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Rainer Dabrovski - „Verknackt vergittert vergessen“

ISBN: 9-783-579-07058-2

 

Klappentext:

Berufung: »Himmelskomiker« – ein Gefängnispfarrer erzähltEin Gefängnispfarrer ist Seelsorger, Sexualtherapeut und Weihnachtsmann in einer Person, manchmal auch Vater und immer Zuhörer: für viele Häftlinge der einzige Mensch, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte sprechen können. Rainer Dabrowski erzählt von Menschen und Tragödien, die ihm in über 20 Jahren als »Himmelskomiker« begegnet sind. Er hat gelernt, die Knastsprache zu verstehen und zu akzeptieren. Gelungen ist ihm mit diesem Buch ein schnörkelloses Bild heutigen Strafvollzugs jenseits aller Klischees und Vorurteile.

 

Inhalt:

Herr Dabrovski erzählt davon, wie er zu dem Job als Gefängnispfarrer gekommen ist. Interessant wurde es dann, als er aus seiner Zeit im Knast erzählt. Und was er nicht so alles erlebt hat. Da wurde seine Sprechstunde missverstanden, er wurde reingelegt und als Schmuggler missbraucht. Man kann hier wirklich sagen, dass er mit seinen Aufgaben gewachsen ist.

 

Leseprobe:

… Mein Respekt gegenüber den Beamtinnen und Beamten war jedenfalls groß, vor ihren Tätigkeiten und den sich daraus ergebenden Belastungen. Ich weiß, dass es ihnen durchaus Probleme bereitet, dass wir die Guten und sie quasi per Amt die Bösen sind, über die man sich bei den vermeintlich guten Pfarrern beschweren konnte.

Dieser Konflikt wird sich, je mehr am Betreuungspersonal gespart wird, weiter verschärfen. Es ist zu erwarten, dass sich der Druck auf die einzelnen Kolleginnen und Kollegen derart erhöhen wird, dass diese gar nicht mehr die Zeit aufbringen können, sich einem Gefangenen gegenüber »behandlerisch«, also im Gespräch, widmen zu können.

Aber natürlich gab es auch die anderen. Die zynischen, die angefressenen, diejenigen, die innerlich längst gekündigt hatten und sich schon morgens, beim Betreten der Anstalt, vor den Gefangenen ekelten.

Oftmals zeigten gerade diejenigen der Kolleginnen und Kollegen menschliche Größe, die am häufigsten Zielscheibe des Spottes der Gefangenen und deren Besucher waren. Gerade die Frauen und Männer, die in den Pfortenbereichen des Gefängnisses arbeiteten, wurden regelmäßig von hypernervösen und hoch aggressiven Besuchern »angepampt«. Sie mussten die Besucherinnen und Besucher auf Waffen, Geld oder Drogen kontrollieren. Sehr oft fanden sie auch etwas, und wenn es nur ein »vergessener« 10-Euro-Schein im rechten Schuh war.

Gerade diese Mitarbeiter deeskalierten so manche brenzlige Situation. Regelmäßig riefen sie uns an, wenn ausländische Familienangehörige von weit her die JVA in Berlin aufsuchten, um ihren inhaftierten Kindern oder Brüdern den Tod eines Familienmitgliedes mitzuteilen. Die Angehörigen setzten sich oft ins Flugzeug, ohne sich angemeldet zu haben oder im Besitz des nötigen und genehmigten Sprechscheins zu sein.

»Pfarrer, wir haben hier einen Todesfall. Hast du Zeit?«

Kurz und schmerzlos erledigten sie die notwendige Eingangsprozedur, und ich holte die angereisten Angehörigen von der Eingangspforte ab. Man ließ mir für diese Besuche so viel Zeit, wie ich benötigte. Ich verständigte mich kurz mit den Angehörigen, wer die jeweilige Nachricht überbringen und diese dann auch aussprechen sollte. In der Regel wollten sie das selber tun. Anschließend musste ich den Inhaftierten ausfindig machen.

»Herr X, Sie haben Besuch. Kommen Sie doch bitte mit«, waren meine Worte.

Im ersten Moment freute sich der Inhaftierte, dann durchzuckte ihn der Gedanke, dass er doch gar keinen Besuch eingeladen hatte.

»Mein Papa oder meine Mutter?«, war dann oft die bange Frage. Hier half kein Leugnen. Stumm nahm ich sie in den Arm und geleitete sie in mein Büro. Dort stand nun die Familie, schwarz und in Trauer. Man umarmte sich, und irgendeiner sprach die schmerzlichen Worte aus.

Ich wich keine Sekunde von ihrer Seite, wusste ich doch nie, was sich vielleicht im Laufe der Jahre angestaut hatte und nun womöglich drohte, sich zu entladen. Die Trauerarbeit und die Reaktionen auf solche Tragödien waren je nach Herkunft der Gefangenen sehr unterschiedlich. Deutsche Inhaftierte redeten sich ihre Trauer und Anspannung förmlich von der Leber, ließen die Angehörigen kaum zu Wort kommen und landeten recht schnell wieder bei Knastthemen. Je weiter östlich der Gefangene beheimatet war, desto ruhiger fielen in der Regel seine ersten emotionalen Äußerungen aus. Man hielt sich im Arm, ohne große Worte zu machen, weinte ein wenig. Nach etwa einer Stunde aber hatten die meisten keine Kraft mehr.

»Pfarrer, ist gut, danke. Bringen Sie mich bitte zurück.«

Stunden später suchte ich sie in ihren Zellen erneut auf. Oft saßen sie einfach nur da und litten still für sich. Die meisten hatten keine Lust auf ein Gespräch. Manche baten mich, im Gottesdienst eine Kerze für das verstorbene Familienmitglied anzuzünden. Einige gingen auch sofort mit mir in die Kirche, um das zu tun und ein stilles Gebet zu sprechen.

Es waren auch für mich jedes Mal schwere Minuten, einfach nur stumm neben einem Trauernden zu sitzen, in der Gewissheit, ihn gleich wieder alleine in seiner Zelle lassen zu müssen.

Ich glaube, Todesnachrichten zu überbringen oder sie im geschlossenen Vollzug von draußen zu erhalten, geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Die Gefangenen können weder Abschied nehmen noch richtig trauern. Sie können auf keinen Menschen zurückgreifen, der sie im Arm hält, falls die Erinnerung und die Trauer sie übermannt. Ihr Leben geht einfach schonungslos weiter, wird durch nichts anderes als den Tegler Trott unterbrochen.

Wurden die Beamten, auf Nachfrage und Zustimmung des Gefangenen, erst einmal eingeweiht, zeigten sie in der Regel viel Verständnis und ermöglichten durch kleine Gesten so etwas wie das Erfahren von Anteilnahme. Da wurde schon einmal während der »Zählzeit« die Zelle offen gelassen, um dem Trauernden zu ermöglichen, mit seinen Angehörigen telefonieren zu können. Auch bat man beim Pfarrer oder dem Sprechzentrum um Sondersprechstunden, damit die Angehörigen noch einmal ihren Sohn sehen konnten. Oftmals durfte der Trauernde auch in einem Beamtenbüro sitzen, bloß damit er aus seiner Zelle herauskam. Ich selber verteilte für die Nacht großzügig Tabak und gab dem Spätdienst zur Sicherheit noch etwas davon ins Büro. An Schlaf war für die meisten sowieso nicht zu denken.

Einmal brachten die Beamten einen jungen palästinensischen Inhaftierten in mein Büro, dies mit der Frage, ob er einmal dringend telefonieren dürfte. Auslandsgespräche waren nämlich nicht von den Diensttelefonen aus möglich. Nur dem Pfarrer wurde dies eingeräumt.

Ich hielt gerade eine Sprechstunde ab, ein junges Paar war in ein Gespräch vertieft. Doch sie hatten nichts dagegen einzuwenden, zumal es sich um verschiedene Nationalitäten und somit um unterschiedliche Sprachen handelte.

Ich kannte den jungen arabischen Gefangenen, seine Familie lebte in einem Lager im Libanon, und ich musste ihm leider vor einigen Monaten mitteilen, dass seine Schwester verstorben war.

Er rief also nach Beirut an und wurde nach einem kurzen Gespräch fürchterlich blass. Äußerst fahrig legte er den Hörer auf.

»Herr Pfarrer«, sagte er, »diesmal ist mein kleiner Bruder gestorben. Ich halte das nicht mehr aus, ich häng mich jetzt weg.« Er eilte zur Tür, um sich von dem Beamten zurück in seine Zelle bringen zu lassen.

Was sollte ich tun? Ich konnte ja aufgrund der Sprechstunde mein Büro nicht verlassen. In der Tür drehte sich der junge Palästinenser zu mir nochmals um und ermahnte mich:

»Sie haben ja Schweigepflicht!«

Ich ließ ihn laufen in der Gewissheit, dass er sich in den nächsten Minuten wirklich etwas antun würde. Der offizielle Werdegang wäre eine sofortige Benachrichtigung des zuständigen Beamten. Der würde dann Alarm auslösen und den Inhaftierten in einen besonders gesicherten Haftraum (Gummizelle) bringen lassen, wo man ihn mit Handfesseln fixieren würde, damit er um die technische Möglichkeit gebracht wurde, sich etwas anzutun. Aufgrund meiner Schweigepflicht kam dies für mich nicht infrage. Auch mein letzter Arbeitstag im Knast wäre damit eingeläutet worden.

Zum Glück brachte das in meinem Büro sitzende Pärchen viel Verständnis auf. Wir brachen die Sprechstunde ab, und ich hastete auf die Zelle des Jungen. Zum Glück saß er da, zwar in tiefer Trauer und weinend, aber er lebte! Das sprichwörtliche Häufchen Elend, aber besser als anders ...

Wir verbrachten in seiner Zelle so viele Stunden zusammen, dass es schon auffiel. Aber was blieb mir anderes übrig? Zum Schluss gab er mir das halbherzige Versprechen, sich nichts anzutun. Wir hatten beide eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen eilte ich nach dem Betreten der Anstalt sofort wieder in seine Zelle, das Schlimmste erwartend. Er kam auf mich zu, blass und übernächtigt, und umarmte mich kurz mit einer Entschuldigung auf den Lippen:

»Ich ahne, wie es Ihnen heute Nacht erging, Pfarrer. Aber Sie müssen mich auch verstehen. In den Libanon darf ich als Flüchtling nie mehr zurück. Jahr für Jahr kann ich nur darauf warten, dass wieder irgendeiner stirbt ...«

Ich habe diesen Fall später einem Kirchenjuristen anonym geschildert, um herauszufinden, was für Konsequenzen mein Verhalten gehabt hätte. Die Antwort:

»Hätten Sie sich einer Schweigepflicht-Verletzung schuldig gemacht, hätten wir ein Verfahren zur Amtsenthebung anstrengen müssen. Umgekehrt aber, im Fall eines Suizides, hätte die Anstalt Sie wegen unterlassener Hilfeleistung anzeigen müssen. Sie hätten verurteilt und inhaftiert werden können. Aber keine Angst, wir hätten Sie dort besucht!«

Eine anderes Aufgabenspektrum tat sich mit der Weiterbildung auf. Eine Vollzugsanstalt könnte man nämlich auch als eine große Bildungseinrichtung verstehen. Viele ausländische Inhaftierte lernten hier zum ersten Mal schulisches Deutsch und legten ihren Gassenslang ab, den sie zwangsläufig mit der deutschen Sprache verwechseln mussten.

Andere holten Schulabschlüsse nach, sozusagen als Türöffner in eine völlig neue Welt. Sie erlernten handwerkliche Berufe, vom Koch bis hin zum KFZ-Mechatroniker. Sie wurden Elektriker und behoben einen Teil der Kurzschlüsse des eignen Lebens. …