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Burkhard Spinnen - „Die letzte Fassade“

ISBN: 9-783-451-34774-0

 

Klappentext:

Lange Zeit hat er es nicht bemerkt. Das langsame Versinken seiner Mutter in die Demenz stellt Burkhard Spinnen vor eine Aufgabe, die ihn stets aufs Neue überfordert und sein Leben völlig durcheinander bringt. Unvermittelt verkehren sich alle Verhältnisse, die Mutter-Sohn-Beziehung erfährt eine radikale Veränderung. Dazu belastet die dauernde Konfrontation mit der Krankheit der Mutter den eigenen Lebensentwurf. "Die letzte Fassade" ist ein ehrliches, ein bewegendes und glänzend geschriebenes Buch über die neue Volkskrankheit Demenz.

 

Inhalt:

Burkhard Spinnen ist Autor und sieht sein Berufs- und Familienleben durch die Demenz seiner Mutter gefährdet. Er will keinen Ratgeber schreiben, was dieses Buch auch auf keinen Fall ist. Vielmehr berichtet er über den immer wiederkehrenden Kampf mit seiner Mutter. Ihr Leben muss sich ändern, wenn es lebenswert bleiben soll. Aber mit Veränderungen kommt sie nicht mehr klar.

Er beschreibt, wie er sich selber im Weg steht, da das Verhältnis zu den Eltern nie ein besonders enges war. Und wie er trotz schlechtem Gewissens versucht, den richtigen Weg zu finden.

 

Leseprobe:

… Am Anfang standen die vermeintlich einfachen Fragen. Sollte ich nach einem Altersheim in der Nähe des Wohnortes meiner Mutter suchen oder nach einem in meiner Nähe? Im Heimatort meiner Mutter lebten damals nur noch sehr wenige nahe Verwandte, eigentlich nur ihre durch Krankheit geschwächte Schwester und deren Mann. Das hieß, mit viel Gesellschaft hätte meine Mutter auch in einem Altersheim ihrer Heimatstadt nicht rechnen dürfen. Aber zumindest gelegentlich wären wohl die Nachbarn und ein paar der noch lebenden Bekannten aus ihrer aktiveren Zeit zu Besuch gekommen; und das hätte meiner Mutter den Aufenthalt im Altersheim womöglich erleichtern können.

Hier in meiner Heimatstadt lebten hingegen nur ich und meine Familie; das heißt eigentlich nur meine Frau und ich, da meine Söhne schon weggezogen oder auf dem Sprung dazu waren. Allerdings war ich der einzige Mensch, der befugt und in der Lage war, sich dauernd aktiv um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Und einen solchen Menschen würde meine Mutter dringend brauchen, wenn sie nach fünfundvierzig Jahren ihre gewohnte Umgebung verlassen musste. Daher sprach aus meiner Sicht alles für eine große Übersiedelung.

Meine Mutter aber war weiter entschlossen, jede Veränderung zu vermeiden. Wann immer wir darüber redeten, wollte sie, verständlicherweise, beides: möglichst viel Schutz und Hilfe, dabei gleichzeitig ihr vertrautes Umfeld. Beides zu haben war meiner Ansicht nach kaum möglich. Doch meine Mutter sah das nicht ein; und so mündete unweigerlich jedes von mir begonnene Gespräch über Altersheime in ihrer verzweifelten Frage, warum man sie denn nicht bei ihr zu Hause betreuen könne? Wenn ich ihr dann zum wiederholten Male vorrechnete, wie teuer eine professionelle häusliche Betreuung über vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche werde und dass sie infolgedessen unbezahlbar sei, wurde das Gespräch zum Desaster. Denn mit Zahlen und Beträgen wusste meine Mutter kaum noch etwas anzufangen; Geld auch nur zu erwähnen machte die Überforderung perfekt. Wir redeten dann stundenlang, bis wir, meistens aus Erschöpfung, zu irgendeinem Ergebnis kamen. Das bestand allerdings in der Regel darin, dass wir noch abwarten wollten: eine ärztliche Untersuchung, den Rat irgendeiner Bekannten oder das nächste Frühjahr. Doch auch solche Ergebnisse waren müßig, denn kurz darauf hatte meine Mutter sie vergessen und stand wieder hilflos und verzweifelt vor ihrem großen Problem.

Also entschied ich mich zu einer Art Doppelstrategie. Während ich weiterhin alles unternehmen würde, um meiner Mutter das Leben in ihrem Haus zu ermöglichen, wollte ich zugleich in meinem Heimatort ein Altersheim für sie suchen und sie dort anmelden, damit, wenn der Entschluss zum Umzug endlich fallen sollte, ein Platz für meine Mutter reserviert wäre. Ich hatte erfahren, dass die Wartezeit auf Altersheimplätze drei Monate oder länger betragen konnte, also begann ich mit der Suche.

Aber wie sucht man ein Altersheim für seine Mutter? Auch hier fühlte ich mich wieder, als müsste ich eine Prüfung absolvieren, für die ich nie gelernt hatte. Es standen etwa zwanzig Heime zur Auswahl. Ich hatte von einer Beratungsstelle eine mehrseitige Liste mit Details zu den einzelnen Häusern erhalten. Doch die Liste taugte eigentlich nur als Adressenverzeichnis, denn in ihrer »Papierform« waren sich die Heime weitgehend ähnlich. Also tat ich, was man mir geraten hatte: Ich klapperte eines nach dem anderen ab.

Eingangs habe ich geschrieben, dass dieses Buch kein Ratgeber sein will. Trotzdem kann ich vielleicht aus meinen Erfahrungen bei der Suche nach einem Altersheim einen Rat destillieren. Er lautet: Man schaue sich möglichst viele an. Denn die wichtigsten Kriterien zur Auswahl erfährt man erst vor Ort. Ein Altersheim auszusuchen, das ist, als würde man sich etwas zum Anziehen kaufen, allerdings ohne vorher zu wissen, was Hose, Hemd und Jacke eigentlich sind. Die Kenntnis erwirbt man erst bei der Anprobe.

Ich habe mich damals beim Betreten jedes neuen Altersheimes sofort gefragt: Wie wirst du dich fühlen, wenn du hier deine Mutter besuchst? Wenn du in den Flur trittst, wenn du vor dem Aufzug wartest und in den Gang biegst. Wird dieser Ort dich trösten, oder wird er dich abschrecken? Gibt er dir ein gutes Gefühl, oder macht er, dass du dich nur noch weiter schuldig fühlst?

Wer jetzt sagt: Aber es ging doch nicht um dich, sondern um deine Mutter!, der hat natürlich Recht. Doch das Altersheim sollte ja nicht bloß ein möglichst gut funktionierender Verwahrort für meine Mutter sein. In gewisser Weise würde es darüber hinaus an die Stelle meines Elternhauses treten und damit auch ein Heim für mich werden. Und heute kann ich sagen: Genau so ist es auch gekommen. Das Altersheim ist ein Teil meiner Lebenswelt geworden. Mehrmals in der Woche, in Krisenzeiten täglich, bin ich hier. Und daher war es damals nicht nur zulässig, sondern sinnvoll und hilfreich, einen Ort auszusuchen, der auch mir möglichst sympathisch war.

Eine weitere Erfahrung war diese: Es ist wichtig, mit dem Leiter oder der Leiterin zu reden. Altersheime sind, ebenso wie Schiffe oder Schulen, Orte, die über kurz oder lang den Charakter ihrer Kapitäne oder Direktoren annehmen. Ob das Gebäude alt oder neu ist, wie die Zimmer ausgestattet sind, das kann man mit bloßem Auge sehen. Doch welcher Geist im Hause herrscht, das erfährt man nur im Umgang mit den Menschen, die ihn prägen.

Die Leiterin des Altersheims, für das ich mich schließlich entschied, tat im Gespräch mit mir (im Gegensatz zu anderen) so gut wie nichts, um ihre Einrichtung und deren Angebote zu »verkaufen«. Sie vertraute offenbar darauf, dass der Augenschein für sich sprach. Außerdem sagte sie mir ganz unumwunden, dass sie es für völlig unrealistisch, ja vielleicht sogar schädlich halte, ein Alters- und Pflegeheim für Hochbetagte zur Rehaklinik oder gar zum Spa hochzustilisieren. Sicher gebe es einen gewissen Wettbewerb der Einrichtungen, und sie verstehe auch, wenn die Verantwortlichen versucht seien, die eigentlichen Aufgaben ihrer Heime im Interesse des Marketings taktvoll zu umschreiben. Doch die Wahrheit sei nun einmal, dass hierhin alte Menschen kämen, meistens von Schlaganfällen oder von der Demenz schwer gezeichnet, um in Würde ihre letzte Zeit zu verbringen. Und genau das zu ermöglichen, sei die Aufgabe der Einrichtung, nicht die, mit Gags oder Events zu prunken, die eher das schlechte Gewissen der Verwandten beruhigten.

Das schlechte Gewissen! Damit waren wir übergangslos beim Prekärenmeiner Lage angekommen. Ich war damals immer noch sehr froh, Gesprächspartner zu treffen, für die Alltag war, was mich so unvorbereitet überfallen hatte. Ich schilderte also meine Situation: Wahrscheinlich würde ich demnächst meine Mutter aus ihrem über alles geliebten Haus entführen müssen. Und das war ja keineswegs bloß eine etwas dramatische Metapher. Womöglich müsste ich die Übersiedlung tatsächlich gegen ihren Willen veranlassen und durchführen. Es ging also um einen gewaltigen, ja, einen gewalttätigen Eingriff ins Leben meiner Mutter. Ich war dabei zu planen, in welches Exil ich sie verbannen, in welches Gefängnis ich sie stecken würde.

Ich glaube, ich habe damals im Büro der Heimleiterin geredet wie in einem Beichtstuhl. Natürlich wollte ich das alles tun, um meine Mutter zu schützen. Um ihr die Jahre, die sie noch hatte, so lebenswert zu machen, wie es die Umstände zuließen. Aber was nutzten solche Erklärungen und Entschuldigungen? Von Tag zu Tag verstand meine Mutter weniger, wie es um sie stand und welche Möglichkeiten sich noch anboten. Vermutlich würde keine Lösung den Schmerz über den Verlust des Hauses und der Selbständigkeit aufwiegen oder auch nur lindern. Und angesichts dieser drohenden Katastrophe sollte ich nun kühlen Herzens und guten Mutes eine Bleibe aussuchen, wie man einen Ort für die Sommerfrische sucht? Features checken, Ratings vergleichen. Das geht doch nicht!

Stimmt, sagte die Leiterin des Altersheims, als ich mit meiner Suada fertig war. Für mich, den Sohn und Betreuer, gebe es jetzt nichts zu gewinnen. Aber die Übersiedlung ins Heim sei definitiv das kleinere Übel. So wie die Amputation eines entzündeten Beines, das ansonsten den ganzen Körper vergiften und den Menschen töten würde. Allerdings bleibt nach der Amputation für den Rest des Lebens die Trauer um das Bein. Niemand, sagte die Leiterin, der für seine Eltern einen Platz im Altersheim sucht, könne das mit gutem Gewissen tun. Hier gehe es leider nicht mehr darum, »alles richtig« zu machen. Und man könne auch nicht auf Dank hoffen. Aber ich dürfe nie vergessen, sagte sie, dass ich das Richtige tue. Auch wenn das Richtige leider nur die Wahl des kleineren Übels sei.

Muss ich sagen, wie sehr mir das geholfen hat?

Seit März 2012 standen wir also auf der Warteliste des Altersheims. Ich teilte das meiner Mutter mit, ich beschrieb ihr das Haus und die Zimmer, ich zeigte ihr Prospekte; und das alles tat ich unter der beständig wiederholten Versicherung, dass nichts verbindlich sei und wir uns jederzeit anders entscheiden könnten.

Was folgte, war eine ganz besonders angespannte Zeit. Wenn ich sagte, sie hat mich »Nerven gekostet«, wäre das untertrieben; sie hat mir vielmehr ein Stück meiner psychischen Gesundheit genommen. Hatte meine Mutter eine schlechte Nacht gehabt, rief sie mich früh am Morgen an und wollte sofort in das Heim übersiedeln; doch dann musste ich ihr sagen, dass noch kein Zimmer für sie frei war, was lange Debatten nach sich zog. Schon am nächsten Tag aber konnte sie die Ängste der vergangenen Nacht vollkommen vergessen haben. Dann rief sie mich an und trug mir auf, alles sofort rückgängig zu machen. Ein Altersheim komme für sie niemals in Frage. …