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Antje Windgassen - „Die Hexe von Hamburg“

ISBN: 9-783-839-21734-4

 

Klappentext:

Hamburg 1622. Anneke Claen, Tochter einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie, wird der Hexerei bezichtigt. Mithilfe eines teuflischen Amuletts soll sie ein Unwetter herbeigerufen und Menschen krank gezaubert haben. Einige mysteriöse Todesfälle in ihrem Umfeld erhärten den Verdacht. Sie wird eingekerkert und soll unter Folter alle Missetaten gestehen. Wird ihr die Flucht ins Holländische gelingen? Dort könnte sie Ihre Unschuld mittels der kaiserlichen Hexenwaage beweisen.

 

Das ergreifende Schicksal der Hamburger Kaufmannstochter Anneke Claen, nach einer alten Handschrift erzählt. Eine wahre Geschichte, die unter die Haut geht.

 

Inhalt:

Anneke ist die Tochter einer angesehen Kaufmannsfamilie in Hamburg. Doch auch das Geld schützt sie nicht vor dem Schicksal derer, die als Hexen angeklagt sind.

Ihr Bruder Phillip verschuldet sich bei zwielichtigen Gestalten und ergreift die Flucht, statt seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Diese Typen rächen sich an der Familie, nachdem sie vergeblich versucht haben das Geld von dem Vater zu bekommen. Sie zeigen Anneke als Hexe an und der Prozess nimmt seinen Lauf.

Anneke kann aber aus dem Gefängnis fliehen. Mit der Hilfe eines jungen Mannes kann sie aus der Stadt fliehen und macht sich auf den Weg nach Holland, wo es eine gerechte Hexenwaage geben soll. - Die Waage kann sie von der Schuld befreien, aber Verluste hat Anneke auch so genug hin zu nehmen.

Kann sie ihren geliebten Befreier nach ihrem Freispruch ehelichen? Und wie schlägt sich der Prozess auf das Schicksal der restlichen Familie nieder?

 

Leseprobe:

… Nach etwa 20 Minuten Fußweg erreichten sie einen großen Platz, bogen in eine andere Straße ein, überquerten sie und machten Halt vor einem kleinen Gebäude, das Philipp zunächst für ein Brunnenhäuschen hielt.

Der Kul Kâhyasi zog einen Schlüssel hervor und schloss die unscheinbare Tür auf.

»Cryso«, rief er dann mit einer unangenehmen Fistelstimme. »Wo steckst du? Ich bringe Frischfleisch, das eingewiesen werden muss.«

Wie aus dem Nichts trat eine Gestalt aus dem Dunkeln – ein junger, außergewöhnlich großer Mann mit langen dunklen Haaren und bleichen Gesichtszügen. Seine Kleidung ähnelte der der neuen Sklaven, war jedoch schwarz und unterschied sich ansonsten eigentlich nur durch die bestickte Schärpe, die seinen Dolman anstelle des geflochtenen Bandes hielt. Seine leise Stimme klang sehr ehrerbietig:

»Ich bin hier, Efendi.«

Der Kul Kâhyasi nickte ungeduldig.

»Dann zeig den Ungläubigen, wo ihr Platz ist. Ich habe meine Zeit lange genug mit ihnen vergeudet.«

Auf sein Zeichen hin trieben die Asker die Sklavengruppe in das Gebäude. Dort wurden ihnen die Ketten abgenommen und die Hand- und Fußringe. Nur die Eisenreifen an den Hälsen blieben unangetastet. Auch sie waren ein Zeichen für ihr Dasein als Fronknechte. Dann schloss sich die Tür hinter ihnen. Das Knirschen des Schlüssels, der sie verschloss, hatte etwas Endgültiges.

Die Dunkelheit, die sie nun umgab, wirkte beklemmend und wurde nur von einer Fackel durchbrochen.

Philipp schauderte es kurz. Dann zwang er sich jedoch, jede Einzelheit wahrzunehmen: Die Tür war sehr massiv. Da sie sicherlich ständig verschlossen gehalten wurde, konnte er sie als Fluchtmöglichkeit ausschließen. Die Mauern des Gebäudes bestanden, im Gegensatz zu den vielen Holzhäusern Konstantinopels, aus Stein, und die Fenster waren mit Eisenstäben und Rollläden gesichert. Einzig das ziegelgedeckte Dach mit seinem ausladenden Schatten spendenden Überstand bot möglicherweise einen Ausweg.

»Man nennt mich hier Cryso«, riss die ruhige Stimme des schwarzgekleideten Hünen ihn aus seinen Beobachtungen. »Ich bin Sklave wie ihr, seit gut drei Jahren in Konstantinopel und stamme aus Kalabrien. Da ich die osmanische Sprache ganz leidlich beherrsche, setzen mich unsere Herren als Dolmetscher und Leiter für Sklavengruppen ein. Und nun folgt mir, damit ich euch die Örtlichkeiten zeigen kann, in denen ihr von heute an leben und arbeiten werdet.«

Er wandte sich um und begann eine Treppe hinabzusteigen, die Philipp erst jetzt bemerkte.

»Gebt Obacht«, warnte Cryso. »Auf den Stufen kann man schnell ausgleiten. Und zieht eure Köpfe ein. Die Decken sind teilweise sehr niedrig.«

Über zwei Treppenabsätze ging es hinab. Feuchte, aber auch angenehm kühle Luft schlug ihnen entgegen. Immer tiefer führten die glitschigen Stufen, bis sie im klaren Wasser verschwanden.

Die Neuankömmlinge fanden sich in einer riesigen Halle wieder, die wie ein unterirdischer Palast anmutete. Mächtige Säulen, die sich in der düsteren, nur unzureichend von Fackeln beleuchteten Weite verloren, trugen das Deckengewölbe, aus dem hin und wieder Tropfen in das stille Wasser fielen.

»Konstantinopel hat keine Trinkwasserquellen«, erläuterte ihr Führer. »Daher versorgt sich die Stadt, indem Wasser aus dem Hochland über Aquädukte hier her geleitet und dann in Zisternen wie dieser gespeichert wird. Dieses Reservoir ist bereits über 1000  Jahre alt, und es ist wieder einmal an der Zeit, es von der dicken Schlammschicht auf dem Grund zu säubern und Boden und Wände mit einem speziellen wasserdichten Mörtel auszubessern. Das ist von jetzt ab eure Aufgabe.«

Cryso wandte sich nach links und betrat einen schmalen, etwa zwei Fuß breiten Mauerabsatz, der die Hallenwand entlanglief.

»Folgt mir«, sagt er. »Ich zeige euch eure – nun ja, eure Unterkunft.«

Die Männer taten, wie ihnen geheißen. Da auch der Absatz durch die ständige Feuchtigkeit glitschig war, mussten sie dabei achtgeben, um nicht ins Wasser zu stürzen, dessen Oberfläche immerhin etwa drei Klafter unter ihnen lag. Dennoch fand Philipp die Möglichkeit, sich umzuschauen. Die flackernden Flammen von Crysos Fackel, die sich im Wasser widerspiegelten und an der aus Backsteinen gefertigten Gewölbedecke ein fast unheimliches Schattenspiel erzeugten, gaben kein ausreichendes Licht, um die gesamte Größe der Halle zu erkennen. Da die Säulen jedoch recht dicht aneinander standen – Philipp schätzte einen Zwischenraum von etwa sieben langen Ellen  – vermutete er, dass diese unterirdische Zisterne enorm weitläufig sein musste. Auch die Höhe war beachtlich. Vom Wasserspiegel bis zur Decke mussten es gut und gerne 15 Ellen sein. Doch wie hoch das Wasser derzeit in dem Reservoir stand, konnte er nicht erkennen.

Ob man Cryso danach fragen durfte? Bisher konnte er den Schwarzgekleideten nicht einschätzen, aber vielleicht würde es ja ganz aufschlussreich sein, seine Auskunftsbereitschaft auf die Probe zu stellen. Überhaupt, wenn sich hier jemand auskannte, dann er.

»Wie es aussieht, steht das Wasser zurzeit ziemlich niedrig in dieser Zisterne«, versuchte er sein Glück. »Muss Konstantinopel eine Wasserknappheit befürchten?«

Ohne sich umzuwenden, antwortete der Angesprochene:

»Nein, gewiss nicht. Dies ist beileibe nicht das einzige Reservoir der Stadt. Der niedrige Wasserstand begründet sich allein durch die Tatsache, dass in diese Zisterne derzeit kein frisches Wasser eingeleitet wird. Schließlich soll sie leerlaufen. Sonst könnte man sie weder säubern noch ausbessern.«

Wirklich schlauer war Philipp durch diese Antwort nicht geworden, aber immerhin wusste er nun, dass man bei Cryso, der ja wohl so etwas Ähnliches wie einen Vorarbeiter darstellen sollte, Antworten auf Fragen bekam. Und er hatte viele Fragen.

Sie hatten nun die linke Wand der Zisterne erreicht und betraten eine Art Plattform, die sich aus der Mauerecke bis zu der ersten Säulenreihe spannte. Eine kleine Feuerstelle befand sich hier, eine Reihe von Strohsäcken und ein Stapel grob gewebter Decken. …