ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Monika Felten - „Königin der Schwerter

ISBN: 9-783-492-26680-2

 

Klappentext:

Als die Journalistin Sandra eine Affenskulptur mit geheimnisvollen Inschriften ersteigert, ahnt sie nicht, dass sie damit eine fremde Macht zum Leben erweckt. Fortan wird sie von Träumen heimgesucht, und am Tag sieht sie Bilder, die nicht ihrer Erinnerung entstammen. Da öffnet ihr die mysteriöse Figur ein Tor in das Reich Benize jenseits unserer Welt, und eine Reise durch ein Land grausamer Dämonen und finsterer Elementarwesen beginnt. Gegenspieler und Freunde müssen sich verbünden, um Benize vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren. Starke Frauen, eine mitreißende Sprache und rasante Action sind auch in diesem phantastischen Pageturner Monika Feltens Markenzeichen.

 

Inhalt:

Eigentlich ist Sandra nur auf der Auktion, weil sie für die Zeitung einen Artikel schreiben soll. Doch am Ende hat sie eine Affenskulptur ersteigert. Ihre Freundin Manon zieht sie deswegen auf, aber Sandra nimmt die Skulptur trotzdem immer mit, wenn sie ihre Wohnung verlässt. Auch auf die gewonnene Reise, die sie mit Sandra macht.

Doch für die beiden Frauen wird es eine Reise, die ihr Leben für immer verändern wird. Denn in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit, wartet man bereits auf Sandra. Sie ist die Priesterin, die in ihren Körper zurückkehren soll, um dem Land ewigen Frieden und angemessenen Wohlstand bescheren soll.

 

Leseprobe:

… Die Sorge um die beiden Frauen war nicht Hákons einziger Kummer. Erst jetzt, da er die Zeit fand, über sein eigenes Handeln nachzudenken, wurde ihm bewusst, in welche Lage er sich mit seinem überstürzten Aufbruch gebracht hatte. Indem er nach Norden und nicht nach Torpak geritten war, hatte er Zoltans Befehl zuwider gehandelt und damit gegen die obersten Gesetze Karadeks verstoßen, die Ungehorsam und Befehlsverweigerung mit Verrat gleichsetzten. Es waren Vergehen, für die es nur eine Strafe gab: den Tod. Seltsamerweise verspürte Hákon bei dem Gedanken, dass er nie wieder nach Torpak würde zurückkehren können, weder Furcht noch Kummer. Als Zweitgeborener hatte er schon im Alter von zwölf Jahren in den Dienst der Garde treten müssen, so wie es das Gesetz verlangte. Sein Leben war von Geburt an vorgezeichnet gewesen, und obwohl er mit vielem nicht einverstanden gewesen war, hatte er sich gefügt – bis zu dem Abend der Totenwache. Gors Geständnis und die Erkenntnis, eine Zwillingsschwester zu haben, hatten alles geändert. Mit dem Entschluss, nach Viliana zu suchen, hatte er sein Leben zum ersten Mal selbst in die Hand genommen.

Er bereute es nicht, denn er war aus tiefstem Herzen davon überzeugt, das Richtige zu tun, und fühlte sich wie von einer Last befreit, die ihn schon lange niederdrückte. Er war jetzt ein Abtrünniger, aber er war frei.

Hákon seufzte. Er wusste nicht, was die Zukunft ihm bringen würde. Alles, was er wusste, war, dass die Suche nach seiner Schwester von nun an sein Leben bestimmen und er nicht ruhen würde, ehe er Antworten auf die Fragen gefunden hatte, die in ihm brannten. Dass Tisea nicht umkehren wollte, stimmte ihn traurig, aber er respektierte ihre Entscheidung, denn er spürte, dass auch sie von etwas getrieben wurde, das stärker war als die Sorge um die eigene Sicherheit.

 

Als die Sonne aufging, brachen sie auf. Tisea und Peme ritten wieder auf Silfri, der tatsächlich fortgelaufen war, sich aber ein paar Stunden nach dem Überfall wieder zu ihnen gesellt hatte. Hákon ritt auf seinem Braunen.

Trotz der Pferde kamen sie nur langsam voran. Tisea litt. Sie klagte nicht, aber ihr Gesicht war angespannt. Hin und wieder hörte Hákon sie aufkeuchen, wenn Silfri stolperte oder einen kleinen Sprung wagen musste, weil das Gelände immer unwegsamer wurde. Je weiter sie nach Norden vordrangen, desto mehr wurde der Wald zu einem tückischen Labyrinth aus schluchtenartigen Hohlwegen und jäh auftauchenden Steilhängen, die einem Reiter leicht zum Verhängnis werden konnten. Hákon musste all sein Geschick auf wenden, um einen gangbaren Weg für die Pferde zu finden, denn er hatte beschlossen, von nun an nur noch abseits der Wege zu reiten, um ein Zusammentreffen mit Gardisten zu vermeiden.

Schweigend bahnten sie sich einen Weg durch die dürstende Wildnis. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach an diesem milden, sonnigen Spätherbsttag voll süßer Düfte und leuchtender Farben. Hákon war seiner selbst so sicher wie nie zuvor. Alles war gut, solange er nur nach Norden ritt, wo der Wald irgendwann enden und in das raue Hochland übergehen würde. Zu Entschlossenheit und Tatendrang gesellte sich ein Gefühl der Verantwortung für Tisea und Peme, das ihm zusätzlich Kraft gab. Schon in der Nacht war er zu der Überzeugung gelangt, dass ihr Zusammentreffen nicht allein das Ergebnis einer Reihe von Zufällen sein konnte. Es schien ihm wohl geplant, wie ein Schachzug in einem großen Spiel, dessen Figuren sie waren.

Seltsamerweise machte der Gedanke ihm keine Angst. Im Gegenteil, er genoss das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Die Möglichkeit, dass alles, was geschah, einen tieferen Sinn haben könnte, bestärkte ihn darin, seinen Weg weiter zu gehen, und er war begierig zu erfahren, wo und wie das Abenteuer enden würde.

Die Reise ging weiter. Insekten summten umher, und Vögel sangen verhalten, während es im trockenen Laub immer wieder raschelte, wenn die Hufe der Pferde kleine Nager aufscheuchten, die sich darunter verborgen hatten. Häufig sahen sie Rehe und anderes Wild, aber keine Wölfe, die ihnen gefährlich werden konnten. Und nie begegneten ihnen andere Menschen.

Als der Tag sich dem Ende zuneigte, wollte Hákon rasten, aber Tisea ritt einfach weiter. Knorrige Eichen, schlanke Buchen und andere Bäume in rotgoldenem Herbstkleid zogen an ihnen vorüber, die Äste wie Arme in die Höhe gereckt. Hinter den Lücken in dem sich wölbenden Geflecht der Baumkronen schimmerte der Himmel in einem klaren Blau. Goldene Sonnenstrahlen stahlen sich durch die Lücken und berührten den Waldboden in dunstigen Streifen, bis die Sonne schließlich hinter dem westlichen Horizont verschwand und den Wald der Dämmerung überließ. Die Luft wurde kühl und feucht, und die Jäger der Nacht regten sich verschlafen auf ihren Ruheplätzen.

Hákon drängte auf eine Rast. Er war überzeugt, dass Tisea sich zu viel zumutete, obwohl er ihren Wunsch, den Wald so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, gut verstehen konnte. Kurz entschlossen zügelte er seinen Braunen, wartete, bis Silfri zu ihm aufschloss, und packte den Kaltblüter am Zügel.

»Was soll das?« Tisea sah ihn verwundert an. »Es wird dunkel. Wir rasten hier«, sagte Hákon bestimmt. Sein Tonfall war eine Spur schärfer als beabsichtigt, aber er wollte verhindern, dass Tisea ihm widersprach. »Bald schon wird es zu dunkel sein, um einen geeigneten Lagerplatz zu finden«, erklärte er und fuhr, als er den Trotz in Tiseas Gesicht bemerkte, etwas sanfter fort: »Sei vernünftig, Tisea. Die Pferde sind erschöpft und wir auch. Zu leicht können wir im Dunkeln eine falsche Richtung einschlagen.«

»Es ist noch nicht zu dunkel«, beharrte Tisea. »Wir reiten weiter.«

»Nein!« Hákon blieb hart. »Wir sind schon sehr viel länger unterwegs, als es für dich gut ist, und …«

»Ich bin kein kleines Kind mehr«, herrschte Tisea ihn an. »Ich weiß sehr gut, was ich kann und was nicht. Ob und wie lange ich reite, entscheide immer noch ich.« »Das ändert nichts daran, dass es dunkel wird.« Hákon war nicht bereit einzulenken. »Hier ist ein guter Platz zum Rasten. Wir bleiben hier.« Um seine Worte zu unterstreichen, schwang er sich aus dem Sattel und führte beide Pferde am Zügel auf ein dichtes Brombeergebüsch zu.

»Aber es ist nicht mehr weit!«, rief Tisea aus. »Ich weiß es. Irgendwo da vorn beginnt das Hochland.«

Hákon hielt an, legte den Kopf schief und schaute sie an. »Warst du schon einmal hier?«, fragte er.

»Nein.« Tisea senkte den Blick.

»Wie willst du dann wissen, wie weit es noch ist?«

»Ich weiß es.«

»Nun, ich weiß es nicht.« Hákon deutete auf die Bäume ringsumher. »Ich habe nirgends Anzeichen dafür gefunden, dass dieser Wald schon sehr bald endet. Das Einzige, was ich ganz sicher weiß, ist, dass wir hier bald die Hand vor Augen nicht mehr sehen können, bis der Mond aufgeht.« Er band die Pferde an einem dicken Ast fest und ging zu Peme, um ihr herunterzuhelfen. Doch die Zehnjährige sah ihn nicht an. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie einen Punkt irgendwo hinter ihm. Dann hob sie den Arm und deutete nach Norden.

Hákon drehte sich um. Ein Stück weit voraus war zwischen den Baumstämmen der Schein von mehreren Feuern zu sehen. »Lagerfeuer.« Hákon sprach so bedächtig, als wären Worte eine Speise, die erst gekostet werden musste. Der Anblick mahnte ihn zur Vorsicht, weckte zugleich aber auch seine Neugier. Mehrere Feuer waren im Wald eher ungewöhnlich. Entweder gab es dort eine sehr große Lichtung oder … »Also gut, wir reiten noch ein Stück weiter«, entschied er. »Aber leise. Wer immer die Feuer entfacht hat, wird gewiss Wachen aufgestellt haben. Ich werde vorgehen und die Pferde führen, und ihr …«, er sah Tisea und Peme ernst an, »…verhaltet euch ganz ruhig.« …