ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Kathrin Lange - „Cherubim“

ISBN: 9-783-746-62597-3

 

Klappentext:

Nürnberg 1491. Die Heilerin Katharina Jacob verliert einen ihrer Patienten auf grausame Art: Dem Mann wurden die Augen ausgestochen. Doch er ist nur das erste Opfer einer Mordserie. Gemeinsam mit dem Anatom Richard Sterner nimmt Katharina die Ermittlungen auf. Diese führen sie nicht nur zu den Nonnen eines Dominikanerinnenklosters, sondern auch zu den Huren in Nürnbergs Gassen.

 

Inhalt:

Katharina ist Witwe und lebt mit ihrer Mutter im Henkershaus in Nürnberg. Doch in der Stadt geschehen seltsame Morde. Es werden Leichen gefunden, denen die Augen ausgestochen wurden.

Katharina nimmt mit einem befreundeten Mann die Ermittlungen auf. Doch sie wird als Frau nicht ernst genommen. Zumal beginnt sie auch, sich in ihren Freund zu verlieben, als ihr verstorben geglaubter Mann plötzlich wieder in der Stadt auftaucht. Doch er ist nicht mehr der Selbe. Eine Kopfverletzung hat einen unberechenbaren und besessenen Menschen aus ihm gemacht. Irgendwann glaubt man sogar, er wäre der Mörder. Doch für Katharina ist es fast zu spät, als sich der Mörder ihr gegenüber zu erkennen gibt.

 

Leseprobe:

… Einige Stunden nachdem Richard den ersten Schnitt in Dagmars Leiche gesenkt hatte, saß er gemeinsam mit Arnulf an einem der Tische in Niklas’ Schankstube. Beide starrten sie schweigend in die Becher mit Branntwein, die Arnulf ihnen bestellt hatte. Richards war noch fast voll, der des Nachtraben jedoch bereits leer.

Arnulf war bleich wie eine gekalkte Wand.

»Mir ist schleierhaft«, ächzte er mit hohler Stimme, »wie man so was freiwillig und über Jahre hinweg machen kann!«

Richard drehte seinen Becher in der Hand. Eine Jagdszene war auf der Zinnoberfläche dargestellt. Das Wild, ein stattlicher Zwölfender, stand in einem Dickicht und schien seine Jäger zu verspotten.

Richard blies Luft durch die Nase, um den üblen Geruch der Sektion loszuwerden, der sich trotz des Minzöls in seinen Nasenlöchern festgesetzt hatte. »Nicht die Lektüre zahlreicher Bücher ist das Erfordernis eines Arztes, sondern die tiefste Kenntnis der Naturdinge und Naturgeheimnisse, welche einzig und allein alles andere aufwiegen«, zitierte er sinngemäß einen Satz, den er von einem Medicus gehört hatte.

Arnulf verzog das Gesicht. »Geschwafel! Pah!« Er schaute auf und suchte Niklas’ Blick. Als der Wirt auf ihn aufmerksam wurde, hielt der Nachtrabe seinen Becher hoch, zum Zeichen, dass er Nachschub brauchte.

Die Schankstube war leer, da der Wirt heute noch nicht aufgesperrt hatte, und so brachte Niklas gleich die ganze Flasche mit. Wortlos stellte er sie vor Arnulf auf den Tisch. Dann zog er sich so schnell zurück, als könne er es nicht ertragen, in ihrer Nähe zu sein.

Richard konnte es ihm nicht verübeln. Er blickte auf seine Hände. Sie zitterten nur noch ein wenig.

Das Bild von Dagmars Kind brannte hinter seinen Lidern, sobald er blinzelte. Ein winziges Ding, mehr einem Fisch ähnlich als einem menschlichen Wesen. Eingebettet in die dunkelrote Höhle der Gebärmutter, hatte es vor Richard gelegen.

»Mein Sohn«, flüsterte Arnulf jetzt. Er hielt seinen Becher in der einen, die Branntweinflasche in der anderen Hand und rührte sich nicht.

Richard überging die Tatsache, dass sie nicht hatten erkennen können, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen gewesen war. Dennoch schüttelte er so sanft wie möglich den Kopf. »Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?« Arnulf starrte ihn aus brennenden Augen an.

»Warten wir ab, was Sibilla zu sagen hat«, meinte Richard sanft.

Sibilla war eine der Huren, die hier in der Krummen Diele auf Kundenfang gingen. Sie kannte sich mit dem Kinderkriegen ebenso gut aus wie die Hebammen der Stadt, auf deren Rat Richard lieber verzichten wollte.

»Du hast mir immer noch nicht erklärt, warum du sie hast rufen lassen«, beschwerte sich Arnulf jetzt.

Richard rieb sich das Genick. »Sie ist eine Engelmacherin. Sie wird uns sagen können, wie lange es her ist, dass das Kind empfangen wurde.«

Arnulf goss sich Branntwein in den Becher und trank einen tiefen Schluck. »Das geht?«

»Ich bin sicher, dass das geht. Wenn das Kind ...« Er unterbrach sich, weil es an der Vordertür klopfte. Niklas ging öffnen, doch es war nicht Sibilla, die um Einlass bat, sondern Maria. Bei ihrem Anblick richtete sich Arnulf ein wenig höher auf, als erwarte er, dass sie auf ihn losging. Doch sie warf den beiden Männern nur einen wilden Blick zu und rannte mit großer Hast an ihnen vorbei und die Treppe hinauf zu einem der beiden Zimmer, die dort oben lagen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und dann hörte Richard gedämpft das Knarren von Holz. Offenbar hatte Maria sich auf die Bettstatt geworfen.

»Was ist denn mit der los?«, wunderte sich Arnulf.

Richard war nicht klar, was er meinte. »Sie glaubt, dass du der Vater von Dagmars Kind bist«, erinnerte er den Freund.

Arnulf leerte seinen Becher und stellte ihn mit einem Krachen auf dem Tisch ab. »Schon! Aber das ist nicht der Grund für diesen Blick eben! Hast du gesehen, wie sie geschaut hat? Da war irgendwas ... Irres in ihren Augen.«

Richard zuckte die Achseln. Zwar hatte er diesen Ausdruck, von dem Arnulf sprach, auch gesehen, aber er kannte Maria nicht gut genug, um zu entscheiden, ob sie wegen des Kindes oder wegen etwas ganz anderem so wild geschaut hatte. Er überlegte noch, was er sagen sollte, als es erneut klopfte.

Wieder trottete Niklas zur Tür.

Und wieder war es nicht Sibilla.

Katharina betrat die kleine Gasse, an deren Ende das Gasthaus lag, kurz nachdem die Türmer die fünfte Tagesstunde geläutet hatten. Um diese Zeit wirkte das Gebäude verlassen, doch von früher wusste Katharina noch, dass der Wirt es fast rund um die Uhr geöffnet hielt. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und marschierte mit einer Entschlossenheit auf die Tür zu, die sie eigentlich gar nicht empfand.

Eine Katze, die auf dem Fensterbrett eines Nachbarhauses saß, bemerkte sie, sprang auf den Boden und begann um Katharinas Beine zu streichen. Kurz bückte sich Katharina zu ihr hinunter und streichelte ihr über das silbergestromte Fell. Das Tier machte einen Buckel, um sich fester an ihre Hand zu schmiegen, und es miaute leise.

»Ich habe nichts zu fressen für dich«, murmelte Katharina, richtete sich wieder auf und setzte ihren Weg fort.

Die Tür des Gasthauses war noch immer so schief und krumm, wie sie sie in Erinnerung hatte. Katharina griff nach dem Türriegel und machte sich darauf gefasst, so kräftig wie möglich daran ziehen zu müssen. Doch sosehr sie sich auch mühte, die Tür ließ sich nicht öffnen.

Katharina blickte auf den Fensterladen im Stockwerk darüber. Er war geschlossen. Bedeutete das, dass der Wirt heute nicht geöffnet hatte?

Katharina überlegte, was sie in einem solchen Fall tun sollte. Sie könnte in eines der anderen Gasthäuser gehen und ihre Suche dort beginnen. Aber etwas in ihr sträubte sich dagegen. Dies hier war wenigstens in Ansätzen vertrautes Gelände. Sich dorthin zu wagen, wo sie sich völlig fremd und verloren fühlte, konnte nur der allerletzte Ausweg sein.

Also nahm sie ihr Herz in die Hand und pochte an die Wirtshaustür.

Es dauerte nur Augenblicke, bis geöffnet wurde. »Gut, dass Ihr komm...«

Der Wirt sah, wen er vor sich hatte, und verstummte abrupt. »Seht Ihr nicht, dass wir geschlossen haben?«, blaffte er Katharina an.

»Doch ... ich ...«

»Geht woanders hin!«, unterbrach der Wirt.

»Bitte!« Katharina streckte die Hand aus. Hilfesuchend drehte sie die Handfläche nach oben. »Ich bin auf der Suche ...«

Die Tür wollte Katharina vor der Nase zufallen, doch sie stemmte die Hand dagegen. »Nicht!«, rief sie aus. »Ich bin auf der Suche nach einer Frau namens Dagmar!«

Die Nennung dieses Namens hatte eine völlig unerwartete Wirkung auf den Wirt. Wie vom Donner gerührt, stand er da, und fast gleichzeitig ertönte im Inneren der Gaststube eine tiefe Stimme. »Wer hat da eben von Dagmar gesprochen?«

Der Wirt drehte sich um, als ein Mann auf den Wirtshausflur trat, bei dessen Anblick Katharinas Gesichtszüge ins Rutschen kamen.

Dieser Mann war groß. Lang hingen ihm die schwarzen Haare in Stirn und Gesicht, und unter ihnen hervor funkelte ein Paar grüner Augen, das Katharina nur allzu gut kannte. »Arnulf!«, stieß sie hervor. …