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Hape Kerkeling - „Der Junge muss an die frische Luft“

ISBN: 9-783-492-32000-9

 

Klappentext:

Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. In diesem Buch nun spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere – und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen.

 

Inhalt:

Hape Kerkeling schreibt hier schonungslos ehrlich über seine Kindheit. Er hält nicht mit der Tatsache hinterm Berg, dass er nicht geplant war. Dass eine seiner Großmütter ihn zunächst verleugnete und auch nicht, wie er zu seinem Namen kam.

Das alles ist aber noch Pillepalle. Denn seine Mutter erkrankt an Depressionen und er bekommt als Kind viele Dinge mit, die einem Kind erspart bleiben sollten.

Allerdings machen ihn diese Erlebnisse zu dem Menschen, der er heute ist. Und er ist ein toller Mensch!

 

Leseprobe:

… Shiva gilt unter den Gottheiten als die mächtigste. Bricht sein Zeitalter heran, dann erscheint er mit aller Macht und Wucht in der Form von irdischen Schmerzen und seelischem Leid. Shiva zerstört im Tanz die alte Welt, um Brahma Platz zu schaffen für eine neue Schöpfung.

Mit einem Mal sitze ich nicht mehr neben der winkenden Oma in der flott dahinzuckelnden Kutsche, sondern in der Geisterbahn. Vom beschwingten Walzerrhythmus wechselt meine Lebensmelodie in einen trüben Trauermarsch. »Stupor« ist wohl der Ausdruck, der am besten beschreibt, wie ich alldem begegne. Mit einem erstarrten Staunen.

Wenn etwas sehr verwirrend oder verstörend ist, kann man oftmals hinterher nicht mehr genau sagen, wo das Unheil eigentlich seinen Anfang nahm. Ich glaube jedoch, ich weiß, wo es begonnen und ab welchem Punkt es sich zügig und ausweglos zugespitzt hat.

Eines sonnigen Vormittags, an unserem Haus prangt weiterhin ein hässliches stählernes Baugerüst, spielen wir Kinder unter der wenig sachkundigen Anleitung von Silvia in unserem Hinterhof fröhlich giggelnd mit dem Ball.

Es geht darum, den bunten Ball immer wieder auf dem Boden aufschlagen zu lassen und beim Rückprall mit der flachen Hand so zu treffen, dass er abermals aufschlägt, dann wieder gegen die Wand trifft und dabei unter gar keinen Umständen verloren geht. Der Spieler, dessen Ball am häufigsten von oben nach unten tanzt, gewinnt.

So richtig will das keinem gelingen. Der Ball hat keine eindeutige Stoßrichtung und fliegt also wild unter lautem Aufklatschen hin und her. Mal scheppernd gegen das Gerüst an der Wand, mal gegen ein Fensterkreuz.

Meine Mutter erscheint in der Haustür und tänzelt, einen duftenden Wäschekorb in der Hand, gekonnt an uns Kindern vorbei in Richtung Trockenleine. Während sie die nasse Wäsche auf die Leine hängt, beobachtet sie uns immer wieder amüsiert und laut lachend. Als der Korb leer ist und die Kleidungsstücke im Wind flattern, ruft sie schließlich zu uns hinüber:

»Silvia, ihr macht das falsch! Das kann ich gar nicht mitansehen. Soll ich euch mal zeigen, wie das mit dem Ball geht?«

Silvia ist hier zwar eigentlich der Chef im Ring, aber sie ist auch ein wohlerzogenes Mädchen, also antwortet sie: »Gerne, Frau Kerkeling!«

Sie überreicht meiner Mutter höflich den Ball. Vom Spieltrieb gepackt, versammelt meine Mutter uns Kinder mitten im Hof um sich herum, hebt den Ball in die Höhe und erklärt: »Wir haben das früher so gespielt!«

Und in diesem Moment beginnt sie zu einer eigentümlich klagenden Melodie einen zunächst harmlos erscheinenden Reim zu trällern. Und der geht so:

»Lieber Balla, sag mir doch, wie viel’ Jahre leb ich noch?«

Warum, weiß ich nicht, aber in diesem Moment bekomme ich eine Gänsehaut. Dieses schräge Liedchen ist hässlich, und es will so gar nicht zu meiner Mutter passen.

Wo und wann hat sie denn diesen fürchterlichen Reim gelernt? Während der Bombenangriffe?

Und so wie die anderen Kinder ihre Köpfchen ratlos zur Seite legen, finden auch sie dieses Lied ganz offensichtlich befremdlich und ein bisschen gruselig. Am liebsten möchte ich schreien: »Mama, spiel nicht mit deinem Leben!«

Aber das gelingt mir nicht. Ich stehe stumm da.

Meine Mutter beginnt arglos mit dem Ball zu spielen. Schon wirft sie das Rund gekonnt und mit voller Wucht nach unten und bekommt es beim Rückprall erstaunlich gut wieder unter Kontrolle, um es dann erneut mit einem lauten Schlag zurück auf die Erde zu befördern. Sie zählt laut mit:

»Eins, zwei …«

Dann ist auch schon Schluss. Der Lebensball entgleitet ihr und fliegt im hohen Bogen in die frische, im Wind wehende Wäsche.

Lebt sie etwa nur noch zwei Jahre? Das frage ich mich besorgt in jenem Moment.

Wir Kinder sind ganz still und schauen ein wenig betreten auf den Boden. Eine Glanzleistung war das nicht, und dieses völlig harmlose Spiel mit dem Schicksal zu verknüpfen war irgendwie unpassend und überflüssig.

Auch meine Mutter scheint jetzt zu bemerken, dass sie über das Ziel hinausgeschossen ist. Sie lächelt verlegen: »Na ja, das ist ja nur ein Spiel. Nicht mehr. Das darf man nicht zu ernst nehmen.«

Daraufhin eilt sie peinlich berührt und eigentümlich verstört zurück ins Haus und lässt die Tür laut hinter sich ins Schloss fallen.

Silvia greift an meine Schulter und nimmt mich schnell zur Seite: »Ui ui ui, das war jetzt aber richtig gruselig, oder?«

»Ach …«, antworte ich, gegen meine schlechte Laune ankämpfend. »Du hast doch gehört, was meine Mama gesagt hat. Das ist bloß ein doofes Spiel!«

So unfassbar zufällig es auch scheinen mag: Es bleiben meiner Mutter ab diesem Moment noch ziemlich genau zwei Jahre. Und auf mir vollkommen unerklärliche Weise spüre ich sechsjähriger Knirps, dass ich ab jetzt auf sie werde achtgeben müssen wie auf eine Porzellankiste. Sie sieht auf einmal so hilfsbedürftig aus. Nicht umsonst liebt und sammelt sie jede Form von Porzellan. Es unterscheidet sich in seiner Zerbrechlichkeit kaum von ihr selbst. …