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Jennifer Teege, Nikola Sellmair - „Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“

ISBN: 9-783-499-61327-2

 

Klappentext:

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte. In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene, Jennifer Teeges geliebte Großmutter, begeht 1983 Selbstmord.

Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat.

Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung.

 

Inhalt:

Jennifer Teege erzählt mit eigenen Worten und unverblümt, wie sie heraus fand, wer ihr Großvater ist und aus was für einer Familie sie eigentlich stammt. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie durch ihre Adoption keinen leichten Start ins Leben hatte und dass sie sich immer anders gefühlt hat. Dass sie dann allerdings so anders ist.

Mit einem Buch in einer Bibliothek fängt alles an. Jennifer erfährt, wer ihre Mutter war und wer im Endeffekt ihr Vater war. Von da an beginnt eine schwere Zeit der Depression, der Recherche und im Endeffekt auch eine Art Selbstgeißelung für sie. Sie erzählt, wie sie nach Krakau gereist ist, sich den Ort des Verbrechens selber angesehen hat. Was für Probleme sie hatte, es Freunden zu erzählen.

Allerdings erfährt man auch, was sie am Ende daraus gemacht hat. Und ich kann nur sagen: Starke Frau, die Frau!!!!

 

Leseprobe:

… Ich betrete die schlichte Kapelle, in der ich getauft wurde. Ich frage meine Begleiter, ob ich kurz allein sein kann, und setzte mich auf eine Bank.

Im Wohnzimmer meiner Adoptivfamilie steht ein Tisch mit einer tiefen Schublade. Wir Kinder bewahrten darin unsere Fotoalben auf. In meinem sind auch Fotos von meiner Taufe. Meine Adoptivmutter hatte sie sorgfältig einsortiert. Eine junge blonde Schwester hält mich über das Taufbecken. Das ist Schwester Magdalena, meine Gruppenleiterin und Taufpatin. Sie trägt die weiße Tracht der aktiv im Heim tätigen Nonne. Neben ihr steht der Pfarrer, der gießt das Taufwasser über meine Locken. Auf einem anderen Foto, das nach der Taufe aufgenommen worden sein muss, hält Schwester Magdalena mich auf dem Arm. Ich bin eingehüllt in ein langes weißes Taufkleid und umgreife mit meiner winzigen dunklen Hand die ihre. In ihrer bodenlangen Tracht und der Haube sieht Schwester Magdalna aus wie eine Madonnenfigur.

Ich denke, dass sie und ihre Helferinnen ihr Möglichstes getan haben, damit wir Kinder auch im heim Liebe und Zuneigung erfuhren. Sie hat versucht, für elf Kleinkinder eine Art Mutterersatz zu sein. Abends hat sie mit uns im Schlafsaal gebetet.

Ich würde sie gern treffen, aber sie lebt nicht mehr im Kloster. Meiner Adoptivfamilie hat sie später einen Brief geschrieben und darin erzählt, dass sie aus dem Orden ausgetreten sei. Sie schrieb darin auch, dass sie mich einmal zufällig mit meiner neuen Familie in der Münchner Innenstadt gesehen habe. Sie habe damals nicht stören wollen aber sie hoffe, dass es mir weiter gutgehe.

Über den Orden der Franziskanerinnen gelange ich an die E-Mail-Adresse der ehemaligen Schwester Magdalena. Ich schreibe ihr und erhalte sofort eine Antwort, sie beginnt mit den Worten: „Sehr geehrte Frau Teege oder – liebe Jenny?“

Schwester Magdalena erinnert sich noch gut an mich Sie habe noch viele Fotos von mir, schreibt sie. Ich solle sie doch gern besuchen, sie wohne mit ihrem Mann nicht weit von München.

Das Einfamilienhaus in einem bürgerlichen Viertel finde ich sofort. Schwester Magdalenes Haare und jetzt weiß, sie hat kurze Löckchen. Zur Begrüßung umarmt sie mich.

Über ihrer Küchentür hängt ein schlichtes Kreuz es fällt mir gleich auf. Gott spiele immer noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben, erklärt sie mir, die Kirche dagegen kaum. Sie hat nach ihrer Zeit im Orden geheiratet, Kinder bekommen, mittlerweile hat sie mehrere Enkelkinder. Ihr Mann sitzt auch mit am Esstisch. Er ist ehemaliger Priester, spricht mehrere Sprachen und kommt aus der Nähe von Krakau. Plaszow kennt er und auch den Namen Amon Göth. Ich erzähle von meiner neu entdeckten Familiengeschichte. Die beiden hören aufmerksam zu.

An meine Mutter kann sich Schwester Magdalena nicht mehr erinnern, auch nicht an meine Großmutter. Aber sie weiß, dass ich traurig war, wenn ich an den Wochenenden nicht abgeholt wurde. Bei einigen Kindern seien die Eltern öfter gekommen Ich hätte eine kleine Freundin in der Gruppe gehabt, deren Eltern sie jeden Sonntag besuchten, ich hätte das sehr genau wahrgenommen. Meine Mutter sein anfangs regelmäßig gekommen, später dann nur noch sporadisch.

Damals war meine Gruppenleiterin Ende zwanzig, heute ist sie Ende sechzig, aber sie weiß noch viele Details. Sie sagt, ich sei ein fröhliches, offenes, unkompliziertes Kind gewesen, sehr beliebt in der Gruppe. Zu jedem ihrer Schützlinge habe sie eine persönliche Verbindung, zu einigen habe sie bis heute Kontakt. Fast keines der ehemaligen Heimkinder habe einen geradlinigen Lebenslauf, viele hätten immer wieder mit Problemen zu kämpfen, erzählt sie mir.

Sie zeigt mir Fotoalben: Schwester Magdalene mit uns im Tierpark Hellabrunn und im Heim beim Besuch des Nikolaus. In meiner Gruppe gab es noch ein anderes dunkelhäutige Kind außerdem mehrere körperlich gezeichnete Kinder, eines war auf einem Auge blind einem anderen fehlte ein Bein.

Meine ehemalige Gruppenleiterin sagt, sie sei für die „Extra-Portion-Liebe“ zuständig gewesen. Es sei ihr jedes Mal ungeheuer schwer gefallen, die Kinder wieder abzugeben, wenn sie das Heim verlassen mussten.

Das Wiedersehen mit Schwester Magdalena ist sehr nett und herzlich. Wir reden und reden, ich möchte gar nicht aufstehen und gehen.

Auf dem Weg zurück nach Waldtrudering überlege ich, wie es wohl war, plötzlich von Schwester Magdalena getrennt zu sein. Im Heim war sie meine wichtigste Bezugsperson. Von einem Tag auf den anderen kam ich ein eine Pflegefamilie, meine spätere Adoptivfamilie. Schwester Magdalena sah ich danach nie wieder. Habe ich sie vermisst? Meine Adoptiveltern sagen, ich hätte anfangs immer wieder von ihr gesprochen. …