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Gerd Ruebenstrunk - „Blutring“

ISBN: 9-783-522-50489-8

 

Klappentext:

Ein alter Mann, der ein dunkles Geheimnis mit in den Tod nimmt.

Ein Junge, der in einem vergilbten Buch erste Hinweise auf eine Verschwörung findet.

Und ein Mädchen, das wissen will, was tatsächlich hinter den alten Familiengeschichten steckt.

 

Die Suche nach dem legendären Blutring des Tamerlan in den dunkelsten Gassen Barcelonas beginnt – eine Suche auf Leben und Tod.

 

Inhalt:

Aus einem Urlaub in Barcelona wird plötzlich die Tatsache, dass die Eltern da hin umziehen wollen. Danny muss mit, ob er will oder nicht.

In Barcelona fast er zunächst nicht wirklich Fuß. In der Schule landet er neben dem Klassennerd und auch sonst sucht er nicht gerade den Anschluss.

Eines Tages stirbt vor einem Supermarkt ein alter Mann. Danny bringt mit Hilfe seines Hundes die paar Habseligkeiten des Mannes zu seiner Familie.

Zunächst stößt ihm Ablehnung entgegen. Doch schon einen Tag später bekommt Danny Besuch von einem angeblichen Polizisten. Und damit rutscht er in ein Abenteuer um einen unscheinbaren goldenen Ring hinein.

 

Leseprobe:

… Auch diesmal war es nicht nur ich, der sich ständig nach Verfolgern umsah. Lola und Jakob suchten mit ihren Augen ebenfalls immer wieder die Umgebung ab. Keiner von uns hatte Lust, Morales noch einmal zu begegnen. Solange es hell war, konnten wir unser Umfeld auch gut kontrollieren, aber wie würde es bei Dämmerung oder Dunkelheit sein?

Der Vorfall in Lolas Wohnung hatte mich doch nachhaltiger beeinflusst, als ich mir eingestehen wollte. Die Straßen Barcelonas, die mir vorher so weit und freundlich vorgekommen waren, schienen mit einem Mal voller dunkler Schlupfwinkel zu sein, aus denen sich jeden Augenblick eine finstere Gestalt auf uns stürzen konnte.

Die Biblioteca Arús war benannt nach Rosendo Arús i Arderiu, einem bekannten katalanischen Freimaurer aus dem 19. Jahrhundert. Sie war spezialisiert auf die Geschichte der Arbeiterbewegung, des Anarchismus und der Freimaurerei. Ich hatte ein wenig gegoogelt und wusste nun, dass Freimaurer Menschen sind, die nach den Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität leben. Das verbindet sie auch mit den Anarchisten, die jede Form der Herrschaft von Menschen über Menschen als eine Form der Unterdrückung von Freiheit ablehnen.

Von außen sah die Bibliothek nicht besonders beeindruckend aus. Der Passeig Sant Joan, an dem sie lag, war eine der vielen breiten Straßen, die für diesen Teil des Eixample typisch waren. Es gab Telefonläden, Bäckereien, einen Comicladen auf der anderen Straßenseite und einige leer stehende Ladenlokale. Wenn man nicht genau hinschaute, dann konnte man an der Bibliothek vorbeilaufen, ohne sie zu bemerken. Lediglich eine winzige Laterne über der Tür, die den Namen verriet, machte auf diesen Ort aufmerksam.

Wir traten durch die Eingangstür und befanden uns in einer anderen Welt. Vor uns lag eine breite, von Marmorsäulen flankierte Treppe, an deren Kopf eine Kopie der amerikanischen Freiheitsstatue stand. Allerdings war sie nicht aus Stein, sondern aus Metall, viel kleiner als das Original und schwarz.

Vor dem Eingang zur eigentlichen Bibliothek war das WortSALVE in den Boden eingelassen, der lateinische Willkommensgruß. Deckenhohe Schränke voller Bücher erwarteten uns, ein wahres Labyrinth, durch das lediglich schmale Gänge führten.

Wie sollten wir hier etwas finden?

An einem Tisch saß ein älterer Mann in Strickjacke mit schütterem Haar und Zehntagebart. Jakob marschierte zielgerichtet auf ihn zu.

»Entschuldigen Sie bitte. Wir suchen Literatur von und über Subirachs«, sagte er.

Der Mann erhob sich und bedeutete uns, ihm zu folgen.

Er führte uns einen Gang entlang zu einem großen polierten Holzschrank, der nur aus Schubladen bestand, und zog eine davon heraus. Sie war bis zum Bersten gefüllt mit Karteikarten.

»Hier ist so ziemlich alles aufgeführt, was wir über Subirachs haben.«

Jakob stöhnte. »Und das im Computer-Zeitalter!«

»Wir arbeiten an der Digitalisierung«, sagte der Mann schulterzuckend. »Aber das wird noch ein wenig dauern.«

Wir teilten uns auf und begannen, die Karteikästen zu durchsuchen. Nach einer Viertelstunde verglichen wir, was wir gefunden hatten, steckten einen Teil der Karten zurück und brachten den Rest zum Bibliothekar.

Wir ließen uns die Bücher aushändigen und gingen in den Lesesaal, wo bereits einige ältere Herren an langen Tischen und auf Stühlen aus schwarzem Holz und Leder über Bücher oder Zeitschriften gebeugt saßen. Auch jeder von uns nahm sich ein Buch, wir setzten uns nebeneinander und vertieften uns darin.

Eine Stunde später hatten wir alle Bände durchgesehen und waren keinen Schritt weitergekommen. Ich wusste jetzt zwar mehr über Subirachs und sein Werk als 99 Prozent der Weltbevölkerung, über das magische Quadrat hatte ich aber nur ein paar Spekulationen gelesen, die uns nichts brachten. Den anderen war es nicht besser ergangen als mir.

Flüsternd hielten wir Kriegsrat. Sollten wir weitermachen oder aufgeben? Die meisten Besucher waren inzwischen verschwunden, sah man von einem Mann ab, der so alt sein musste wie die Bibliothek selbst und in seinem Stuhl zurückgelehnt leise vor sich hinschnarchte. Und dann war da noch ein gediegen gekleideter älterer Herr, der uns wohl schon eine ganze Zeit lang beobachtet hatte. Er stand auf und kam zu uns herüber.

»Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Josep Fons Serra.« Er deutete eine Verbeugung an. »Ich habe mitbekommen, dass Sie nach Informationen über Subirachs magisches Quadrat suchen.«

Wir nickten und erhoben uns automatisch aus unseren Stühlen.

»Darf ich fragen, zu welchem Zweck Sie dies eInformationen benötigen? Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen.«

Unsicher sahen wir uns an. Warum wollte er das wissen? Und warum sollten wir seine Frage beantworten? Andererseits machte er einen vertrauenerweckenden Eindruck, mit seiner Old-School-Kleidung, bestehend aus Anzug, Weste und Krawatte und einem freundlichen Lächeln, das sich auch in seinen blauen Augen wiederfand, die hinter zwei kreisrunden Brillengläsern hervorblitzten.

Er bemerkte unser Zögern. »Vielleicht wollen Sie erst einmal darüber beraten«, sagte er und zog sich in die andere Ecke des Lesesaals zurück.

»Was meint ihr?«, fragte ich.

»Ich finde, er sieht vertrauenswürdig aus«, sagte Lola.

»Aber ist er es auch?« Jakobs Zweifel standen ihm ins Gesicht geschrieben.

»Warum nicht?«, entgegnete ich, vielleicht auch nur, um ihm zu widersprechen. »Außer uns und Antonio wusste doch niemand, dass wir heute hierhergehen. Und er war schon da, als wir reingekommen sind. Also kann er nichts mit dem, wonach wir suchen, zu tun haben.« …