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Ursula Poznanski - „Saeculum“

ISBN: 9-783-785-57783-7

 

Klappentext:

Fünf Tage im tiefsten Wald, die nächste Ortschaft kilometerweit entfernt, leben wie im Mittelalter – ohne Strom, ohne Handy –, normalerweise wäre das nichts für Bastian. Dass er dennoch mitmacht bei dieser Reise in die Vergangenheit, liegt einzig und allein an Sandra. Als kurz vor der Abfahrt das Geheimnis um den Spielort gelüftet wird, fällt ein erster Schatten auf das Unternehmen: Das abgelegene Waldstück, in dem das Abenteuer stattfindet, soll verflucht sein. Was zunächst niemand ernst nimmt, scheint sich jedoch zu bewahrheiten, denn aus dem harmlosen Live-Rollenspiel wird plötzlich ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit. Liegt tatsächlich ein Fluch auf dem Wald?

 

Inhalt:

Bastian, eigentlich der totale Streber, lehnt sich zum ersten Mal so richtig gegen seinen Vater auf. Statt auf den Ärztekongress, fährt er lieber eine eine nicht ganz legale Mittelalterconvension.

Dort angekommen entpuppt sich alles aber schnell als sehr komisch. Das Mädchen, von dem er glaubte, es liebe ihn, wird abweisend. Sie und andere Mitspieler verschwinden spurlos und das Wetter macht ihnen einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Es gibt einige schwere Verletzungen und Bastian muss sich einige Anfeindungen gefallen lassen. Doch am Ende ist sein Leben bedroht. Er hatte geglaubt, neue Freunde gefunden zu haben, doch seine Welt wird in seinen Grundfesten erschüttert.

 

Leseprobe:

… »Gut.« Bastian setzte sich im Schneidersitz hin, nahm ihre rechte Hand und hielt sie mit beiden Händen fest. »Beginnen wir mit dem Einfachsten. Du heißt Iris. Das ist doch dein richtiger Name?«

»Ja.«

»Du bist ungefähr … achtzehn Jahre alt.«

»Siebzehn.«

»Oh? Na gut, war aber nur knapp daneben.«

»Ja.«

Er überlegte. »Du spielst fantastisch Harfe, also nimmst du wahrscheinlich seit vielen Jahren Musikunterricht?«

»Ja.« Aber schon lange nicht mehr, viel zu lange.

»Die Musik ist dir wichtig und manchmal denkst du … sie ist das Einzige, woran du dich festhalten kannst.«

Woher wusste er das? Sie blickte auf den Teich hinaus. »Ja.«

»Du hast –« Er brach ab. Iris konnte fühlen, wie sehr er versuchte, nichts Falsches zu sagen. »Du hast vor etwas Angst. Oder vor jemandem.«

Sie brachte kein Ja heraus. Nickte nur.

»Du läufst vor ihm davon?«

Wieder Nicken.

»Und er folgt dir. Deshalb denkst du, das eine Gedicht wäre auf dich gemünzt gewesen.«

»Ja.« Das Wort kam tonlos aus ihrem Mund.

»Ich muss dir etwas gestehen«, sagte Bastian. Er war dazu übergegangen, ihre Finger zu streicheln, ihr Handgelenk, die Innenseiten ihrer Unterarme. »Als ich gestern Wasser vom Bach holen wollte, warst du schon vor mir da. Du hast dich gerade gewaschen und ich habe sofort kehrtgemacht, um dich nicht zu stören, aber  …«

Sie wusste, was jetzt kam. Blickte zu Boden.

»… aber ich habe die Narbe an deiner Schulter gesehen.«

Die Libellen von vorhin waren wieder da, sie hatten ihre Flugrichtung geändert, außerdem war eine dritte dazugekommen, die grün war, nicht blau. Sie schillerte in der Sonne und Iris musste daran denken, dass Libellen im Englischen dragonflies hießen. Drachenfliegen. Wie schön das klang.

»Ist die Narbe von dem, der dich verfolgt?«

Bastians Griff um ihre Hand war fester geworden. Hatte sie genickt?

»Dein Vater?«

»Nein.« Die Stimme, die das sagte, hörte sich gelassen an. »Mein Vater ist weit weg. Neuseeland angeblich. Es ist … ein Freund. Genauer gesagt jemand, den ich mal dafür gehalten habe.«

Die größere der beiden blauen Libellen landete auf einem Halm, der aus dem Wasser wuchs. Er bog sich unter ihrem Gewicht, doch er trug.

»Ich habe mich vor einem Jahr mit meiner Mutter zerstritten. Richtig heftig. Sie hat mich vor die Tür gesetzt und da war Simon  … für mich da. Er war neunzehn, wir kannten uns über ein paar Freunde und er meinte, ich könne doch erst mal bei ihm einziehen. WG-mäßig. Ich habe mir nichts dabei gedacht.«

Die grüne Libelle flog heran, ganz nah, ließ sich auf einem Farnwedel nieder. Jeder ihrer vier Flügel trug einen schwarzen Fleck am Rand.

»Anfangs lief alles gut, die ersten paar Monate. Er war unglaublich nett und wir hatten so etwas wie eine lockere Beziehung, nichts allzu Ernstes. Doch nach und nach wurde es merkwürdig. Simon begann, jeden meiner Schritte zu kontrollieren, sich furchtbar aufzuregen, wenn ich mich verspätete oder nicht ans Handy ging. Er sagte, ich sei es ihm schuldig, mich an seine Regeln zu halten, er habe mich immerhin aufgenommen. Ich war pleite, konnte nirgendwo sonst hin, also versuchte ich, es ihm recht zu machen.«

Mit ihren kurzen, hakenförmigen Ärmchen strich die Libelle sich über ihre Facettenaugen. Kleine, hastige Bewegungen. Immer wieder.

»Es hat viel zu lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass er wirklich irre ist. Eines Tages hat er mich nicht mehr weggelassen. Eingesperrt. Mir erklärt, dass wir für immer zusammengehören würden, und gedroht, die ganze Hütte anzuzünden, wenn ich ihm dumm kommen würde. Mit mir drin.«

»Hast du nicht um Hilfe gerufen?«

»Doch. Nur war leider niemand da, der es hätte hören können. Die Siedlung war fast völlig verlassen. Heruntergekommene Kleingärten, manche der Häuser knapp vor dem Einsturz. Außerdem reagierte Simon auf Hilferufe nicht allzu gut. Er ist ziemlich stark. Und … einfallsreich.«

Er steht vor der Klotür und lässt mich nicht durch.

»Sag bitte.«

»Bitte.«

Er rührt sich nicht vom Fleck. Er genießt es so sehr. »Diesmal nicht«, sagt er, »aber vielleicht beim nächsten Mal. Wenn du begriffen hast, zu wem du gehörst.«

Bastians Stimme, weit weg. »Was meinst du mit einfallsreich?«

»Und jetzt mach sauber.«

»Egal. In seinem Haus gab es einen kleinen Holzofen, und wenn Simon Brennholz hackte, lief er den ganzen Tag mit der Axt in der Hand herum. Ab und zu schwang er sie in meine Richtung. Probehalber, meinte er.«

Bastians Blick wanderte zu ihrer Schulter.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Das war nicht die Axt. Das war ein scharfkantiges Holzscheit, mit dem er mir ein Messer aus der Hand schlagen wollte. Irgendwann hatte ich es mir gekrallt und wollte ihn damit zwingen, die Tür aufzusperren. War eine blöde Idee.«

Die Erinnerung war da, als wäre es gestern passiert, lebendiger als jedes andere Ereignis in ihrem Leben. Der scharfe Schmerz. Dann Taubheit, im ganzen Arm. Der Boden, der langsam näher kam. Der Aufprall ihres Körpers und das Blut, von dem sie erst nicht wusste, wo es herkam. Bis sie den Kopf drehte und ihre Schulter sah …

»Was ist danach passiert?«

»Ich bekam Fieber, doch zum Arzt gehen war natürlich kein Thema. Simon kümmerte sich um mich – solange ich hilflos war, war er der Liebreiz in Person. Also spielte ich mit. …