt kam ich mir neben ihr schäbig vor.

»Immer noch keine Nachricht von deinem Doktor?«

»Ich wünschte, du würdest es nicht auf diese Weise sagen«, erwiderte ich, ohne aufzublicken. »Er ist nicht ›mein‹ Doktor.«

»Nun, wenn er nicht deiner ist, dann würde ich zu gern wissen, wessen Doktor er ist. Und versuch nicht, das Thema zu wechseln!«

»Einer der Vorteile zu vielen Nachdenkens«, sagte ich, »ist es, dass einem die Kleinigkeiten auffallen, Dinge, die anderen Leuten entgehen. Du sagst ›dein Doktor‹ absichtlich auf die Art, weil du weißt, dass es mich ärgert.«

»Und wieso sollte ich das tun?« Ich hörte ein Lächeln in ihrer Stimme.

»Weil du es genießt, mich zu ärgern. Und bevor du fragst, wieso du es genießt, mich zu ärgern, schlage ich vor, du stellst dir diese Frage selbst. Ich weiß es nämlich nicht.«

»Du hast ja eine Laune!«

»Ich verliere nicht gerne.«

»Du warst schon schlecht gelaunt, bevor wir anfingen zu spielen.«

Ich zog meinen König aus der Gefahrenzone. Sie warf kaum einen Blick aufs Brett, bevor sie zuschlug und meinen letzten Läufer nahm. Innerlich ächzte ich: Es war jetzt nur noch eine Frage der Zeit.

»Du kannst dich jederzeit geschlagen geben«, regte sie an.

»Ich werde kämpfen, bis der letzte Tropfen Blut vergossen ist!«

»Oh! Wie gänzlich un-Will-Henry-ähnlich! Gerade hast du dich ganz wie einMacher angehört. Wie Leonidas an den Thermopylen.«

Meine Wangen waren warm. Aber ich hätte es besser wissen müssen, als zu selbstzufrieden zu werden.

»Und die ganze Zeit dachte ich an dich als Penelope.«

»Penelope!« Meine Wangen wurden heißer, obgleich aus einem ganz anderen Grund.

»Die sich in deinem Brautgemach vor Kummer verzehrt, während sie darauf wartet, dass Odysseus aus dem Krieg heimkehrt.«

»Macht es dir eigentlich Freude, gemein zu sein, Lilly, oder ist es etwas, was du nicht abstellen kannst, so wie ein nervöses Zucken?«

»Du solltest nicht so mit mir sprechen, William«, sagte sie lachend. »Bald werde ich deine große Schwester sein.«

»Nicht wenn der Doktor ein Wörtchen mitzureden hat!«

»Ich würde meinen, dein Doktor wäre erleichtert. Ich war nicht viel in seiner Nähe, aber ich hatte das Gefühl, er mochte dich nicht.«

Sie war zu weit gegangen, und sie wusste es. »Das war gemein«, sagte sie. »Es tut mir leid, Will. Ich … ich weiß nicht, was manchmal in mich fährt.«

»Nein«, sagte ich und winkte mit meiner verletzten Hand ab. »Du bist am Zug, Lilly.«

Sie zog mit dem Springer, ohne die Dame vor meinem Bauern in Sicherheit zu bringen. Einem Bauern! Ich warf einen verstohlenen Blick zu ihr hoch. Tupfen von Sonnenlicht schimmerten in ihrem dunklen Haar, von dem sich eine Strähne unter ihrem Hut gelöst hatte und wie ein launenhafter schwarzer Wimpel in der sanften Frühlingsbrise flatterte.

»Was denkst du, wieso du nichts von ihm gehört hast, Will?«, fragte sie. Die Klangfarbe ihrer Stimme hatte sich verändert, war jetzt so weich wie der Wind.

»Ich glaube, dass etwas Furchtbares passiert ist«, gestand ich.

Wir blickten einander einen langen Moment in die Augen, und dann war ich von der Bank hoch und trabte durch den Park, und die Welt war wässrig grau geworden, ihres frühlingshaften Pulsschlags beraubt. Bevor ich den Ausgang in der Fifth Avenue erreicht hatte, holte sie mich ein und zog mich herum, sodass mein Gesicht ihr zugewandt war.

»Dann musst du etwas unternehmen!«, sagte sie wütend. »Nicht darüber nachdenken, wie verängstigt du bist oder wie einsam du bist oder was auch immer es ist, worüber du nachdenkst! Glaubst du denn wirklich, dass etwas Furchtbares passiert ist? Denn wenn ich glauben würde, dass jemandem, den ich liebe, etwas Furchtbares passiert ist, würde ich nicht mit einer Leichenbittermiene herumlaufen und darüber nachdenken: Ich wäre auf dem nächsten Schiff nach Europa! Und wenn ich kein Geld für eine Fahrkarte hätte, würde ich mich als blinder Passagier an Bord schleichen, und wenn ich mich nicht als blinder Passagier an Bord schleichen könnte, würde ich hinschwimmen!« …