ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Linda Winterberg - „Das Haus der verlorenen Kinder“

ISBN: 9-783-746-63220-9

 

Klappentext:

Nimmt man einer Mutter ihr Kind … Norwegen, 1942: In dem kriegsgebeutelten Land verlieben sich Lisbet und ihre Freundin Oda in die falschen Männer – in deutsche Besatzungssoldaten. Die verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden Frauen drohen alles zu verlieren: ihre Familien, ihre Geliebten – und die Kinder, die sie erwarten. Nach der Geburt werden sie ihnen von den Deutschen genommen. Erst lange Zeit später, als die junge Deutsche Marie in Wiesbaden einer besonderen alten Dame namens Betty begegnet, findet sich ihre Spur. Eine dramatische Geschichte um zwei junge Frauen in Norwegen im Zweiten Weltkrieg, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht Mit einem Nachwort und einem Anhang zu den historischen Hintergründen

 

Inhalt:

Lisbet und Oda leben in Norwegen. Ihre Welt ist in Ordnung, bis der Krieg auch in ihr kleines Dorf kommt. Deutsche Soldaten wurden in den Privathäusern einquartiert. Oda und Lisbet sind jung und es liegt in der Natur der Sache, dass Liebschaften entstehen. Doch den so genannten "Deutschenmädchen" ergeht es nicht unbedingt gut.

Marie macht ein freiwilliges soziales Jahr im Haus Sonnenschein. Am liebsten umgibt sie sich mit Betty. Doch das Haus, in dem nun ein Altersheim untergebracht ist, hat eine zweifelhafte Geschichte. Marie stolpert fast unabsichtlich in eine Vergangenheit mit Krieg, Hoffnungen und Enttäuschungen und dem so genannten Lebensborn. - Eine zweifelhafte Vergangenheit, die mit ihrem Schicksal zu tun hat.

 

Leseprobe:

… Auf dem Ofen in der Ecke stand der Topf mit dem Haferbrei. Morgen war Heiligabend, dachte sie bei seinem Anblick traurig. Papa hatte sich jedes Jahr wie ein kleiner Junge auf das Fest gefreut und war jedes Mal enttäuscht gewesen, wenn nicht er derjenige war, der die Mandel im Haferbrei gefunden hatte. Lisbets Blick wanderte in die leere Wohnstube. Dort am Fenster hatte immer ihr Weihnachtsbaum gestanden, den sie in den Wäldern oberhalb des Dorfes geholt hatten. Der Platz wirkte trostlos und leer, irgendwie unvollkommen.

»Ich weiß. Du würdest nicht wollen, dass wir kein Weihnachten feiern«, sagte sie laut zu sich. »Doch für den Baum ist es schon reichlich spät. Gleich wird es dunkel, und bis in den Wald werde ich es nicht mehr schaffen.« Sie schwieg einen Moment, als würde er Antwort geben, dann nickte sie seufzend. »Du hast ja recht. Eine Stunde Tageslicht hab ich noch. Das reicht, um den Hügel hinaufzukommen. Aber ein großer Baum wird es nicht werden. Sind ja nur Mama und ich.« Sie stockte. »Nur Mama und ich«, wiederholte sie mit Tränen in den Augen. »Was soll denn jetzt ohne dich werden? Mama, wie soll sie allein zurechtkommen?« Lisbet kannte die Antwort auf ihre Fragen. Sie sollte zurückkommen und ihre Mutter unterstützen. Irgendeine Anstellung würde sich in Farsund schon finden, vielleicht sogar in dem kleinen Buchladen, den sie so liebte. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Alles wirkte so vertraut. Die Möbel, das Ticken der Küchenuhr, der alte Holzofen in der Ecke, die vielen Schöpfkellen und Löffel, die darüber hingen. Die handgenähten Vorhänge vor den winzigen Fenstern, die silbernen Kerzenständer und die alte Stehlampe, die sich die Fensterbank teilten. Und trotzdem fühlte es sich plötzlich anders an. Es war noch ihr Zuhause und doch nicht mehr dasselbe. Sie verstand, dass sie nicht mehr zurückkommen könnte, auch nicht für eine Weile. Sie war die Treppe ihres Lebens ein Stück weiter hinaufgeklettert und hatte die Geborgenheit ihrer Kindheit hinter sich gelassen. Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Erneut wanderte ihr Blick zu der leeren Stelle in der Wohnstube, und sie fragte in die Stille: »Du denkst also wirklich, ich sollte einen Baum holen?«

Sie lauschte in den Raum, doch nur das Ticken der Küchenuhr antwortete ihr. Trotzdem stand sie auf. »Vielleicht hilft es Mama. Ein kleiner Baum wird reichen, um ihr eine Freude zu machen.«

Entschlossen schlüpfte sie in ihre Stiefel, zog ihren alten Wollmantel, Handschuhe und Mütze an und verließ das Haus.

Draußen empfing sie eisige Kälte, und ein böiger Wind trieb vereinzelte Schneeflocken vor sich her. Sie stapfte durch den Schnee zum Schuppen, holte einen kleinen Karren und eine Axt heraus und machte sich auf den Weg die menschenleere Dorfstraße hinunter. An Odas Haus blieb sie einen Moment stehen und blickte sehnsüchtig zu den brennenden Kerzen im Fenster. Das Haus war so vertraut, und doch kam es ihr verändert vor. Es waren nur wenige Monate gewesen, die die Welt auf den Kopf gestellt hatten, und niemand würde daran etwas ändern oder die Zeit zurückdrehen können. Sie ging weiter. Die Straße war vor kurzem geräumt worden, dennoch hatte sich schon wieder eine dünne Schneeschicht gebildet. An der einen oder anderen Stelle war es eisig, und sie musste achtgeben, wo sie hintrat. Als sie wenig später den Hügel mit dem vertrauten Lieblingsplatz  erreichte, blieb sie stehen, wischte den Schnee vom Felsen, setzte sich für einen kurzen Moment und blickte über den im dämmrigen Licht versunkenen Schärengarten. Er sah so friedlich aus – als gäbe es keinen Krieg, keine Unfälle, kein Unglück auf der Welt. Die weißen Häuser Loshavns mit ihren beleuchteten Fenstern und die auf dem Wasser schaukelnden Boote gehörten zu der vermeintlich sicheren Welt hinter dem Hügel.

»Und wenn uns die Welt zu viel wird, ob hier oder in Oslo, dann gehen wir nach Hause. Zurück hinter den Hügel, zu unserem Felsen. Fest versprochen«, wiederholte Lisbet leise Odas Worte, schlang die Arme um den Körper und erhob sich wieder. Heute war ihr die Welt zu viel geworden, und sie war ein Stück weit auseinandergebrochen, selbst hinter dem Hügel.

»Du fehlst mir so«, sagte Lisbet. »Ich vermisse dich.« Sie blickte aufs Meer hinaus. Entfernt war der Ruf einer Lachmöwe zu hören. »Ach, Oda.« Lisbet schüttelte den Kopf. »Gerade heute hätte ich dich gebraucht. Gewiss wärst du jetzt an meiner Seite, würdest mit mir den Baum holen und ihn dann schmücken. Mit einem Mal fühlt sich das alles so anders an, als wäre ich nur Gast in meiner Heimat und gehörte nicht mehr dazu. Du würdest verstehen, was ich meine.«

»Ich verstehe es auch«, sagte eine Stimme hinter ihr. Verwundert drehte sich Lisbet um. Elen stand vor ihr.

»Ich wollte eigentlich nur ein bisschen frische Luft schnappen«, erklärte sie ihre Anwesenheit. »War alles ein bisschen viel heute, findest du nicht auch?«

Lisbet nickte. »Ein bisschen sehr viel sogar.«

Elens Blick fiel auf den kleinen Karren.

»Ich dachte, Mama würde sich vielleicht über einen Baum freuen«, sagte Lisbet. »Papa hätte es so gewollt. Da bin ich mir sicher.«

»Ja, das hätte er«, erwiderte Elen lächelnd. »Im ganzen Dorf gibt es niemanden, der so verrückt nach Weihnachten ist wie er. Wenn es dir recht ist, dann begleite ich dich. Ich kenne eine Stelle, nicht weit von hier, da wachsen ganz entzückende kleine Bäumchen.«

»Gern«, sagte Lisbet erleichtert, griff nach dem Karren und wollte losgehen, doch Elen hielt sie am Arm zurück.

»Was hast du damit gemeint, als du sagtest: ›Wenn uns die Welt zu viel wird, ob hier oder in Oslo‹?«

Oda blickte Elen erstaunt an.

»Ich stand schon eine ganze Weile hinter dir«, entschuldigte sich Elen verlegen lächelnd.

Lisbet suchte nach Worten für eine Erklärung, doch Elen kam ihr zuvor.

»Du bist auch eines von diesen Mädchen, nicht wahr? Oda hat nie etwas gesagt, aber ich habe es mir gedacht. Ich meine, weshalb hättest du sonst nach Kristiansand gehen sollen? Es ist der junge Mann, der bei euch im Haus gewohnt hat, Erich ist sein Name, nicht wahr? Er sah nett aus.«

Lisbet nickte erleichtert. Es war, als hätte Elen eine große Last von ihren Schultern genommen.

»Ich wollte es nicht. Oda und ich, wir wollten es beide nicht. Selbst in Kristiansand wollten wir es beenden. Doch es hat nicht funktioniert.«

»Die Liebe sucht sich selten den einfachen Weg«, erwiderte Elen seufzend. Die beiden setzten sich in Bewegung. »Auch bei Pedder und mir war es kompliziert. Meine Eltern hätten es lieber gesehen, wenn ich einen Sami geheiratet hätte. Doch mir hat keiner gefallen. Pedder war so anders, genauso wie unser gemeinsames Leben in Oslo. Wir haben ohne die Zustimmung meiner Eltern geheiratet. Bis zu ihrem Tod haben sie kein Wort mehr mit mir gesprochen, obwohl ich es versucht habe, das kannst du mir glauben. Sogar meine eigene Schwester hat mich damals aus ihrem Haus geworfen. Ich hätte die Familienehre mit Füßen getreten. Und auch sie spricht seitdem kein Wort mehr mit mir, was ich schrecklich traurig finde. Allerdings waren wir schon immer wie Feuer und Wasser. Es war nie leicht zwischen uns. Sollte Oda tatsächlich bei Brit wohnen, dann war es ein großer Schritt für sie, ihre Nichte aufzunehmen, das weiß ich. Trotzdem bereue ich nichts. Pedder ist der Mann, der zu mir gehört. Ich brauche ihn wie die Luft zum Atmen. Manchmal muss es weh tun, auch wenn es nicht einfach ist.« …