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Marcello Simoni - „Die Abtei der hundert Sünden“

ISBN: 9-783-954-51942-2

 

Klappentext:

Frankreich im Jahr 1346. Maynard de Rocheblanche hat gerade die blutige Schlacht bei Crécy überlebt, als er in den Besitz eines rätselhaften Pergaments gerät, das Hinweise auf eine kostbare Reliquie enthält. Doch das mysteriöse Schriftstück bringt ihn in höchste Gefahr: Mächtige Gegenspieler wollen es um jeden Preis an sich bringen. Maynard beginnt zu verstehen, dass er auf der Suche nach dem wertvollsten und gefährlichsten Objekt der Welt ist – dem Heiligen Gral. Und er weiß: Sollte das Pergament jemals in die falschen Hände gelangen, würde das Universum nie wieder dasselbe sein …

 

Inhalt:

Drei Männer treffen sich, um kirchliche Religion unter sich aufzueilen. Der Kardinal eilt nur mit König und Sohn, um sie an sich zu binden. Denn nur vereint verhelfen die Gegenstände zur Macht.

Einer der Männer verliert sein Leben auf dem Schlachtfeld. Er gibt das Geheimnis an einen ihm fremden Mann weiter. Maynard liest das Pergament und will sein Geheimnis lüften. Dabei gerät er jedoch in etwas größeres, als ursprünglich gedacht.

 

Leseprobe:

… »Ehrwürdige Mutter«, begrüßte er sie hochzufrieden, »ich wollte Euch unbedingt so empfangen, wie es sich geziemt.«

Nachdem sie einen kurzen Blick auf die Narbe über seiner rechten Schläfe geworfen hatte, fragte sich Eudeline, ob der Ritter sie bloß ehrerbietig grüßen oder ob er sich ihr in seiner ganzen Größe zeigen wollte. »Ich freue mich, Euch bei Kräften zu sehen.«

»Ich dagegen freue mich, Euch zu sehen. Es ist lange her, dass Ihr mich besucht habt, und ich gestehe, ich habe Euch vermisst.«

»Das Klosterleben ist anstrengender, als es scheint.« Eudeline wich dem Blick seiner grünen Augen aus. Sie wusste natürlich, dass Robert beharrlich nach ihr gefragt hatte, doch bis jetzt hatte sie sich geweigert, ihn zu sehen.

»Habt Ihr Euch wieder gefasst?«

Diese Frage traf sie überraschend. »Eigentlich müsste ich das Euch fragen«, erwiderte sie und musterte ihn forschend. »Was meint Ihr damit?«

»Das letzte Mal, als Ihr hier wart, wirktet Ihr erschüttert«, antwortete Robert. »Ich habe die Infirmaria öfter gefragt, was Euch quält, aber sie hat mir nie geantwortet.«

Eine leichte Röte überzog Eudelines Wangen. »Das ist vorbei«, sagte sie mehr zu sich selbst. Dann erinnerte sie sich an den Grund, der sie hierhergeführt hatte. »Man hat mir berichtet, dass Ihr Euer Gedächtnis wiedererlangt habt.«

Roberts Lächeln wurde brüchig. »Leider nicht ganz. Doch jetzt weiß ich endlich, wer ich bin, obwohl meine Erinnerungen noch wie unter einer dichten Nebelschicht verborgen liegen.«

»Selbst die an meinen geliebten Bruder?«

»Maynard de Rocheblanche.« Robert sprach den Namen so langsam aus, als wolle er dadurch den Mann, zu dem er gehörte, vor seinem Angesicht heraufbeschwören. »Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hatte ich sein Bild in meinem Kopf und wusste genau, dass er mein Freund ist. Das habe ich umgehend der Infirmaria erzählt, weil ich wusste, dass Ihr dringend auf Nachrichten von ihm wartet. Dennoch erinnere ich mich leider nur an eine Begebenheit … Wir saßen einander gegenüber, in einem Zelt, und unterhielten uns …«

»Worüber habt Ihr gesprochen?«

»Das weiß ich leider nicht.« Robert stieß sich vorsichtig von der Wand ab, um dann zu seinem Lager zurückzukehren und sich dort niederzulassen. »Ich erinnere mich nur, dass wir eine Partie Schach spielten.«

»Wer hat sie gewonnen?«, fragte Eudeline in der Hoffnung, so seine Erinnerung anzuregen.

Robert sah sie kurz an, als würde er die Antwort in ihrem Gesicht suchen. »Ich weiß es nicht mehr. Aber Maynard hatte eine Beinwunde«, antwortete er schließlich.

Eudeline dachte an die letzte Begegnung mit ihrem Bruder zurück. Er hatte gehinkt. Vielleicht wegen der Verletzung, von der Robert sprach. »Es muss sich also um eine recht frische Erinnerung handeln«, schloss sie daraus.

»Es ist leider auch die einzige. Ich sehe die Position der Figuren auf dem Schachbrett, als hätte ich sie in diesem Augenblick vor mir … Ich bedrohte seinen Turm mit meinem Springer. Dann sagte er etwas zu mir …« Robert sah zu Boden und presste die Hände an die Schläfen.

Eudeline wartete darauf, dass er den Satz beendete, aber als sie merkte, dass er sich in den Nebeln seines Gedächtnisverlustes zu verlieren drohte, ging sie zu ihm und fasste ihn am Arm. »Glaubt Ihr, wenn Ihr wieder spieltet, würde Euch das helfen, diese Erinnerung zurückzuholen?«

Er legte seine Hand auf ihre. »Ich weiß es nicht, aber einen Versuch ist es wert  … In meinem Reisesack findet Ihr Figuren und ein Schachbrett.« Dann sah er verwundert auf. »Unglaublich! Bis vor einem Moment wusste ich nicht einmal, dass ich einen Reisesack besitze.«

»Seht Ihr? Ihr macht Fortschritte.« Eudeline entzog sich freundlich seiner Berührung. Ihr schien es, als wäre ihr innerer Schutzschild zerbrochen. Dennoch empfand sie kein Wiederaufleben der Erschütterung wegen des erlittenen Leids. Keine Angst. Sie wurde ausschließlich von einer angenehmen Vertrautheit erfüllt, die sie, wie sie plötzlich begriff, nicht aufgeben wollte.

Eilig durchsuchte sie Roberts Habseligkeiten und Kleider, die die Infirmaria hatte waschen lassen und ordentlich am Fuß des Lagers gestapelt hatte. Einen Reisesack fand sie jedoch nicht.

»Seid Ihr Euch dessen sicher, was Ihr mir erzählt habt?«, fragte sie.

»In meinem Zustand kann ich rein gar nichts mit Sicherheit sagen«, erwiderte er. »Und doch, ich hätte schwören können …«

»Verzweifelt nicht«, beruhigte ihn Eudeline. »Hier im Kloster verfügen wir über ein Schachbrett.«

Robert fragte beinahe amüsiert: »Ihr kennt dieses Spiel?«

»Ja«, antwortete Eudeline, von einer leichten Erregung erfasst, »und ich gedenke, Euch herauszufordern.«

Vor der Ruhepause am späten Vormittag, nach der sie sich alle im Refektorium versammeln würden, würde Aleydis nicht zum Handeln kommen. Voller Ungeduld wartete sie auf diese Zeitspanne, über die sie frei verfügen durften, in der ständigen Angst, Schwester Claire würde sich plötzlich vor ihr aufbauen und verkünden, sie habe ihren Diebstahl entdeckt.

Nachdem sie den Pflichten des ersten Teils des Tages nachgekommen waren, zogen sich die Nonnen gewöhnlich in den Kreuzgang des Klosters zurück, um dort, wenn die Jahreszeit es erlaubte, die Mittagssonne zu genießen und miteinander zu schwatzen. Aleydis hatte diese kurzen Augenblicke der Fröhlichkeit schätzen gelernt; es amüsierte sie, wenn sie die anderen über Mitschwestern lästern hörte, die während der Laudes einschliefen oder bis nach dem Komplet aufblieben, um dann heimlich einen Becher Wein zu trinken. So hatte sie bemerkt, dass die Frauen im Kloster kleine Eifersüchteleien und Sehnsüchte hegten wie jedes gewöhnliche Bauernmädchen auch. Diese Entdeckung hatte ihr die Eingewöhnung in das Leben in der Gemeinschaft mehr erleichtert als der geregelte Tagesablauf und die spirituellen Übungen. Schnell war es ihr gelungen, ein Vertrauensverhältnis mit ihren jüngeren Schwestern aufzubauen; sie hatte sich sogar den Spitznamen »das Komtesschen« erworben, wegen ihres ein wenig großspurigen Gehabes und –  wie sie annahm  – weil sie tatsächlich zu den Hübschesten gehörte.

Keine Schwester ahnte jedoch, dass sie hier war, um zu spionieren. Das Wissen darum schmerzte sie und erinnerte sie stets daran, dass sie in Wahrheit kein Teil der Familie von Sainte-Balsamie war. Das wusste nur Gott. Beziehungsweise nur Gott und der Kardinal. Und selbst wenn sie sich stets bemüht hatte, der Äbtissin im Guten aufzufallen, würde das nichts daran ändern, dass alles bloß eine Täuschung war. Diese Gedanken beschäftigten sie, während sie den Kreuzgang hinter sich ließ und den Gang zu Schwester Eudelines Räumen entlanglief. Doch dann gewann Furcht die Oberhand.

Als sie die Tür erreicht hatte, blickte sie hinter sich, um sich zu vergewissern, dass niemand sie gesehen hatte, dann holte sie den Schlüssel hervor, den sie unter dem Ärmel verborgen hatte. Sie überwand ein letztes Zaudern, steckte ihn ins Schlüsselloch und schloss auf.

Aleydis schlüpfte hastig hinein und zog die Tür hinter sich zu.

Die Räume waren karger ausgestattet, als sie sich dies vorgestellt hatte. Keine kostbaren Teppiche an den Wänden oder auf dem Boden, kein Gemälde oder goldener Kerzenleuchter, der auf ein hochmütiges Wesen schließen ließ. Nur zwei bescheiden eingerichtete Zimmer: eines mit Bücherregalen und zwei Schreibtischen, das andere ein Schlafzimmer. Schwester Eudelines Lebensstil stand entschieden im Gegensatz zu dem offen zur Schau gestellten Luxus der Äbtissinnen bedeutender Klöster, die sich gewöhnlich wie edle Damen herausputzten, Besucher hohen Ranges empfingen und sich Haustiere hielten.

Doch die Kargheit der Räume war bestimmt nicht nur das Resultat einer inneren Haltung oder einer strengen Befolgung der Benediktsregel. Aleydis vermutete hinter dieser Strenge einen tieferen, persönlicheren Grund. Doch die Angst, die Äbtissin könne jeden Augenblick in der Tür erscheinen, verbot ihr, weitere Schlüsse zu ziehen. …