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Pete Smith - „1227 – Verschollen im Mittelalter“

ISBN: 9-783-734-79803-0

 

Klappentext:

Seit zwei Jahren ist Levent, Schüler des Hochbegabten-Internats Burg Rosenstoltz, spurlos verschwunden. Bei ihren Nachforschungen kommen seine Mitschüler Nelson, Judith und Luk Levents Geheimnis auf die Spur und entdecken schier Unglaubliches: Ihr Freund hat die Theorie der Zeitreise in die Praxis umgesetzt und ist in das Jahr 1227 gereist, in dem auf Burg Rosenstoltz ein großes Ritterturnier abgehalten wurde. In den Katakomben der Burg stoßen sie auf Levents Zeitmaschine. Um ihren Freund zurückzuholen, folgen sie ihm auf seinem Weg ins Mittelalter. Sie finden ihn im Kerker der Burg, wo er auf seine Hinrichtung als Ketzer wartet... "1227 - Verschollen im Mittelalter" ist der erste Teil der spannenden Zeitreise-Trilogie um Nelson und seine Freunde (weitere Romane: "168 - Verschollen in der Römerzeit" und "2033 - Verschollen in der Zukunft").

 

Inhalt:

Nelson sitzt im Unterricht, als ein Gewitter über das Internat hinweg fegt. Die Klasse diskutiert gerade über Zeitreisen. Doch das Thema ist erst einmal gegessen.

Nicht so für Nelson. Er erfährt, dass vor zwei Jahren ein Mitschüler spurlos verschwunden ist. Er stellt Nachforschungen über den Jungen namens Levent an und findet sein Tagebuch.

Gemeinsam mit Luk und Judith liest er das Tagebuch, findet die Zeitmaschine, die Levent gebaut hat und kann heraus finden, was mit Levent passiert ist.

Es ist klar, dass die drei ihren Mitschüler aus seiner Lage befreien müssen. Denn kein anderer sonst ist in der Lage dazu.

Ein Abenteuer im Mittelalter nimmt seinen Lauf.

 

Leseprobe:

… „Der Antichrist ist tot, das Feuer hat seine Seele geläutert“, zischte er. Erst jetzt bemerkte Nelson, dass die Last von seiner Schulter abgefallen war. Er fühlte sich mit einem Mal leicht. So leicht, dass er sich vom Boden löste und in den mondbeschienenen Nachthimmel davon schwebte ...

Schweißnass wachte er auf. Irgendwo krähte ein Hahn. Licht fiel durch die Ritzen der Bretterwand und streute dünne, gelbe Streifen aufs Stroh. Das Schwein grunzte aufgeregt und trat gegen das Gatter.

Nelson spürte so etwas wie ein schlechtes Gewissen. In seinem Traum hatte er Levent im Stich gelassen. Levent war verbrannt, ohne dass er ihm hatte helfen können. Wenn er bloß wüsste, was es mit dem fetten Mönch auf sich hatte! In seinen Träumen war er ihm nun schon zum zweiten Mal begegnet. Und beide Male hatte er das Gefühl gehabt, dass sie sich von irgendwoher kannten.

Als er sich umdrehte, blickte er in das schlafende Gesicht Judiths. Sie lag keinen halben Meter von ihm entfernt. Er widerstand der Versuchung, näher zu rücken und sie zu berühren.

Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah ihn an, als ob sie schon lange wach wäre. „Hi, Captain“, flüsterte sie.

„Hi“, antwortete Nelson. Warum konnte sie ihn nicht einfach beim Namen nennen?

„Wie spät ist es?“

„Hab meine Uhr in der Zukunft vergessen.“

„Ach ja.“

Der Hahn krähte erneut, und Luk setzte sich ruckartig auf.

„Wo sind wir?“, fragte er schlaftrunken und starrte seine Freunde mit aufgerissenen Augen an.

„Im Stall zu Bethlehem“, entgegnete Judith und grinste.

Luk seufzte, schloss die Augen und rutschte tiefer ins Stroh.

„Ich hab geträumt“, seufzte er.

„Du kannst unterwegs weiterträumen“, erklärte Nelson. „Auf geht’s! Wir müssen los!“

Als sie wenig später hinaustraten, lugte die Sonne gerade über die wellige Linie des Horizonts. Die Luft war so klar, dass sie kilometerweit blicken konnten. Vögel zwitscherten in den Bäumen, deren Äste sich bedächtig im Morgenwind wiegten, und nicht weit von ihnen entfernt stromerte ein räudiger Hund übers Feld.

Ihr Gastgeber war bereits auf den Beinen. Mit einer riesigen Sense fuhr er durchs hohe Gras, weit ausholend und mit gleichmäßigem Schwung, wie das Pendel einer Standuhr. Er bemerkte sie nicht, oder er wollte sie nicht bemerken. Ohne innezuhalten, fuhr er in seiner Arbeit fort. Auch als sie an ihm vorbei um die Wiese herum Richtung Fluss liefen und ihm zuwinkten, reagierte er nicht.

Am Ufer trafen sie auf den alten Fährmann, der ihnen entgegensah, als hätte er sie schon erwartet.

„Ihr seid spät dran an diesem wunderschönen Morgen“, begrüßte er sie. „Hattet ihr eine bequeme Nacht?“

Während er sie auf die andere Seite fuhr, berichteten sie ihm, was sie bei ihrer Ankunft im Dorf erlebt hatten.

„Sie haben ihn aufgegriffen“, teilte ihnen der Fährmann mit. „Der Gehilfe des Abdeckers hat’s mir vorhin erzählt. Der Dämon hat versucht, sich in einen Falken zu verwandeln. Aber seine Häscher waren schneller.“

„Und wo haben sie ihn hingebracht?“, fragte Judith, die sich diesmal besser im Griff hatte.

Der Fährmann zuckte mit den Schultern. „Wer weiß? Vielleicht haben sie ihn sofort verbrannt“, antwortete er lapidar. Er machte am Ufer fest und erbat sich zum Abschied ihren Segen. „Der Teufel lauert überall“, flüsterte er. „Nur Gott kann uns vor seinesgleichen schützen.“

Sie folgten dem Weg, den sie am Vortag gegangen waren, und gelangten nicht weit vom Eingang der Katakomben entfernt auf einen Trampelpfad, der sich mit dem Fluss durch die üppig bewachsene Landschaft schlängelte.

„Wie einsam es hier ist“, murmelte Nelson.

„Fast unheimlich, diese Stille“, stimmte ihm Luk zu.

Der Fluss mäanderte um den Hügel herum, auf dem in ihrer ganzen Pracht Burg Rosenstoltz thronte. Irgendwann kreuzte der Pfad einen Weg, der geradewegs zur Burg hinaufführte. Hier trafen sie zum ersten Mal auf Menschen, die offenbar dasselbe Ziel hatten wie sie. Ein Ochsenkarren, der schwere Eichenfässer geladen hatte, überholte sie langsam, und wenig später sprengten zwei Ritter heran, die sich in gestrecktem Galopp Derbheiten an den Kopf warfen, ohne von den drei jungen Mönchen Notiz zu nehmen.

„Irre!“, stieß Luk aus. „Die halten sich noch nicht einmal fest. Und ihre Pferde! Das sind gar keine Pferde, das sind ...“

„Brabanterhengste“, bemerkte Judith trocken. „Kaltblüter. Groß, stark, schnell und schön. Wie Männer eben sein sollten.“ Dabei maß sie ihre Freunde mit einem Blick, der besagte, dass sie keine dieser Eigenschaften besaßen.

Der Weg wurde steiler und verjüngte sich zusehends. Bald war der Pfad so schmal, dass nur noch zwei Fußgänger nebeneinander Platz fanden. Judith lief vorneweg, Luk und Nelson folgten. Auf der Mitte des Hügels knickte der Pfad nach rechts ab und beschrieb einen weiten Bogen hoch zur Burg. Nelson wunderte sich, dass es keinen direkten Weg hinauf gab. Aber Luk erklärte ihm, dass alle Wehranlagen ähnlich angelegt seien. Angreifer, die sich der Burg näherten, müssten den Verteidigern ihre linke, schildentblößte Seite zuwenden und seien auf diese Weise völlig ungeschützt.

Während sie sich Burg Rosenstoltz näherten, schien der riesige Turm vor ihren Augen noch weiter in den Himmel zu wachsen. Auch die Burgmauer hatte gigantische Ausmaße. Sie war aus Tausenden, vielleicht Zehntausenden mächtigen Buckelsteinquadern errichtet worden und wirkte schier unüberwindbar. Nelson registrierte Dutzende von schmalen, kreuzförmigen Schießscharten, hinter denen vermutlich Bogen- und Armbrustschützen lauerten. Links und rechts vom Tor wie auch auf der Rückfront der Anlage erhoben sich runde Wachtürme mit klobigen Zinnen, die den Verteidigern Schutz boten. An den Türmen und entlang der Mauer wölbten sich in regelmäßigen Abständen gerundete Erker nach außen, deren Böden, wie Luk erklärte, aufgeklappt werden konnten, um geschmolzenes Pech, kochendes Wasser oder Fett, Steine, Unrat oder sogar Urin und Exkremente auf die Angreifer zu schütten.

„Schon ein bisschen eklig, oder?“, meinte Judith und sah angewidert hinauf.

Die Zugbrücke war heruntergelassen. Nelson wunderte sich, dass die Wachposten kaum aufblickten, als sie das Tor passierten. In seiner Vorstellung lebten die mittelalterlichen Burgbewohner – aufgrund ihrer ständigen Furcht, von feindlichen Heeren überfallen zu werden – in hermetisch abgeriegelten Anlagen, die sie nur für jene öffneten, die ungefährlich waren. Wie ihm jetzt bewusst wurde, war das Unsinn. Ein feindliches Heer war vom Hauptturm in einer Entfernung von mindestens 20 Kilometern zu sehen, Zeit genug, um die Schotten dichtzumachen. Und außerdem: Wer würde es während des größten Ritterturniers seiner Zeit wohl wagen, eine Burg wie diese zu erstürmen? Ausgerechnet zu einer Zeit, da die stärksten Kämpen weit und breit nur darauf warteten, mit anderen ihre Kräfte zu messen.

Sie schritten durch eine dunkle, tunnelartige Torhalle, an deren Seiten ebenfalls Schießscharten angebracht waren. Am Ausgang lauerte ein in seitlichen Mauerschlitzen verlaufendes Fallgitter.

„Ich könnte wetten, dass die Gitterstäbe einzeln runterkrachen“, bemerkte Luk mit einem seltsamen Glühen in den Augen. „Sonst wäre es ein Leichtes, das Gitter abzufangen und darunter hindurchzukriechen.“

Als sie in den ersten Burghof traten, verschlug es ihnen die Sprache. Das war nicht die Burg, die sie kannten, das hier war eine richtige Stadt! Im Zentrum der Anlage reckte sich der gigantische Bergfried in den Himmel, der auf viele kleinere Gebäude herabblickte. Sie identifizierten das Küchenhaus, vor dem gerade Hühner geschlachtet wurden, mehrere Wirtschaftsgebäude und Ställe, eine Art Bäderhaus, eine Doppelkapelle und etwas abseits, weitaus höher gelegen, ein palastartiges Gebäude, in dem allem Anschein nach der Burgherr mit seiner Familie wohnte.

Um die kleine Stadt betreten zu können, mussten sie ein weiteres Tor passieren, denn hinter der ersten erstreckte sich noch eine zweite, etwas niedrigere Mauer mit Graben und Zugbrücke, die ebenfalls von Posten bewacht wurde.

Überall wimmelte es von Menschen. Auf einer großen Wiese zwischen den beiden Mauern übten sich Ritter und Knappen im Schwert- und Lanzenkampf, Bogenschützen zielten auf weit entfernte Strohpuppen. Rund um die Gebäude boten Händler lautstark ihre Waren feil, Mägde rannten schreienden Kindern hinterher, Knechte liefen mit Säcken auf den Schultern über den Hof, irgendeiner rollte ein riesiges Fass vor sich her, und weiter hinten standen einige Würdenträger beieinander und diskutierten über Gott und die Welt.

„Wir könnten unsere Brüder dort hinten anquatschen“, schlug Judith vor, die keine Zeit verlieren wollte. Sie deutete auf eine Gruppe von Mönchen, die ihnen am nächsten stand. „Vielleicht hat einer von denen gesehen oder gehört, ob der Antichrist schon hergebracht worden ist oder sich inzwischen in eine Kakerlake verwandelt hat.“ Beim Wort Antichrist rollte sie wieder mit den Augen.

Sie schlenderten hinüber und blieben etwas abseits stehen. Die Ordensbrüder trugen eine weiße Tunika und ein weißes Skapulier. Nelson schloss daraus, dass es sich um Dominikaner handelte, ein Bettelorden wie der Ihre, der jedoch noch jünger war. Einer der Mönche sah herüber und nickte ihnen kurz zu, ohne seine Rede jedoch zu unterbrechen. …