Angele Lieby - „Eine Träne hat mich gerettet
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Angele Lieby - „Eine Träne hat mich gerettet

ISBN: 9-783-404-60790-7

 

Klappentext:

Wegen starker Kopfschmerzen wird Angèle Lieby in die Notaufnahme gebracht. Als sie das Bewusstsein verliert, versetzt man sie in ein künstliches Koma, aus dem sie nicht mehr aufwacht. Die Ärzte erklären sie für tot und raten dem Ehemann, die Beerdigung vorzubereiten. Doch Angèle lebt. Eingesperrt in ihrem Körper leidet sie höllische Qualen. Erst als ihre Tochter sie anfleht, nicht zu gehen, rinnt ihr eine einzige Träne über die Wange. Dieses kleine Lebenszeichen ist ihre Rettung. Mit Hilfe der Familie kämpft sie sich Schritt für Schritt zurück ins Leben.

 

Inhalt:

Erst verlässt die Protagonistin ihre Arbeitsstelle. Doch zu Hause werden ihre Kopfschmerzen nicht besser und ihr Mann bringt sie ins Krankenhaus. Doch dort gehen die Leiden erst richtig los. Erst will man ihr gar nicht helfen und dann liegt sie mit vollem Bewusstsein im Bett, kann sich nicht wehren oder bemerkbar machen und muss einiges erleben.

Als sie dann wach ist, muss sie alles komplett neu lernen. Doch auch jetzt kommt es vor, das man sie nicht ernst nimmt. Ihr steht ein schwerer Weg bevor, wenn sie ins Leben zurück will.

 

Leseprobe:

… An diesem Tag jedoch nehmen wir eine Etappe in Angriff, die der Fahrt auf den Col du Tourmalet bei der Tour de France würdig wäre: Endlich werde ich mein Bett verlassen. Für dieses Vorhaben muss die Krankenschwester mit drei Pflegehelferinnen anrücken. Dazu kommt ein weiteres Gerät: die Aufstehhilfe. Der Apparat erinnert an einen großen Arm mit Untergliedern, beinahe sogar an eine Art Kranvorsatz. Ich dachte, dass man mich einfach nur aus dem Bett heben würde, aber nein: Man bringt eine elektrische Tragewinde herbei – wie bei einem Frachtstück, das verladen wird. Sollte ich dicker geworden sein? Ich muss zugeben, dass mich das ärgern würde. Wenn man schon dicker wird, dann wenigstens durch genüssliche Schlemmereien im Restaurant und nicht durch einen Brei, den man über eine Infusion verabreicht bekommt …

Aber nein, ich bin nicht im Begriff, fettleibig zu werden. Vielmehr habe ich abgenommen: In wenigen Tagen habe ich zehn Kilo an Gewicht verloren. Das Problem besteht darin, dass ich ein lebloses Gewicht bin, ein Haufen von Knochen.

Ich bedauere die Personen, die damit beschäftigt sind, mich zu tragen und zu stützen. Sie müssen mich schieben, wenden, hochheben. Dann werden Gurte und Lederriemen auf dem Laken ausgebreitet, die ich am Rücken als eiskalt empfinde, als man mich darauflegt, denn ich trage immer noch das übliche, hinten offene Krankenhaushemdchen. Die Frauen müssen gut darauf achten, keines der Kabel herauszureißen, die mich immerzu analysieren und mir beim Leben helfen: die am Herzen fixierten Elektroden, die Urinsonde, die sie mir jetzt auf den Bauch legen, die Schläuche des Luftröhrenschnittes und der Gastrostomie. Als alles gut befestigt ist, wird das Signal zum Beginn der Aktion gegeben, und ich werde endlich in die Höhe gehoben. Stellen Sie sich eine Marionette an ihren Fäden vor: Ihre Knie knicken ein und sacken vor die Brust, ihr Kopf und ihre Arme baumeln herunter. So wie dieser Marionette ergeht es jetzt mir. Angst packt mich, ich habe das Gefühl, vor Kälte zu zittern, und ich kann es nicht verhindern, dass mein Herz bis zum Zerspringen klopft …

Es ist ein komplexes und mühsames Manöver, diese wenigen Zentimeter zu überwinden, die zwischen Bett und Sessel liegen. Ich schaukle in den Fängen meines Krans vorwärts und lande endlich auf meinem Sitz … Geschafft. Meine Helferinnen schnaufen, wischen sich den Schweiß von der Stirn und überprüfen dann, ob alle Kontakte noch bestehen: Alles in Ordnung, alle Geräte arbeiten wie zuvor. Eine Frau stützt meinen Kopf und meine Arme mit Kissen ab und lächelt mich überschwänglich an, um mir zu bedeuten, dass ich mich doch jetzt einfach großartig fühlen muss und es mir gar nicht besser gehen kann.

Eine andere Frau spricht mich laut und deutlich an, wobei sie jedes einzelne Wort übermäßig betont, wie man es bei kranken oder alten Menschen oft tut:

»Wir lassen Sie jetzt ein wenig in diesem Sessel sitzen, damit Sie sich wieder daran gewöhnen. Das müssen Sie nämlich. Es ist nur zu Ihrem Besten!«

Das stimmt zweifelsohne. Meine »Verlademannschaft« ist schon verschwunden. Aber was heißt denn »ein wenig«? Mir bleibt nichts anderes übrig als abzuwarten – wie gewöhnlich. Wichtig ist jetzt vor allem, dass ich meine Gefühle wieder in den Griff bekomme, dass Herz und Geist sich beruhigen. Im Fernseher geht es gerade hoch her, aber ich sehe nichts. Meine Augen bleiben an einem auf dem Tisch stehenden Fläschchen hängen. Einmal mehr führt es mir ganz plastisch vor Augen, dass auch ich nur in der Lage bin, etwas über mich ergehen zu lassen: Wie ein Gegenstand bleibe ich genau da, wo man mich abstellt.

Anfangs ist die Position in dem Sessel gar nicht unbequem. So habe ich wenigstens einmal eine andere Aussicht. Ich empfinde sozusagen einen Hauch von »Erhabenheit« im Vergleich zum bloßen Daliegen. Ich bin keineswegs verärgert darüber, dass ich meine Liegeposition aufgeben musste. Mit dem Aufrichten verändert sich auch mein Status: Ich bin nicht mehr nur eine Kranke, ich werde langsam wieder zu einer Frau.

Würde man all diese Schläuche und Kabel entfernen, mich normal kleiden und dann auch noch von dem aseptischen Krankenhauszimmer abstrahieren, würde ich dann vielleicht wieder ganz »normal« aussehen? So normal wie die Frau, die ich zu Beginn des Sommers war, als ich mich im Wohnzimmer in einen Sessel setzte, um eine Zeitschrift zu lesen? Nein, ich will den Leuten nichts vormachen … und ich will auch mir nichts vormachen. So einfach ist es leider nicht. Der Sessel allein macht nicht gesund. Es müssen noch eimerweise Schweiß und Tränen fließen, bevor ich wieder die bin, die ich einmal war.

Zugegeben, sie haben sich ganz schön Mühe mit mir gemacht – ich bin rundum »in Watte gepackt«: mein Kopf, meine Brust, meine Arme sind gut mit Polstern geschützt. Das Problem ist nur, dass ich das wichtigste aller »Polster« weitgehend eingebüßt habe: meinen Hintern. Wie eine Bauernregel so schön sagt: Jedes Wetter ist schlechtes Wetter, wenn es zu lange dauert. Dieser Spruch lässt sich sehr gut auf andere Bereiche übertragen: Jede Haltung ist eine schlechte Haltung, wenn sie zu lange dauert. Ich stelle einmal mehr fest: Die Unbeweglichkeit ist eine Folter, die ihre Wirkung langsam entfaltet. Schon bald – nach nicht einmal fünf Minuten – macht sich unten an der Wirbelsäule ein Schmerz bemerkbar. Er nistet sich dort ein und breitet sich aus.

Man hat mich schlicht und einfach vergessen. Ab und zu schaut ein Kopf zur Tür herein und wirft mir ein rasches »Alles in Ordnung?« zu, ohne die Antwort abzuwarten, die ich ohnehin nicht zu geben vermag, und ist schon wieder weg.

Wie lange mag diese erste Sitzung gedauert haben?

Endlich rückt ein Trupp an, um mich aus dem Sessel herauszuziehen, an dem Gewinde zu befestigen und zurück ins Bett zu verfrachten. Was für eine Wohltat ist es, nun wieder in dieses Bett zu gelangen, das ich heute Morgen noch als mein Gefängnis betrachtete!

Bevor die Krankenschwester mich verlässt, verkündet sie mir noch lächelnd:

»Von jetzt an werden wir Sie immer häufiger in den Sessel setzen.«

Über diesen Fortschritt soll ich mich vermutlich freuen. Wahrscheinlich soll ich auch meinen Mut und meine Entschlossenheit unter Beweis stellen, denn das Personal wiederholt unentwegt, dass alles nur zu meinem Besten geschehe. Aber die Aussicht auf eine regelmäßige Wiederholung dieser akrobatischen Freiübung und das quälende, stocksteife Sitzen lässt mich unbehaglich frösteln.

Ab dem 27. August finden diese »Sitzungen« täglich statt, und zwar üblicherweise zweimal zwei Stunden pro Tag. Zwei schrecklich lange Stunden. Zwei Stunden, während derer ich mich zunehmend schlecht fühle. Gegen meinen Willen beginne ich zu zittern, sobald ich höre, wie auf dem Flur die Hebevorrichtung herangerollt wird. Manchmal treibt die Angst meinen Herzschlag so an, dass der Trupp der Pfleger unverrichteter Dinge wieder abzieht. Bleibt mein Herz einigermaßen ruhig, werde ich wieder zu jener an ihren Fäden hängenden Marionette, die man hin- und herverfrachtet.

Stets werde ich sorgfältig rundum mit Kissen ausstaffiert, stets gibt mir jemand meine Bällchen für die Druckübungen, stets schiebt mir eine Pflegerin ein Holzbrett mit einer Klingel unter die Hände – aber dann lassen sie mich allein im Kampf mit einem Körper, der das Kunststück fertigbringt, mich trotz seiner vollkommenen Reglosigkeit zu peinigen.

Das Problem besteht darin, dass die Aufstehhilfe die Marionette, die ich abgebe, nicht richtig hinten auf der Sitzfläche des Sessels platziert. Die Wirbelsäule muss nur ganz leicht gekrümmt sein, und schon entsteht ein Schmerzpunkt, der sich allmählich intensiviert und dann immer weiter ausstrahlt … Oft geschieht es trotz aller Vorkehrungen auch, dass mein Kopf am Ende doch nach vorn fällt, und dadurch sinkt mein Oberkörper unaufhaltsam zur Seite und wird gegen eine Armlehne gepresst. Dann gerät die Hüfte auf der anderen Seite in Schräglage, und die Kissen rutschen herunter. Ein brennender, reißender Schmerz erfasst meinen ganzen Körper …

Meine missliche Lage verschlimmert sich so sehr, sodass ich um mein Leben fürchte. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass ich auf diese dumme Weise ums Leben kommen könnte. Soll so etwa meine letzte Stunde aussehen? Bin ich dem Tod gerade noch einmal entronnen, um jetzt den Widrigkeiten eines dämlichen Sessels zu erliegen? In der Zwickmühle zwischen zwei reglosen Massen – dem Sessel und meinem Körper – flehe ich einfach nur noch um Gnade.

Ich versinke in meinem Schmerz, werde blass vor Pein. Dann weine ich. Gegen meinen Willen. Ich weine, wie ich ewig nicht mehr geweint habe. Ich weine so, als würden sich endlich alle Tränen Bahn brechen, die sich seit den Nasenspülungen und dem »Brustwarzentest« aufgestaut haben. Es ist für mich die einzige Art und Weise, meinen Schmerz auszudrücken.

Ich weine, bis ich mich schließlich niedergeschlagen entscheide, mit der wenigen Kraft, die mir noch in meinen schwachen Händen geblieben ist, auf das Holzbrett zu drücken. …