ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Stephen King - „Gwendys Wunschkasten“

ISBN: 9-783-453-43925-2

 

Klappentext:

Wiedersehen mit Castle Rock

Die kleine Stadt Castle Rock in Maine hat die seltsamsten Vorkommnisse und ungewöhnlichsten Besucher erlebt. Warum sollte es der 12-jährigen Gwendy anders ergehen? Eines Tages tritt ein schwarz gekleideter Unbekannter an sie heran und macht ihr ein Geschenk: einen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Wozu er dient? Gwendy probiert es aus, und ihr Leben verändert sich von Grund auf.

 

Inhalt:

Gwendy ist gerade wieder erfolgreich die Treppe hoch gerannt, als sie auf einen seltsamen Mann trifft. Obwohl sie ihn nicht kennt, nimmt sie sein seltsames Geschenk an.

Gwendy ist oft versucht, die Tasten an ihrem Wunschkasten zu betätigen. Und bis auf ein paar Ausnahmen, gelingt ihr das auch. Trotzdem entwickelt sie sich erfolgreich weiter. Sie erlebt Phasen, in denen ihr der Wunschkasten eine Last ist und Phasen, in denen sie ihn fast vergisst.

Bis zu dem Tag, an dem der seltsame Mann den Kasten zurück haben möchte.

 

Leseprobe:

… Zu ihrem sechzehnten Geburtstag im Oktober bekommt sie ein Poster von den Eagles vor dem Hotel California (You can check out any time you like, but you can never leave), eine neue Stereoanlage für sowohl 8-Spur- als auch Kompaktkassetten sowie das Versprechen ihres Vaters, ihr das Autofahren beizubringen, da sie jetzt ja einen Führerschein machen darf.

Die Schokolade kommt weiter, nie gleichen sich zwei Tiere, und die Einzelheiten sind immer verblüffend. Das kleine Stück vom Himmel, das Gwendy heute Morgen vor der Schule verzehrt hat, war eine Giraffe, und sie hat sich hinterher bewusst nicht die Zähne geputzt. Sie wollte den unglaublichen Geschmack so lange wie möglich im Mund behalten.

An dem anderen kleinen Hebel zieht Gwendy längst nicht mehr so oft wie früher, was nur daran liegt, dass sie nicht mehr weiß, wo sie die Silbermünzen noch verstecken soll. Im Moment genügt ihr die Schokolade.

Sie denkt noch manchmal an Mr. Farris, aber nicht mehr so oft und für gewöhnlich erst in den langen, leeren Nachtstunden, wenn sie sich zu erinnern versucht, wie genau er eigentlich aussah und wie seine Stimme klang. Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie ihn einmal beim Halloween-Jahrmarkt von Castle Rock gesehen hat, aber da war sie im Riesenrad gerade ganz oben angekommen, und als die Fahrt zu Ende war, war er verschwunden, von den Menschenscharen verschluckt, die zwischen den Ständen und Fahrgeschäften unterwegs waren. Ein andermal war sie gerade mit einem Silberdollar in einer Münzhandlung in Portland gewesen. Ihr Wert war gestiegen; der Mann sagte, er habe noch nie ein schöneres Exemplar gesehen, und bot ihr für einen ihrer Morgans von 1891 glatte 750 Dollar an. Gwendy lehnte ab und sagte (aus einer Eingebung heraus), die Münze sei ein Geschenk ihres Großvaters und sie habe nur wissen wollen, wie viel so etwas wert sei. Als sie den Laden verließ, sah sie auf der anderen Straßenseite einen Mann, der zu ihr herüberschaute, einen Mann, der ein keckes, schwarzes Hütchen trug. Farris – falls es Farris war – lächelte sie flüchtig an und verschwand um die Ecke.

Beobachtete er sie? Verfolgte er sie? Konnte das sein? Für sie schon.

Und sie denkt natürlich immer noch an die Tasten, besonders die rote. Manchmal sitzt sie im Schneidersitz auf dem kalten Kellerboden, hat den Wunschkasten im Schoß, starrt benommen auf die rote Taste und streichelt sie mit der Fingerspitze. Sie fragt sich, was wohl passiert, wenn sie auf die drückt, ohne dabei an einen konkreten Ort zu denken, den sie in die Luft sprengen will. Was ist dann? Wer entscheidet dann, was zerstört wird? Gott? Der Kasten?

Ein paar Wochen nach ihrem Abstecher in das Münzgeschäft entscheidet Gwendy, dass es höchste Zeit ist, herauszufinden, wie die rote Taste funktioniert.

Statt ihre fünfte Stunde mit Einzelarbeit in der Schulbibliothek zu verbringen, geht sie in den leeren Klassenraum, wo sonst der Geschichtsunterricht von Mr. Anderson stattfindet. Das hat seinen Grund: Neben der Tafel kann sie eine Reihe von Weltkarten von der Decke ziehen.

Für Gwendys Einsatz der roten Taste kommt eine ganze Reihe von Zielen infrage. Sie verabscheut das Wort Ziele, aber hier passt es, und ihr fällt kein besseres ein. Anfangs hat sie einiges in die engere Wahl gezogen: die Müllhalde von Castle Rock, den verunstalteten und zugemüllten Waldabschnitt hinter den Eisenbahngleisen und die alte, verlassene Phillips-66-Tankstelle, wo die Jugendlichen rumlungern und kiffen.

Am Ende entscheidet sie sich für ein Ziel, das nicht nur außerhalb von Castle Rock, sondern auch außerhalb des Landes liegt. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Hinter Mr. Andersons Pult studiert sie sorgfältig die Weltkarte, konzentriert sich erst auf Australien (das, wie sie neulich erst gelernt hat, zu über einem Drittel aus Wüste besteht), bewegt sich dann nach Afrika (aber die armen Leute haben ja schon genug Probleme) und entscheidet sich schließlich für Südamerika.

Aus dem Geschichtsunterricht erinnert sich Gwendy an zwei wichtige Tatsachen, die zu ihrer Entscheidung beitragen: In Südamerika liegen fünfunddreißig der fünfzig unterentwickeltsten Länder der Welt sowie ein ähnlich hoher Prozentsatz der am dünnsten besiedelten Länder der Welt.

Kaum hat Gwendy sich entschieden, fackelt sie nicht lange. Sie kritzelt die Namen dreier kleiner Länder in ihr Notizbuch, eines im Norden, eines in der Mitte und eines im Süden des Kontinents. Dann flitzt sie in die Bibliothek, um noch etwas zu recherchieren. Sie schaut sich Fotos an und erstellt eine Liste der gottverlassensten Gegenden.

Am Spätnachmittag sitzt Gwendy in ihrem Zimmer vor dem Schrank und balanciert den Wunschkasten auf dem Schoß.

Sie legt zitternd einen Finger auf die rote Taste.

Sie schließt die Augen und stellt sich einen winzigen Teil eines weit entfernten Landes vor. Dichte, dschungelartige Vegetation. Weite Regenwälder, in denen keine Menschen leben. So viele Einzelheiten, wie ihr nur einfallen.

Sie behält das Bild vor dem inneren Auge und drückt auf die rote Taste.

Nichts passiert. Sie geht nicht runter.

Gwendy sticht ein zweites und ein drittes Mal auf die rote Taste ein. Sie bewegt sich keinen Millimeter. Bei der Sache mit den Tasten hat man ihr wohl einen groben Streich gespielt. Und die naive Gwendy Peterson ist drauf reingefallen.

Fast erleichtert will sie den Wunschkasten schon in den Schrank zurückstellen, da fällt ihr wieder ein, was Mr. Farris gesagt hat: Die Tasten sind sehr schwer zu drücken. Du musst den Daumen nehmen und richtig fest pressen. Und das ist auch gut so, glaub mir.

Sie nimmt den Kasten wieder auf den Schoß – und drückt mit dem Daumen auf die rote Taste. Legt ihr ganzes Gewicht hinein. Diesmal ist ganz leise ein Klicken zu hören, und Gwendy spürt, wie sich der Knopf senkt. …