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P.C. Cast und Kristin Cast - „Verloren“

House of Night Band 10

ISBN: 9-783-104-02318-2

 

Klappentext:

Band 10 der erfolgreichsten Vampyr-Serie aller Zeiten Das Chaos regiert im House of Night Die Mächte der Finsternis gehorchen jetzt Neferet. Aber sie fordern einen hohen Preis aus Blut, Schmerz und Tod. Das Böse ist eben unersättlich. Neferet ist nicht mehr länger Hohepriesterin im House of Night in Tulsa. Nachdem sie sich ganz dem Bösen verschrieben hat, muss sie die Schule verlassen. Doch sie geht nicht, ohne eine Schneise der Verwüstung zu hinterlassen. Zoey und ihre Freunde wissen, dass die Schule nur dann weiterbestehen kann, wenn jetzt alle zusammenhalten. Denn Neferet wird mit allen Mitteln ihr Ziel weiter verfolgen: Sie will Zoey töten. Und mit Hilfe von Aurox könnte ihr das auch gelingen. Doch Zoey glaubt, in Aurox ihren Menschenfreund Heath entdeckt zu haben. Kann das sein? Er ist doch Neferets Werkzeug. Oder etwa nicht? Zoeys Grandma scheint ihm zu vertrauen...

 

Inhalt:

Neferet ist endlich offiziell entlarvt. Sie wird aus dem Schuldienst entlassen. Dafür will sie aber die Menschen auf ihre Seite ziehen, um die Welt endlich in das große Chaos zu stürzen, aus dem sie sich nähren will. Dazu will sie bei Zoey anfangen. Sie entführt ihre Großmutter um sie langsam und qualvoll ums Leben zu bringen.

Zoey ihre Welt scheint in Ordnung. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie von der Entführung Wind bekommt. Kalona hat ihr gesagt, dass sie erwachsen werden soll. Aber nun muss es plötzlich ganz schnell gehen, wenn sie das Leben ihrer Großmutter retten will.

 

Leseprobe:

...Aurox wich vor ihnen zurück. Ihr Gestank war fast unerträglich, ihre blicklosen Gesichter schrecklich anzusehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Furcht stieg in ihm auf, und die Bestie regte sich. Waren diese Dinger ihm als Strafe für die Taten gesandt worden, die er in Neferets Diensten begangen hatte? Aurox begann, die Bestie mit einem Teil seiner eigenen Furcht zu nähren – so ungern er sie erwachen ließ, er würde eher kämpfen, als sich der schwirrenden Flut der Bosheit zu ergeben, die ihn zu verschlingen drohte.

Doch er wurde nicht verschlungen. Langsam schwankten die Gestalten in einem Strudel aus Magie aufwärts. Je höher sie stiegen, desto schneller bewegten sie sich. Es schien, als seien sie gerufen worden und erwachten erst nach und nach aus langem Schlaf.

Aurox’ Furcht ebbte ab, und die Bestie in ihm zog sich zurück. Nicht ihn wollten diese Wesen. Sie schenkten ihm keinerlei Aufmerksamkeit. Als der untere Zipfel des Strudels erreicht war – ein schwarzer übelriechender Dunst –, streckte er, ohne zu wissen, was ihn dazu trieb, die Hand aus und strich hindurch.

Da wurde seine Hand Teil des Dunstes, als wäre sie aus derselben Substanz gemacht. Ohne dass er den Strudel überhaupt gespürt hätte, schien dieser seine Hand aufgelöst zu haben. Mit weit aufgerissenen Augen wollte er sie wieder wegziehen, aber sie war nicht mehr da. Er hatte keine Hand mehr. Und dann erkannte er erschüttert, dass der Dunst sich weiter in ihn hineinzufressen begann. Hilflos sah Aurox zu, wie sein Unterarm verschwand, sein Oberarm, seine Schulter. Er versuchte, die Bestie zu wecken, sich der Macht zu bedienen, die in ihm schlummerte, doch der Dunst dämpfte seine Gefühle – betäubte ihn im gleichen Maße, wie er ihn unwiderstehlich anzog. Und als sein Kopf sich auflöste, wurde er ganz zu dem Dunst. Kein Gefühl existierte mehr außer einer unendlichen Sehnsucht – einem unerfüllten Wollen – einem unerbittlichen Drang. Wonach? Er hätte es nicht sagen können. Alles, was er wusste, war, dass Finsternis ihn umschloss und auf einer Woge der Verzweiflung davontrug.

Aber ich muss mehr sein als das!, dachte er panisch. Ich muss doch mehr sein als Dunst und Sehnsucht, Finsternis und die Bestie! Doch es schien, als sei da nicht mehr. Voller Verzweiflung erkannte er die Wahrheit. Er war all dies und zugleich nichts davon. Er war nichts … überhaupt nichts …

Irgendwo ertönte ein Würgen. Fast war es, als käme es von ihm. Als wäre sein Körper doch noch irgendwo und rebellierte gegen das, was geschah. Dann sah er sie.

Dort stand Zoey. Sie hielt den weißen Stein vor sich ausgestreckt. Genau wie in der Nacht zuvor, bei dem Ritual, bei dem er versucht hatte, sich anders zu entscheiden, das Richtige zu tun.

Er spürte, wie der Dunst sich verlagerte. Auch er wurde Zoeys gewahr.

Er würde auch sie absorbieren.

Nein!, schrie sein Geist tief in ihm auf. Nein!, echote sein Verstand den Ruf. Während er Zoey ansah, begann er, etwas anderes zu empfinden als Verzweiflung. Er spürte ihre Angst und ihre Kraft. Ihre Entschlossenheit und ihre Schwäche. Und ihm wurde etwas bewusst, was ihn überraschte. Zoey fühlte sich, was sie selbst und ihren Platz in der Welt anging, ebenso unsicher wie er. Sie sorgte sich darum, ob sie immer den Mut haben würde, das Richtige zu tun. Sie stellte ihre Entscheidungen in Frage und schämte sich, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Manchmal fühlte sich selbst Zoey Redbird, Liebling ihrer Göttin, wie eine Versagerin und war kurz davor, aufzugeben.

Genau wie er.

Da durchströmten ihn Mitgefühl und Verständnis, und mit ihnen überflutete ihn eine Woge weißglühender Macht. In einem grellen Blitz ließ der zerfallende Strudel ihn frei, und er fiel und befand sich im nächsten Moment wieder fest und sicher in seinem Körper. Am ganzen Leibe heftig zitternd rang er nach Luft.

Doch er ruhte sich nicht lange aus. Noch schwach und bebend machte er sich daran, durch das Labyrinth der knorrigen Wurzeln nach oben zu klettern. Langsam zog er sich aufwärts, dem Rand der Grube entgegen. Er brauchte sehr lange. Als er endlich oben war, blieb er zunächst ganz still und lauschte.

Da war nichts als der Wind.

Im Schutz des zersplitterten Stammes richtete er sich auf. Zoey war fort. Er sah sich um. Sofort wurde sein Blick von einem gewaltigen Berg aus Balken und Brettern angezogen, dessen Spitze eine in ein Tuch gehüllte Gestalt bildete. Obwohl das gesamte House of Night darum herumzustehen schien, war Aurox sofort klar, worum es sich handelte. Das ist Dragon Lankfords Scheiterhaufen, war sein erster Gedanke. Sein zweiter war: Ich habe ihn getötet. Der düstere Anblick zog ihn ebenso an wie die Verzweiflung, die er in dem magischen Dunst gespürt hatte.

Es war nicht schwer, sich an das Rund aus Vampyren und Jungvampyren heranzuschleichen. Unter ihnen standen zwar weithin sichtbar bewaffnete Söhne des Erebos, doch jedermanns Aufmerksamkeit war auf die Mitte des großen Kreises gerichtet, wo der Scheiterhaufen stand.

Verstohlen pirschte er sich im Schatten der großen alten Eichen heran, bis er nahe genug war, um zu verstehen, was Thanatos sagte. Dann holte er Schwung, sprang ab, packte einen tiefhängenden Ast und zog sich hoch. Er kletterte bis an den Rand der Krone, von wo er einen ungehinderten Blick auf das makabre Schauspiel hatte.

Thanatos hatte soeben den Kreis vervollständigt. Aurox sah, dass die vier äußeren Elementkerzen von Vampyrlehrern gehalten wurden. Er erwartete, in der Kreismitte am Scheiterhaufen Zoey zu sehen, doch zu seiner Überraschung war es Thanatos selbst, die in einer Hand die violette Geistkerze hielt. In der anderen trug sie eine große Fackel.

Wo war Zoey? Hatten die Kreaturen des Dunstes sie mitgenommen? Hatten sie sich deshalb zerstreut? Fieberhaft suchte er mit den Blicken den Kreis ab. Schließlich fand er Zoey neben Stark, umgeben von ihren Freunden. Sie sah traurig, aber unverletzt aus. Aufmerksam folgte sie Thanatos’ Worten. Abgesehen davon, dass sie den Tod des Schwertmeisters betrauerte, schien alles in Ordnung mit ihr zu sein. Vor Erleichterung wurde Aurox so schwach zumute, dass er fast den Halt verloren hätte.

Einen langen Moment musterte er sie. Sie hatte diesen inneren Konflikt in Gang gesetzt, der ihn beschäftigte. Warum? Sie war ihm fast ein ebensolches Rätsel wie die Gefühle, die sie in ihm geweckt hatte.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Thanatos zu. Sie schritt ruhig den Rand des Elementkreises ab und sprach in solch warmem Ton, dass selbst seine aufgeriebenen Nerven sich beruhigten.

»Unser Schwertmeister starb, wie er gelebt hatte – als Krieger, seinem Eid treu, ebenso wie seinem House of Night und seiner Göttin. Doch vor einer Tatsache dürfen wir nicht die Augen verschließen. Sosehr wir sein Dahinscheiden bedauern, wir müssen uns eingestehen, dass er ohne seine Gemahlin, unsere liebe Anastasia, nur noch eine Hülle seiner selbst war.« Aurox spähte zu Rephaim. Er wusste, dass dieser noch als Rabenspötter Anastasia Lankford getötet hatte. Welche Ironie, dass der Schwertmeister gestorben war, um ihn zu beschützen. Und wie viel größere Ironie lag darin, dass der Junge mit tränenüberströmtem Gesicht offen über Dragons Tod weinte.

»Der Tod war gütig zu Dragon Lankford. Nicht nur gewährte er ihm, als Krieger zu sterben, sondern führte ihn auch der Göttin zu. In Nyx sind Dragon Lankford und seine Liebste nun wieder verbunden, ebenso wie die hellleuchtenden Geister ihrer beiden vertrauten Katzen Shadowfax und Guinevere.«

Ihre Katzen sind auch gestorben? Aber es waren doch keine Katzen bei dem Ritual. Verwundert musterte Aurox den Scheiterhaufen. Nun, da er genau hinsah, erkannte er tatsächlich zu beiden Seiten des gefallenen Kriegers je ein kleines verhülltes Bündel.

Genau vor Zoey hielt Thanatos in ihrem Schritt inne. Die Hohepriesterin lächelte die Jungvampyrin an. »Da dir, Zoey Redbird, die Gnade zuteil wurde, die Anderwelt zu betreten und zurückzukehren, sag uns, was regiert dort vor allem anderen?«

»Liebe«, sagte Zoey ohne Zögern. »Liebe, auf immer und ewig.«

»Und du, James Stark? Was ist dir in der Anderwelt begegnet?«, fragte Thanatos den jungen Krieger, der Zoey den Arm um die Schultern gelegt hatte.

»Liebe«, entgegnete er mit klarer, kräftiger Stimme. »Nur Liebe.«

»Und dies ist die Wahrheit.« Thanatos nahm ihren Weg am Kreis entlang wieder auf. »Auch meine Nähe zum Tod hat mir Einblicke in die Anderwelt gewährt. Doch was ich sehen durfte, hat mich gelehrt, dass die Liebe uns zwar erhalten bleibt, wenn wir von einem Reich ins nächste überwechseln, aber nicht in Ewigkeit bestehen kann, wenn sie nicht mit Edelmut gepaart ist – ebenso wie das Licht nicht ohne Hoffnung und die Finsternis nicht ohne Hass bestehen könnten. In Kenntnis dieser Tatsache möchte ich euch alle bitten, weitherzig und gnädig unseren neuen Schwertmeister und Anführer der Söhne des Erebos willkommen zu heißen, meinen eidgebundenen Krieger Kalona!« …