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Tinga Horny - „Die verschenkte Tochter“

ISBN: 9-783-404-60850-8

 

Klappentext:

Dass Tinga Horny mit ihren schwarzen Haaren und den Mandelaugen nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, sahen Außenstehende sofort. Nur sie selbst begreift das erst, als sie zufällig auf ihre Adoptionsunterlagen stößt. Da ist sie elf Jahre alt, und es gelingt ihr nicht, in ihrer Familie das Tabu ihrer wahren Herkunft zu durchbrechen. Erst als ihr Vater stirbt, wird Tinga klar, dass sie handeln muss, wenn sie ihre leiblichen Eltern noch kennenlernen will. Sie begibt sich auf die Suche und taucht tief ein in eine fremde Kultur, in der Mädchen nichts wert sind und die Familienehre wichtiger ist als das eigene Kind.

 

Inhalt:

Tinga erfährt mehr durch einen Zufall, dass sie adoptiert wurde. Die Tatsache, dass sie anders als ihre Eltern aussieht, ergibt nun einen Sinn. Aber leichter wird ihr Leben deswegen nicht. Im Gegenteil! Sie empfindet dieses „adoptiert sein“ lang als Stigma.

Es ist nur logisch, dass sie irgendwann nach ihren Wurzeln sucht. Doch das wird ein langer und steiniger Weg. Allein auf weiter Flur gibt sie aber nicht auf. - Das Ende ihrer Suche deckt eine Geschichte auf, die mich irgendwie komplett erschüttert hat.

 

Leseprobe:

… Meine Mutter war eine attraktive Frau und hatte nach ihren Worten »einige platonische Verehrer«. Darunter auch den Bankangestellten, Herr R., der ihr Konto verwaltete und sich immer sehr freute, wenn meine Mutter am Kundenschalter auftauchte. Er war ein großer, freundlicher Mann, dem ich nur ungern die Hand gab, denn er drückte sie jedes Mal viel zu fest. Wenn es seine Zeit erlaubte, lud Herr R. gerne meine Mutter zum Kaffee ein und spendierte mir einen Kuchen oder ein Eis. Herr R. wusste natürlich, welchen Beruf seine bevorzugte Kundin ausübte, und der Zufall wollte es, dass er als engagierter Katholik ausgerechnet ehrenamtlich für das Waisenhaus arbeitete, in dem ich aufwuchs. Als es renoviert werden musste, ergriff Herr R. die einmalige Gelegenheit, künftig noch öfter Kaffee mit meiner Mutter zu trinken, indem er sie fragte, ob sie bereit wäre, bei der Renovierung zu helfen.

»Du bist mir sofort aufgefallen.« Meine Mutter hat den Augenblick, in dem sie mich zum ersten Mal sah, nie vergessen. Ich habe sie nie gern nach unserer ersten Begegnung gefragt, weil es mir wehtat, daran erinnert zu werden, dass ich adoptiert worden war. Aber natürlich war ich neugierig. Und mindestens einmal in meinem Erwachsenenleben habe ich sie danach gefragt:

»Sag mal, wie war das, als du mir zum allerersten Mal begegnet bist?«

Im Gegensatz zu mir hatte meine Mutter keine Probleme, von damals zu erzählen, und es sprudelte geradezu aus ihr heraus:

»Ich bin damals in die Paosostraße in München gefahren, um das Waisenhaus für die Umbauten zu besichtigen. In dem ganzen Haus gab es nur zwei kleine Mädchen, die bereits gehen konnten und mich anstarrten. Das eine warst du, und das andere war ein schwarzes Mädchen, das, wie mir die Schwester erzählte, bereits Adoptiveltern gefunden hatte. Ich sehe euch noch heute vor mir: Ihr habt weiße Kleidchen getragen und viel zu große weiße Strumpfhosen.«

Eigentlich hätte ich längst in einem Heim für größere Kinder untergebracht sein sollen, denn dieses Kinderheim war nur für Säuglinge gedacht. Aber es hatte sich verzögert; zudem wartete man bei mir auf die Freigabe zur Adoption.

Ich weiß nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick oder Mitleid war oder beides zugleich – auf jeden Fall ging ich meiner künftigen Mutter nicht mehr aus dem Kopf.

»Anfangs haben wir gar nicht daran gedacht, dich zu adoptieren. Ich wollte dir nur etwas Gutes tun«, erzählte meine Mama. Sie dachte daran, ein Konto für mich zu eröffnen oder mich jedes Wochenende zu besuchen und vielleicht Weihnachten zu sich zu holen. Es war mein Vater, der Silvester 1960/61 meine Lage analysierte und feststellte, dass, wenn man mir langfristig helfen wollte, man mich für immer bei sich aufnehmen müsse. Gesagt, getan. »Du weißt ja, der Papi war immer sehr konsequent, wenn er sich mal zu etwas entschlossen hatte.«

Und so zog ich bis zur Adoption Ende 1962 erst einmal als Pflegekind zu meinen neuen Eltern. Da war meine Mutter 36, mein Vater 40.

Um die »Erlaubnis zur Haltung« von mir – wie es im damaligen Amtsdeutsch hieß – zu bekommen, mussten meine evangelische Mutter und mein katholischer Vater noch einmal kirchlich heiraten, und zwar diesmal katholisch. Darüber amüsierte sich meine Mutter noch Jahre später:

»Weißt du was, wir mussten beide bei dem katholischen Pfarrer in Grünwald antreten und die Bibel pauken. Und das passierte ausgerechnet mir, wo ich doch nie in eine Kirche gehe und mit der Maria nichts am Hut habe!« Meine Mama lachte und fuhr fort: »Der Pfarrer hat uns dann tatsächlich noch einmal katholisch getraut! Stell dir das mal vor, obwohl wir doch schon seit zehn Jahren evangelisch verheiratet waren. Also diese Katholiken! Aber weißt du was, wenn wir das nicht gemacht hätten, dann hätten wir dich bestimmt nicht gekriegt.«

Denn die katholische Kirche, in deren Waisenhaus ich aufgewachsen war, wollte mich nur an ein Ehepaar der gleichen Konfession abgeben, damit ich garantiert im katholischen Glauben erzogen werden würde. Darüber gibt es sogar eine schriftliche Vereinbarung zwischen meinen Eltern und meinem Vormund. Darin erklären sich meine künftigen Eltern »damit einverstanden, dass die katholische Erziehung des Kindes durch den Katholischen Jugendfürsorge-Verein überwacht wird« – ausdrücklich auch nach meiner Adoption. Deswegen also eilten mein Papa und ich fast jeden Sonntag zur Andacht und mussten ganz hinten stehen, weil wir immer zu spät kamen.

Mit meiner Adoption begann meine deutsche Biografie inklusive deutscher Vorfahren und deren Geschichte. Weder meine Mutter noch mein Vater waren Münchner. Mein Vater kam aus einer besseren Beamtenfamilie in Wiesbaden. Mein Großvater war Agrarwissenschaftler, seine Doktorarbeit hat er über das Nassauische Rind verfasst. Er hätte wahrscheinlich eine glänzende Karriere machen können, wenn er sich nicht gleich zu Beginn von Hitlers Machtergreifung mit dem Regime angelegt hätte. Nicht etwa, weil er etwas gegen den neuen Reichskanzler gehabt hätte – er war ja ein geschmeidiger höherer Beamter, und Hitlers NSDAP war schließlich gewählt worden und damit ganz legal an die Regierung gekommen –, sondern weil er sich mit dem Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, nicht verstand. Den fand er nicht hinnehmbar – unkultiviert und primitiv. Sprenger rächte sich auf seine Weise: Die Wohnung meiner Großeltern wurde durchsucht, die Familie musste Wiesbaden verlassen, und mein Großvater schlug sich fortan in Garmisch-Partenkirchen mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs durch.

Gelebt hat die Familie damals vom Vermögen meiner Großmutter, die von einem Weingut an der Mosel stammte und von ihren Eltern sehr verwöhnt wurde. Miezemutti – so nannten wir sie – war eine frühe Verehrerin von Hitler und den Nazis. Nur die Entlassung ihres Gatten aus politischen Gründen dämpfte ihren anfänglichen Enthusiasmus für die Nazidiktatur.

Meine Mutter wurde in Germersheim geboren, einer pfälzischen Kleinstadt. Die Familie stammte von aus Frankreich geflohenen Hugenotten ab. Ihr Vater besaß eine Schilderfabrik und war passionierter Jäger, ihre Mutter spielte Tennis und fuhr große Autos. Zu Hause gab es eine Haushälterin, eine Köchin und ein Mädchen. »Wir waren wohlhabende Provinzler«, beschreibt meine Mama ihr Elternhaus. Sie musste es bereits früh verlassen. Wegen ihrer schwachen Lunge lebte sie ab ihrem vierten Lebensjahr in einem Sanatorium in Davos. Die Familie sah sie selten. Ab und zu reiste die Mutter an, um sie zu besuchen. Als Hitler den Krieg begann und deswegen Deutsche in der Schweiz nicht mehr willkommen waren, steckten die Eltern die Tochter ins Internat zu den Englischen Fräulein in Landau. Engstirnig und prüde – meine evangelische Mutter verliert kein gutes Wort über die katholischen Nonnen in diesem Internat und ihre Zeit dort.

Nach dem Krieg zog es die Tochter aus gutem, aber spießigem Hause nach München – in die Großstadt. Raus aus dem Kleinstadtmief, rein in die große weite Welt. Kennengelernt und angefreundet haben sich meine Eltern 1948 während des Studiums. Mein Vater studierte Architektur an der Technischen Universität, meine Mutter Innenarchitektur an der Kunstakademie.

Mit dieser Familiengeschichte bin ich aufgewachsen. Mit ihr identifiziere ich mich. Sie ist Teil meiner Mentalität. Ich sah zwar chinesisch aus, aber ich wusste nicht, was China war und welche Werte dort galten. Ich fühlte mich als Deutsche, und so war ich entsetzt, als ich erfuhr, dass meine Großmutter väterlicherseits eine glühende Hitler-Anhängerin gewesen war und dass sich mein Vater gemeinsam mit seinem besten Freund freiwillig zum Arbeitsdienst gemeldet hatte, bevor er als Offizier mit ihm in den Krieg zog. Nur ein Zufall – ein Lehrgang in Schweden – verhinderte, dass mein Vater im Winter 1943 in das schwer umkämpfte Stalingrad zurückkehrte. Ich habe mir als Kind oft ein Auge zugehalten, weil ich wissen wollte, wie mein Vater die Welt sieht. Denn aus dem Zweiten Weltkrieg kam er mit einem blinden linken Auge zurück.

Ich identifiziere mich ebenfalls mit den politischen Ansichten meiner deutschen Familie. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, anders zu denken. Das heißt, wir verehrten Willy Brandt und verachteten die Bild-Zeitung, die gegen Brandt und seine Ostpolitik aufs Übelste hetzte. Mein Vater stritt sich nächtelang mit konservativen Freunden und Bekannten über Franz-Josef Strauß und diskutierte über »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome. Nach der Lektüre dieses Weltzustandsberichts, der 1972 veröffentlicht wurde und auf große öffentliche Aufmerksamkeit stieß, war mein Vater für den Rest seines Lebens auf dem Energiespartrip – oder zumindest, was er dafür hielt – und schaltete immerzu und überall die Lichter aus.

Nur in einem Punkt waren sich mein Vater und ich uneins. Als ich 14 wurde, bestand meine erste Tat darin, aus der katholischen Kirche auszutreten. Ich tat es, weil dies so ziemlich die erste amtliche Handlung ist, die ein Jugendlicher ohne die Erlaubnis eines Erziehungsberechtigten vollziehen kann. Es war für mich der erste Schritt, erwachsen zu werden und meine Souveränität unter Beweis zu stellen. …