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Susanne Gerdom - „Lila die Verzweiflung“

Bersteinzauber 5

ISBN: 9-783-641-19404-8

 

Klappentext:

Juli ist von der ersten Sekunde an von Ronan fasziniert. Ihre Ferien auf einer Insel mitten im Meer werden ihr durch Schwimmausflüge mit dem attraktiven Jungen deutlich versüßt. Doch als die beiden sich näher kommen, merkt Julie, dass etwas nicht stimmt. Wieso stößt er sie immer wieder von sich, nur um dann zu ihr zurückzukehren? Als Juli schließlich herausfindet, was Ronan wirklich ist, ist es fast zu spät. Muss er ins Meer zu seinem Volk zurückkehren, oder finden sie gemeinsam einen Weg, die Zukunft an Land zu verbringen? Wird die Liebe siegen? Eine fantastische Liebesgeschichte in sechs Teilen.

 

Inhalt:

Juli kann und will sich nicht damit abfinden, dass sie Ronan für immer verloren haben soll. Nicht, nachdem er so viele Gefahren auf sich genommen hat, um sich mit ihr wieder versöhnen zu können.

Akke erzählt ihr von den Meerwesen, und dass die Menschen auf der Insel schon immer mit diesen zusammen gelebt haben. Sie versucht Juli zur Vernunft zu bringen, was die Beziehung mit Ronan angeht. Doch Juli ist stur. Sie will Ronan zurück, oder sich wenigstens von ihm verabschieden.

Juli findet die Strömung, die sie zu den Meerwesen bringt. Sie kann auch in ihre riesige Muschelstadt gelangen, doch dann muss sie feststellen, dass Ronan ein Gefangener ist.

Zusammen machen sich Juli und Ronan daran, für ihr Glück und ihr gemeinsames Leben zu kämpfen. Doch bis es so weit ist, haben sie noch so manche Gefahr zu überstehen.

 

Leseprobe:

„Natürlich sprach ich ihn auch auf Eiken an, das Mädchen, das sich seinetwegen ertränkt hatte. Die Frage entstand aus dem Nichts, ich hatte sie gar nicht laut aussprechen wollen, und ärgerte mich dann, weil der Unterton von Eifersucht darin mehr als deutlich zu hören war.

Er sah mich vollkommen verständnislos an. »Wer ist Eiken?«

Ich richtete mich auf, schob seine Hand beiseite. »Das Mädchen aus dem Dorf, das sich deinetwegen ertränkt hat.«

Er runzelte die Stirn. »Wer hat dir das erzählt?« Dann schüttelte er ärgerlich den Kopf. »Akke, natürlich.«

Ich verschränkte die Arme, sah ihn nur an.

Sein Gesicht bestand nur aus harten Kanten und schroffen Linien, als er zu sprechen begann, ohne mich anzusehen. Er blickte auf seine Hände nieder, die sich zu Fäusten ballten und wieder öffneten, während er sprach.

»Ich hatte ihren Namen vergessen«, sagte er, und ich hörte die mühsam im Zaum gehaltene Verzweiflung in seiner Stimme. »Sie war verliebt in mich. Sehr verliebt. Ich gebe zu, dass ich es ausgenutzt habe. Ich hätte sie rechtzeitig zurückweisen müssen, aber es war für mich eine schlimme Zeit. Ich war zum ersten Mal von meiner Familie getrennt, fest entschlossen, nie wieder ins Meer zurückzukehren. Ich wollte mit ihr zusammen sein, um jeden Preis.«

Ich musste wohl einen Laut von mir gegeben haben, denn er packte meine Hand, verschränkte seine Finger mit meinen und hielt mich fest. Seine Berührung war seltsam tröstlich.

»Wenn ich nur etwas früher begriffen hätte, dass ich mich und sie damit belüge, dann wäre sie nicht gestorben«, sagte er, und seine Stimme war heiser. »Aber ich habe mir so sehr gewünscht, ein Mensch zu sein und nicht mehr allein …« Seine Stimme brach in einem Schluchzen.

Ich griff nach ihm, zog seinen Kopf an meine Schulter, hielt ihn fest umschlungen, während er weinte.

Wir sprachen nicht mehr. Ich trocknete seine Tränen mit Küssen und er streichelte die Sorgenfalten von meiner Stirn.

Irgendwann nickte ich ein, den Kopf in seinem Schoß, und als ich erwachte, hörte ich, wie Ronan und Ronit sich leise unterhielten. Ich atmete ruhig und gleichmäßig weiter und hielt die Augen geschlossen, um Ronit glauben zu machen, ich schliefe noch.

»Du siehst es doch inzwischen ein, oder?«, fragte sie mit so viel Wärme und Sanftheit in der Stimme, wie ich sie dieser Frau nie zugetraut hätte. »Du bist in deinem Herzen, in deinem innersten Kern immer noch ein Weeterman. Mein Bruder, Ronan. Wenn du dein Robbenfell ablegst, bist du gar nichts mehr, nichts als ein armseliger, dem Tode geweihter Sandkriecher ohne Familie, ohne jede Bindung.«

Ronans Stimme bebte vor unterdrückter Leidenschaft, als er ihr antwortete: »Sie ist meine Seelengefährtin! Unsere Großmutter hat es gesehen, Ronit, du weißt es! Sie hat uns vorhergesagt, dass ich einmal eine schwere Entscheidung zu treffen habe, die unser beider Leben betrifft.«

Ronit schwieg, dann seufzte sie. »Dann triff deine Wahl, Bruder. Wählst du die struppige kleine Sandkriecherin als dein erbärmliches Schicksal oder wählst du ein Leben, wie ein Weeterman es führen sollte? Stolz und frei im Kreis der Freien?«

Er schwieg. Ich spürte seinen rasenden Herzschlag. Dann fragte er müde: »Habe ich denn wirklich die Wahl? Würdest du mich gehen lassen, wenn ich dich darum bäte?«

»Nun, das müsste ich wohl.« Ronit klang bitter. Ich hörte, dass sie aufstand. »Also, wie lautet deine Entscheidung?«

»Ich gehe mit Juli.«

Beinahe hätte ich gejubelt, aber Ronits nächste Worte erstickten meinen Jubel im Keim. Sie sagte kalt und bestimmt: »Dann tut es mir für euch beide leid, Ronan. Ich werde dich bis zur Hochzeit in Ketten legen lassen. Und das Mädchen stirbt.«

Ich musste zusammengezuckt sein, obwohl ich es wirklich schaffte, keinen Laut von mir zu geben. Ronan umfasste meine Hand und erwiderte sehr ruhig: »Ich hatte es mir gedacht. Du bist ein eiskaltes Monstrum, Ronit.«

»Ich habe eine Familie zu beschützen.« Sie klang unnachgiebig. »Von dieser Heirat hängt ein weitreichender Frieden ab, der die gesamte Region beruhigen wird. Da haben persönliche Befindlichkeiten nun mal hintan zu stehen.«

Ronan schwieg. Sein Daumen streichelte über meinen Handrücken. »Ich verstehe«, sagte er dann ruhig. »Du lässt mir keine Wahl. Gewähre mir einen ungestörten Tag mit Juli, damit ich mich anständig verabschieden kann. Und dann werde ich tun, was du befiehlst – vorausgesetzt, sie gelangt heil und gesund wieder zu ihren Leuten.«

»Deal«, erwiderte seine Schwester mit unverhohlenem Triumph in der Stimme. Ich wollte aufbegehren, mich wütend gegen diese Abmachung stellen, aber der feste Druck seiner Hand gab mir das Zeichen, mich weiter schlafend zu stellen. »Deal«, sagte er.“