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Corinne Hofmann - „Afrika, meine Passion“

ISBN: 9-783-940-66618-5

 

Klappentext:

"Es muss ein Leben nach Afrika geben", glaubt Corinne Hofmann nach Beendigung ihrer letzten großen Lesereise vor begeistertem Publikum. Sie nimmt sich eine "Auszeit", bereist andere Länder und findet dennoch immer wieder vertraute Erinnerungsbilder und Anklänge an ihre zweite Heimat, an Afrika.
2009 begibt sie sich auf ihren ganz persönlichen Jakobsweg, auf eine 720 Kilometer lange Fußwanderung im Norden Namibias. Fernab jeglicher Bequemlichkeit und Zivilisation, begleitet von einem Tourführer und Lukas, dem für die zwei Lastkamele zuständigen Namibier, durchwandert sie die Kaoko-Region und trifft dort auf das Nomadenvolk der Himba.
Nach zwei Monaten kehrt sie, um etliche Kilo leichter, mit der Gewissheit zurück: "Die nächste Reise wird mich wieder nach Kenia führen." Im Frühjahr 2010 landet sie in Nairobi. Hier taucht sie ein in die Gegenwelt der modernen, erfolgreich aufstrebenden Metropole, in den Alltag und das Leben der Ärmsten. Corinne Hofmanns Berichte und Schilderungen aus den Slums sind eine Hommage an den unbändigen Selbstbehauptungswillen und die ursprüngliche Kraft der einfachen Menschen in den Elendssiedlungen, in denen die Hoffnungsträger oft Frauen sind.
Der Wunsch von Corinnes Tochter, ihre afrikanische Familie kennenzulernen, führt zum Höhepunkt dieser reich bebilderten "afrikanischen Passion". Auf einer gemeinsamen Reise kommt es zur Begegnung und behutsamen Annäherung von Napirai mit ihrem Vater Lketinga, der verehrten Mama Masulani und den Halbgeschwistern in ihrem Geburtsland Kenia.

 

Inhalt:

Corinne Hofmann kommt von Afrika einfach nicht los. Es ist und bleibt wohl immer so eine Art Heimat für sie. Nur aus diesem Grund macht sie mit zwei Männern zu Fuß einen Track durch Afrika. Kommt so mit Land und Leuten in Berührung und lernt vieles über dieses Land.

Im zweiten Teil berichtet sie über ein Hilfsprojekt, was im ersten Moment lächerlich erscheint. Langfristig gesehen kann man aber sehen, dass es durchaus etwas bewirkt. Zwar nur im Kleinen und langsam, aber dafür auch langfristig.

Im dritten Teil besucht sie mit ihrer Tochter noch einmal ihr zweites Heimatland. Sie will Napirai ihr Geburtsland näher bringen und besucht auch die Familie in Barsaloi, was eindeutig sehr emotiaonal wird.

 

Leseprobe:

… Ihr beklaut die Menschen und vernichtet ihre Existenz. Lange wird das nicht mehr gut gehen und auch ihr werdet niedergeschossen. Ich kann euch etwas Besseres anbieten. Kommt zu Jamii Bora und ihr bekommt Essen und verteilt Lebensmittel bei euch in Kibera. Ihr kennt diese Gegend und die Menschen fürchten euch, und genau deshalb seid ihr die Einzigen, die den Slum gefahrlos betreten können. Keine Polizei, kein Rotes Kreuz kann diesen hungernden Menschen helfen, weil sie Angst haben, dorthin zu gehen. Und für euch wäre es eine Chance!‹

Ich war noch misstrauisch, versprach aber, darüber nachzudenken, denn der Mann von Jamii Bora war Luo wie wir und wollte ja nur Lebensmittel verteilen, damit Frauen und Kinder wieder etwas zu essen hätten.

John wollte erst nicht mitmachen. Er warnte mich davor, die Gang zu verlassen, da es eine Falle sein könnte und ich sicher getötet würde. Aber das kann er ja selber erzählen«, beendet Bernhard seinen Bericht.

Neugierig wende ich mich an John. Er ist etwas kleiner als Bernhard und wirkt verschlossener. Auf seinem Kopf sitzt eine schwarz-weiße Schirmmütze. Seine Augen haben etwas Asiatisches und im ersten Moment ist er mir nicht ganz geheuer. Als er jedoch zu sprechen beginnt, bin ich überrascht, wie sanft und leise seine Stimme ist. Ich muss ihn sogar auffordern, lauter zu reden, weil ich kaum etwas verstehe. Susanne, die Geschäftsführerin, lacht und meint: »Er ist eben unser Mann mit der sanften Stimme.« Irgendwie passt diese Samtstimme nicht zu dem, was ich nun zu hören bekomme.

»Ich heiße John und bin 32 Jahre alt. Bevor wir auf Jamii Bora trafen, war unser Leben alles andere als einfach. Von 1995 bis 2008 war ich der General einer der gefürchtetsten und härtesten Gangs in Kibera. In diesen 13 Jahren führte ich ein grausames Leben. Meine Mutter habe ich in dieser langen Zeit nie besucht. Stell dir vor, ich als Letztgeborener wäre eigentlich für meine Mutter verantwortlich!

Ich lebte nur nachts und wusste nie, was kommen würde. Wir jungen Männer im Slum wollten möglichst viel kaputt machen, weil wir frustriert waren. Richtig gefährlich waren wir, und fast alle Zerstörungen sind von unserer Gang ausgegangen. Ich war der Boss. Und Corinne, ich sage dir, es ist nicht einfach, 213 kriminelle Leute so zu führen, dass sie dich respektieren, denn alle standen unter Drogen, und es war fast unmöglich, so viel Gewalt zu kontrollieren.

Als sich Andrew von Jamii Bora im April 2008 bei mir meldete, war das für ihn nicht ungefährlich. Anfangs wollte ich ihm kaum zuhören, aber er gab nicht auf. Nichts konnte ihn abschrecken. Gut so! Heute denke ich, es war einfach Gottes Plan. Obwohl ich noch misstrauisch war, kam Jamii Bora langsam in mein Leben. Nachdem Andrew Bernhard und mir erklärt hatte, dass er unsere Hilfe brauche, um Lebensmittel in Kibera zu verteilen, beschlossen wir nach mehreren Besprechungen, mitzumachen, aber nur, weil das der einzige Weg war, einen Job zu bekommen.

Als aber Wochen später dieselben Leute zu uns kamen und erklärten, sie wollten helfen, den Markt wieder aufzubauen, waren die Leute in unserer Gang voller Hass, denn wir hatten diesen Markt erobert. Fünf meiner Leute waren getötet worden. Wir waren die Landlords!«

Johns Stimme ist nun wesentlich lauter geworden und seine asiatisch wirkenden Augen schauen mich kalt an. In diesem Moment kann ich mir durchaus vorstellen, dass er früher sehr brutal gewesen ist.

Er berichtet weiter: »Wieder wurde viel diskutiert und verhandelt, bis sie mir versprachen, uns in den Markt zu integrieren. Sie informierten die Vorbesitzer und die Verantwortlichen, und schließlich fanden wir eine Lösung.«

Interessiert frage ich die beiden, wie es möglich war, so schnell von den Drogen loszukommen.

John fixiert mich mit einem intensiven Blick und antwortet: »Pass auf, Corinne, ich war sehr grob und gefürchtet. Wenn du eine Gang über so lange Zeit leiten willst, musst du immer Vorbild sein. Ich nahm schon Drogen, da haben die anderen noch gar keine gekannt. Ich spritzte Heroin, da haben die anderen gerade mal mit Marihuana angefangen. Es gibt nur zwei Regeln. Um respektiert zu werden, musst du als Leader Vorbild sein und immer härter agieren als die anderen. Und du musst Vertrauen schaffen. Wir haben das Geld der Gang verwaltet und es immer gleichmäßig an alle verteilt. Viele Gangleader machen den Fehler und hauen mit dem Geld ab. Die haben keine Chance.

Als die Unruhen vorbei waren, traten wir Jamii Bora bei. Mit Andrew besprachen wir, wie wir zu Geld kommen könnten. Dabei erklärte er das System mit dem gegenseitigen Bürgen. Natürlich besprach er alles nur mit mir und Bernhard. Mit der Gruppe konnte er nicht sprechen. Aber ist es nicht immer so? Wenn du etwas willst, musst du immer bei den Chefs, Ministern oder gleich beim Präsidenten anfragen«, sagt er schmunzelnd, bevor er weitererzählt. »Noch immer vertraute ich Andrew nicht wirklich. Es war sehr schwer für mich, in sein Office zu gehen. Es hätte auch eine Falle sein können und ich hätte vor meiner Gang das Gesicht verloren. Wenn es nicht funktioniert hätte, wäre ich ein Niemand gewesen.

Doch Andrew ließ nicht locker, und schließlich bildeten sich aus unserer Gang drei selbstständige Fünfergruppen. Jeder bürgte innerhalb der Gruppe für die anderen. Obwohl ich dem Ganzen immer noch nicht richtig traute, sparte jeder schon mal 5.000 Schilling. Endlich war es so weit und wir gingen gemeinsam zu Jamii Bora. Und tatsächlich zahlten sie jedem von uns 10.000 Schilling aus! Plötzlich hatten wir einfach so 50.000 Schilling. Es war unglaublich!«

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es auf die jungen Burschen gewirkt haben muss, das erste Mal in ihrem Leben umgerechnet fast 500 Euro auf der Hand zu haben.

John erzählt weiter: »Als Erstes fuhren wir mit einem Auto zu unserer Bar. Ich sagte zu meinen Jungs: ›Hey, jetzt wird gefeiert!‹ Bernhard war auch schon in der Bar, als Andrew zu uns kam und uns deutlich erklärte, dass dieses Geld für ein Business gedacht sei und nicht für Bier und Drogen. Und ich entgegnete: ›Das interessiert uns nicht. Wir haben gespart und nun das Doppelte bekommen, alles andere ist dein Problem!‹ Da sagte Andrew, dass jeder von uns 20.000 Schilling bekommen würde, falls wir das Geld zurückzahlen sollten. …