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Stefanie Lasthaus - „Das Frostmädchen“

ISBN: 9-783-453-31729-1

 

Klappentext:

Als ihr Freund Gideon bei einem Streit handgreiflich wird, flieht die zwanzigjährige Neve hinaus in die klirrend kalte Nacht des kanadischen Winters und verirrt sich. Glücklicherweise wird sie rechtzeitig von dem jungen Künstler Lauri gefunden, der sie in seiner abgelegenen Blockhütte gesund pflegt. Bei Lauri fühlt sich Neve vom ersten Augenblick an geborgen, und zwischen den beiden entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch in der Nacht im Wald ist etwas mit Neve geschehen – etwas, das die uralte Wintermagie in ihr entfesselt hat …

 

Inhalt:

Neve fährt mit ihrem Freund in die Berge. Sie will einen romantischen Winterurlaub, er nur die Sauferei in der Kneipe. Und nach einem handfesten Streit, in dem er sie auch noch schlägt, flieht sie in den Schnee.

Neve stirbt in dieser Winternacht, merkt das aber nicht, denn Lauri rettet sie. Er macht Urlaub in der Hütte eines Freundes. Hofft, dort in der Stille und Abgeschiedenheit, wieder etwas besser zeichnen zu können. Mit Neve hat er sich allerdings ein ungeahntes Problem aufgeladen.

Neve hingegen scheint nicht zu frieren, sie scheut Wärme und weigert sich warme Getränke zu sich zu nehmen. Aus seltsamen Träumen wird ein reales Treffen mit der Winterherrin, die ein großes Opfer von ihr verlangt, um Neve in ihrer Runde aufzunehmen.

 

Leseprobe:

… Neve lachte hart auf. Gideon hatte ihr so oft vorgeworfen, sie sei melodramatisch, und sie hatte niemals verstanden, was er ihr eigentlich damit sagen wollte. Wenn er sie nun sehen könnte, würde er alle Vorwürfe zurücknehmen, denn ihre frühere Unzufriedenheit war nichts gegen die Tatsache, dass sie tot war und trotzdem durch die kanadische Wildnis lief. Oder dass sie anderen die Gesundheit stahl, allein durch ihre Gegenwart.

Sie hob die Hände und betrachtete sie. Da waren keine Anzeichen von Tod oder Verfall, sondern nur reines Weiß. Ihr Lachen verwandelte sich in ein Schluchzen, und als das Bild von Lauris dunklen Augen sich weigerte, aus ihrem Kopf zu verschwinden, weinte sie. Tränen rannen über die Wangen und gefroren, ehe sie zu Boden fallen konnten. Stattdessen lösten sich kleine glitzernde Eiskristalle von ihrer Haut.

Sie hatte nicht einmal den Ansatz eines Plans. Zurück nach Longtree konnte sie nicht, und die Höhle würde sie wahrscheinlich nicht finden. Blieb ihr Vater oder vielleicht auch Kira.

Erstaunt stellte sie fest, wie wenig ihr die Vorstellung gefiel. Sie horchte in sich hinein, während sie an ihre beste Freundin dachte oder an den kläglichen Rest, der von ihrer Familie übrig geblieben war. Nichts. Da war weder ein Funken Zuneigung noch etwas anderes. Im Gegenteil, alle Gefühle, die sie für die Menschen empfinden sollte, die sie beinahe ihr ganzes Leben lang kannte, waren wie weggewischt – so als erinnerte sie sich an einen Traum, der kurz nach dem Aufwachen noch präsent war, aber rasch verblasste. Sobald sie sich auf etwas anderes konzentrierte, bröckelten die Bilder. Sie hatte alles vergessen, was ihr einst wichtig gewesen war, und sie trauerte nicht einmal darum. Nur Lauri war noch in ihrem Kopf und in ihrem Herzen, und es tat weh. Ihn musste sie energisch beiseiteschieben, damit sie heilen konnte, wenn das überhaupt möglich war.

Was also blieb ihr? Nichts und niemand, nur die Nacht und der Schnee und die eigenen Tränen, die so schön im Mondlicht schimmerten wie niemals zuvor. Neve pflückte einen Kristall aus ihren Wimpern und hielt ihn in die Höhe. Er zog das Licht der Sterne an, bündelte und brach es. Eine winzige Korona umgab ihre Hand. Ihre Sehnsucht wuchs. Aber es war nicht nur Lauri, den sie vermisste.

Sie blieb stehen und stellte sich auf Zehenspitzen auf der Suche nach einer Erhebung, einer Veränderung in der Landschaft, einem winzigen Strahl aus Blau und Silber. Sie fand nichts, dabei war dies definitiv der Weg, den sie bereits zuvor gegangen war. Mutlos trampelte sie ein Stück der Schneefläche platt und ließ sich darauf nieder. Wenn sie in der Nacht, als sie vor Gideon geflüchtet war, geglaubt hatte, allein gewesen zu sein, so hatte sie echte Einsamkeit nicht gekannt. Sie bedeutete, weder Wurzeln zu haben noch etwas anderes, an dem man sich festhalten konnte, und sei es auch nur für einen Augenblick.

Lauri durfte nicht zu diesem Anker werden, da sie es sich sonst womöglich anders überlegte und aus purem Egoismus zu ihm zurückkehrte. Das konnte sie ihm nicht antun. Er hatte eine Frau verdient, die ihn glücklich und nicht krank machte. Eine Frau aus Lachen, Sonne und Leben.

Neve rollte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Sie ließ sich vom immer stärker werdenden Treiben einlullen und glaubte, in der Ferne ein Klingeln zu hören. Jemand lachte – oder spielte dort Musik? Es musste Longtree sein, wahrscheinlich stand die Tür der Bar offen und entließ einen Betrunkenen nach dem anderen in den Schnee, wo er pinkelte oder sich übergab.

Neve konzentrierte sich auf die zart über die Landschaft schwebenden Töne und begriff, dass sie sich geirrt hatte. Da war eine Geige, vielleicht auch eine Flöte, aber spätestens bei den Trommeln im Hintergrund war sie sicher, dass es nicht aus dem Resort kam. In Longtree gab es von morgens bis abends E-Gitarren und dröhnende Bässe, und wenn der Besitzer nach wenigen Bieren die Lautstärke aufdrehte, musste man in der Bar brüllen, um sich zu verständigen. Das Wummern hatte nichts mit dieser verschlungenen Melodie gemein, die ebenso eine Botschaft war wie Lauris Träume.

Hoffnungsvoll rappelte sich Neve wieder auf und lief in die Richtung, in der sie den Ursprung der Musik vermutete. Wenn sie die Sterne richtig deutete, ging sie nach Westen und ließ Longtree sowie Lauris Hütte hinter sich. Hin und wieder blieb sie stehen, wenn die Musik verstummte, doch sie setzte stets nach wenigen bangen Atemzügen wieder ein. Manchmal war Neve nicht sicher, ob es wirklich Trommelschläge waren oder das Donnern von Pferdehufen – oder beides? –, doch das spielte keine Rolle. Solange es sie zur Winterherrin führte, würde sie auch dem Geheul eines Wolfsrudels folgen. Es musste einfach so sein. Wer sonst außer ihr sollte mitten in der Nacht so fremdartige Musik machen?

Die Schneewehen flachten ab, bis sie nur noch wenige Handbreit hoch waren. Verwundert stellte Neve fest, dass sie an einer getrampelten Wegkreuzung stand. Rechts und links der Schneisen waren Hufspuren zu sehen.

Neve stellte sich in die Mitte. Sie war allein. Die Musik war verstummt, nur der Wind flaute auf und wirbelte Flocken umher. Neve überlegte und entschied, den Hufspuren zu folgen, doch je mehr die Schneewehen wieder anwuchsen, desto schlechter konnte sie die Abdrücke erkennen, bis sie vollständig verschwunden waren. Dasselbe Bild bot sich in den anderen drei Richtungen, und schließlich ließ sich Neve, erschöpft von zu viel fehlgeleiteter Hoffnung, an der Kreuzung zu Boden fallen. Sie war unsagbar müde. Versuchsweise kauerte sie sich in eine halbwegs gemütliche Position, schloss die Augen, rutschte noch eine Weile hin und her, bis sich eine leichte Kuhle unter ihr gebildet hatte, und sank in einen Dämmerschlaf. Sie bekam mit, dass der Wind nachließ und es aufhörte zu schneien. Die Ruhe umhüllte sie wie eine Glaskugel, und sie stellte sich vor, in einer solchen zu liegen, betrachtet von fremden Menschen, die sich ihrer erbarmten und das Wunderwerk nicht schüttelten.

Urplötzlich änderte sich etwas in der Atmosphäre. Obwohl sie noch immer nichts hören konnte, wusste Neve, dass sie nicht mehr allein war. Schlagartig war sie hellwach, setzte sich auf und klopfte sich den Schnee aus den Haaren. ...