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Emma Brockes - „Sie ging nie zurück“

ISBN: 9-783-423-26016-9

 

Klappentext:

Ihr Leben lang hat Emmas Mutter Paula von ihrer Kindheit und Jugend in Südafrika geschwiegen. Kurz vor ihrem Tod erzählt sie Emma zum ersten Mal davon. Sie war eines von acht Kindern eines gewalttätigen Vaters, der seinen Kindern Schreckliches antat. Nach dem Tod ihrer Mutter will Emma Licht in die Familiengeschichte bringen. Sie reist nach Johannesburg, verabredet sich mit Verwandten, versucht sie zum Reden zu bringen, studiert Gerichtsakten. Was sie dabei erfährt, ist schier unglaublich …

 

Inhalt:

Die Mutter stirbt an Krebs und die Tochter beschließt, der nicht erzählten Lebensgeschichte der Mutter, die aus Afrika stammt, auf den Grund zu gehen.

In dem Text werden einige Anekdoten zu Lebzeiten der Mutter erzählt. Wie sie auf bestimmte Sachen reagiert, was sie gar nicht mochte und der Leser hat schon gemerkt, dass Mutter und Tochter schon ein gestörtes Verhältnis zueinander hatten.

Nach dem Tod der Mutter geht es Hauptsächlich um das, was die Tochter zunächst aus Archivakten, und dann von der Verwandtschaft erfährt. Sie reißt nach Afrika und trifft nacheinander einen großen Teil, der nicht gerade kleinen Familie.

 

Leseprobe:

… Ein Pfau stolziert umher, und es gibt Hundezwinger für das Zuchtprogramm. Die Kinder jagen durchs Gras, ohne Berührungsängste mit den Haustieren der Familie, insbesondere einer Dänischen Dogge, die riesig und tollpatschig wie ein Fohlen durch den Garten tollt. Der Jüngste meiner Cousine ist ein kleiner Junge mit mandelförmigen Augen und langen, faserigen Wimpern, der dem Hund vielleicht bis zu Schnauze reicht. »Das Kind«, sagt meine Tante und sieht ihren Enkel merkwürdig an. »Das Kind.«

Ich habe ihm das blaugelbe Auswärtstrikot von Arsenal mitgebracht, und er zieht es an und rennt damit quietschend vor Vergnügen in der Sonne herum. Den Rest des Nachmittags verbringen wir am Pool und sehen den Kunstsprüngen des kleinen Mädchens zu.

Als ich aufbreche, nehme ich die Tochter meiner Cousine hoch, umarme sie und drücke sie. Victoria sieht uns überrascht zu. »Normalerweise lässt sie sich nicht in den Arm nehmen«, erklärt sie. Wir sehen einander mit freundlicher Belustigung an und, wie ich glaube, auch mit einem gewissen Respekt. »Den rosa Wein aus dem Kühlschrank kannst du mitnehmen. Wir trinken ihn nicht«, sagt sie nicht unfreundlich. Als sie Fay und mir hinterherwinkt, kann ich mir vorstellen, was sie denkt: Was auch immer zwischen meiner Tante und mir läuft, es ist unsere Sache, und sie ist froh, dass sie sich raushalten kann. Ich kann es ihr nicht übelnehmen.

Kaum ist die Autotür zugefallen, ist meine Tante wie ausgewechselt. Als wäre meine Cousine die Erwachsene, und kaum ist sie nicht mehr da, sind wir wie aufgedrehte Teenager. Meine Tante verfällt in einen Zustand fiebriger Erinnerung. »Deine Mutter  …«, fängt sie an, und dann geht es los.

Wir fahren in ihr Viertel im Süden von Johannesburg. Es ist ein Ort, von dem ich noch nie gehört habe und den ich nicht aussprechen kann, weil er, wie vieles in Afrikaans, korrekt ausgesprochen so klingt, als würde man einen starken Würgereiz unterdrücken. Es ist früh am Abend, das Licht tief ockergelb und die Straße fast leer. Unterwegs erzählt mir meine Tante eine Geschichte vom ersten Besuch meiner Mutter 1967. Meine Mutter war mit dem Auto Bier kaufen gefahren, und als sie zurückkam, erzählte sie Fay, wie jedes Auto auf der Straße gehupt und die Fahrer ihr zugewinkt hatten. »Ich hatte ganz vergessen, wie freundlich die Südafrikaner im Vergleich zu den Engländern sind«, sagte sie, woraufhin ihre Schwester mit einem Blick aus dem Fenster trocken antwortete: »Vielleicht hat es damit zu tun, dass du das Bier auf dem Autodach hast stehen lassen.«

»Ja, das hat sie mir erzählt!«, rufe ich. In meinem nach Familie ausgehungerten Zustand ist es wie ein Rausch, jemanden zu finden, der die alten Geschichten kennt.

Sie hat ein Haus am Ende einer Sackgasse in einem ruhigen Vorort, der hauptsächlich aus Bungalows besteht. Es ist fast dunkel, als wir ankommen. Meine Tante drückt einen Knopf, und ein Tor öffnet sich automatisch und schließt sich hinter uns. Sie parkt im Carport neben dem Haus, und wir gehen den Gartenweg hinauf. Im Dämmerlicht sehe ich eine riesige Vogelfutterstation auf dem Rasen.

Meine Mutter hatte Fay immer als die Vernünftige charakterisiert. Sie ist die, die lange in einem Job aushält und im eigenen Haus wohnt. Sie hat vernünftige Kinder. Sie spricht mit leiser, gleichmäßiger, vernünftiger Stimme und lässt sich nicht leicht reizen. Was nicht heißt, dass sie sich auf der Nase herumtanzen lässt. Sie ist genauso zäh wie die anderen, und wenn sie sich über ein Problem aufregt, ist sie wie ein Hund mit dem Knochen. Mit ihr zu reden, ist irgendwie so, als würde ich eine Schauspielerin kennenlernen, die ich bis jetzt nur vom Hörensagen kannte, es ist nervenaufreibend, ihr endlich persönlich zu begegnen. Gleichzeitig habe ich einen vagen Beschützerinstinkt ihr gegenüber. Anscheinend übernehme ich unbewusst die Rolle meiner Mutter.

Fay führt mich durch einen Flur und zeigt mir mein Zimmer, wo ich die Taschen ablege, dann gehen wir ins Wohnzimmer zurück. Ich sitze auf dem Sofa vor dem »Schrein« meiner Tante: eine Vielzahl von gerahmten Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder auf einer Anrichte, auf der ich eigentlich einen Fernseher erwartet hätte. Sie verschwindet in der Küche und kommt mit einem Dreiliterkarton Weißwein und zwei Gläsern zurück.

In den Papieren meiner Mutter klaffte eine auffällige Lücke: Es fehlten die Briefe von Fay. Ich kann mich an keinen einzigen erinnern. Da waren jede Menge von ihrer Schwester Doreen, mehrere von ihrem Bruder Steven, sogar ein paar von Tony, doch von ihrer Lieblingsschwester nichts. Jetzt reicht mir Fay ein volles Glas, macht es sich auf dem Sofa bequem und holt ein paar Andenken hervor, darunter einen Brief meiner Mutter von 1976. »Das Baby hat alle meine Fehler«, lese ich und lache. Es ist ein indirektes Kompliment: Ihre Fehler hielt meine Mutter für sehr viel wertvoller als die Stärken der meisten anderen Leute. Weiter unten beklagt sie sich, dass ihr die familiäre Unterstützung fehlte: »Es ist niemand da, dem ich sie anvertrauen kann.« Ich kenne die Klage zu gut aus meiner Kindheit, aber ich bin überrascht, sie hier zu sehen. Da ist kein Schalk in ihrem Ton. Stattdessen ist da etwas, das ich von ihr nicht kenne: akute Verletzlichkeit.

»Sie hat viel von der Natur erzählt und vom Wetter«, sage ich. »Und von den Streichen, die ihr euch gespielt habt.«

Meine Tante kichert. »Wir hatten mal ein Dienstmädchen namens Flora.«

»Ja! Ich weiß von Flora!« Doch wie sich herausstellt, weiß ich nicht alles von Flora.

»Sie war verrückt«, sagt meine Tante. »Sie stieg immer auf den Pfirsichbaum im Hof, saß oben und strickte. Der arme Tony stand unten. Floras Mann war abgehauen und hatte sie sitzenlassen.« Den Teil von Floras Geschichte, den meine Mutter mir nicht erzählt hat, erzählt mir jetzt meine Tante. Floras Wahnsinn ging so weit, dass sie mitten in der Nacht die kleineren Kinder aufweckte und in den Hof bestellte, um »Kaffeebohnen zu ernten« – Eicheln, die sie am Nachmittag im Staub vergraben hatte. »Dann gingen wir in die Küche, und sie kochte sie auf und versuchte uns dazu zu kriegen, das Zeug zu trinken, bevor Mom aufwachte und uns alle wieder ins Bett brachte.« Meine Tante lacht. »Sie war völlig verrückt!«

Es war schwer, Personal zu finden, das nicht verrückt war, sagt sie, denn es war kein Geld da, und die Jungs schlichen sich gern in der Küche von hinten an und legten ihnen eine Schlange über die Schultern oder Ähnliches. Mehrere Frauen, die schon vorher einen Knacks weghatten, liefen schreiend in die Maisfelder davon.

Fay blättert durch den Ordner mit den alten Unterlagen und zieht ein Foto heraus, das sie mir reicht. Zu sehen ist ein Mädchen im Teenageralter in Uniform, das schlecht gelaunt an einer Mauer lehnt.

»Meine Schwester Doreen«, sagt sie.

»Was hat sie da an?«

»Das ist die Kinderheimuniform.«

»Wie bitte?«

Fay blinzelt mich überrascht an.

»Wo wir danach hingekommen sind.«

Ich bin so überrascht, dass ich mein Stichwort verpasse. Das Geplauder geht weiter.

Die Charakterisierungen, die meine Mutter von ihren Geschwistern gegeben hat, halten sich gut gegen die zweite Meinung, die Fay abgibt. Mike war der Schlimmste, mit seinen Streichen. Eines Nachts, erzählt meine Tante, kam er ins Zimmer der Mädchen, weckte sie auf, steckte sie in die Schulkleider und zerrte sie nach draußen, damit sie nicht zu spät zur Schule kämen. Als sie atemlos draußen im Dunkeln standen, offenbarte er ihnen, dass es erst elf Uhr abends war, brachte sie ins Haus zurück und gab jeder zur Entschuldigung ein Stück Schokolade. Den Rest der Nacht verbrachten sie auf dem Klo. Die Schokolade war ein Abführmittel gewesen.

Tony war aus anderen Gründen gefürchtet. Er trank, prügelte sich und geriet immer wieder in Schwierigkeiten.

»Meine Mutter hing sehr an ihm«, sage ich.

Fay schüttelt den Kopf und wiederholt, was sie schon einmal zu mir gesagt hat. »Er meint es gut. Es kommt nur nicht immer gut heraus.«

Doreen und Fay sind die nächstjüngeren. Sie haben Zeiten hinter sich, als sie sich sehr nahestanden, und Zeiten, in denen sie kein Wort miteinander sprachen. Als Doreen vor ein paar Jahren zeitweise keine Wohnung hatte, zog sie in Fays Gästezimmer, wo sie schmollend herumhing, rauchte und eine enorme Telefonrechnung auflaufen ließ, bis Fay sie nach einem schrecklichen Streit bat, sich etwas anderes zu suchen. Eine Weile zog sie nach Hillbrow, einer Gegend in der Innenstadt, wo meine Mutter einmal gelebt hatte. Allerdings hatte sich das Viertel seitdem verändert. …