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Garagh M. O`Brien - „Die Stadt der verschwundenen Kinder“

ISBN: 9-783-641-06043-5

 

Klappentext:

war mir, wo die Kinder sind Die junge Gaia gehört mit ihrer Mutter zu den wichtigsten Menschen in ihrer Gemeinschaft: Als Hebamme muss sie jeden Monat die ersten drei Neugeborenen an der Mauer abgeben – so lautet das Gesetz. Noch nie hat es jemand gewagt, gegen dieses Gesetz und die Herrscher jenseits der Mauer aufzubegehren. Doch dann werden Gaias Eltern verhaftet, und das Mädchen begibt sich auf die Suche nach dem Geheimnis der Stadt jenseits der Mauer – und nach dem Schicksal der verschwundenen Kinder …

 

Inhalt:

Gaia ist das erste Mal allein als Hebamme bei einer Geburt. Sie entreißt der Mutter das Kind, um es bei der Enklave vorzubringen. Eben so, wie es Vorschrift ist.

Doch als sie zu Hause ankommt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Statt der Eltern findet sie einen Soldaten im Haus vor. Ihre Eltern wurden verhaftet und Gaia muss um ihr Leben fürchten.

Um mehr heraus zu finden, dringt sie unerlaubt in die Enklave ein, wo sie der Hinrichtung einer schwangeren Frau beiwohnt. - In letzter Sekunde rettet sie zwar das Kind, landet selber aber im Gefängnis.

Gaia hat Informationen, von denen sie selber nichts weiß, die aber für die Enklave äußerst wichtig sind. - Und als Gaia mehr über das System erfährt, weiß sie, dass sie da nicht mehr mitmachen kann.

 

Leseprobe:

… Die ältere trug einen ausladenden Hut, doch die jüngere hielt ihren Hut an der Schnur, und ihr ungebändigtes blondes Haar wehte leicht im Wind, sodass sie es mit ihren schlanken Fingern zurückstreichen musste. Eine kaum wahrnehmbare Handbewegung mochte ein Gruß gewesen sein, aber Gaia konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

»Lass uns weitergehen«, sagte er unvermittelt und setzte sich wieder in Bewegung.

»Wer war das?«, fragte sie. Sie musste fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten.

»Meine Mutter und meine Schwester«, sagte er.

»Aber sie …« Gaia war verwirrt. Sie gehörten offensichtlich zur Oberschicht, der Sorte von Leuten, die ihre Söhne nicht zur Wache schickten.

»Kennen sie den Protektor?«, fragte sie und wunderte sich, dass sie nicht darum baten, Captain Grey vom Dienst freizustellen.

Er sah sie an, als ob sie etwas sehr Eigenartiges gesagt hätte. »Er ist mein Vater«, sagte Captain Grey.

Wie vom Donner gerührt blieb Gaia stehen. Captain Grey. Captain Leon Grey. Ehemals Leon Quarry, der älteste Sohn des Protektors.

»Ich habe von dir gehört«, staunte sie.

Er zog die sardonischen Silben seiner Antwort in die Länge: »Na so was.«

Captain Grey ging noch zwei Schritte und hielt dann ebenfalls an. Er wagte einen Blick über die Schulter, doch der Hügel hatte sie außer Sichtweite seiner Familie geführt. Gaia mühte sich, ihr Wissen über diesen jungen Mann, diesen Captain der Wache, mit dem in Einklang zu bringen, was sie über den Sohn des Protektors gehört hatte. Den vorgebrachten Sohn. Leon war der Junge, der vor Jahren aus den Tvaltarsendungen verschwunden war. Jetzt begriff sie, warum er ihr entfernt bekannt vorgekommen war, als sie ihn das erste Mal getroffen hatte: In ihrer Kindheit hatte sie Bilder von ihm als kleinem Jungen gesehen, Bilder, zehn Meter groß. Doch er hatte sich verändert. Sehr sogar.

»Ich verstehe nicht«, sagte sie.

Seine Lippen verhärteten sich zu einer geraden Linie, während er mit einer Entscheidung zu ringen schien.

»Komm mit«, sagte er dann, griff ihren Arm und zog sie weiter voran, diesmal drängender. An der nächsten Ecke bog er nach links in eine enge Straße, die sie weiter vom Stadtzentrum weg und bergab führte.

»Wohin bringst du mich?«, fragte sie.

Doch er gab keine Antwort. Ein paar Schritte später griff er durch ein schmiedeeisernes Tor nach dem Riegel, öffnete es und führte sie in einen Garten. Er schloss das Tor, dann führte er sie einen Hang hinab in die hintere Ecke des Gartens. Im Schatten einer hohen Weymouth-Kiefer roch die kühle Luft nach Nadeln, den grünen über ihnen wie den braunen, die ein weiches Kissen unter ihren Schuhen bildeten.

»Wo sind wir hier?«, fragte sie.

»In Sicherheit, für den Moment«, sagte er. Seine Wangen waren gerötet, und er nahm seinen Hut ab und wischte sich über die Brauen. »Die Quirks sind alte Freunde der Familie. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit in der Bastion und sind um diese Zeit nicht zu Hause.«

Sie spähte an einer Reihe Apfelbäumen entlang, einen grasbewachsenen Hügel hoch, wo ein elegantes, cremefarbenes Steingebäude stand. Gelbe und purpurne Blumen wuchsen in Hülle und Fülle, ein Beweis dafür, dass man hier Wasser zur Pflege der Zierpflanzen einsetzte. Weiße Felsen sprenkelten die Umgebung in einem harmonischen, zufälligen Muster und boten natürliche Sitzflächen.

Eine hohe Steinmauer schützte den Garten von drei Seiten. Die vierte Seite öffnete sich zu einer Klippe mit einer spektakulären Aussicht auf den Trockensee und den fernen südlichen Horizont.

»Nicht so weit«, sagte er, als sie näher an den Rand treten wollte. »Wir wollen doch nicht gesehen werden.«

Sie riskierte einen Blick nach unten, dann trat sie wieder zu ihm in den Schatten der Kiefer. Sie kam aus dem Staunen kaum heraus.

»Ich kann nicht glauben, dass du Leon Quarry bist«, sagte sie.

»Ich dachte, das wüsstest du.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie sollte ich? Du siehst völlig anders aus als das letzte Mal, als ich dich im Tvaltar gesehen habe. Was ist passiert?«

Seine gepflegten Finger umklammerten den Hut in seinen Händen. »Ich bin der Wache beigetreten.«

Das war so offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs, dass sie fast aufgelacht hätte.

»Was will der Sohn des Protektors von mir?«, fragte sie.

»Es war kein Zufall, dass ich dich an dem Café getroffen habe«, sagte er. »Ich habe auf dich gewartet. Ich weiß, dass du einige Antworten hast, die wir brauchen, und ich kann dir helfen.«

Sie hob zweifelnd die Brauen.

»Hör mir zu, Gaia. Die Enklave hat vor, dich ein letztes Mal verhören zu lassen«, sagte er. »Nicht von mir. Sie haben einen Experten für so was. Sie wollen alles über das Band wissen, und auch über die Tinte.«

»Die Tinte!«, stieß sie aus.

»In deiner Tasche war zwar kein Stift, doch das Tintenfässchen reicht ihnen als Beweis, dass du dir bei den Geburten Notizen gemacht hast, Informationen, die später im Code des Haarbands festgehalten wurden.«

»Ich habe aber keine Notizen«, rief sie. »Ich weiß nichts von irgendeinem Code.«

»Gaia«, sagte er und kam näher. »Sie meinen es todernst. Wenn du etwas weißt, irgendetwas, kriegen sie es aus dir raus. Es ist wirklich besser, von Anfang an mit ihnen zu kooperieren. Sie belohnen Loyalität. Das haben sie immer getan.«

Sie taumelte zurück und klammerte sich an den schwarzen Stamm der Kiefer, spürte einen Tropfen Harz an ihrem Daumen.

»Ich weiß überhaupt nichts«, beharrte sie.

Seine Lippen waren nur ein schmaler Strich. »Dann wirst du sterben.«

Unwillkürlich griff sich Gaia mit der Hand an die Brust. Könnte es noch viel schlimmer kommen, wenn sie jetzt einfach losrannte und versuchte zu entkommen? »Kannst du mich nicht gehen lassen?«, fragte sie. »Jetzt gleich?«

Er schüttelte den Kopf. »Selbst wenn ich das täte, lauten die Befehle, Gefangene ohne Eskorte bei Sichtkontakt zu erschießen. Binnen fünf Minuten wärst du tot.«

Sie zögerte. »Wenn ich ihnen etwas verrate«, sagte sie kleinlaut, »ich habe keine Ahnung, was es ihnen nützen soll, aber wenn ich ihnen etwas verrate, werden sie mich dann gehen lassen?«

Captain Grey barg sein Gesicht in der Hand. Seine Finger pressten sich gegen seine Stirn. Sein Hut fiel lautlos zu Boden. »Das darf doch nicht wahr sein«, murmelte er.

Seine Reaktion machte ihr nur noch mehr Angst. »Warte bitte. Es muss einen Weg aus der Enklave geben.«

Er drehte sich zu ihr um, das Gesicht schmerzverzerrt, die Augen wütend. »Was weißt du?«, rief er, packte ihre Arme und stieß sie zurück. Ihr Fuß verfing sich in einer Wurzel, sie stolperte, und ihr Hut fiel ihr vom Kopf. Er packte sie noch fester. »Um deiner selbst willen, sag’s mir!«, verlangte er und schüttelte sie wieder. »Gaia, sag es mir!«

»Die Sommersprossen«, sagte sie.

Er lockerte seinen Griff ein kleines bisschen, doch sein Gesicht blieb hart. »Was meinst du? Was für Sommersprossen?«

»Wir zeichnen auf jedes Baby ein kleines Muster. Wie Sommersprossen«, sagte sie. »Ich verstehe nicht, wieso das so wichtig ist. Es hilft höchstens, ein paar der vorgebrachten Kinder zu mir und meiner Mutter zurückzuverfolgen. Und wahrscheinlich zum dritten westlichen Sektor.«

Sein Griff lockerte sich weiter. »Wovon redest du da?«

»Es war zu Ehren meiner Brüder. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass es wichtig werden könnte – bis vor Kurzem«, sagte sie. »Immer, wenn eine Frau ein Kind bekam, blieb meine Mutter noch ein wenig bei ihr und trank einen Tee mit ihr. Ich stach in der Zwischenzeit mit einer Nadel etwas Farbe in die Haut des Babys. Das war Teil meiner Ausbildung.«

»Eine Tätowierung? Schrieb deine Mutter irgendetwas auf? Hatte sie das Band dabei?«, fragte Captain Grey.

Sie schüttelte den Kopf. Er ließ sie nun los, blieb ihr aber ganz nahe. Sein Gesicht verriet seine Verwirrung. Sie rieb sich die Schultern, die von seinem Griff noch schmerzten. …