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Hanna Schott - „Steppenkinder“

ISBN: 9-783-765-54099-8

 

Klappentext:

Steppenkinder – das sind spannende Geschichten rund um die bemerkenswerte „Mama Massai“ Angelika Wohlenberg. Sie zeigen, wie aus einer kleinen Saat der Liebe eine große Ernte der Hoffnung werden kann! Ein Traum wurde wahr für „Mama Massai“ Angelika Wohlenberg – seit mehr als 25 Jahren lebt und arbeitet sie bei den Massai in Nordtansania. Und sie erlebt heute, was daraus geworden ist. Bei einem großen Fest, von dem dieses Buch erzählt, gibt es ein Wiedersehen mit Menschen, in deren Leben sich vieles zum Guten gewendet hat: Loserian, der keinen Fluch mehr fürchtet, Sophia, die gewitzte Unternehmerin, Naisharwa, die die Rache der Krieger überlebte und heute studiert … Bewegende Geschichten voller Zuversicht! Leserstimmen zu den „Steppenkindern“: „Ein Buch, das sich ‚so weg liest’, voller Spannung, Wärme und Heiterkeit.“ „Beim Lesen war ich ‚live’ dabei. Es ist alles so lebendig beschrieben. Ich habe ein Patenkind in Tansania und durch dieses Buch jetzt auch eine Vorstellung von seinen Lebensumständen.“ „Als Insider wissen wir, dass alles genau so stimmt, wie es dort beschrieben ist. Gratulation! Hier findet sich die Seele der Massai wunderbar widergespiegelt.“ „Was da erzählt wird und wie es erzählt wird - beides ist ‚ne Wucht.“ „Ein tolles, kurzweiliges Buch, sehr schön und unterhaltsam geschrieben. mit wunderbaren Fotos.“

 

Inhalt:

Mama Massai ist eine christliche Missionsschwester, die das Leben der Massai ändern möchte. Dazu gründet sie eine Schule, um den Massaikindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Die Vorbereitungen zu dem Fest sind nicht sehr einfach. Doch am Ende scheint alles gut zu laufen.

Fast nebenher werden auch noch das Eine oder Andere Einzelschicksal angerissen. Ein junger Mann, der belächelt wird, weil er die klassische Rollenverteilung nicht einhält. Oder ein Mädchen, dem der eigenen Vater den Zugang zu Bildung untersagen möchte.

Afrika ist ein Land voller Gegensätze und in diesem Buch werden sie sehr deutlich.

 

Leseprobe:

… Was für ein peinlicher Anblick! Ein schwacher Krieger, alt und rührselig. Die jungen Krieger wenden sich von der unangenehmen Szene ab und wagen auch einander kaum anzusehen.

„Es tut mir leid, Naisharwa“, sagt Ole Leyan schließlich. „Ich hätte sie nicht schicken dürfen. Wenn wir zu Hause sind, wirst du dich erholen. Und wenn du wieder ganz gesund bist, darfst du zur Schule gehen. Das verspreche ich dir. Und jetzt gehen wir.“

Auf eigenen Beinen muss Naisharwa den Rückweg schaffen. An Leib und Seele verletzt, die äußeren Wunden nur notdürftig gereinigt, schleppt sie sich 45 Kilometer durch die Hitze. Zweimal übernachtet sie mit ihrem Vater in Boma, die am Weg liegen. Ole Leyan ist zu alt, um seine Tochter zu tragen, und die Morani sind mit ihrem viel schnelleren Tempo schon nach den ersten Stunden außer Sichtweite.

Naisharwa hat seit der Ankunft ihres Vaters kein Wort gesprochen. Und auch der Vater schweigt. Stumm gehen, stolpern, schlurfen sie nebeneinander her. Bis sie das heimatliche Boma erreichen. Naisharwas Mutter nimmt ihre Tochter in den Arm und weint. Das Mädchen braucht ihr nicht zu erzählen, was passiert ist. Man sieht es ihr an, und jede Frau, die nicht mehr ganz jung ist, weiß, wie die Strafe für Ungehorsam aussieht.

Naisharwa legt sich in der Hütte auf die Kuhhaut, die Mutter bringt ihr Milch und etwas Ugali, aber die Tochter bringt nichts hinunter. Sie möchte noch nicht einmal an Essen denken. Und sie sagt nach wie vor kein Wort.

Ole Leyan hat sich freundlich, geradezu höflich von ihr verabschiedet. „Hab keine Angst“, hat er gesagt, „du musst wirklich keine Angst mehr haben.“

Naisharwa schläft. Wie lange, weiß sie nicht, sicher den ganzen Tag, die folgende Nacht, in den nächsten Tag hinein …, bis sie aufwacht, weil sie „Besuch“ bekommt. Die zwei Männer, die vor ihr stehen, kennt sie nicht. Und sie hat auch keine Gelegenheit, sie zu fragen. Denn alles geht ganz schnell. Einer hält ihren Kopf fest, einer durchsticht ihr das linke Ohrläppchen am oberen Rand und steckt ein kleines Stück Holz hinein, damit das Loch offen bleibt. Danach fasst der eine ihren Kopf fester von hinten, und der andere bricht ihr mit dem Messer die beiden unteren Schneidezähne heraus.

„So“, ist alles, was er sagt, während Naisharwa noch völlig benommen das Blut, das aus ihrem Mund tropft, mit dem Tuch auffängt. „Und morgen wirst du beschnitten.“

So plötzlich, wie die Männer gekommen sind, so plötzlich sind sie wieder verschwunden.

Mein Vater hat mich also belogen. Ich werde zu einer ganz normalen Massaifrau gemacht, wie alle anderen auch. Die Gewissheit legt sich wie eine schwere Last auf Naisharwas Brust.

Er hat mich getäuscht. Und ich habe mich täuschen lassen. Aber was hätte ich auch machen sollen, wenn ich geahnt hätte, dass er lügt? Und was soll ich jetzt tun? Nichts, gar nichts kann ich tun. Ich kann nicht wegrennen, so schwach, wie ich bin. Ich kann mich nicht wehren, es wäre lächerlich. Zu schreien hätte überhaupt keinen Sinn. Wer soll mir denn helfen? Meine Mutter vielleicht? So ist das Leben, mein Kind, würde sie sagen. Das haben wir alle erlebt. Ob sie draußen steht und an der Wand der Hütte horcht?

Naisharwa spürt mit der Zunge in die Zahnlücke hinein. Jeder richtige Massai hat unten eine Lücke. Wenn sie stirbt, wird ihr Geist den Weg aus ihrem toten Körper finden, selbst wenn sie im Krampf die Zähne fest aufeinander gebissen haben sollte. Warum sie bisher noch kein Ohrloch hatte, weiß sie gar nicht. Vielleicht hat man es einfach zu stechen versäumt, bevor sie in die Schule kam.

Naisharwa weint leise, ihr Unterkiefer tut weh, und ohnehin spürt sie noch jeden Knochen, wenn sie sich auf dem Lager bewegt. Aber sie schläft wieder ein – bis sie davon aufwacht, dass jemand sich ganz dicht neben sie auf die Kuhhaut legt. Es ist ein Mann, nicht ganz alt, aber auch nicht mehr jung, soweit sie das im schwachen Schein des Feuers beurteilen kann. Es muss inzwischen Nacht geworden sein, sie hat es nicht bemerkt. Naisharwa kennt diesen Mann nicht, aber sie ahnt, wer es ist.

„Tust du, was ich will?“, fragt er, kaum dass sie die Augen aufgeschlagen hat.

„Ich weiß nicht mal, wer du bist“, antwortet sie. „Was – was machst …?“

Sie kommt nicht weiter, denn der Fremde hält ihr den Mund zu. Naisharwa versucht sich aufzusetzen, aber er drückt sie nieder. Er ist stark, und er reißt ihr mit einer Hand das Tuch vom Leib.

Als Naisharwa wenig später wieder allein ist, hat sie das Gefühl, eine Welle rolle über sie hinweg und drücke sie tief in den Boden der Hütte. Es ist eine Welle von Schmerz, von Scham, von Demütigung, aber auch von Wut. Naisharwa könnte nicht sagen, was ihr wehtut. Sie fühlt keine einzelne Wunde. Es ist alles ein einziger großer Schmerz. Mit jeder Faser ihres Körpers spürt sie, wie allein sie ist. Ihr Vater hat sie ausgeliefert. Ihr zukünftiger Mann durfte sich schon vor der Beschneidung und Hochzeit „holen“, was ihm gehört. Jedenfalls so gut wie gehört; die meisten Kühe hat er als Anzahlung schon übergeben. Ihr Körper wird von nun an sein Eigentum sein. Etwas, mit dem er machen kann, was er will.

Am Abend bekommt Naisharwa noch einmal Besuch: Die Beschneiderin, eine alte Frau aus einem benachbarten Boma, tritt an ihr Lager.

„Bist du bereit?“

„Nein“, antwortet Naisharwa. „Frag die anderen im Boma, warum ich hier bin.“

Sie will nicht mit der Beschneiderin reden. Sie will nichts erklärt bekommen, und sie will nichts verstehen. Die alte Frau wird morgen früh ihre Aufgabe erledigen, dann wird sie ihren Lohn bekommen und verschwinden. Und Naisharwa wird es über sich ergehen lassen, weil sie keine Wahl hat. Obwohl ihr Vater offenbar tatsächlich glaubt, sie hätte die Kraft zu fliehen. Warum sonst hat er der Beschneiderin befohlen, die Nacht neben ihr in derselben Hütte zu verbringen?

Es ist noch kaum hell, als sich die ersten Zuschauer einfinden. Eine Beschneidung ist ein spannender Akt, der viel über den Charakter der „Patientin“ verrät. Wird sie weinen? Schreien? Oder die Schmerzen mit zusammengebissenen Zähnen heldenhaft ertragen? Nur Frauen und Mädchen dürfen zuschauen, aber die jungen Männer und Väter warten schon auf ihren Bericht. Und natürlich weiß Naisharwa, dass auch ihr Bräutigam vor der Hütte steht.

Naisharwa weint nicht, sie schreit nicht, sie scheint gar nicht richtig anwesend zu sein. Man könnte fast meinen, sie schwebe über ihrem Körper. Oder sie sei in einem Meer von Schmerzen bereits untergegangen. In einem Meer körperlicher und seelischer Schmerzen ertrunken.