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P.C. Cast und Kristin Cast - „Verbrannt“

House of Night Band 7

ISBN: 9-783-596-19061-4

 

Klappentext:

Die tragischen Ereignisse beim Treffen des Hohen Rates in Venedig haben Zoey fast zerstört. Ihr Körper atmet zwar noch, doch ihre Seele ist bereits auf dem Weg in die Anderwelt. Stark, ihr Krieger und Beschützer, scheint der Einzige zu sein, der sie noch einmal zurückholen könnte. Doch dafür müsste er sterben. Auch ihre beiden Freundinnen Stevie Rae und Aphrodite könnten helfen. Warum zögern sie?

 

Inhalt:

Der Unterricht im House of Night ruht. Zu schrecklich sind die Folgen des Kampfes gegen Kalona. Ein teil der roten Jungvmapyre ist dem Bösen anheim gefallen. Ein Teil der Schüler mussten ihre Leben lasen und Zoey schwebt zwischen Leben und Tot. Ihre Seele ist zersplittert und muss aus der Anderwelt geholt werden.

Steve Rae beschwört den weißen Stier, ohne zu wissen, dass er böse ist. Sie lässt dabei um Haaresbreite ihr Leben. Doch sie kann Stark helfen, der Zoey aus der Anderwelt holen will.

Stark macht sich auf, um Zoey zurück zu holen. Wohl wissend, dass auch sein Leben dabei am seidenen Faden hängt. aber es hängt nicht nur sein Leben daran, sondern das Schicksal aller.

 

Leseprobe:

… In dem Wort allein steckte solche Panik, dass Kalona das Herz gefror. Er ließ den leblosen Körper des Jungen fallen und wirbelte herum, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Zoey auf ihn zustürmte. Ihre Blicke trafen sich. In dem ihren sah er verzweifelten Unglauben. Er versuchte, Worte zu finden, mit deren Hilfe sie es begreifen könnte – mit deren Hilfe sie ihm vielleicht vergeben würde. Aber nichts, was er sagte, hätte ungeschehen machen können, was sie gesehen hatte, und selbst wenn er das Unmögliche hätte möglich machen können, es blieb keine Zeit dazu.

Zoey schmetterte ihm die geballte Macht des Elements Geist entgegen.

Es traf den Unsterblichen mit einer Kraft, die über das rein physische Maß hinausging. Geist war seine Essenz, sein Kern, das Element, das ihn jahrhundertelang genährt hatte, mit dem er am vertrautesten war und das ihm die größte Macht verlieh. Zoeys Angriff durchbohrte ihn wie ein gleißender Pfeil und schleuderte ihn mit solcher Kraft in die Luft, dass er über die hohe Mauer geworfen wurde, die die Insel der Vampyre vom Golf von Venedig trennte. Eisiges Wasser schlug über ihm zusammen, erstickte ihn. Einen Augenblick lang war der Schmerz so betäubend, dass Kalona nicht dagegen ankämpfte. Vielleicht sollte er diesem aufreibenden Kampf um das Leben mit all seinem Drum und Dran ein Ende setzen. Vielleicht sollte er sich wie schon einmal von ihr besiegen lassen. Aber kaum kam ihm der Gedanke, da spürte er es. Zoeys Seele zerbarst – und so sicher wie sein Fall ihn von einer Welt in eine andere gebracht hatte, verließ ihr Geist das Reich des Diesseits.

Diese Erkenntnis traf ihn viel bitterer als ihr Angriff.

Nicht Zoey! Ihr hatte er nie ein Leid zufügen wollen. Durch alle Intrigen Neferets hindurch, im Angesicht aller Pläne und Machenschaften der Tsi Sgili hatte er sich an dem Wissen festgeklammert, dass er, komme, was wolle, seine enorme Macht als Unsterblicher einsetzen würde, um Zoey zu beschützen, denn schlussendlich war sie das, was in dieser Welt Nyx am nächsten kam – und diese Welt war die einzige, die ihm geblieben war.

Er kämpfte nun doch gegen Zoeys Angriff an. Während er seinen muskulösen Körper der Umklammerung der Wellen entwand, erfasste er schlagartig die ganze Wahrheit. Seinetwegen war Zoeys Geist entflohen, und das bedeutete, sie würde sterben. Mit seinem ersten Atemzug stieß er einen wilden Schrei der Verzweiflung aus, der ein Echo ihres letzten Wortes zu sein schien: »Nein!«

Hatte er wirklich geglaubt, er könnte seit seinem Fall keine richtigen Gefühle mehr entwickeln? Ein Narr war er gewesen, sich so unglaublich zu irren! Während er schlingernd dicht über der Wasseroberfläche dahinflog, tobten Gefühle in ihm, kratzten an seinem bereits verwundeten Geist, wüteten gegen ihn, schwächten ihn, brachten seine Seele zum Bluten. Sein Blick verschwamm und drohte, sich zu verfinstern. Er kniff die Augen zusammen, um am Rande der Lagune die Lichter erkennen zu können, die Land verhießen. Dorthin würde er es niemals schaffen. Er hatte keine Wahl – ihm blieb nur der Palast. Er nahm seine letzten Kraftreserven zusammen und schraubte sich durch die eisige Luft höher, bis er die Mauer überwinden konnte. Dahinter brach er auf der eisigen Erde zusammen.

Er wusste nicht, wie lange er dort in der kalten, friedlosen Finsternis lag und in seiner erschütterten Seele der Aufruhr tobte. Irgendwo weit hinten in seinem Verstand begriff er, dass das, was ihm zugestoßen war, nichts Unvertrautes war. Er war wieder einmal gefallen - diesmal eher geistig denn körperlich, obgleich auch sein Körper ihm nicht mehr zu gehorchen schien.

Schon ehe sie sprach, war er sich ihrer Gegenwart bewusst. So war es von Anfang an zwischen ihnen gewesen, ob er es sich wirklich gewünscht hatte oder nicht. Sie waren schlicht in der Lage, einander wahrzunehmen.

»Du hast zugelassen, dass Stark Zeuge wurde, wie du den Jungen getötet hast!« Neferets Ton war noch eisiger als das winterliche Meer.

Kalona drehte den Kopf, um mehr von ihr sehen zu können als nur das Vorderteil ihres Stilettostiefels, und er blinzelte, weil sein Blick noch immer benebelt war. Seine Stimme war ein tonloses Krächzen. »Unglücklicher Zufall. Zoey hätte nicht da sein dürfen.«

»Unglückliche Zufälle darf es nicht geben. Und dass sie da war, interessiert mich nicht. Tatsächlich kommt uns das Ergebnis dessen, was sie gesehen hat, sehr gelegen.«

»Du weißt, dass ihre Seele zersprungen ist?« Die Wirkung, die Neferets eisige Schönheit auf ihn hatte, war Kalona noch verhasster als die unnatürliche Schwäche seiner Stimme und die merkwürdige Lethargie seines Körpers.

»Ich würde sagen, die meisten Vampyre auf der Insel dürften es wissen. Wie bei Zoey üblich, war ihr Geist nicht gerade diskret darin, sich zu verabschieden.« Sie tippte sich nachdenklich mit dem langen scharfen Fingernagel ans Kinn. »Ich frage mich allerdings, wie viele der Vampyre gespürt haben, welch einen Schlag dir das Gör noch in allerletzter Sekunde verpasst hat.«

Kalona schwieg. Er bemühte sich mit aller Kraft, die zerfaserten Enden seines aufgeriebenen Geistes wieder zu festigen, aber die Präsenz der Erde, auf der sein Körper lag, war zu erdrückend, und ihm fehlte die Kraft, sich geistig nach oben zu recken und seine Seele aus den flüchtigen Fragmenten der Anderwelt zu nähren, die dort drifteten.

»Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand von ihnen gespürt hat«, fuhr Neferet in kühlem, berechnendem Ton fort. »Niemand von ihnen ist der Finsternis –dir – so tief verbunden wie ich. Ist das nicht so, mein Geliebter?«

»Unsere Verbindung ist einzigartig«, gelang es Kalona zu krächzen, doch plötzlich wünschte er, die Worte wären nicht wahr.

»In der Tat …« Sie schien noch immer in Gedanken versunken. Dann weiteten sich ihre Augen in einer neuen Erkenntnis. »Ich habe mich schon lange gefragt, wie es A-ya gelungen ist, dich, einen körperlich so starken Unsterblichen, derart zu verwunden, dass diese lächerlichen Cherokee-Hexen dich in die Falle locken konnten. Ich denke, die kleine Zoey hat mir gerade die Antwort geliefert, die du so sorgfältig vor mir verborgen hieltest. Dein Körper kann sehr wohl beschädigt werden – aber nur durch deinen Geist. Ist das nicht faszinierend?«

»Das wird wieder heilen.« Er legte so viel Kraft wie möglich in seine Stimme. »Bring mich nach Capri auf unsere Festung, aufs Dach, dem Himmel so nahe wie möglich, dann werde ich wieder zu Kräften kommen.«

»Das würdest du sicherlich – wenn ich die Absicht hätte, es zu tun. Aber ich habe andere Pläne, Geliebter.« Neferet reckte die Arme über ihn. Während sie weitersprach, woben ihre langen Finger komplizierte Muster in die Luft, wie bei einer Spinne, die ihr Netz spann. »Ich werde nicht zulassen, dass sich Zoey jemals wieder in unsere Angelegenheiten mischt.«

»Eine zerborstene Seele ist ein Todesurteil. Zoey stellt keinerlei Gefahr mehr für uns dar«, sagte er und folgte mit den Augen Neferets Bewegungen. Sie sammelte eine klebrige Finsternis um sich, die er nur zu gut kannte. Er hatte viele Menschenleben damit verbracht, diese Finsternis zu bekämpfen, um sich schließlich ihrer kalten Macht zu ergeben. Vertraut und rastlos pulsierte sie unter Neferets Fingern. Wie das Echo eines Todesstoßes schallte ein Gedanke durch seinen matten Geist:  Sie sollte nicht in der Lage sein, die Finsternis so offenkundig zu beherrschen. Über solche Macht sollte eine Hohepriesterin nicht verfügen.

Aber Neferet war nicht mehr nur eine Hohepriesterin. Vor einiger Zeit hatte sie die Grenzen jenes Daseins überschritten, und es bereitete ihr keine Mühe, die sich windende Schwärze unter Kontrolle zu halten.

Sie ist auf dem besten Weg, unsterblich zu werden, erkannte Kalona, und mit dieser Erkenntnis gesellte sich ein weiteres Gefühl zu der Reue, Verzweiflung und Wut, die bereits in dem gefallenen Krieger der Nyx wühlten: Angst.

»Ja, man sollte denken, es sei ein Todesurteil«, sagte Neferet ruhig, während sie mehr und mehr der tintigen Stränge zu sich zog, »aber Zoey hat die schrecklich lästige Angewohnheit zu überleben. Diesmal will ich ganz sichergehen, dass sie stirbt.«

»Zoeys Seele hat aber auch die Angewohnheit, wiedergeboren zu werden«, sagte er, in der Hoffnung, Neferet würde den Köder schlucken und sich ablenken lassen.

»Dann werde ich sie jedes Mal aufs Neue vernichten!« Durch den Zorn, den seine Worte bei ihr auslösten, verstärkte sich ihre Konzentration nur noch. Die Schwärze, die sie spann, verdichtete sich und wand sich in der Luft, aufgebläht vor Macht.

»Neferet.« Er versuchte, zu ihr durchzudringen, indem er ihren Namen aussprach. »Ist dir eigentlich gänzlich bewusst, was du da zu beherrschen versuchst?«

Sie sah ihn an, und zum ersten Mal bemerkte Kalona den leichten Hauch von Scharlachrot in ihren dunklen Augen. »Natürlich ist mir das bewusst. Es ist, was geringere Wesen das Böse nennen.« …