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Glenn Meade - „Die letzte Zeugin“

ISBN: 9-783-404-17190-3

 

Klappentext:

Nach einem Massaker in einem bosnischen Gefangenenlager wird ein junges Mädchen gefunden. Sie hält ein Tagebuch umklammert und ist so traumatisiert, dass sie kein Wort über die Lippen bringt. Sie ist die einzige Zeugin der Gewaltverbrechen im Lager. Zwanzig Jahre später begibt sie sich auf die Jagd. Sie will ihren verschollenen Bruder finden. Und die Scheusale, die ihr Leben zerstört haben. Doch die tun alles, um anonym zu bleiben, fest entschlossen, die einzige Zeugin für immer zum Schweigen zu bringen.

 

Inhalt:

Carla und Jan haben gerade erfahren, dass sie Eltern werden. Eigentlich das perfekte Glück einer jungen Ehe. Doch Jan wird Opfer eines Bombenanschlages und verstirbt.

Carla und das Kind überleben. Doch umd ie Hintergründe und auch das zweite Leben ihres Ehemannes zu verstehen, muss sie auch ihre vergessene Kindheit wieder aufarbeiten. Das Tagebuch ihrer Mutter fördert Zeiten zutage, die Carla antreiben ihre Familie zu suchen und ihren Mann zu rächen.

 

Leseprobe:

… Sie setzten sich am anderen Ende des Pools an einen Tisch, weit weg von den schönen jungen Frauen.

Ein Bodyguard brachte einen von Arkovs selbst gemachten Weinen und schenkte ein.

Boris schwenkte das Glas, roch daran und trank einen Schluck, bewegte den hellen Wein im Mund hin und her und nickte anerkennend.

»Sehr gut, Vater. Ausgezeichnet. Ein leichtes Zitronenaroma mit einem Hauch Stachelbeeren.«

In Wahrheit konnte Arkov junior kaum dem Drang widerstehen, das Zeug in den Pool zu spucken. Es schmeckte wie Hundepisse. Sein Vater hatte eine Menge auf dem Kasten, aber ein Kellermeister war er definitiv nicht.

Der alte Mann schwenkte ebenfalls sein Glas und trank einen Schluck. »Ich bevorzuge Rotwein, aber der Weißwein ist gut in diesem Jahr.«

»Du solltest dein eigenes Label herstellen. Wie dieser Typ, der den Patengedreht hat.«

»Coppola?«

»Ja, den meine ich.«

»Ich hab seinen Wein mal probiert. Nicht mein Fall. Meiner Meinung hätte er weiter Filme drehen sollen.« Der alte Mann stellte sein Glas ab. »Zeig mir die Zahlen.«

Sein Sohn öffnete den Aktenkoffer mit dem Daumen und zog die wertvolle Fracht heraus: einen Apple-Laptop. Er schaltete ihn ein. Während das Gerät hochfuhr, reichte sein Vater ihm einen schwarzen USB-Stick.

Boris steckte den Stick in den USB-Port an der Seite und schob die Apple-Maus hin und her, worauf auf dem Monitor Piktogramme und Daten angezeigt wurden.

»Computer erstaunen mich immer wieder«, sagte Ivan. »Und es ist wirklich alles hundertprozentig sicher?«

Boris nickte. »Der Entschlüsselungscode ist auf deinem USB-Stick. Niemand kann die Daten ohne den Stick lesen. Shavik ist hundertprozentig davon überzeugt, dass es sicher ist.«

»Das reicht mir.«

Als die Daten geladen wurden, schob Boris Arkov den Mac zu seinem Vater hinüber.

Der setzte eine Lesebrille auf. Auf dem Monitor sah er die Gewinne der letzten vier Monate für Nordamerika in Grafiken und Kreisdiagrammen.

Die Daten waren viel zu sensibel, um sie verschlüsselt übers Internet zu verschicken, falls das FBI oder Interpol sie abfingen. Daher besuchte sein Sohn ihn mindestens dreimal im Jahr.

Der Boss des Arkov-Clans nickte, nahm die Lesebrille ab und schob den Laptop zu Boris zurück. »Sieht alles sehr gut aus. Über die Einzelheiten reden wir später. Zuerst würde ich gerne wissen, was aus dieser anderen Sache geworden ist, die mich beunruhigt hat.«

»Wir haben uns darum gekümmert. Der Typ ist erledigt.«

»Hast du dich mit Mila abgesprochen?«

»Er war nicht glücklich darüber. Er wollte den Mann zuerst warnen, aber ich war der Meinung, wir hatten keine andere Wahl.«

»Erklär mir das.«

»Der Bursche hat zu viele Fragen gestellt. Wir nehmen an, dass er mit diesen Gruppen zusammengearbeitet hat, die uns ständig Arger machen. Wir haben seinen Wagen an der Carnegie Hall in New York in die Luft gejagt.«

»Wer war der Mann?«

»Ein Pianist, dessen Familie aus Kroatien stammt. Er hat herumgeschnüffelt und versucht, Informationen über mich und Shavik zu bekommen.«

»Was ist mit der Polizei und dem FBI?«

»Sie können den Anschlag auf keinen Fall zu uns zurückverflogen. Es waren etliche Prominente bei dem Konzert – Araber, Russen, Ukrainer, sogar eine Gruppe wohlhabender Iraker. Jeder von ihnen könnte das Ziel gewesen sein.«

Boris Arkov verstummte einen Augenblick. »Was ist los, Vater?«, fragte er dann. »Du siehst nicht glücklich aus.«

»Erwartest du noch mehr Ärger?«

»Nun ja, die Frau des Mannes hat überlebt. Sie war nicht das Ziel des Anschlags. Aber wir vermuten, dass wir uns wegen ihr keine Sorgen machen müssen.«

»Warum nicht?«

»Wir haben sie beobachtet. Und der Mann, den wir getötet haben, hat nur einen Bruder. Wir glauben nicht, dass da noch was kommt.«

»Glauben reicht nicht. Wir müssen sicher sein. Was macht die Frau beruflich?«

»Sie war früher Staatsanwältin.«

»Eine Juristin könnte uns Ärger machen. Behalte sie im Auge.« Der alte Mann zeigte mit dem Finger auf seinen Sohn. »Und sag Mila, ich möchte, dass ihr beide Vorbereitungen trefft, Amerika im Fall eines Falles jederzeit verlassen zu können.«

»Ich …«

»Sei still. Sobald es auch nur den geringsten Verdacht gibt, dass Polizei oder FBI sich für euch interessieren, verschwindet ihr. Kümmert euch darum, dass ihr gültige Reisedokumente habt und euch sichere Häuser zur Verfügung stehen.«

»Das wird Mila nicht gefallen. Er hat viele Jahre damit verbracht, die Geschäfte in Amerika für dich aufzubauen.«

»Und er hat einen guten Job gemacht. Aber es ist mir scheißegal, was ihm gefällt oder nicht. Was mich interessiert, sind allein unsere Operationen in Nordamerika.«

Der Boss des Mafiaclans trank sein Glas aus. »Außerdem mag ich keine Auseinandersetzungen und keinen Ärger. Beides ist schlecht fürs Geschäft. Verhaltet euch beide vorerst unauffällig. Tut, was getan werden muss, aber diskret. Keine Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen. Gib das weiter.«

»Darf ich dir eine Frage stellen, Vater?«

»Frag schon.«

»Wann überträgst du mir innerhalb des Clans mehr Verantwortung? Angenommen, du stirbst morgen. Für einen solchen Fall muss die Familie vorbereitet sein, die Geschäfte weiterzuführen.«

»Mila ist durchaus in der Lage dazu. Er hat mein volles Vertrauen.«

Boris Arkov presste die Lippen aufeinander. »Und was ist mit mir?«

»Du hasst Mila, ich weiß, aber sobald ihr eure Differenzen aus Loyalität zur Familie beigelegt habt, ist alles möglich. Begreifst du denn nicht, dass Loyalität Stärke bedeutet, Boris?«

»Ja, Vater.«

»Ich habe Mila bei uns aufgenommen und wie einen Sohn behandelt. Sein verstorbener Vater war ein sehr guter Freund von mir. Ich weiß, dass es zwischen euch beiden immer Spannungen gab. Aber ich habe versucht, dir beizubringen, dass der Clan an erster Stelle steht. Auch wenn es Zeiten gab, als ich es in dich hineinprügeln musste. Mila hingegen hat sofort begriffen, wie wichtig Loyalität ist.«

»Entschuldige, aber du hast meine Frage nicht beantwortet.«

Sein Vater dachte nach. »Du musst zugeben, dass Mila so clever ist, dass er die Geschäfte blind führen könnte. Deshalb leitet er auch die Operationen in Amerika. Und deshalb ist er dein Boss. Lebe damit. Und was noch viel wichtiger ist, lerne weiterhin von ihm.«

»Ist Blut nicht dicker als Wasser?«

Dem alten Mann entging der missmutige Ton seines Sohnes nicht. Er stand auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es ist gut, dass du ungeduldig bist, Boris. Du wirst deine Chance bekommen, wenn meine Zeit abgelaufen ist. Ich hoffe, du hast es nicht allzu eilig, mich zu begraben. Ein paar Jahre möchte ich schon noch leben.« …