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James Bowen - „Bob und wie er die Welt sieht“

ISBN: 9-783-838-74677-7

 

Klappentext:

Wie geht die Geschichte von Bob, dem Streuner weiter? Seit Bob da ist, hat sich mein Leben sehr verändert. Ich war ein obdachloser Straßenmusiker ohne Perspektive und ohne eine Idee, was ich aus meinem Leben machen sollte. Nun stehe ich wieder mit zwei Beinen auf der Erde, ich habe die Vergangenheit hinter mir gelassen, aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Ich brauche wohl immer noch Unterstützung, um auf meinem Weg zu bleiben. Zum Glück steht mir Bob mit seiner Freundschaft und seiner Klugheit zur Seite. Die wunderbare Geschichte der Freundschaft zwischen James und seinem Kater wurde mit "Bob, der Streuner" zum Welt-Bestseller. In seinem neuen Buch erzählt James, wie Bob ihm in harten Zeiten und selbst in lebensgefährlichen Situationen immer wieder den Weg weist. Mit Fotos von James und Bob

 

Inhalt:

James und Bob haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut. Sie helfen sich quasi gegenseitig. Gehen gemeinsam durch dick und dünn.

James kann Bob helfen, als der an einem Wurmbefall erkrankt. Und Bob kann James helfen, seine Zeitungen an den Mann zu bringen.

James lernt die medizinischen Eigenschaften seiner Katze kennen, landet im Krankenhaus. Er kommt auch von den Ersatzdrogen weg und wird, nicht zuletzt dank Bob, der Autor seiner eigenen Biografie.

 

Lesprobe:

… Ich habe diese Geschichte in den letzten zehn Jahren bestimmt hundert Mal erzählt. Wie ich mit achtzehn von Australien nach London kam. Ich wurde zwar in London geboren, aber meine Mutter nahm mich nach der Trennung von meinem Vater mit nach Australien. Wir sind dort sehr oft umgezogen, und irgendwann habe ich rebelliert. Eigentlich wollte ich in London ein erfolgreicher Musiker werden, aber das hat leider nicht geklappt. Anfangs wohnte ich bei meiner Stiefschwester, aber ihr Mann hat mich bald rausgeworfen. Zuerst konnte ich noch auf der Couch von diversen Freunden übernachten, aber irgendwann gingen mir die Freunde aus, und übrig blieb die Straße. Von da an ging es nur noch bergab. Ich habe Drogen schon in Australien ausprobiert, aber in meiner Zeit als Obdachloser wurden sie Teil meines Lebens. Nur so konnte ich die totale Isolation von der Gesellschaft ertragen und die Gewissheit, mein Leben total verpfuscht zu haben. Wenn du auf Heroin bist, gibt es keine Probleme.

Während ich so erzählte, gingen wir an einem Gebäude in der Nähe der Waterloo Bridge vorbei. Dort habe ich ein paarmal übernachtet. Ich machte meine Gesprächspartnerin darauf aufmerksam und erzählte ihr, dass ich ein gelegentlich in dieser Toreinfahrt übernachtet hätte. »Aber nicht oft. Eines Nachts wurde ein Kollege im Schlaf nicht nur ausgeraubt, sondern sie haben ihm auch noch die Kehle durchgeschnitten.«

Ihr Gesicht wurde aschfahl. »Ist er gestorben?«, wollte sie wissen.

»Ich weiß es nicht. Ich bin weggelaufen, so schnell ich konnte«, sagte ich. »Das klingt jetzt vielleicht hart, aber auf der Straße muss jeder auf sich selbst aufpassen, um die Nächte zu überstehen. Man kämpft nur um das eigene Überleben. Das macht die Straße aus dir.«

Die Frau blieb stehen und starrte auf die Toreinfahrt. Es sah aus, als spräche sie ein kurzes, stilles Gebet.

Nach neunzig Minuten kamen wir am ersten Etappenziel an. Es war das Hispaniola, ein schwimmendes Restaurant auf der Nordseite der Themse an der U-Bahn-Haltestelle Embankment.

Ich nahm mir etwas heiße Suppe, und Bob schleckte zufrieden seine Milch, die ein netter Mensch tatsächlich für ihn organisiert hatte. Die Sache fühlte sich gut an, und ich rechnete schon mal die Kilometer aus, die ich bisher gelaufen war – und wie viele noch vor mir lagen.

Aber als wir das Schiff verließen, gab es einen kleinen Rückschlag. Bob hatte gerade entschieden, das Boot auf den eigenen vier Pfoten zu verlassen. Vielleicht, weil er aufgetankt hatte oder weil er wusste, dass mein Bein noch nicht zu 100 Prozent geheilt war. Als er vor mir her mit bis zum Anschlag ausgefahrener Leine die Rampe hinuntertrottete, stieß er fast mit einem anderen Big Issue-Verkäufer zusammen, der mit seinem Hund, einem Staffordshire Bullterrier, die Rampe hochkam. Der Hund ging sofort auf Bob los und ich musste mich mit ausgebreiteten Armen und Beinen dazwischenwerfen, damit er Bob nicht zerfleischte. Fairerweise muss ich sagen, dass der Hundebesitzer sein Tier sofort abkanzelte und ihm sogar auf die Nase schlug. Diese Kampfhunde haben wirklich einen schlechten Ruf wegen ihres aggressiven Verhaltens, aber ich glaube, auf diesen Hund traf das gar nicht zu. Er war nur neugierig gewesen, nicht bösartig.

Bob hatte das Erlebnis trotzdem einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Danach kuschelte er sich eng um meinen Nacken, der ihm Sicherheit gab, ihn aber vor allem gegen die klirrende Kälte schützte. Von der Themse stieg eisiger Nebel auf, der sogar durch die Kleidung kroch und bis zur Haut vordrang.

Am liebsten wäre ich ausgestiegen, um Bob nach Hause zu bringen. Aber zwei von den Organisatoren, die ich darauf ansprach, baten mich inständig weiterzumachen. Zum Glück wurde es etwas wärmer, als wir endlich das Flussufer hinter uns gelassen hatten. Wir marschierten durch das West End und dann Richtung Norden.

Dabei kam ich mit einem jungen Paar ins Gespräch. Sie war ein hübsches, blondes Mädchen, und ihr Freund war Franzose. Sie wollten wissen, wie Bob und ich zusammengekommen waren. Das war mir nur recht. Diese Wanderung durch das nächtliche London förderte bei mir eine Menge unschöner Erinnerungen zutage. Die meisten waren zu grässlich und quälend für Worte. Als obdachloser Heroinabhängiger war ich gezwungen, die abscheulichsten Dinge zu tun, nur um zu überleben. Darüber wollte ich auf keinen Fall mit irgendjemandem reden.

Auf den ersten zehn Kilometern hatte ich keine Probleme mit meinem Bein. Außerdem war ich so abgelenkt von allem, was um uns herum vor sich ging. Aber je länger ich voranschritt, desto stärker spürte ich den altbekannten, pulsierenden Schmerz genau da, wo mein Blutgerinnsel gesessen hatte. Es war unvermeidlich, aber ärgerlich.

Eine weitere Stunde ignorierte ich es noch. Aber bei jedem Zwischenstopp mit heißem Tee stach der Oberschenkel mehr. Lange war ich unter den Spendensammlern mitten im Pulk mitgelaufen. Aber irgendwann fiel ich zurück und hatte nun bereits das Ende der Schlange erreicht. Ein paar Spendensammler und ein Angestellter aus dem Big Issue-Büro bildeten das Schlusslicht. Ich lief noch eine Weile neben ihnen her, musste dann aber stehen bleiben, weil Bob sich nach Büschen sehnte und ich eine Zigarette rauchen wollte. Und schon hatten wir den Anschluss verloren. Das nächste Etappenziel war das Roundhouse Pub, ein paar Kilometer weiter oben in Camden. Bis dahin würde ich es zu Fuß nicht mehr schaffen. Als wir an einer Bushaltestelle vorbeikamen, von der ein Nachtbus Richtung Tottenham fuhr, war für mich die Entscheidung gefallen.

»Was meinst du Bob, machen wir Schluss für heute?« Er gab zwar keine Antwort, aber ich wusste auch so, dass er sich nach seinem Bettchen sehnte. Als der nächste Bus vorfuhr und die Türen öffnete, sprang er an Bord und auf den nächsten freien Fensterplatz. Wenn ich könnte, hätte ich mit ihm um die Wette geschnurrt, so sehr haben wir uns gefreut, endlich im Warmen zu sein.

Der Bus war ganz schön voll, wenn man bedenkt, dass es bereits nach drei Uhr morgens war. Wir waren umgeben von einer Truppe von Club-Gängern, die noch ganz aufgekratzt waren von ihrem schönen Abend. Aber es gab auch ein paar einsame Gestalten im Bus, die aussahen, als wären sie auf dem Weg nach Nirgendwo. Diese Art von Nachtfahrten kannte ich nur zu gut. Ich wusste genau, wie diese Leute sich fühlten.

Aber das war zum Glück vorbei. Heute Nacht fühlte ich mich gut. Ich war zufrieden mit mir. Für viele Menschen ist ein 20-Kilometer-Marsch nichts Besonderes, aber wenn man bedenkt, dass ich eine Woche zuvor noch im Krankenhaus lag, dann hatte ich allen Grund, stolz auf mich zu sein. Für mich war diese Nachtwanderung genauso ein Erfolgserlebnis wie für andere der London Marathon.

Außerdem hatte ich alte Bekannte wieder getroffen, allen voran Billie. Ich habe mich so gefreut, sie zu sehen und zu hören, dass es ihr gut ging. Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl, etwas zurückgegeben zu haben. Ich habe so viele Jahre Almosen in Anspruch genommen, weil ich mittellos war. Oder zumindest war ich der Meinung gewesen, dass ich nichts zu geben hatte. Der heutige Abend hatte mir gezeigt, dass ich die ganze Zeit falsch lag. Jeder kann etwas beitragen, auch wenn es ihm noch so unbedeutend erscheint. An diesem Abend hatte ich nur persönliche Erfahrungen weitergegeben, aber ich hatte das Gefühl, dass ich einige Menschen damit erreicht hatte. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen tatsächlich die Augen öffnen über das wahre Leben auf der Straße. Das war nicht von der Hand zu weisen. Meine Erfahrungen waren etwas wert. Und so fing ich langsam an zu begreifen, dass auch ich ein wertvoller Mensch war. …