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Sara Fine - „Innerste Spähre“

Wächter des Schattenlandes I

ISBN: 9-781-611-09922-5

 

Klappentext:

Vor einer Woche hat sich Lela Santos’ beste Freundin Nadia das Leben genommen. Heute steht Lela nach einem missglückten Abschiedsritual im Paradies und blickt zu einer gigantischen ummauerten Stadt in der Ferne auf – der Hölle. Niemand durchschreitet freiwillig das Selbstmordtor, um an einen Ort zu gelangen, der in Dunkelheit erstickt und von verkommenen Geschöpfen heimgesucht wird. Aber Lela lässt sich nicht so leicht abschrecken – sie ist entschlossen, die Seele ihrer besten Freundin zu retten, auch wenn sie dafür ihr ewiges Leben opfern müsste. Bei ihrer Suche nach Nadia wird Lela von den Wächtern gefangen genommen – ungeheuren, unmenschlichen Aufsehern, die in den endlosen Straßen der dunklen Stadt patrouillieren. Ihr menschlicher Anführer Malachi hat nur eins mit ihnen gemeinsam: seine tödliche Effizienz. Als er die mutige Lela kennenlernt, fasst Malachi einen Plan: Er will sie aus der Stadt schaffen, selbst wenn das bedeuten sollte, dass sie Nadia zurücklassen muss. Denn Malachi weiß etwas, das Lela nicht ahnt – die dunkle Stadt ist nicht der schlimmste Ort, an dem Lela enden könnte, und er schreckt vor nichts zurück, um sie vor diesem Schicksal zu bewahren.

 

Inhalt:

Lela hat endlich so etwas wie eine Freundin gefunden. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie eine Zukunft und ein Ziel. Doch dann verliert sie diese Freundin, weil sie sich umbringt.

Lela hat auch schon eine Selbstmorderfahrung hinter sich. Doch vor den Toren der Selbstmörderstadt, eine Art Hölle für Selbstmörder, wird sie wieder zurück geschickt. Doch sie sieht, dass ihre Freundin nun auch in dieser Stadt ist und Angst hat. Sie wird von etwas verfolgt.

Lela stürzt bei einem nächtlichen Spaziergang von einer Klippe und stirbt. Sie landet auf dem Land. Doch sie kann die Selbstmörderstadt sehen und geht freiwillig hinein, um ihrer Freundin zu helfen.

Lela findet ausgerechnet in einer Stadt voller Verstorbener so etwas wie ihre erste und große Liebe. Und am Ende steckt sie in einer Zwickmühle. Der Mann oder ihre Freundin?

 

Leseprobe:

… Malachi lehnte sich gegen die Brüstung. Er zeigte zu dem weißen Gebäude ganz am Ende der Stadt, das nach mir gerufen hatte, kurz bevor ich durch das Tor lief. Es zerrte immer noch an mir, lockte mich.

»Das ist das Allerheiligste«, sagte er.

Automatisch trat ich einen Schritt zurück. Das Gebäude, das mich wie ein Magnet anzog, war eben jenes, das ich nicht besuchen wollte.

»Gut zu wissen«, murmelte ich.

Als uns ein Windhauch traf, schloss er die Augen. Das war wohl die größte Annäherung an frische Luft in dieser Stadt und ich beobachtete, wie Malachis Brust sich beim Einatmen hob. Ich ließ den Blick wieder nach Osten schweifen. Die Gebäude waren dort nicht so groß und die Stadtmauer gut zu erkennen. Dahinter sah ich gerade noch den wilden Wald. Ein riesiger Vogelschwarm brach durch die Bäume und flog über die Wipfel. Der Mond schwebte tief und groß und hell direkt über ihnen. Wenigstens nahm ich an, dass er hell war. Der Schleier über der Stadt dämpfte seine Schönheit und machte sein Schimmern schwach und grau.

»Die Dunkelheit ist ein Teil der Stadt«, sagte Malachi, der sah, wie ich zwinkerte. »Aber mit ein bisschen Erfahrung kannst du Tag und Nacht unterscheiden. Du kannst die Sonne sehen. Ihr Licht erreicht uns nicht, aber ich habe gelernt, sie zu erkennen.«

»Wie lange bist du schon hier?« Ich hatte Angst, dass ich die Antwort mehr oder weniger schon kannte. Aber um seinetwillen hoffte ich, dass ich falsch lag.

Er seufzte. »Das Fortschreiten der Jahre ist schwerer zu verfolgen als das Vorübergleiten der Tage. Welches Jahr ist jetzt auf der Erde?«

Ich sagte es ihm und bereute es im selben Moment.

Er sah auf seine Stiefel. »Oh, dann ist es lange her. Länger als ich dachte. Ich möchte es dir nicht sagen.«

»Tut mir leid. Ich wollte nicht so neugierig sein.«

Wieder seufzte er. Schließlich sah er mich an und sagte zögernd: »Ich bin ungefähr seit siebzig Jahren in dieser Stadt.« Ich rechnete kurz im Kopf nach und nickte. Soweit ich mich erinnerte, passte es. Das hieß, er starb … tötete sich … in den frühen 1940er Jahren.

Aufmerksam beobachtete er meine Reaktion. »Du wirkst nicht überrascht.«

Ich nahm seine Hand in meine. Als meine Finger in seinen Ärmel schlüpften, zuckte er zurück, aber dann fing er meinen Blick auf und hielt still. Ich zog den Ärmel bis zum Ellbogen hoch und fuhr mit dem Daumen über die Tätowierung. »Ich hab’s gesehen. Als du bewusstlos warst. Ich war mir nicht sicher, aber ich hab in der Schule davon gehört. Was die Nazis den Juden und den anderen im Konzentrationslager angetan haben.«

»Ja. Ana hat mir gesagt, dass es jetzt in den Schulen durchgenommen wird. Die Leute nennen es den ›Holocaust‹. Ein schreckliches Wort, aber es passt.« Er neigte den Kopf und betrachtete die Tätowierung. »Geschichte. Manchmal fühlt es sich so frisch an. Und dann ist es wieder Jahrtausende her. Und immer fühlt es sich kleiner an als dieses Wort. Geschichte ist groß. Für mich war es nur meine Familie, mein Viertel, meine Stadt, in der es immer enger wurde. Zuerst bemerkte ich gar nicht, wie alles schrumpfte und beklemmender wurde und zerfiel. Um es zu verstehen, war ich zu jung. Aber als ich glaubte, es könnte nicht schlimmer werden, wurde es schlimmer. Und immer schlimmer.«

Ich drückte seine Hand. »Es tut mir leid.« Ich wusste nicht, was mir mehr leid tat: was er durchgemacht hatte oder dass ich ihn dazu brachte, darüber zu reden.

»Ist schon gut«, beruhigte er mich, aber seine Stimme strafte ihn Lügen. Er blickte zum Mond auf und ich sah jetzt nicht mehr den Schmerz in seinen Augen, sondern etwas anderes.

Sehnsucht.

Er sehnte sich danach zu flüchten. Er flüchtete in diesem Moment. Dieses Gefühl kannte ich gut, auf einen Punkt an der Wand zu starren, da, wo die Tapete sich abschält, und mir vorzustellen, wie ich hindurchkrabble auf die andere Seite, zu einem Ort ganz weit weg von meinen Problemen. Wie oft hatte ich das schon getan? Wie oft hatte ich mich so stark darauf konzentriert, dass ich gar nicht mehr in meinem Körper war? Wie oft hatte es mich davor bewahrt, in tausend Stücke zu zerbrechen?

Er schien so weit weg, dass ich fragen musste. »Bist du da?«

»Nein«, flüsterte er.

Ob ich glücklich oder traurig sein sollte, wusste ich nicht, ich wollte, dass er bei mir war, aber genauso wünschte ich mir, dass er frei wäre. Beides ging wohl nicht. Ich berührte sein Gesicht, die geschwollenen Kratzer, die ich ihm in Panik zugefügt hatte, sein kantiges Kinn, seine Haut, die sich gleichzeitig wie Eisen und Seide anfühlte.

Meine Hand wanderte zu seiner Brust. Ich spreizte die Finger, spürte seine Hitze und das Pochen seines Herzens. Halb erwartete ich, dass er mich wegstieß. Stattdessen breitete er die Arme aus und griff nach der Eisenbrüstung, öffnete sich und ließ mir die Kontrolle.

Ich legte die Hand um seine Taille und lehnte mich nach vorn, meine Stirn ruhte auf seiner Brust. Wir standen genauso da wie damals, als ich ihn für den nicht vorhandenen Schlüssel verführen wollte. Jetzt schlug mein Herz genauso schnell und seines auch. Doch diesmal wollte ich nichts von ihm, außer dass er hier mit mir war. Seine Knöchel auf der Brüstung wurden weiß, als würde er sich anspannen. Oder sich zurückhalten. Aber sein Blick lag in der Ferne und er sah nicht aus, als würde er bald wiederkommen. Also entschied ich, mich ihm anzuschließen.

Ich atmete ein, inhalierte den Leder- und Schweißgeruch seiner Haut und drehte mich zum Wald hin um. Er war hinter mir. Es fühlte sich gut an, denn nach dieser Nacht war mir klar, dass er mich nicht verletzten würde.

Tatsächlich wusste ich, dass es ihn verletzte, derjenige zu sein. Derjenige, der meinen Dämon spielte, damit ich den wahren Dämon exorzieren konnte. Auch wenn dessen Macht noch nicht ganz gebrochen war, hatte er sich so weit beruhigt, dass ich einen Schritt rückwärts machen und Malachis Wärme spüren konnte. Ich löste seine Hände von dem Geländer, das sie umklammerten, führte seine Arme um mich herum und ließ mich von ihm festhalten. Außer dem Klopfen seines Herzens und seinem beschleunigten Atem gab er mir kein Zeichen, wie er sich fühlte. Er hüllte mich ein, wie eine Decke, wie eine Rüstung. ...