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James Bowen - „Ein Geschenk von Bob“

ISBN: 9-783-732-50111-3

 

Klappentext:

Der Winter 2010 ist ungewöhnlich hart in England. Im Dezember gibt es heftige Blizzards, selbst in London liegt Schnee und es ist bitter kalt- schlechte Voraussetzungen für einen Straßenmusiker! Schon bald wird das Geld knapp. Während die§Londoner hektisch und spürbar in Feierstimmung durch die vorweihnachtlich erleuchtete Innenstadt hasten, ringt James um seine Einkünfte, um wenigstens Strom und Gas zu bezahlen. Ganz zu schweigen von Weihnachten, das er eigentlich noch nie mochte. Er ist der Verzweiflung nahe, doch wie so oft wird Bob ihn überraschen-

 

Inhalt:

Es ist kalt in London. Man redet sogar von einer Rekordkälte. James und Bob konnten es sich eine Weile leisten, nicht raus zugehen. Doch so langsam müssen sie wieder. Das Geld geht ihnen aus.

Die Tatsache, dass Weihnachten ist, hat James oft nicht interessiert. Einzig einen Vorrat an Stoff hat er sich immer besorgt. Das war´s. Doch dann trat Bob in sein Leben. James hat Verantwortung für den Streuner übernommen und so auch sein Leben wieder in den Griff bekommen.

In diesem Jahr wollen die beiden Weihnachten auf ihre Art feiern. Und dazu gehören ein Baum, Weihnachtsessen und Geschenke. - Aber James sein Leben wäre nicht seins, wenn alles glatt laufen würde.

 

Leseprobe:

… So stellt er sich beispielsweise mit den Vorderpfoten auf meine Matratze, sodass sein Gesicht auf gleicher Höhe mit meinem ist. Dann beginnt er mit einem lauten Miaaaauuuuu-Konzert. Eine andere Version kann ich zwar nicht beweisen, aber ich glaube, er bewirft mich mit seiner abgeschlabberten Spielzeugmaus. Warum sonst finde ich sie auf meinem Kopfkissen genau vor meiner Nase, wenn ich die Augen aufschlage? Eine andere Erklärung gibt es dafür nicht.

An diesem Morgen hatte er sich für eine dritte Methode entschieden. Er hatte sich genau neben meinen Kopf niedergelassen und schnurrte mir lautstark ins Ohr. Ich muss noch sehr tief geschlafen haben, denn als ich zu mir kam, konnte ich das Geräusch nicht zuordnen. Es war so durchdringend, dass ich im ersten Moment glaubte, ein Handwerker würde sich im Hausflur mit einem Presslufthammer vergnügen. Erschrocken fuhr ich hoch.

Ich konnte meinem kleinen Kumpel aber nie böse sein für seine unsanften Weckversuche. Es gab nichts Schöneres, als morgens, wenn ich die Augen aufschlug, gleich das hübsche Gesicht meines Katers vor mir zu sehen. Auch wenn mir seine frechen Augen wie jeden Tag nur eines klarmachen wollten: »Steh auf, du Faulpelz! Mein Frühstück war schon vor einer halben Stunde fällig!«

Mit dem guten Gefühl, nicht von den aufdringlichen Pieptönen des Stromzählers geweckt zu werden, hatte ich mir erlaubt, etwas länger zu schlafen. Es war so eine Erleichterung, ohne zusätzlichen Druck aufzuwachen und sich keine Gedanken über den Zählerstand zu machen!

Es war schon nach zehn, als ich mich endlich aus dem Bett wälzte. Die klirrende Kälte im Schlafzimmer ließ mich erzittern, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ich im Wohnzimmer von der Decke hängende Eiszapfen vorgefunden hätte. Bibbernd stand ich in der Küche, gab Bob sein Futter und schaltete den Wasserkessel ein, um mir eine heiße Tasse Tee zu machen. Ich wollte heute auf jeden Fall wieder arbeiten gehen. Der gestrige Tag war hart gewesen, aber ich konnte es mir nicht leisten, mich davon abschrecken zu lassen.

Ich schaltete den Fernseher ein und bereute es sofort, denn gerade lief der Wetterbericht. Die gesamte Wetterkarte von England war übersät mit Schneeflocken. Es sollte also wieder schneien.

»Na toll«, seufzte ich. »Auch das noch!« Es war eine niederschmetternde Nachricht. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste arbeiten, und wenn es nur ein paar Stunden waren.

Wie immer überließ ich es Bob, ob er mitkommen wollte. In den letzten Wochen war er ein paar Mal zu Hause geblieben. Es war seine Entscheidung, auch wenn ich ohne ihn nicht halb so erfolgreich war. Ohne Bob war ich nur einer von vielen Straßenverkäufern. Aber ich war nicht sein Besitzer. Eine Katze ist kein Eigentum. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Und wenn er an der Heizung oder wie in letzter Zeit immer öfter auf dem Sofa liegen blieb, respektierte ich seinen Wunsch und ließ ihn daheim. Aber als ich mir die Gitarre und den Rucksack schnappte, stand er sofort an der Tür.

»Okay, mein Freund, das wird aber ein eisiger Ausflug«, warnte ich ihn, als ich ihm die Leine anlegte.

Es war die perfekte Gelegenheit, sein neues Weihnachtskostüm einzuweihen. Er sah wirklich süß darin aus. Und der Stoff über seinem Fell würde den eisigen Wind abhalten. Zur Sicherheit wickelte ich ihm auch noch seinen dicksten Schal um den Hals.

Der Himmel war kohlrabenschwarz, und ein frostiger Wind blies uns entgegen, als wir auf dem eisigen Gehweg zur Bushaltestelle tappten.

Der Bus war fast leer, und wir ergatterten unseren Lieblingsplatz in der ersten Reihe auf dem Oberdeck. Bob liebt es, dort zu sitzen und zuzusehen, wie die Welt unter ihm vorüberzieht. Ich dagegen machte mir Sorgen um das Wetter. Die dunklen Wolken am Himmel hingen beängstigend tief. Ich war zwar kein Meteorologe, aber es war nicht zu übersehen, dass sich das Wetter von Minute zu Minute verschlechterte und uns ein weiterer Schneesturm bevorstand. Ich hatte inständig gehofft, dass es erst am Spätnachmittag oder gar in der Nacht schneien würde, aber ich bezweifelte es. Und so war es dann auch.

Wir waren gerade auf halbem Weg am Bahnhof Essex Road angekommen, als die ersten Flocken fielen. Wir wurden Zeugen einer atemberaubenden Verwandlung. Die ganze Welt schien plötzlich in einer Schneekugel gefangen zu sein. Nur waren es keine Kokosraspeln, die einen Schneesturm simulierten, sondern echte, dicke weiße Schneekristalle, die hinter unserer Glasscheibe sanft zu Boden schwebten. Leider war der faszinierende Ausblick aus dem Vorderfenster des Oberdecks nur von kurzer Dauer. Sekunden später klebte eine dicke Schneeschicht an der Außenseite, und wir sahen nichts mehr.

Kurz danach brach der Verkehr zusammen, und unser Bus blieb stehen. Aus dem Seitenfenster konnte ich die Autos sehen, die scheinbar führerlos herumschlitterten, und wir hörten, dass sich vor uns ein Unfall ereignet hatte. Der Busfahrer entschuldigte sich in seiner Durchsage und informierte uns, dass wir warten müssten, bis die Straße wieder frei sei.

Ich traf eine schnelle Entscheidung: »Komm Bob, wir gehen das letzte Stück zu Fuß.«

Ich war auf den Schnee vorbereitet und hatte eine Plastiktüte mit einem ausgeschnittenen Loch für Bobs Kopf mitgenommen. Dieses Patent hatte ich schon vor einem Monat ausprobiert, als uns der erste Schnee überrascht hatte und ich bei einem Zeitungskiosk eine Tüte als Umhang für Bob kaufen musste. Das hatte damals wirklich gut gehalten, und seither hatte ich immer eine Plastiktüte aus dem Supermarkt für Bob dabei. Ich stülpte ihm den selbst erfundenen Umhang über den Kopf, und wir stiegen aus.

Normalerweise war es ein Fußmarsch von zwanzig Minuten bis zur Angel Station, aber der Schnee war so schwer, dass ich bestimmt doppelt so lange brauchen würde. Außerdem mussten wir ein paar Zwischenstopps einlegen, um uns aufzuwärmen. Auf dem Weg lagen zum Glück zwei Lokale, wo wir – im Gegensatz zu den meisten Lokalitäten – immer freundlich empfangen wurden.

Das war mein Plan, aber es dauerte nicht lange, bis er sich in Luft, oder besser gesagt, in Eis auflöste.

Es schneite heftig, und die Flocken setzten sich auf die hart gefrorene Eisschicht, die seit der letzten Woche auf den Wegen lag. Das erschwerte mir das Vorankommen, besonders da Bob sich wie ein Verrückter auf meiner Schulter gebärdete, weil er unbedingt laufen wollte. Er liebte es, im Schnee herumzuspringen, aber dafür hatten wir leider keine Zeit.

»Nein, Bob, du bleibst, wo du bist«, ermahnte ich ihn immer wieder und legte dabei eine Hand auf seinen Rücken, damit er stillhielt.

Das gefiel ihm gar nicht, aber er verstand meinen Hinweis.

Ich hatte ihn gerade wieder festgehalten, als ich von ein paar Kindern abgelenkt wurde, die eine Schneeballschlacht veranstalteten. Das war zwar alles ganz harmlos, aber ich wollte mit dem unruhigen Bob auf meiner Schulter nicht getroffen werden.

Ich war so damit beschäftigt, die Flugbahnen der Schneebälle zu verfolgen, dass ich nicht mehr darauf achtete, wohin ich trat. So übersah ich eine dicke Eisschicht vor mir. Kaum war ich mit meinen Stiefeln daraufgetreten, zog es mir die Beine weg.

»Woooooah.«

»Miiiiiau.«

Ein gemeinsamer Aufschrei von mir und Bob. Der Kater schaffte es natürlich, die Balance zu halten, und landete sicher auf den Beinen. Ich dagegen landete unsanft auf meinem Steißbein, und das tat höllisch weh.

Ein paar Minuten lag ich stöhnend und unfähig, mich zu bewegen, im Schnee. Bob war sofort bei mir. Er betrachtete mich neugierig, als müsse er die Situation erst einmal abschätzen.

»Was hast du jetzt wieder angestellt?«, fragten seine Augen.

Aber er begriff schnell, dass ich mir wirklich wehgetan hatte. Er schnüffelte um mich herum und legte seine Pfote auf mein Bein, als ob er wüsste, wie sehr es schmerzte.

Als ich wieder klar denken konnte, versuchte ich zu verstehen, was gerade passiert war. Zum Glück hatte ich meinen Rucksack und die Gitarre auf dem Rücken gehabt. Sie hatten mich vor einem Aufprall meines Kopfes auf der harten Eisdecke bewahrt. Ohne sie hätte ich mich wahrscheinlich viel schwerer verletzt. Vielleicht wäre ich ohnmächtig geworden oder noch schlimmer. …