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A.G. Howard - „Herzkönig“

Dark Wonderland 3

ISBN: 9-783-570-16433-4

 

Klappentext:

Al hat den Angriff beim Abschlussball überlebt, doch ihre Liebsten wurden von Königin Rot entführt. Um sie zu retten, muss Al sich in einem finalen Kampf der Königin stellen, um den Krieg um Wunderland ein für alle Mal für sich zu entscheiden. Dafür muss sie ihre Besonderheit als Netherling endgültig die Oberhand gewinnen lassen – was sie ihre Liebe zu Jeb kosten könnte ... Haben die beiden überhaupt eine Chance auf ein Happy End? Oder wird Al sich sowieso für Morpheus entscheiden? Wer wird letztendlich ihr Herzkönig?

 

Inhalt:

Alyson und ihr Vater reien nach Irgendwo-Anders. Jeb und ihre Mutter werden dort gefangen gehalten. Alyson muss sich Königin Rot stellen, um ihre Fehler wieder gut zu machen.

Doch Jeb will gar nicht wirklich in die Menschenwelt zurück. Im Irgendwo-Anders besitzt er Magie, die er in der Menschenwelt nicht mehr hätte.

Außerdem ist da auch noch Morpheus. Er würde es begrüßen, wenn Jeb da bleibt, wo er jetzt ist. Dann könnte er nämlich seine Königin Alyson heiraten und mit ihr Wunderland regieren.

Alyson kämpft um ihre Familie, um ihr Leben und um eine Entscheidung.

 

Leseprobe:

...Er ist nicht mehr der Junge, den du gekannt hast, hat mich Morpheus gewarnt. Genau das hat er gemeint. Jeb ist mutiert und es ist meine Schuld.

In der Leere, wo seine Haut aufklafft, erregt eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Ein Augapfel hüpft an die Oberfläche, mit Adern überzogen und die Hinterseite nach vorn gekehrt. Mit einem Würgen versuche ich, Jeb wegzustoßen. Er ist zu stark und hält mich an meinen eigenen Händen gegen die Wand gedrückt.

Er neigt sein Gesicht näher heran. Mehrere Finger kriechen aus der aufklaffenden Haut über seinen Wangenknochen – eine Hand versucht, sich aus dem Innern herauszustrecken und mich zu berühren. Die Finger sind glänzend und dunkelrot, die Farbe von Blut. Der losgelöste Augapfel rollt herum, um einen Blick auf die Fingerspitzen zu werfen, während die beiden anderen Augen weiterhin auf mich gerichtet sind.

Unter der gnadenlosen Hand über meinem Mund japse ich verzweifelt nach Luft. Hitze zieht mir glutheiß über die Brust – elektrisch geladen wie ein Blitz – und erneut leuchtet das Tagebuch unter meinem Oberkleid auf. Das erweckt meinen Selbsterhaltungstrieb jäh zum Leben. Ich blecke die Zähne und beiße ihm in die Finger, so fest, dass ich ihm die Haut aufreiße.

Mit einem wilden Kreischen lässt Jeb mich los. Ich spucke sein Blut aus und bin geschockt, weil es nach Farbe schmeckt.

Ich fühle nach dem schlüpfrigen Dolch in meinen schweißnassen Fingern, bekomme ihn in letzter Sekunde fest in den Griff und schneide Jeb versehentlich durch seine Jeans in den Oberschenkel. Er heult auf – ein grauenvolles, animalisches Geräusch –, als es ihm die Haut vom Bein abzieht: eine fünfzehn Zentimeter lange Schnittwunde.

»Es tut mir leid!«, rufe ich. »Mir tut alles so leid!«

Losgelöste Augen und rote, körperlose Hände quellen aus der Öffnung und reiten auf glitschigen, blutroten Ranken mit Mündern, die wie die Fangblätter von Venusfliegenfallen schnappen.

Ich lasse den Dolch fallen. Den Rücken gegen die Wand gedrückt, rutsche ich zu Boden. Meine Schreie vermischen sich mit seinem gequälten Heulen. Die schmierigen Ranken ziehen sich um mich zusammen und ich trete nach ihnen. Galle steigt mir in die Kehle, als sich mehrere von ihnen nun um meinen Knöchel schlingen.

Die Tür weiter unten im Gang wird aufgerissen. Morpheus kommt herausgestürmt, Nikki und Grinsekätzchen fliegen hinter ihm her.

Salzige Tränen strömen mir übers Gesicht – überziehen meine Lippen, während ich sinnlose Entschuldigungen für so viele Dinge murmle. So viele Dinge, die nun unumkehrbar sind. Morpheus schält die Ranken von mir herunter, hebt mich hoch und zieht mich sanft an seine Brust.

»Schaff dieses verdammte Ungeheuer hier raus!«, ruft er über die Schulter. Mit tränentrüben Augen schaue ich hinüber, um zu sehen, mit wem er redet.

Es ist Jeb. Mein Jeb. Der, der noch Minuten zuvor mit ihm im Raum war. Und das Einzige, was sein makelloses Gesicht verunstaltet, sind Farbspritzer.

Der andere Jeb, der, der mich angegriffen hat, liegt in sich zusammengesunken auf dem Boden und wimmert vor sich hin. Ein makabrer Doppelgänger des menschlichen Jungen, den ich liebe.

»Warum treibt sich dieses Ding unbewacht herum?«, schimpft Morpheus weiter. »Ich habe dir doch gesagt … Du hättest ihm niemals solche Freiheiten geben dürfen.«

Jebs Blick streicht über mich hinweg, der Ausdruck seiner grünen Augen ist weit entfernt von dem gefühllosen Starren eines Elfenritters. Sie sind erfüllt mit Schreck, Verbitterung und Qual.

Ein Schauder nach dem anderen überläuft mich vom Kopf bis in die Zehen. Ich muss ihm sagen, dass ich gekommen bin, um ihn zu retten. Dass ich ihn immer noch liebe. Dass mir alles leidtut. Aber meine Stimmbänder erstarren, als seien sie vereist.

Auch mein Kopf fühlt sich an wie in Eis eingefroren, schwer und pochend. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt wach bin. Vielleicht war das alles nur ein Albtraum. Ich halte mich an Morpheus’ Nacken fest und grabe das Gesicht in sein Jackett. Nikki und Grinsekätzchen wühlen sich in mein Haar. Ich atme Morpheus’ Duft ein. Er ist das Einzige, was ich wiedererkenne; das Einzige, was sicher ist.

Er trägt mich zurück in den hell erleuchteten Raum und setzt mich sanft auf dem Tisch ab. Ich kann nicht aufhören zu zittern. Meine Kehle schmerzt von all den zurückgehaltenen Tränen.

»Beruhig dich, Alyssa.« Morpheus legt mir eine schwere Segeltuchplane um die Schultern.

Grinsekätzchen klettert von meinen Schultern auf meinen Schoß, und seine großen smaragdgrünen Augen fragen mich, ob es mir besser gehe. Nikki umsummt mein Gesicht und tätschelt mit ihrer marienkäfergroßen Hand meine Schläfe – eine liebevoll mütterliche Geste.

Mein Blut rast mir abwechselnd heiß und kalt durch die Adern.

»Du siehst blass aus«, bemerkt Morpheus und schlingt die Plane fester um mich. »Brauchst du einen Eimer?«

Ich schüttle den Kopf und kämpfe das Rumoren der Übelkeit in meinem Magen nieder. »W-wo ist Jeb? Was war dieses Ding …« Ein Würgen krampft mir die Kehle zusammen. Heftiger Hustenreiz erschüttert meinen Körper.

»Sch!« Morpheus legt seine Hände links und rechts von meinen Hüften auf den Tisch. Seine Flügel umschließen uns wie ein Kokon. »Jebediah schafft es gerade weg. Er wird gleich wieder hier sein. Atme tief durch und konzentrier dich auf mich. Du bist in Sicherheit.«

Ich versuche flach zu atmen, dennoch fühle ich ein Würgen in der Kehle.

»Sieh mich an«, drängt Morpheus.

Ich konzentriere mich auf sein Gesicht, das, von seinen Flügeln verdunkelt, in die Farbe schneeweißer Schatten getaucht ist, und er beginnt zu singen. Nicht in meinem Kopf, das lässt die eiserne Kuppel nicht zu, sondern laut … ein einfaches, zärtliches Schlaflied, getragen von seiner schönen Stimme.

»Kleine Blüte, voller Schrecken, ich will dich aus dem Albtraum wecken. Dir Tränen aus den Augen streichen, alle Angst soll von dir weichen.« …