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Emiko Jean - „Feuerschwester“

ISBN: 9-783-473-40148-2

 

Klappentext:

Verwitterte Mauern, eine Nebelwand - das sieht Alice, wenn sie aus dem Fenster blickt. Die psychiatrische Anstalt auf Savage Isle ist für sie ein Ort des Schreckens, denn hinter einer der Mauern lauert Cellie, ihre machtbesessene Zwillingsschwester. Cellie hat das verheerende Feuer gelegt, das Alice‘ Freund Jason das Leben kostete. Und sie wird nicht ruhen, ehe sie nicht auch Alice getötet hat ...

 

Alice, hörst du mir zu? Bitte erzähl mir von dem Feuer." Dr Goodman klopft mit dem Stift auf sein Buch. "Ich kann mich nicht erinnern", sage ich. Womöglich ist sie ein Akt der Gnade - die Lücke in meiner Erinnerung. Womöglich will mein Gehirn nicht, dass ich mich daran erinnere, was passiert ist. Um mich von der Erkenntnis zu verschonen, dass mein Schwester, mein eigen Fleich und Blut, mir so etwas angetan haben könnte - mir uns Jason. Dumm nur, dass mein Herz es längst weiß.

 

Inhalt:

Allice hatte bis zu dem Tag eine glückliche Kindheit, bis ihr Großvater stirbt. Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester wartet sie vergebend, dass er wieder aufwacht.

Dann beginnt für die Mädchen eine Odyssee aus Heimen und Pflegefamilien. - So steht es zumindest in ihrem Tagebuch.

Nun sitzt sie in der Psychiatrie. Sie glaubt, ihre Zwillingsschwester ist an ihrer Situation Schuld. Sie will sie ein für allemal los werden. Doch sie ahnt nicht, dass ein Mord dafür nicht ausreicht.

 

Leseprobe:

… Ich weiche einen Schritt zurück, als Chase anfängt, mir mit dem Papiertuch im Gesicht herumzuwischen. Doch der Sturm in mir, den seine Hände auf meinen Wangen ausgelöst haben, will sich nicht legen. Mein Herz hat sich längst darin verfangen und zappelt vor Aufregung und Ungeduld. Was passiert denn jetzt? Er ist mir so nah, dass er mich küssen könnte. Jason war der erste und einzige Junge, der mich jemals küssen durfte. Wie Chase’ Küsse sich wohl anfühlen? So wie die von Jason? Ungestüm und fest wie die Küsse eines Eroberers? Oder eher zärtlich und süß und unschuldig? Ich glaube, Letzteres.

Von draußen ertönt Gelächter. Wir fahren auseinander. Chase schaltet das Licht aus, und wir stehen wieder im Stockdunkeln. Gedämpfte Stimmen vor der Tür. Wer immer da draußen ist, ist direkt vor der Küche stehen geblieben. Obwohl wir mindestens einen Meter voneinander entfernt sind, kann ich Chase spüren, genau wie unsere Angst, die fast den ganzen Raum ausfüllt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Ich mache fest die Augen zu und warte auf das unausweichliche Klicken des Schlosses und darauf, dass die Tür sich öffnet … Aber nichts passiert. Die Stimmen entfernen sich, dann ist es wieder still. Glück gehabt. Zumindest vorerst.

Chase wartet ein paar Sekunden, ehe er das Licht wieder einschaltet. »Wir sollten hier sauber machen und dann verschwinden«, flüstert er.

»Ja«, flüstere ich.

Während Chase versucht, das Essen wieder genau so in den Kühlschrank zurückzuräumen, wie er es vorgefunden hat, mache ich die Arbeitsflächen sauber. Als er danach an mir vorbei zur Tür läuft, streift er kaum merklich meinen Rücken.

»Bereit für das nächste Abenteuer?«, fragt er.

Ob ich bereit bin? Ja. Und wie!

»Ich glaube, die Pfleger gehen hier immer zum Rauchen hoch«, sagt er.

Wir sind wieder im Treppenhaus, aber diesmal unterwegs nach oben. Am Ende der Treppe befindet sich eine schwarze Metalltür mit der Aufschrift: ACHTUNG! ALARMGESICHERT! Die Tür steht einen Spalt offen. Jemand hat sie mit einem Stück Holz verkeilt, damit sie nicht zufallen kann. Chase drückt die Tür auf und gibt mir ein Zeichen, voranzugehen. Ladies first. Kaum bin ich draußen, weht mir ein eisiger Wind ins Gesicht. Ich vergrabe die Hände in den Taschen. Trotz der Kälte ist es eine wunderschöne Nacht. Tausend funkelnde Sterne und ein halber, tief stehender Mond leuchten am Himmel. Mein Großvater und ich sind oft spätabends zusammen spazieren gegangen. Wir haben in die Sterne geschaut und in ihrem Licht gebadet. In Augenblicken wie diesen dachte ich immer, ich könnte alles werden – Astronautin, Ärztin, Sternentänzerin –, doch dann riss Cellie meine Träume in Fetzen.

Chase schiebt die Tür vorsichtig wieder heran und verkeilt sie mit dem Holzklotz. Das Dach ist mit Antennen, Schornsteinen und anderen Bauten, die ich nicht näher identifizieren kann, übersät. Rechts von uns stehen mehrere verrostete Campingstühle und ein Eimer mit Dreckbrühe, in der ein paar Kippen schwimmen. Auf der linken Seite ragt ein Backsteinquader auf, an dessen Seitenwand sich eine Metallleiter befindet. Ich flitze hinüber und mache mich sofort an den Aufstieg. Ich will den Sternen so nah wie möglich sein.

Der eisige Wind ist beißend, und meine Fingerspitzen stechen vor Kälte. Ich klettere schneller, erklimme die letzte Sprosse und ziehe mich über den Rand. In der Ferne erhebt sich die dunkle Silhouette des D-Trakts. Ich schaue hinüber, um zu sehen, ob sich hinter den Fenstern etwas regt, aber alles bleibt dunkel und still. Von hier oben kann man ganz Savage Isle überblicken, die Klinik, den See, die Lichter der Stadt in der Ferne. Selbst der dichte Nebel kann unsere Sicht nicht trüben, denn er wabert tief unter uns. Eine Windböe fegt übers Dach.

Chase berührt mich an der Schulter. Ich wirbele herum und sehe nichts mehr, weil der Wind mir die Haare ins Gesicht weht.

»Was denkst du?«, fragt er.

Ich wische die Haare weg und betrachte die helle, lange Narbe auf seiner Wange. »Schön hier.«

Er schenkt mir ein schwaches, trauriges Lächeln. Habe ich was Falsches gesagt? »Das finde ich auch. Wollen wir uns hinsetzen?«

Hier oben gibt es keine Stühle, also meint er wohl, dass wir uns auf den Boden setzen könnten. Es sieht zwar trocken aus, aber bestimmt wird das auf Dauer kalt am Hintern. Egal, was soll’s.

»Klar«, sage ich, und wir sitzen fast in derselben Sekunde. Der Gleichklang unserer Bewegungen jagt mir einen Schauer über den Rücken.

Chase’ Blick verliert sich in der Ferne. »Ich hasse Savage Isle.«

»Wenn du dich einmal dran gewöhnt hast, lässt es sich hier ganz gut aushalten.«

»Ich glaube nicht, dass ich mich jemals daran gewöhnen werde, eingesperrt zu sein.«

Mir liegt eine Frage auf der Zunge. Die Frage, die mich umtreibt, seitdem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Wieso bist du hier?

»Du warst schon mal auf Savage Isle, oder?«, fragt Chase in die Stille hinein.

»Ja, ein Mal … mit meiner Schwester.« Ich zeichne mit den Fingerspitzen die Risse im Boden nach.

Vielleicht spürt er, dass ich nicht wirklich darüber reden will, jedenfalls wechselt er das Thema. »Warum haben sie Amelia in die Gummizelle gesteckt?«

Doch über Amelia will ich genauso wenig reden. Es steht mir nicht zu, ihre Geschichte zu erzählen. Außerdem sind wir Freundinnen. Und Freundinnen behalten die Geheimnisse der anderen für sich.

Ich übergehe seine Frage und stelle eine andere. »Und was ist mit dir? Warst du vorher schon mal in der Psychiatrie?«

Seine Narbe zuckt. »Nein, war ich nicht. Und ich hoffe, das hier wird das erste und letzte Mal gewesen sein.«

Seine Antwort versetzt mir einen Stich. Chase gehört hier nicht her, Chase gehört nicht in dieses Aquarium voller Quallen. Quallen müssen ständig in Bewegung sein, treiben willenlos herum. Aber Chase wirkt ganz ruhig. So unglaublich ruhig. Sein Blick ist auf den Horizont gerichtet.

»Du bist keine Qualle«, sage ich.

»Was?« Er starrt durch mich hindurch in die Dunkelheit.

»Darauf sind meine Schwester und ich gekommen, als wir das letzte Mal zusammen hier waren. Dass dieser Ort wie ein Aquarium ist. Alle schwimmen immerzu im Kreis herum. Wie Quallen.«

»Aber ich bin keine Qualle?« Er grinst schief.

»Nein, du bist keine Qualle. Du bist definitiv etwas anderes.«

»Und was ist mit dir? Bist du eine Qualle?«

Ich denke an Quallen und an das gefährliche Gift, mit dem sie ihre Beute töten. »Weiß nicht«, antworte ich ehrlich. »Ich hoffe nicht.«

Chase stützt den Kopf in die Hände und vergräbt die Finger in seinen Haaren. »Und was passiert, wenn jemand raus will aus dem Aquarium?« …