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Anna Maria Sigmun - „Die Frauen der Nazis“

ISBN: 9-783-453-60261-8

 

Klappentext:

Der Bestseller überarbeitet und erweitertDie Historikerin Anna Maria Sigmund zeichnet in ihrem Bestseller acht eindringliche Porträts von Frauen in herausragender gesellschaftlicher Position des NS-Terrorregimes, darunter Emmy Göring, Magda Goebbels, Eva Braun und Leni Riefenstahl. Diese Neuausgabe überrascht mit zahlreichen neuen Erkenntnissen aus lange verschlossenen Archiven und neu aufgefundenen Quellen.

 

Inhalt:

Auch in Hitler seinem Leben gab es Frauen. Und diese Frauen haben teilweise ihren Teil dazu beigetragen, dass alles so gekommen ist, wie es eben war.

Allen voran Eva Braun. Dieses kleine Mädchen, das Hitler schon irgendwie den Rücken frei gehalten hat. Oder seine Nichte, die Geli Raubal, die von ihrem Onkel die Heirat verboten bekam und statt dessen in einem goldenen Käfig saß.

Interessant auch die beiden Frauen Görings. Von Carin, der ersten, wusste ich bisher nur wenig. Die Frau wurde ganze fünf Mal beerdigt! Die zweite Frau und die Tochter aus zweiter Ehe, haben nie eine Schuld gesehen.

Mehr oder weniger interessante Frauen werden hier mal etwas näher beleuchtet. Aber eins eint sie alle. Jede von ihnen war irgendwie verpeilt.

 

Leseprobe:

… Die Forderung der willensstarken Tochter nach einer Ausbildung zur Tänzerin wurde vom ebenso willensstarken Vater auf das Entschiedenste abgelehnt. Gedeckt von der Mutter, tritt sie im Frühsommer 1919 heimlich in die Helene-Grimm-Reiter-Schule für Tanz ein, probt dort auch mit Anita Berber, die als Nackttänzerin auftritt, und springt für diese ein. Dieser erste öffentliche Auftritt war zwar ein Erfolg, beschwor jedoch im Elternhaus der Elevin eine Ehekrise herauf, in deren Verlauf Alfred Riefenstahl seiner Frau mit Scheidung drohte. 1920 schließen Vater und Tochter einen Kompromiss: Sie wird in seinem Betrieb Sekretärin, nebenbei darf sie Tanzstunden nehmen. Später resignierte Alfred Riefenstahl und meldete seine Tochter, der er eine düstere Zukunft prophezeite, sogar selbst in der Ballettschule von Eugenie Eduardowa, einer ehemaligen Ballerina aus St. Petersburg, an. Die russische Solotänzerin hat Leni im Alter von 19 Jahren, statt wie üblich mit sechs, im klassischen Balletttanz unterrichtet. Leni wurde ihre beste und ehrgeizigste Schülerin, musste dafür jedoch einen hohen Preis bezahlen – kurz nacheinander brach sie sich dreimal die Knöchel. Entmutigt hat sie das nicht, genauso wie sie auch später Risiken, Entbehrungen und Gefahren nie scheute.

Am 23. Oktober 1923 fand in München das erste öffentliche Auftreten der Solotänzerin Leni Riefenstahl statt. Ihre Mutter entwarf und nähte die fantasievollen Kostüme, während die Tochter, die bereits in ihrer eigenen Wohnung lebte, selbst das Programm zusammenstellte. Es umfasste zehn Nummern und forderte die Interpretin bis hin zur Erschöpfung. Die Kritiken waren enthusiastisch. Ein weiterer Abend in Berlin mit den Tänzen Eros – Feuer – Hingebung – Loslösung machte sie zum Star. Max Reinhardt engagierte sie an sein Deutsches Theater, Gastspiele in europäischen Hauptstädten schlossen an. Der Erfolg war groß, aber kurz. Bei einem Auftritt in Prag vor 3000 Personen zog sich Leni Riefenstahl, die damals mit Otto Froitzheim, dem erfolgreichen Tennischampion, verlobt war, 1924 eine Knieverletzung zu, die sie zur Absage der geplanten Tournee zwang. Alle Ärzte, die sie konsultierte, rieten zur Schonung, verschrieben Krücken und mahnten zur Geduld.

In diesem Zustand humpelte sie in ein Kino, sah sich zur Ablenkung »Berg des Schicksals« mit Luis Trenker an und war begeistert. Nach sechs weiteren Filmbesuchen und einem Lokalaugenschein an ihrem Schicksalsberg, der Guglia di Brenta, stand ihr Plan fest: Sie wollte als Schauspielerin in einem Gebirgsfilm mitwirken. Tatsächlich gelang es Leni Riefenstahl durch Vermittlung von Freunden, den Regisseur des Films persönlich kennenzulernen und ihn restlos für sich einzunehmen. Dr. Arnold Fanck, von Beruf Geologe, war der Begründer der »Freiburger Berg- und Sportfilm-Gesellschaft«. Er galt als Pionier auf dem Gebiet des alpinen Dokumentarfilms und hat das Genre der sogenannten Bergfilme geschaffen. Seine revolutionäre Kameraführung und raffinierte Schnitttechnik erregten großes Aufsehen.

Dr. Fanck ließ sich von der Schönheit, den Redekünsten sowie den tänzerischen Erfolgen seiner Gesprächspartnerin überzeugen und engagierte sie als Schauspielerin an der Seite des zu jener Zeit schon sehr bekannten Luis Trenker. Dass Leni Riefenstahl einen »Silberblick« hatte, also leicht schielte, galt damals als romantisch und hat nicht weiter gestört. Der Spielfilm sollte der »Der Heilige Berg« heißen und auch Tanzeinlagen für Leni enthalten. Die Realisierung des Projekts stand allerdings in den Sternen, da Leni Riefenstahl kaum gehen, geschweige denn tanzen konnte – ein Meniskuseinriss mit Knorpelwucherung war festgestellt worden. Die Tänzerin entschied sich zur Operation. 1925 waren Eingriffe dieser Art keine Routineangelegenheit. Der Krankenhausaufenthalt dauerte drei Monate, und das Risiko, ein versteiftes Gelenk davonzutragen, war groß. Doch Lenis unverwüstlicher Optimismus behielt schließlich recht. Die Operation gelang, und Arnold Fanck bereitete die Patientin noch im Krankenhaus auf ihre Rolle vor.

Die Dreharbeiten fanden nicht im Atelier, sondern an Originalschauplätzen in den Schweizer Bergen, auf dem See auf der Lenzerheide sowie auf Helgoland statt. Für den Film musste Riefenstahl Skifahren lernen, wobei sie sich erneut die Knöchel brach. Während die Hauptdarstellerin in Gips lag, schmolzen die teuren Naturkulissen – 15 Meter hohe Eisbauten – dahin. Auch sonst folgte ein Desaster dem anderen. Zwei weitere Schauspieler und ein Kameramann erlitten Verletzungen und mussten nach Cortina ins Krankenhaus transportiert werden. »Der Heilige Berg« galt als gescheitert. Bedrückt reiste der Regisseur nach Berlin, um der UFA, die den Film finanzierte, Rechenschaft abzulegen.

In dieser Situation griff Leni zur Kamera, drehte auf eigene Initiative und Kosten 600 Meter Naturaufnahmen und rettete dadurch den Film. Die UFA machte weitere Geldmittel locker, und das Team reiste nach Helgoland. Dort tanzte Leni Riefenstahl auf glitschigen Felsen in der wilden Brandung, während ein Geiger auf der Felswand Motive aus Beethovens Fünfter Symphonie fiedelte.

Zwischen den Dreharbeiten hatte Dr. Fanck seine Hauptdarstellerin auch in die Geheimnisse der Filmregie eingeweiht. Bei ihm hat sie jene Techniken erlernt, die sie schließlich bis zur Perfektion entwickeln sollte.

»Er lehrte mich, daß man alles gleich gut fotografieren müsse: Menschen, Tiere, Wolken, Wasser, Eis … Bei jeder Aufnahme gehe es darum, das Mittelmaß zu überschreiten, von der Routine wegzukommen und alles möglichst mit einem neuen Blick zu sehen. Ich durfte durch die Kamera schauen, Bildausschnitte aussuchen, lernte Negativ- und Positivmaterial, das Arbeiten mit verschiedenen Brennweiten, die Wirkung der Objektive und Farbfilter kennen. Ich fühlte, daß der Film eine Aufgabe für mich sein könnte, ein neuer Inhalt. Zugleich wurde mir klar, daß beim Film der Einzelne nichts ist, daß hier alles nur in Gemeinschaftsarbeit entstehen konnte«, schrieb Leni Riefenstahl über ihre Zeit als Regielehrling. In Freiburg arbeitete die Schauspielerin anschließend in einer Kopieranstalt, wo sie im Entwickeln, Kopieren und – vor allem – dem Schneiden des Filmmaterials unterwiesen wurde.

Am 14. Dezember 1926 fand die Premiere des Films im UFA-Filmpalast statt, bei der Leni Riefenstahl die »Unvollendete« von Franz Schubert tanzte. Ein Großteil der Presse lobte das romantische Liebesdrama im Alpenmilieu und seine Darsteller sehr. »Leni Riefenstahl tanzt in vollendeter Schönheit den Rhythmus des Meeres, beseelt in gleichbleibender Harmonie die lieblichen wie die furchtbaren Ereignisse«, hieß es in der »Neuen Preußischen Kreuzzeitung« vom 16. Dezember 1926. »Alles an diesem Film ist gewaltig – die Natur, die Berge, die Menschen … Nur innerlich junge, ganz herrlich naive Menschenkinder können sich das Leben und die Liebe und die Treue so vorstellen. In jedem Wort, in jedem Schritt das Gralsmotiv – in den Augen der Naturmenschen, in ihrem Denken, Fühlen …«, schwärmte der »Berliner Lokalanzeiger« von dem Heimatfilm am 18. Dezember. Eine Zeitung jedoch bewertete den Film nach Kriterien, die eher dem heutigen Geschmack entsprechen. Der »Montag Morgen« vom 20. Dezember schrieb nämlich: »Wenn es nur zum Gähnen wäre, man nähme es gottergeben hin. Dieser Film ist aber nicht nur blöd, sondern verlogen, … bombastischer Naturkult, unerträgliche Groß-Heucheleien – Gartenlaube.« Derartige Kritiken wurden von Bewunderern als Auswüchse einer Presse abgetan, die »im Banne der Profitwirtschaft steht und sich gegen die seelische Wiederbelebung des Volkes versündigt«.

Dieser Film war der Start für Riefenstahls Karriere als Schauspielerin. Schon 1927 sah man sie in der Komödie »Der Große Sprung«. Ihr Partner ist der brillante Skirennfahrer Hans Schneeberger, mit dem sie ein Verhältnis eingeht und bis 1929 zusammenlebt. 1928 spielte die 26-Jährige in dem wenig erfolgreichen Streifen »Das Schicksal derer von Habsburg – Die Tragödie eines Kaiserreichs« Mary Vetsera, die mit Kronprinz Rudolf in den Tod ging. Doch schon 1929 kehrte sie in »Die weiße Hölle von Piz Palü« zurück. Regie führte der berühmte Georg Wilhelm Papst, während sich Arnold Fanck auf die Naturaufnahmen beschränkte. 1930 nahm Leni Riefenstahl Sprechunterricht und bewältigte in »Stürme über dem Montblanc« den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm genauso spielerisch wie die im Drehbuch vorgeschriebene Überquerung einer tiefen Gletscherspalte auf einer wackeligen Leiter.

1931 gründete Riefenstahl eine Filmproduktionsgesellschaft und ging an die Verwirklichung ihrer eigenen Vorstellungen. »Das blaue Licht – Eine Berglegende aus den Dolomiten« hieß der Film, in dem sie das Bauernmädchen Junta spielte und auch Regie führte. Schon diese erste Probe vom Können der Regisseurin hat man auf der Biennale in Venedig im Jahre 1932 mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Der Streifen wurde ein Welterfolg, der in Paris 14 und in London 16 Monate lief.

Als Leni Riefenstahl ihr Werk im Rahmen einer Städtetournee in Deutschland persönlich vorstellte, fiel ihr (nach eigener Angabe) erstmals auf, welch große Rolle ein Politiker namens Hitler im Bewusstsein der Öffentlichkeit spielte. Um sich selbst ein Bild zu machen, wohnte die Künstlerin einem Auftritt Adolf Hitlers im Berliner Sportpalast bei. Er überwältigte sie dermaßen, dass sie ihm, obwohl gerade mit der intensiven Vorbereitung einer Grönlandreise beschäftigt, via Adresse »Braunes Haus, München« schrieb:

»Sehr geehrter Herr Hitler, vor kurzer Zeit habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine politische Versammlung besucht … Ich muß gestehen, daß Sie und der Enthusiasmus der Zuhörer mich beeindruckt haben. Mein Wunsch wäre, Sie persönlich kennenzulernen …«

Zu ihrer großen Verblüffung erhielt Riefenstahl umgehend Antwort. In dem Fischerdorf Horumersiel im Oldenburger Land, wo Hitler Wahlkampf betrieb, kam es zur ersten Begegnung zwischen dem NS-Politiker und der Künstlerin. Erstaunt bemerkte sie, wie sich der Privatmensch vom politischen Agitator unterschied, wie liebenswürdig und sympathisch sich Hitler gab und welch große Ausstrahlung er hatte. Bei dem romantischen Spaziergang am Nordseestrand erkundigte sich Hitler genau nach der Arbeit und den Plänen der Künstlerin. …