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Agustìn Sànchez Vidal - „Kryptum“

ISBN: 9-783-423-25466-1

 

Klappentext:

1582. Im Alkazar von Antigua wartet Raimnundo Randa auf seinen Prozeß vor der Heiligen Inquisition. Hinter ihmliegt eine lange Reise voller Gefahren. Mehr als einmal hat er seine Identität und seinen Glauben gewechselt, um einem mit kryptischen Zeichen beschrifteten Pergament auf die Spur zu kommmen, das ein jahrhundertealtes Geheimnis birgt. Zwölf sephardische Familien haben es seit der maurischen Herrschaft gehütet wie einen Schat...

 

2004 verschwindet in Antigua eine prominente amerikanische Wissenschaftlerin. Kurz zuvor hat sie den Krytologen David vier Fragmente eines Pergaments geschickt. In größter Sorge machen sich der junge Mann und ihre Tochter Rachel daran, dessen Botschaft zu entschlüsseln. Doch sie sind nicht die einzigen, die den Code von Babylon knacken wollen...

 

Inhalt:

Auf der großen Prozession anlässlich der Friedenskonferenz kommt es zur Katastrophe. Erst redet der Papst ein unbekanntes Kauderwelsch mit hypnotischer Wirkung und dann stürzt der Festplatz ein und die teuerste Monstranz aller Zeiten verschwindet in einem Loch.

Rachel Toledano fürchtet in der Zeit um das Leben ihrer Mutter. Diese scheint wie vom Erdboden verschluckt.

David Calderon ist Kryptologe und will das Geheimnis eines alten Pergaments entschlüsseln. - Doch das Anliegen von David und Rachel hat viel miteinander zu tun. Gemeinsam enträtseln sie einen uralten Code, finden ein Geheimnis, die verlorene Mutter und vielleicht auch zueinander.

Die Familien Calderon und Toledano kommen scheinbar nie ohneeinander aus.

 

Leseprobe:

...Es liegt tiefe Trauer in Samuel Toledanos Stimme, jetzt, da er seine Erzählung beendet hat.

»Versteht Ihr nun, warum es ein wahres Wunder ist, daß Ihr dieses Pergament gefunden habt?“ fragt der alte Rabbiner.

»Und weshalb ist es so kostbar?« will Azarquiel wissen.

»Das habe ich Euch bereits gesagt: weil es das Geheimnis von ETEMENANKI hütet, den letzten Schlüssel, die verborgene Sprache des Universums, mit der Gott die Welt erschuf und die allem zugrunde liegt. Es heißt, selbst wenn die Städte untergehen oder die Völker sich verstreuen und alles wieder in Unwissenheit und Finsternis versinkt, so wird doch nicht alles verloren sein, sofern noch irgend jemand diese Sprache versteht. Doch begibt man sich in große Gefahr, wenn man die ergründen will, denn sie soll dasselbe Wesen wie unser Bewußtsein haben, ja selbst wie die Gottheit, aus der sie hervorgegangen ist. Hat Ihr auch den Kodes mitgebracht, in dem man dieses Pergament gefunden hat?«

»Welchen Kodez?«

»Die Sarazenische Chronik, in der geschildert wird, wie und wo die Zeichnungen auf diesem Pergament angefertigt worden sind. Ohne diese Chronik wäre es wahrlich tollkühn, sich damit zu beschäftigen...«

Mit den letzten Worten des Rabbiners hat sich das Gesicht des Fremden verdüstert, denn er fürchtet nun, daß dieser ihm seine Bitte abschlagen wird. Doch kennt er den Charakter des Alten nicht, der seine Rede noch nicht beendet hat.

»... aber seid unbesorgt. Azaqueil. Ich habe lange genug gelebt, habe viele Kinder und Kindeskinder. Die Saat der Toledanos ist also aufgegangen, und ich habe keine Angst vor dem, was mir zustoßen könnte. Meine Neugier ist stärker. Im Schoß göttlicher Geheimnisse zu sterben ist schließlich ein Privileg., das nur wenigen zuteil wird. Es wird kein schlechtes Grab sein, sollte es so kommen. Da sich dieses Dokument Euch offenbart hat, werde ich Euch helfen, es zu entschlüsseln, auch ohne die Sarazenische Chronik. Ich stelle nur eine Bedingung: Den Nutzen, den ihr daraus zieht, habt Ihr mit unserer Gemeinde und, allen voran, mit den Toledanos zu teilen, und nichts darf geschehen, ohne vorher unseren Rat eingeholt zu haben.«

»Das verspreche ich Euch.«

Daraufhin führt Samuel Toledano Azaquiel durch das Kellergeschoß seines Hauses zu einem Raum, wo der Rabbiner sich ans Werk macht. Umgeben von all seinen Büchern greift er zur Feder, er schreibt und schreibt ohne Unterlaß, besser gesagt, er kritzelt dicht gedrängte Zahlenreihen aufs Papier, stellt kabbalistische Berechnungen an, zeichten ein Netz aus sich kreuzenden Linien, deren Zwischenräume er hier und da ausmalt; unermüdlich ist er bei seiner Arbeit, tagein, tagaus, in dem Versuch, die Regeln zu verstehen, die jene seltsame Sprache bestimmen. Aus der Vereinigung der Linien entstehen bald vertraute Abbilder der sichtbaren Welt, bald fügen sie sich zu höchst sonderbaren Bildern zusammen, die selbst Menschen mit mit einer überschäumenden Phantasie verblüffen würden. Und dann gibt es Momente, in denen es ihm gelingt, ein Stück des Musters auf dem Pergament nachzubilden. Dies geschieht zwar nur selten, doch Toledano glaubt sich auf dem richtigen Weg. Mit der Zeit erschließen sich ihm so immer mehr Teile des Ganzen, die er an die bereits gefundenen fügt, um auch jene Ecken zu entschlüsseln, die sich ihm noch entziehen.

Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist Azarquiel, der ihm das Essen bringt, das er aber kaum anrührt. Wenig später verliert er gar jeglichen Appetit, und bald findet er auch keinen Schlaf mehr. Nach einigen Wochen fieberhaften Arbeitens an der Entschlüsselung des Pergaments wird der Greis von einer seltsamen Krankheit heimgesucht. Er kann nicht erklären, was mit ihm los tist. Wenn er zu sprechen versucht, bringt er nur unverständliches Gestammel hervor. Und eines Morgens ist er tot. Sein Antlitz ist zu einer gräßlichen Grimasse verzerrt, die wahrlich grauenerregend ist.

Es ist jedoch kein Anzeichen äußerer Gewaltanwendung zu erkennen. Die Augen sind aufgerissen,d ie Pupillen geweitet. An beiden Seiten des Halses treten die Muskeln hervor, die Adern sind geschwollen. Der ganze Körper ist stocksteif, aber in seinem Leib scheinen sämtliche Eingeweide geplatzt zu sein. Was auch immer der Grund für seinen Tod war, es muß etwas Entsetzliches gewesen sein.

Dennoch weiß Azaqueil um einige der im Pergament enthaltenen Geheimnisse, die ihm de rAlte vor seinem Dahinscheiden noch enthüllt hat; anscheinend genug, daß der grämliche kleine Mann den Beschluß faßt, sich in Antigua niederzulassen. Bald darauf bietet er auf dem Marktplatz seine Dienste als Schreiber an, der jegliche Art von Dokumenten auf spanisch, lateinisch, arabisch oder hebräisch aufzusetzen verstehe. Gegenüber dem Pranger, an der Stirnseite der Kathedrale, die sich an der Stelle erhebt, wo eins die Große Moschee gestanden hatte, unterhält er zu diesem Zweck einen winzigen Stand, der jedoch zu kelin ist, um ihm wirklich als Schreibwerkstadt zu deinen, so daß er dort nur seine Aufträge annimmt. In Antigua fehlt es indessen nicht an mißtrausichen Seelen, und als man sieht, wie viele Besucher dort immer ein- und ausgehen, gibt es manch einen, der ihn verdächtigt, den Stand in Wirklichkeit als bloßen Treffpunkt zu nutzen.

Die Gerüchteküche beginnt erst recht zu brodeln, als man bei Azaquil nach einiger Zeit Zeichen großen finanziellen Wohlstands wahrnimmt. Die Blicke vieler sind fortan auf ihn gerichtet. Vor allem als herauskommt, daß im beliebtesten Viertel von Antigua nach und nach ein ganzer Häuserblick in seinen Besitz übergegangen ist. Es heißt, er habe große summen an die Bewohner der einzelnen Häuser bezahlt, und er habe das ganze Kapital der jüdischen Gemeinde im Rücken, die geschlossen hinter im stehe, mit den Toledanos an der Spitze.

Unter großer Geheimhaltung wird der alte Häuserblock in der Folgezeit unermüdlich umgebaut. Von der Straße aus sieht man nichts als die gleichen Häuserfassaden wie eh und je, die kaum Fenster haben. Doch im Inneren habt man unaufhörlich unterirdische Gewölbe und Schächte aus, die so ausgedehnt und verwirrend angelegt werden, daß es viele Generationen dauern wird, um dieses Labyrinth in seinem ganzen Ausmaß zu erfassen.

Man beobachtet Azarqueil voller Argwohn und munkelt so allerlei. Zu den Gerüchten, die bereits über ihn im Umlauf sind, kommt nun noch das Getuschel über die heimliche Plackerei. Und das Mißtrauen wächst weiter, als bekannt wird, daß Azarquiel, der nach außen hin ein zurückgezogenes Leben führt, sich neben den Juden häufig auch mit den Morisken und en Fremden trifft, die von überallher nach Antigua gekommen sind, um an der Übersetzerschule von König Alfons X., ihrem neuen christlichen Salomo, zu arbeiten. Doch da sein öffentliches Auftreten musterhaft ist und Azarquiel mächtige Beschützer hat, wagt niemand, ihn zu belästigen oder sich in seine Angeleigenheit einzumischen. Zumindest solange er noch unter den Lebenden weilt.

Denn es kommt der Moment, da Azarquiel beginnt, sich unwohl zu fühlen. Wenn er redet, wechselt er nun immer häufiger ohne ersichtlichen Grund von einer Sprache in die andere, so daß es fast unmöglich ist, ein flüssiges Gespräch mit ihm zu führen. Innerhalb weniger Wochen vermag er schließlich nur noch in einer seltsamen und unverständlichen Sprache zu stammeln. Und eines Tages wird er tot aufgefunden, seine Leiche treibt im Fluß. Es ist kein Anzeichen äußerlicher Gewaltanwendung zu erkennen. Trotzdem sieht er grauenhaft aus: die Augen sind aufgerissen, die Pupillen geweitet und die Adern geschwollen. …