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Christopher Ride - „Zeitriss“

ISBN: 9-783-404-16518-6

 

Klappentext:

Wenige Jahre in der Zukunft: Ein unerklärliches Phänomen verwandelt die USA über Nacht in ein Entwicklungsland. Der Forscher Wilson Dowling entdeckt die Ursache in alten Geschichtsbüchern, die offenbar plötzlich eine völlig neue Historie wiedergeben. Dort ist die Rede von einem Mann, der angeblich unsterblich ist und Kugeln mit der bloßen Hand fängt. Er verändert im Jahr 1898 den Lauf der Geschichte: Mit seinen Fähigkeiten führt er die Rebellen des chinesischen Boxeraufstandes zur Weltherrschaft. Wilson muss einen Weg finden, ihn aufzuhalten. Denn ansonsten wird es die Welt wie er sie kennt, nie gegeben haben.

 

Inhalt:

In der weiten Zukunft werden die Mensch um die 500 Jahre alt und Zeitreisen sind möglich. Man ist bereits eifrig dabei, in die Geschichte einzugreifen, als es dem Firmenchef schlechter und schlechter geht. Er will nicht sterben und schickt einen Mitarbeiter, einen Chinesen mit blauen Augen, in die Vergangenheit, um in der Zeit der Opiumkriege in die Handlung einzugreifen und auch den Saft vom Baum des Lebens mitzubringen.

Der Mitarbeiter reist in die Vergangenheit, verliebt sich dort aber in eine Herrscherin. Zwar greift er wie geplant in die Kriegshandlungen ein,  verliebt sich aber in die Frau eines Herrschers und schon passieren lauter ungeplante Dinge. Außerdem hassen ihn seine Gegner. Er ist zu erfolgreich.

Am Ende will er auch nicht in seine Zeit zurück. Das Leben, was er in der Vergangenheit führt, gefällt ihm. Er hat Macht und Luxus und eine Frau, die ihm ungeahnte sexuelle Höhen erleben lässt. - Doch wer bringt denn dem sterbenden Chef jetzt den Saft vom Baum des Lebens.

 

Leseprobe:

… »Aber wenn wir ertappt werden?«, flüsterte Prinz Kung nervös.

Cixi betrachtete den jungen Prinzen. Sein längliches Gesicht war weich, seine Haut dunkler als die seines Bruders. Er hatte den kahlen Scheitel und den langen Zopf der Mandschu und trug ein schwarzes kaiserliches Gewand mit einer schwarzen Perlenkette. Sie sah die Angst in seinen Augen und wollte ihn am liebsten ohrfeigen, ihn zum Starksein zwingen, so sehr frustrierte sie seine Schwäche. Doch sie beherrschte sich vollkommen.

»Ihr habt recht, vorsichtig zu sein«, sagte sie sanft. »Doch es gibt Zeiten, da man gegen die Regeln verstoßen muss. Das Überleben der Qing-Dynastie hängt von unserer Entscheidung ab – und vor allem von Eurer Unterstützung. Die roten Teufel stehen mit ihrem Heer bei Tongzhou und bereiten einen Angriff auf Peking vor. Seht Euch um. Wer wird uns vor dem Einmarsch schützen?« Sie zeigte auf die vier Eunuchen, die an der Wand standen. »Diese?«

»Der Blauäugige sollte nicht in der Verbotenen Stadt sein«, wiederholte Prinz Kung ängstlich.

»Er wird als mein Gast in den Westlichen Palästen bleiben.«

»Aber nach Einbruch der Dunkelheit darf sich kein Mann außer dem Sohn des Himmels dort aufhalten«, flüsterte er.

»Nur dort kann seine Anwesenheit geheim gehalten werden«, erklärte Cixi. »Er wurde in die Liste der Eunuchenkrieger aufgenommen. Und er wurde zu meinem Leibwächter ernannt, sein Quartier grenzt an diesen Palast.«

»Das ist zu gefährlich«, beharrte Prinz Kung und sah sich hektisch um, als erwartete er Spione in jeder Ecke.

Cixi legte die Hand an seine Wange. »Ihr müsst mir vertrauen, mein Bruder. Der Sohn des Himmels und der Kriegsrat werden es nicht erfahren.« Sie schoss ihren vier Eunuchen einen durchdringenden Blick zu, unter dem sie erbebten. »Wer sich einfallen lässt, mich zu hintergehen, wird ein Schicksal erleiden, das schlimmer ist als der Tod. Das schwöre ich bei meinen Vorfahren.« Sie wandte sich wieder Prinz Kung zu und strich ihm über die Wange. »Ihr müsst stark sein. Haltet Euch vor Augen, dass das Schicksal der Qing-Dynastie von der Hilfe des Blauäugigen abhängt, der keine fünfhundert Schritte von uns entfernt wartet. Er verfügt über Wissen, das uns aus dieser Lage befreien kann – das spüre ich.«

»Bitte, seid vorsichtig«, flehte der Prinz. »Wenn wir versagen, bringt man uns die seidene Schnur.«

»Wenn wir versagen, verlieren wir unseren Kopf an die Barbaren.«

Prinz Kung schaute zu Boden und nestelte nervös mit den Händen in seinen weiten Ärmeln. »Ihr habt meine Unterstützung«, sagte er schließlich. »Ich bin Euer treuer Diener, Edle Kaiserliche Gemahlin.«

»Ich werde Euch heute Abend jemanden zur Aufheiterung schicken«, sagte sie lächelnd. »Und Ihr werdet augenblicklich die Nöte unseres Reiches vergessen. Morgen, wenn wir uns beraten, werdet Ihr Euch gestärkt fühlen und meinen Plan zuversichtlich anhören.«

»Dafür danke ich Euch.«

Nach Cixis Erfahrung konnte der Schwache in unheilvollen Zeiten zum Starken werden, in diesem Fall Prinz Kung. Einen homosexuellen Mann fand sie leichter zu manipulieren als einen, der nach ihren körperlichen Genüssen verlangte; das erforderte wesentlich mehr Vorausschau und Planung. Bei einem Mann wie Prinz Kung war das Risiko geringer, und sie war nicht so sehr auf Diskretion angewiesen wie bei einem Mann, bei dem sie ihren eigenen Körper als Lohn einsetzte. Ein homosexueller Prinz war verwundbar, denn das Bekanntwerden seiner Neigung wäre mit einem Gesichtsverlust des Kaisers verbunden. Cixi zog seit drei Jahren ihren Vorteil daraus, da sie Prinz Kungs Geheimnis wahrte – und seiner Neigung Nahrung gab, um sie am Leben zu erhalten. So kam es nur noch darauf an, außerhalb der Verbotenen Stadt Männer und Knaben zu finden, die sich mit Gold bewegen ließen, sich zu ihm zu legen. Wenn einer zu gierig wurde, ließ sie ihn so beiläufig töten, wie sie eine Haarnadel aus ihrem Knoten zog. Auf diese Weise war Prinz Kung zu ihrem loyalsten Unterstützer geworden. Wie ein Löwenbändiger fütterte sie das Raubtier mit Fleisch und richtete sein Geheimnis als Waffe gegen ihn. Er war ein Verbündeter, auf den sie sich verlassen konnte.

»Ihr müsst ruhig bleiben, mein Bruder. Wenn auch nur ein Wort über den Blauäugigen nach Jehol dringt, werden wir es als Erste erfahren. Mein Diener Li Lien-ying hält die Stellung in den Gemächern Hsien Fengs. Auf mein Betreiben wurde er zu seinem Masseur ernannt. Seine Gabe, Schmerzen zu lindern, ist für den Himmlischen Prinzen eine Wohltat, besonders da sich seine Krankheit in der kalten Luft der Berge verschlimmern wird.«

»Ich werde Vertrauen haben«, versprach Prinz Kung.

»Das Blatt hat sich bereits zu unseren Gunsten gewendet«, fügte sie hinzu. »Jetzt brauchen wir nur noch zu nutzen, was wir in der Hand halten. Begebt Euch auf den Weg, mein Bruder, und bleibt zuversichtlich.«

Nachdem Prinz Kung hinausgegangen war, plante sie die Verführung des Blauäugigen. Der Gedanke beschleunigte ein wenig ihren Atem, denn sie konnte nicht sicher sein, welche Art Mann er war. Es schien, als würde er sie kennen, sie verstehen und ihr beipflichten, noch ehe sie den Mund aufmachte … oder ihre Beine spreizte. Er war ihr ein Rätsel, und sie freute sich darauf, ihn zu ergründen. Er wirkte nicht einmal nervös, stellte sie fest. Er benahm sich, als wäre es ihm bestimmt, sich in der Verbotenen Stadt aufzuhalten, sich gar darin niederzulassen. Als sie ihn über den Hof der Höchsten Harmonie führte – den größten und eindrucksvollsten –, hatte er nicht die Pracht der Bauwerke bestaunt, und sie wollte wissen, warum.

Sie würde ihre weiblichen Listen einsetzen, und das durfte sie diesmal nicht langsam tun, obwohl ihr das eigentlich lieber wäre. Bei langsamer Verführung entwickelten die Männer eine unbeherrschte Leidenschaft, die, einmal entzündet, nicht so leicht zu löschen war. Doch für solche Feinheiten war keine Zeit. Sie musste das Geheimnis des Blauäugigen aufdecken, und zwar schnell. Die roten Teufel standen vor den Toren. Der Kaiser und die Herrschaft der Qing waren in Gefahr und somit auch die Thronnachfolge ihres Sohnes. Alles, was sie bisher erreicht hatte, konnte innerhalb eines Augenblicks zunichte werden, wenn sie keine Eile an den Tag legte. …