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Marianne Fredriksson - „Simon“

ISBN: 978-3-10-401384-8

 

Klappentext:

Marianne Frederiksson erzählt auf wunderbar einfühlsame und sensible Weise die zugleich gewöhnliche und zutiefst außergewöhnliche Lebensgeschichte eines Jungen und seiner Familie in einer schicksalsschweren Zeit.

Als der zweite Weltkrieg seine Schatten auch auf die Küste vor Göteborg wirft, ist Simon noch ein kleiner Junge, und er ist jüdischer Abstammung.

Karin und Erik, seine Adoptiveltern, verschweigen ihm seine Herkunft, um ihn zu schützen. So begibt sich der Junge selbst auf die Suche nach seinen Ursprüngen.

»Simon« ist in seiner erzählerischen Kraft Eindringlichkeit ebenso einzigartig und ergreifend wie »Hannas Töchter«.

 

Inhalt:

Simon ist ein kleiner Junge jüdischer Abstammung. Aber das weiß er nicht. Die eigene Mutter war nicht in der Lage, ihn zu versorgen, weswegen er von einem kinderlosen Paar aufgenommen wird, was um seinen Vater weiß.

Simon übersteht den Judenhass im zweiten Weltkrieg, zweifelt an sich selber, an seiner Familie und findet dann doch seinen Weg im Leben. Seine große Liebe und seine Berufung.

Ein Familiendrama, wie es wirklich passiert sein konnte. Denn auch Sittsamkeit hat ihre Grenzen.

 

Leseprobe:

… Ruben rief auf der Werft an.»Wie geht`s?«

»Besser, glaube ich.«

»Dann war es also gut, daß du deine Wut rausgelassen hast?«

»Ja, unsere beiden Ärzte haben es so formuliert.«

»Eriksberg sucht Lehrlinge, steht heute in der Zeitung.«

»Das ist mir schnuppe«, sagte Erik. »Der Junge muß zu den Götawerken. Diese Werft ist für ihr gutes Arbeitsklima bekannt.«

»Oh, das wußte ich nicht.«

Zum Glück konnte Erik die Worte zurückhalten, die er auf der Zunge hatte, daß es nämlich eine ganze Menge Dinge gab, von denen er keine Ahnung hat, der Direktor Lentov.

Er sagte statt dessen: »Wir sind an einem Wendepunkt, Ruben, ich fühle, da´wir an einem Wendepunkt sind.«

Zum ersten Mal seit langem hörte er Ruben lachen.

»Das hast du schon einmal zu mir gesagt, Erik, erinnerst du dich?«

»Nein«, sagte Erik. »Habe ich recht behalten?«

»Ja, in höchstem Maße.«

»Da siehst du.«

»Du mußt dir einen Job in den Maschinenhallen geben lassen«, sagte Erik beim Mittagessen. »Die Werft sucht ganz dringend Leute, und mehr als alle andere brauchen sie Revolverdreher.«

 

Im Personalbüro ging alles wie geschmiert, sie nahmen Isaks Zeugnisse entgegen, nickten, stellten einige Fragen bezüglich Larssons Werft, die bauen schöne bohusläner Segelschiffe, und sagten dann: »Hier bei uns ist alles etwas größer und weniger aus Holz.«

Dann kam die ärztliche Untersuchung, atmen, nie Herzbeschwerden gehabt, Asthma, Tbc? Gut, schöne Blutwerte, der Nächste bitte.

Ein Fragebogen war besonders schwierig, aber Isak füllte ihn aus. Es gab mehrere Alternativen bezüglich der Religion: lutherisch, katholisch, mosaisch, anderes Glaubensbekenntnis?

Er kreuzte >mosaisch< an. Nicht lügen, hatte Karin gesagt.

Abgeleistete Wehrpflicht? Hier gab es nur ja oder nein, aber Isak schrieb ohne Zögern: Freigestellt: Schwedisch. Geburtsort Berlin.

Nach etwa einer Stunde waren seine Papiere dort angekommen, wo sie hin sollten, waren wieder zurückgekommen, sein Name wurde im Warteraum aufgerufen und der Mann hinter dem Tresen sagte: »Sie fangen Montag um sieben Uhr als Lehrling bei Egon Bergmann in der Maschinenhalle zwei an.«

Ein Stundenlohn wurde genannt, und als Isak ein erstauntes Gesicht machte, sagte der Mann hinter dem Tresen, daß er schon nach etwa einem Monat im Akkord arbeiten werde.

Isak verschwieg, daß er nie damit gerechnet hatte, bezahlt zu bekommen.

 

Er hatte Angst als er dort wegging, aber es war eine erfaßbare Angst, die in den Knien und im Magen saß. Auf der Rückfahrt mit der Fähre kroch diese Angst ihm bis in den Hals und er konnte sie in Worte fassen: Wenn ich das jetzt nicht schaffe, ist es aus mit mir.

»Was immer geschieht, ich halte zu dir«, hatte Mona am Abend vorher gesagt. Sie war unerschütterlich.

Aber Isak konnte letztlich von ihrer Kraft nicht leben.

Auf Frauen ist kein Verlaß, dachte er.

 

Der Gedanke erstaunte ihn so sehr, daß er eine Weile neben seinem Fahrrad stehen blieb. Was war nur mit ihm los, hatte er nicht all die Jahre Karin gehabt, auf die er sich felsenfest hatte verlassen können?

Nur hätte der Tod sie ihm irgendwann fast genommen.

Isak, sagte er zu sich selbst, ein Mensch hält sein Versprechen auch wenn er k rank wird. Und Mona war, das wußte er mit seinem ganzen Wesen, wie Karin, eine Grundfeste.

Er schämte sich.

Maria setzte ihm ununterbrochen zu, seine Träume zu erzählen und sich an eigenartige Gedanken zu erinnern. Er träumte nicht, aber jetzt hatte er zumindest einen eigenartigen Gedanken vorzuweisen, dachte er, als er sich an der Fährenstation aufs Rad schwang und heim zu Katrin und Erik fuhr, um ihnen zu erzählen, daß er den Arbeitsplatz bekommen hatte.

An der Kalr-Johana-Gata änderte er aber die Richtung und radelte der Stadt zu. Ruben, sein Papa, sollte es als erster erfahren. Ruben freute sich, aber Isak entging die Besorgnis in seinen Augen nicht, er fragte sich genauso wie Isak selbst: Würde er es schaffen?

»Dort arbeiten nur lauter Männer und sicher herrscht eiserne Disziplin«, sagte Ruben, doch als er das Erschrecken in Isaks Gesicht sah, hätte er es lieber ungesagt gelassen.

»Isak«, begann er wieder und versuchte den Jungen den Arm um die Schulter zu legen. »Es wird gut gehen, du hast immer geschickte Hände gehabt. Und sollte es zu schwer für dich werden, können wir immer noch auf Chalmers Technische Hochschule überwechseln. Wenn du die absolviert hast, kannst du ohne weiteres … weniger harte Arbeit bekommen.«

Isak zog den Arm seines Vaters von der Schulter.

»Papa« sagte er. »Lügen ist bei uns nicht üblich. Du weißt sehr wohl, wenn ich das hier nicht schaffe, ist es aus mit mir.«

»Nein!« schrie Ruben auf.

Aber der Schmerz in den Augen des Jungen traf ihn sofort. Isak sah es und fühlte sich unmittelbar schuldig, machte auf dem Absatz kehrt und rannte durch das Kontor hinaus zu seinem Fahrrad.

Mona hatte das ganze Wochenende, das zwischen Isaks Frage und dem bedeutungsvollen Montag stand, im Krankenhaus Dienst. Das war ihm recht. Er wollte allein sein. Er nahm sein Boot, lag zwischen Vinga und Nidingen am Wind, reffte nicht, obwohl es außerhalb des Schärengürtels auffrischte.

Ohne konkrete Gedanken hielt er Ausschau nach einem Boot mit dreieckiger Flagge, hielt Ausschau nach Simon. Aber es war, so weit das Auge reichte,, von Militär nicht zu sehen, und in verboten Gewässer wagte Isak sich nicht.

Ich bin kindisch, dachte er. Das alles ist nur meine Sache. Zum ersten Mal im Leben muß ich mich allein zurechtfinden.

Achtern tauchte Bylunds Gesicht auf der Wasserfläche auf, der schniefende Rüssel, die bebenden Nasenflügel, doch schon im nächsten Augenblick dachte Isak, er werde direkt auf den Leuchtturm von Bödö zuhalten und einen Bogen fahren.

Er wußte, daß die Brise steif war, da Erik mit ihm geschimpft hätte, aber er bewältigte das Manver, und als er da Boot wieder am Wind hatte, dachte er, er werde es wohl schaffen, slebst wenn Egon Bergmann ein ähnlicher Typ wie Bylund sein sollte.

Die Welt war für ihn jetzt ganz wirklich, und was ihm salzig übers Gesicht lief, war nur Meerwasser, dachte er, als er bei Langedrag einlief und vertäute. Er machte auf seinem Boot bis in den letzten Winkel klar Schiff, niemand sollte etwas anderes sagen können, als daß alles an seinem Platz war. Seemannsmäßig, makellos und schmuck.

Als er heimkam, rief er Mona im Krankenhaus an: Doch, es ging ihm gut, nein, er sei nicht aufgeregt.

Sie hatten schon gegessen, aber Karin wärmte ihm die Frikadellen auf, er aß hungrig wie ein Wolf und ging bald ins Bett.

Es schlief die ganze Nacht durch.

Um sechs Uhr weckte Erik ihn, Karin schmierte Brote, drängte ihm eine halbe Tasse Kaffe auf, packte die Brote, den Blaumann und feste Schuhe in einen Rucksack. Um halb sieben stellte Isak sein Fahrrad beim Werk zu tausend anderen Rädern, und zwanzig vor sieben stand er als einer von hunterd wie die Ölsardinen zusammengepferchten dösigen Männern in einem Kahn, der die große Werft auf der anderen Seite des Flusses ansteuerte.

Schon im Kahn meinte er so etwas wie wortlose Freundlichkeit zu spüren. Aber er wagte nicht daran zu glauben.

Die Werft tauchte vor ihm auf, löste sich aus dem Frühnebel. Am rechten Küstenstreifen sah er die Helligen, wo die riesigen Schiffe heranwuchsen, und neben diesen konnte er die beiden Docks erkennen, eines davon unfaßbar groß. ...