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Luca Di Fulvio - „Das Kind das nachts die Sonne fand“

ISBN: 9-783-404-17180-4

 

Klappentext:

Raühnval, ein opulentes Herrschaftsgebiet in den Ostalpen. Der junge Marcus lebt ein privilegiertes Leben als Sohn des Landesfürsten. Elisa ist die Tochter der Dorfhebamme und weiß, was

#Entbehrung heißt. Bei einem Massaker werden Marcus' Familie und alle übrigen Burgbewohner ermordet. Dank Elisas Hilfe bleibt Marcus unentdeckt und findet mit einer neuen Identität Aufnahme bei den Dorfbewohnern. Doch er spürt schon bald,

dass ihm ein anderes Schicksal vorherbestimmt ist: Sein Herz brennt für Freiheit und Gerechtigkeit...

 

Inhalt:

Prinzs Markus II von Saxia ahnt nicht, wie sehr sich sein Leben ändern wird. Doch er muss mit ansehen, wie Vater, Mutter und Schwester sterben. Er selber kann dem Tod nur mit knapper Not entkommen.

Aus Prinz Markus II wird Mikael der Leibeigene. Er muss viel lernen und lernt das Leben von einer anderen Seite kennen. Doch mit der herrschenden Ungerechtigkeit kann und will er sich nicht abfinden.

Als kleiner Junge scheint er alles verloren zu haben. Aber Mikael gibt nicht auf. Er kämpft für sein Schicksal und kann den Samen des Freiheitsgedankens in den Menschen zum keimen bringen.

Der Weg ist steil und steinig. Irrtümer lassen Mikael über sich hinaus wachsen. Aber er geht unbeirrt seinen Weg.

 

Leseprobe:

… Er hatte nur eine lückenhafte Erinnerung an den Vorfall. Sie waren auf der Straße unterwegs ins Raühnval gewesen, als er plötzlich das Geräusch von Dutzenden schnalzenden Bogensehnen und das sich anschließende Sirren der Pfeile vernommen hatte. Der Soldat, der neben ihm ritt, hatte sich mit der Hand an den Hals gefasst, war gegen ihn gefallen, und sein Blut war auf Ojsternigs Gewand gespritzt. Gleichzeitig waren noch weitere Soldaten stöhnend zu Boden gesunken. Das Pferd des Fürsten hatte sich aufgebäumt, fast hätte es ihn abgeworfen. Und während er seitlich im Sattel hing, hatte ein Pfeil ihn am Arm getroffen. Wenn sein Pferd nicht gescheut hätte, dachte Ojsternig schaudernd, hätte ihn dieser Pfeil wohl mitten in die Brust getroffen und getötet. Sie hatten keine Zeit gehabt, sich zu wehren oder gar einen Gegenangriff zu planen. Die Rebellen waren hinter den Büschen oder in den Bäumen verborgen gewesen, sie hatten ihnen eine tödliche Falle gestellt. Agomar war neben ihn geritten und hatte ihm zugeschrien, dass ihnen nur noch die Flucht blieb. Daraufhin hatte Ojsternig sein Pferd herumgerissen und war im Galopp den Berg hinaufgeprescht, während in seinen Ohren immer noch das Sirren der Pfeile und die Schreie der Rebellen hallten. Soweit er sich erinnerte, war von den Dorfbewohnern, die sie begleiteten, niemand verletzt worden, auch keins ihrer Tiere.

Sobald er merkte, dass er die Rebellen weit genug hinter sich gelassen hatte, ritt er langsamer. Voller Wut packte er den Pfeil und wollte ihn herausziehen. Doch sobald seine Finger auch nur leicht daran zogen, schmerzte die Wunde heftig.

»Nein, Euer Durchlaucht!«, warnte Agomar ihn. »Lasst ihn lieber stecken, bis wir Euch behandeln lassen können.«

Ojsternig starrte ihn zornig an. »Wie konnte das geschehen?«, schrie er ihn an.

Agomar dachte an den Hinterhalt, in den er vor Jahren seine eigenen Männer gelockt hatte. Für jeden blutigen Hinterhalt gab es nur eine Erklärung. »Ein Verräter«, erwiderte er.

»Ein Verräter?«, wiederholte Ojsternig. »Wer?«

»Das werden wir nie erfahren, Euer Durchlaucht«, sagte Agomar und schüttelte den Kopf. »Es könnte jeder gewesen sein. Alle wussten, dass Ihr heute ins Raühnval umziehen wolltet.«

»Wer?«, schrie Ojsternig trotzdem.

»Ein Diener aus der Burg«, antwortete Agomar und zuckte mit den Achseln, »oder einer der Bauern aus dem Raühnval. Jeder könnte Euch an die Rebellen verraten haben.«

Ojsternig erkannte, dass Agomar recht hatte. Sie würden wohl niemals herausfinden, wer geredet hatte. »Wir haben drei Galgen«, sagte er daraufhin grimmig. »Nächsten Sonntag will ich je einen Diener aus dem Palast, einen Bauern aus dem Raühnval und einen Bergarbeiter am Strick baumeln sehen. Kümmere dich darum.«

»Wie soll ich sie auswählen?«, fragte Agomar.

»Würfel sie aus«, erwiderte Ojsternig voller Verachtung.

»Wie Ihr befehlt.«

Ojsternig trieb sein Pferd ins Tal. »Wie viele Männer hast du verloren?«, fragte er Agomar.

»Vierzehn.«

»Sag dem Henker, er soll seine Messer schleifen«, sagte Ojsternig, dessen Körper immer noch vor Todesangst zitterte, die ihn jedoch beinahe erregte. »Ich will nämlich, dass vierzehn Menschen bei lebendigem Leib vor aller Augen gehäutet werden. Und stell sicher, dass die Menge auch wirklich zusieht. Auch alle Dorfbewohner aus dem Raühnval. Ich will, dass auf die Haut eines jeden Verurteilten der Name eines Soldaten geschrieben wird, der heute sein Leben verloren hat. Ab jetzt sollen die Rebellen wissen, wenn sie einen von uns töten, ist das so, als töteten sie einen von jenen, die sie angeblich beschützen. Das sollen auch die Leibeigenen aus meinem Fürstentum erfahren. Dann werden sie die Rebellen hassen, so wie sie uns hassen.« Als er durch Dravocnik ritt, beschützt von den Soldaten, die mit gezücktem Schwert zum Angriff bereit waren, zischte er finster: »Jetzt herrscht Krieg.« Aber die Todesangst verließ ihn nicht. Sie hockte wie ein Rabe auf seiner Schulter.

Er ritt zum Hospital des Klosters und streckte sich dort auf einem Lager neben dem Altar aus, wo man für die Bettlägerigen die Messe abhielt. Er bekreuzigte sich mehr aus Aberglauben denn aus innerer Überzeugung. Gleich darauf kam ein Mönch herbeigeeilt, der ihm den Ärmel aufriss, um seinen Arm freizulegen. Dann beschnitt er mit einer Schere die Pfeilspitze und zog mit einer schnellen, geübten Bewegung den Fremdkörper heraus.

Ojsternig schrie vor Schmerz.

Der Mönch spülte die Wunde mit lauwarmem Würzwein aus. Dann bereitete er einen Breiumschlag aus Ziegenmist, Schweineschmalz und Bleiweiß, beschmierte damit sorgfältig die Eintritts- und die Austrittswunde und wickelte einen festen Verband darum. »Jetzt müsst Ihr ruhen, Euer Durchlaucht«, sagte der Mönch.

Ojsternig stand wortlos auf, verließ das Kloster und kehrte auf seine Burg zurück, die inzwischen fast gänzlich leergeräumt war. Er befahl, ein großes Feuer im Kamin zu entzünden, ließ sauberes Stroh bringen und streckte sich darauf aus. Achtlos schüttete er zwei Becher Birnenwein in sich hinein. Dann gab er Agomar ein Zeichen. »Bring den Schlappschwanz her«, sagte er zu ihm. »Sofort.«

Kurz darauf kam ein junger Mann herein. Er stellte sich träge vor Ojsternig hin, während er noch schnell sein weites Hemd in die Hosen stopfte, deren zweifarbige Beine – eins grün, eins schwarz – die Farben der Fürsten von Saxia repräsentierten. …