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Frank Pape - „Gott, du kannst ein Arsch sein“

ISBN: 9-783-981-69980-7

 

Klappentext:

Provokant, natürlich und unzensiert. Ehrliche Worte einer jungen Rebellin wurden zum Titel ihres Buches. Stefanie erfährt wenige Wochen nach ihrem 16. Geburtstag, dass sie in 6-12 Monaten sterben wird. Von nun an rechnet sie ihre Zeit runter, ohne das genaue Enddatum zu kennen und merkt, wie bedeutend die Selbstverständlichkeit des Lebens ist. Das Buch ist eine hoch emotionale Reise durch 296 Tage voller Liebe, Enttäuschungen, Hass, Wut und Rebellion. Es weckt neuen Lebensgeist und gibt einen tiefen und realen Einblick in das Sterben. Es ist keine Lesereise in die romantische und tragische Zeit einer jungen Liebe, es ist vielmehr ein mutiger Einblick in das wahre Leben. Weitere Informationen finden Sie unter www.gott-du-kannst-ein-arsch-sein.de

 

Inhalt:

Stefanie glaubt eine Erkältung nicht richitg los zu werden. Deswegen fährt sie zum Arzt, der eine Blutuntersuchung macht. Dabei kommt ein Verdacht auf, der sich im Krankenhaus bestätigt.

Stefanie hat Lungenkrebs, den man zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten kann.

Stefanie schreibt ehrlich und unverblümt was mit ihr passiert, was mit ihrer Familie passiert und wie sie die gesundheitlichen Aufs und Ab`s verkraftet.

EinSchicksal, was mir persönlich wohl gleich bei der Diagnose schon das Genick gebrochen hätte.

 

Leseprobe:

… Ich holte meine Liste vor und zeigte ihr den Punkt mit dem Sex. »Denkst du, ich kann noch Sex haben?«

Regina sagte mir, ich könne noch genauso Sex haben wie zuvor. Super, und wie sollte ich ihr sagen, dass ich noch gar keinen Sex hatte und nicht als Jungfrau sterben wollte? Ich habe es nur gedacht, als sie mich ansah und es auch wohl schon so erahnte. Dann sagte sie mir, dass ich davor keine Angst haben müsse und dass sich durch meine Krankheit nichts verändert hätte. Außerdem bekäme ich so viele Drogen, dass ich in dem Moment alles andere als verklemmt sein würde. Nur dass ich vermutlich einfach keine oder weniger Lust dazu haben würde, und dann flüsterte sie mir noch etwas ins Ohr, was ich hier nicht schreibe(!). Ich sollte Justus einfach mal machen lassen, und es würde mir sicher gefallen. Ich sollte es aber nicht direkt nach der Chemo machen, da hätte ich dann wohl nicht so viel davon. Dann haben wir noch über die Briefe gesprochen. Sie versprach mir, mit den Briefen zu helfen und sie dann, wenn es so weit sein würde, zu übergeben.

Zwei Tage später durfte ich dann erst einmal wieder nach Hause.

Von meinem schönen Haar war nichts mehr da, außer der Hinweis einer selbst gestrickten Mütze im Sommer, was so viel hieß wie: »Hey Leute, macht euch keine Sorgen. Ich habe Krebs und bin kein Skinhead.«

Jacqueline hat mich dann bei einem Besuch sogar mal gefragt, ob alle anderen Haare auch weg sind. Also auch die weiter unten. Klar waren die auch weg. Das fand sie gut. Sie wollte da ohnehin keine haben. Fänden die Jungs besser, hätte ihr Freund ihr gesagt.

Wie schön es zu Hause ist, weiß man wohl erst, wenn man länger im Krankenhaus sein musste. Mein weiches Federbett, das Klappern von Geschirr aus der Küche, der Geruch vom Frühstück, die Stimmen von Mama, Papa und Lola, Rufus und Tequila, die regelmäßig heimlich unter meine Decke krabbelte, nur um dann von Mama oder Papa wieder aus dem Zimmer geworfen zu werden, die Nähe zu Luna, Peppy und Sioux. Aus meinen 58 Kilo waren mittlerweile 46 geworden, und meinen großen Spiegel hatten meine Eltern schon mal vorsorglich vor meiner Ankunft aus meinem Zimmer entfernt. Als ob ich nicht selber wüsste, wie scheiße ich aussehe. Ich habe mich gefragt, ob man auch wieder kleiner werden würde. Meine Oma hat mir dann davon erzählt, dass sie jetzt im Alter – sie ist gerade 82 Jahre alt geworden – wieder kleiner werden würde und schon drei Zentimeter verloren hätte. Das machte ihr aber nichts. Dafür sei sie an Bauch und Busen zwölf Zentimeter gewachsen. Sie war die Einzige, die mit mir ganz normal über den Tod und das Leben sprach. Sie hat mich sogar gefragt, was ich mit meiner restlichen Zeit noch anfangen wolle. Ich wollte ihr erst von meiner Liste erzählen, aber an einer Geburtstagskaffeetafel mit allen anderen, ne, das ging dann doch nicht.

Nach wenigen Tagen hatte sich das Leben zu Hause wieder etwas normalisiert. Justus kam seltener. Von den Freunden kamen nur Jacqueline und Jasmina regelmäßig, um über Jungs und das Teenie-Leben zu quatschen. Jasmina fiel es sehr schwer, aber sie erzählte mir doch, dass Justus jetzt auch viel mit Klara rumhängen würde und sie zusammen im Kino waren.

Als sie gegangen waren, ging ich zu Luna und heulte mir mal wieder die Augen aus dem Kopf. So ein Arsch. So ein Schwein! Warum jetzt? Warum nicht in ein paar Wochen? Es tat so verdammt weh. Ja, sterben ist scheiße, und meine Lola und Luna bald nicht mehr zu erleben war erdrückend, aber das hier und jetzt war unfair.

Als Justus einen Tag später vorbeikam, ließ ich ihm sagen, dass es mir nicht gut gehe und ich ihn heute besser nicht sehen wolle. Ich wollte ihm nicht mehr zur Last fallen. Er sollte sein Leben leben. Ein Indianer hat mir auf einem Ausritt einmal erklärt, dass es verschiedene Stufen der Liebe gibt: Die erste Stufe ist die Liebe zu unseren Mitmenschen. Die zweite Stufe ist die Liebe zu einem bestimmten Menschen und der Wunsch, möglichst bedeutend für diesen zu sein. Die dritte Stufe ist die Liebe zu einem bestimmten Menschen mit der Intensität, ihn besitzen und für immer behalten zu wollen. Die vierte Stufe ist die Phase, einen Menschen so unendlich lieben zu können, dass wir nur noch wollen, dass es ihm gut geht und er glücklich ist. Völlig unabhängig davon, welche Rolle wir dabei spielen.

Das ist es wohl, was Regina mir damit sagen wollte, als sie sagte, ich müsse lernen loszulassen. So wollte ich ihn lieben. Von ganzem Herzen und grenzenlos und ihm seine Freiheit schenken, damit er glücklich sein konnte. Der Indianer hat mir nur leider nicht gesagt, wie verdammt schwer das ist.

Ich brauche ihn doch. Hat er mich denn schon aufgegeben?

Es tut weh, und nur Regina war so ehrlich, mir zu sagen, dass ich mal in den Spiegel sehen solle. Damit hatte sie recht. Ein blasses Knochengestell ohne Busen und Po, ohne Haare, dafür aber tolle tiefe schwarze Augenringe und eine unglaublich hässliche Mütze. Regina hat mir dann erklärt, dass er sich oder auch das Leben ihn auf das Unvermeidliche vorbereitet und er deswegen auf Distanz geht, damit es dann nicht so wehtut.

Das Unvermeidliche.

Krass.

Sie nahm mich dann in die Arme und fing an zu weinen. Sie sagte mir, wie leid ihr das tue und wie sehr ich ihr fehlen werde. In den letzten Monaten sind wir gute Freundinnen geworden und haben viele harte, traurige und lustige Momente geteilt.

In den kommenden Tagen habe ich mir die Augen ausgeheult und meine Zeit nur noch im Stall verbracht. Meine Eltern gaben sich große Mühe, dem Leben eine gewisse und für mich neue Gelassenheit zu geben. Auch wenn es nur den einen Vorteil hatte, dass ich so krank war: Meine Eltern haben aufgehört, ewig über jede Kleinigkeit zu streiten, und die Familie ist wieder viel liebevoller miteinander als zuvor.

Ich hatte zwischenzeitlich darüber nachgedacht, mal wieder zur Schule zu gehen. Ein Blick in den Spiegel und einer auf die Anzeige der Waage machten mir aber schnell klar, wie lächerlich der Gedanke war. Das wäre dann so was wie mein letzter Auftritt vor meinem Abgang. Alle würden mich wie eine Aussätzige anstarren und hinter meinem Rücken tuscheln und später sagen: »Ja, da sah sie auch schon mehr tot als lebendig aus.«

Danke, aber: nein danke!

So verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit einfach nur auf dem Bett liegend und wartend. Wenn der Tag dann endlich vorbei war, machte es mich traurig und sauer, dass ich wieder einen Tag verschwendet hatte.

Wieder ein Tag weniger.

Mit meiner Liste hatte ich nicht mal angefangen, und es war mir mittlerweile auch egal geworden. Hauptsache, diese ganze Scheiße war bald vorbei.

Ich fragte mich, an was ich eigentlich glaube. Wenn man tatsächlich wiedergeboren wird, dann möchte ich ein Pferd sein. Aber so richtig daran glauben konnte ich nicht. Dass einfach alles vorbei ist, glaube ich aber auch nicht.

Vielleicht ist es ja viel neutraler, und es ist für mich zwar alles vorbei, aber für euch nicht. Vielleicht lebe ich ja einfach mit euch weiter, weil ihr euch öfter an mich erinnert, weil ihr manchmal in dem, was ihr tut, mich erkennt? Tot bin ich dann erst, wenn sich keiner mehr an mich erinnert? Aber was ist mit all den Erzählungen von Menschen, die Nahtoderfahrungen hatten? Die kurz tot waren und es dann doch noch geschafft haben, zu überleben. Sie erzählen von einem warmen Licht und schönen Lichtgestalten. Einer hat sogar mal gesagt, dass er das so schön fand, dass er gar nicht mehr zurück ins Leben wollte und echt sauer war, dass der Tod ihn wieder zurückgeschickt hat. Im Fernsehen hat eine junge Frau davon erzählt, dass sie nach einem Autounfall im Operationssaal von der Decke herab auf ihren Körper den Ärzten beim Operieren zusehen konnte.

Also ich glaube daran, dass ich als Geist weiterleben und manchmal ganz nah bei euch sein werde. Dann werde ich auf euch aufpassen und euch helfen. Und mein Mitschüler Marlon darf sich dann auf eine besonders schöne Zeit freuen. Für jede Beleidigung, für jeden Versuch mich anzugrapschen und für jede dreckige Lüge über mich werde ich auch dir eine Freude bereiten. …