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Susanne Gerdom - „Rot die Liebe“

(Bernsteinzauber 2)

ISBN: 9-783-641-19401-7

 

Klappentext:

Juli ist von der ersten Sekunde an von Ronan fasziniert. Ihre Ferien auf einer Insel mitten im Meer werden ihr durch Schwimmausflüge mit dem attraktiven Jungen deutlich versüßt. Doch als die beiden sich näher kommen, merkt Julie, dass etwas nicht stimmt. Wieso stößt er sie immer wieder von sich, nur um dann zu ihr zurückzukehren? Als Juli schließlich herausfindet, was Ronan wirklich ist, ist es fast zu spät. Muss er ins Meer zu seinem Volk zurückkehren, oder finden sie gemeinsam einen Weg, die Zukunft an Land zu verbringen? Wird die Liebe siegen? Eine fantastische Liebesgeschichte in sechs Teilen.

 

Inhalt:

Juli genießt ihren Urlaub an der Nordsee. Auch ihre Freunde scheinens ich mit der Situation arrangiert zu haben. Wenn da nicht Juli ihre neue Liebe wäre. Sie trifft den geheimnisvollen Jungen von der Fähre beim Baden wieder und sofort ist es zwischen ihnen, als würden sie einfach zusammen gehören.

Doch über der Liebe schwirren von Anfang an dunkle Wolken. Jeder, der von der Liebschaft etwas mitbekommt, warnt Juli vor Ronan. Er wäre nichts für sie und er wäre seltsam. Sicher, da sind seltsame Ereignisse, die sie mit ihm erlebt. Aber sicher gibt es dafür eine ganz normale und natürliche Erklärung.

Auch Boy, Juli`s bester Freund, will von der Beziehung nichts wissen. Er ist von Anfang an gegen Ronan und gesteht Juli sogar seine Liebe zu ihr. - Juli ist verwirrt und muss mit der Situation klar kommen.

 

Leseprobe:

„Ich legte meine Hand an seine Wange. »Habe ich dich verletzt? Das wollte ich nicht, wirklich nicht. Komm, erzähl mir etwas über das Land unter den Wassern. Du scheinst daran zu hängen.« Warum sagte ich das, warum ging ich auf sein Spiel ein? Vielleicht, weil er mit einem Mal so traurig aussah. Ich begann etwas zu begreifen: Ronan war ein Dichter. Künstler waren so, ein bisschen neben der Spur, mit einem Blick für eine Realität, die nicht ganz deckungsgleich mit der Wirklichkeit aller anderen Menschen war. Verrückt. Ein Freund meines Vaters war so ein Mensch, er sprach mit Feenwesen und glaubte fest daran, dass winzige Kobolde in seinem Garten lebten. Und er schrieb darüber wunderbare Kinderbücher, die er auch illustrierte, und wenn ich diese Geschichten las und die Bilder betrachtete, dann war ich für diesen Moment auch davon überzeugt, dass es all diese Fabelwesen wirklich gab und dass er sie sehen und mit ihnen reden konnte. Ronan war so jemand. Ich hatte selbst mitangesehen, wie er den riesigen Robbenbullen vom Grund des Beckens geholt hatte, allein dadurch, dass er mit ihm kommuniziert hatte. Was wusste ich denn, was Ronan im Wasser sah, wenn er dort schwamm?

Sterne in der Tiefe, eine beleuchtete Stadt, durch deren Straßen sich Wesen bewegten, die fast aussahen wie Menschen – fast …

Ich schüttelte das Bild ab, das ungebeten in meinem Geist aufgetaucht war, und lehnte mich an Ronan. »Halt mich fest«, bat ich. »Ich bin gerade ein bisschen unsicher auf den Beinen.«

Er schlang seine Arme um mich. »Dort unten ist es still«, sagte er leise. Seine dunkle Stimme vibrierte in meinem Kopf. »Ruhig, selbst wenn hier oben Stürme toben. Davon merkst du dort unten nichts. Fische ziehen ihre Bahn, Quallen treiben durch die gläserne Stille, alles funkelt und schimmert wie ein großer, wunderbarer Zauberschatz.«

Wir atmeten im selben Rhythmus, ich ließ mich von seiner Wärme und der Festigkeit seines Körpers einhüllen und lauschte bezaubert dem dunklen Klang seiner Stimme, der wie Dünung auf- und abschwellenden Melodie seiner Worte, dem hypnotischen Raunen, das mich an das Zischen und Wispern des Sandes unter einer abziehenden Welle erinnerte. Bilder von düsterer Schönheit entstanden in meinem Kopf, erblühten wie exotische Blumen, nächtliche Gewächse, die so betörend dufteten wie Geißblatt und Rosen, die seine Kate überwucherten. Ich hörte den Gesang der Medusen und war für alle Zeit gebannt.

Seine Stimme verstummte, seine Umarmung umspülte mich wie Wasser, das meine Glieder streichelte und mich erschaudern ließ. Ich hob ihm das Gesicht entgegen und er senkte seinen Mund auf meine Stirn, seine Lippen hauchten Küsse auf meine erhitzte Haut, kühl wie ein erfrischender Trunk, berührten meine Lider, meine Wange, die zarte Haut unter meinem Ohr, ich zitterte und hielt ihn fest umschlungen, schob meine Hände unter sein Shirt, ertastete das warme, feste Spiel seiner Muskeln, fühlte seinen Herzschlag an meinen Rippen, ertrank, versank in seinem Kuss.

Nach und nach bekam die Welt wieder Konturen, ich tauchte atemlos an die Oberfläche und klammerte mich dabei an seine Arme, die stark und verlässlich unter meinem Griff lagen. »Hinsetzen«, keuchte ich und rutschte auf den Boden. Ronan lachte, ließ sich geschmeidig neben mir in den Sand sinken und stützte sich auf einen Ellbogen. Er berührte mein Haar und spielte damit. Seine Augen waren groß und dunkel und spiegelten Sterne und Mondlicht wider.

Mein Blick ruhte auf seinem Mund und ich musste mich regelrecht zur Ordnung rufen. Meine Gefühle und Empfindungen tanzten Tango. »Ronan«, sagte ich, nicht mehr, denn mir stockte immer noch der Atem.

Seine zärtlichen Finger rollten Löckchen in mein Haar und streiften dabei meine Wange. »Du bist die Einzige hier auf der Insel, die mich so nennt«, sagte er leise. »Die anderen rufen mich nur ›Ron‹. Ich habe es vermisst, meinen Namen zu hören.«

Meine Hand hob sich wie von allein und streichelte über sein Gesicht, meine Finger berührten seinen Mund, fuhren die Kontur seiner Lippen nach. »Ronan«, wiederholte ich und genoss das Lächeln, das sein ernstes Gesicht erhellte.

Wir lagen Seite an Seite und sahen den Sternen zu, wie sie sich am Himmel vermehrten. Ich spürte das Gewicht der Erde unter mir, und dann, in einem wahnsinnigen, schwindelerregenden Moment schien sich alles zu drehen und ich schwebte über einem schwarzen, mit unzähligen Lichtern funkelnden Abgrund, sah tief unter mir eine Stadt voller Licht und Leben, die sich in der Tiefe verbarg.

Ich umklammerte Ronans Hand und schloss die Augen, weil mir schwindelig und übel wurde. Er drehte sich zu mir um und nahm mich in die Arme, schützte mich vor der mit Lichtern bestickten Schwärze. »Alles ist gut«, flüsterte er mir ins Ohr und ich entspannte einen nach dem anderen meine in den Sand gekrallten Finger. Das leise Rauschen der Brandung und Ronans leichter Atem wiegten mich in den Schlaf.

Mir war so kalt, so unglaublich kalt! Ich schwamm in der lichtlosen Finsternis, von meinen Lippen perlten Luftblasen und meine Lungen drohten zu bersten. Ich gierte nach Luft, nach Licht, aber rundum war tiefe, stille Schwärze und nichts als eisiges, bitteres Wasser, das in meine Nase und meinen Mund drang, sie ausfüllte, das Leben aus mir herausdrängte.

Ich schlug in blinder Verzweiflung um mich und traf auf einen festen, dennoch nachgiebigen Körper. Jemand schnaufte einen Schmerzenslaut, dann packten mich Hände wie Schraubstöcke, hielten meine fuchtelnden, rudernden Arme fest, zogen mich an einen warmen, atmenden Leib. Ich schluchzte, rang nach Atem, sog die süße, kalte, ein wenig feuchte Luft in mich hinein und hörte eine Weile nichts als das Donnern des Bluts in meinem Kopf.

Meine Sicht klärte sich, im schwachen Licht des zunehmenden Mondes erkannte ich Ronans besorgtes Gesicht. Er ließ mich vorsichtig los, berührte meine Wange. »Alles wieder gut?«“