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Luca Di Vulvio - „Das Mädchen das den Himmel berührte“

ISBN: 9-783-404-16777-7

 

Klappentext:

Wie wird ein junger Tagedieb, der seine Kindheit in einer Höhle verbrachte, zu einem glühenden Verfechter der Freiheit? Wie wird ein jüdischer Überlebenskünstler zu einem anerkannten Arzt? Und wie wird ein Mädchen mit einem schweren Schicksal zu einer Aufsehen erregenden Modeschöpferin?

Die Antwort liegt in Venedig. Denn dort, im Labyrinth der Gassen und Kanäle der geheimnisvollsten Lagune Europas, zwischen der Pracht San Marcos und dem Elend der Spelunken von Rialto, findet sich das gesamte Panorama des Lebens -

Eine atemberaubende Geschichte von kühnen Lebensträumen - und von einer Liebe über alle Grenzen hinweg

 

Inhalt:

Mercurio erleichtert einen jüdischen Kaufmann um die Goldmünzen aus seinem letzten Handel. Dabei wird der Kaufmann schwer verletzt. Mercurio und seine Band glauben aber, dass dieser getötet wurde.

Mercurio und seine nun nur noch zwei Freunde fliehen aus Rom. Sie wollen nach Venedig ihr Glück machen. Doch die Gruppe entzweit sich. Einer geht mit einem Mönch, der den Hass auf die Juden propagiert. Und Mercurio verliebt sich in eine Jüdin, was die Entzweiung von Mercurio und Bendetta zur Folge hat. Doch auch Benedetta ist in Mercuro verliebt und ersinnt einen Plan, wie sie die lästige Jüdin los werden kann.

Mercurio kämpft für seine Liebe. Er will seine Liebste aus der Gefangenschaft befreien und dabei kann auch Benedetta ihre List aufgedeckt werden.

Doch auch der beraubte Jude will Rache für sein verlorenes Geld und Leben.

 

Leseprobe:

… In der Nähe des Fensters war ein schmales Lager mit einer dünnen, mit Haferspreu gefüllten Matratze aufgebaut, in der es von Wanzen nur so wimmelte. Ein Vorhang trennte diesen persönlichen Bereich von dem für die Arbeit in der Nähe der Tür ab, wo ein breiteres, wenn auch ziemlich armseliges Bett stand, auf dem Repubblica ihre Kunden empfing.

Doch seit einem Monat kamen keine Kunden mehr. Die Nachricht, dass Repubblica an einer ansteckenden Krankheit litt, hatte sich sofort verbreitet.

Isacco näherte sich dem Bett, auf dem die Frau ruhte. Ihre Tochter Lidia hatte sich neben sie gesetzt und hielt nun ihre Hand. Repubblica schwitzte und hatte Fieber. Isacco betrachtete sie. Man konnte sie bestimmt nicht als schön bezeichnen. Ihr ovales Gesicht endete abrupt, als würde ein großer Teil des Kinns fehlen. Die oberen Schneidezähne waren lang und standen hervor, dazu kam eine spitze Nase, sodass sie ein wenig einem Nagetier ähnelte. Doch als Lidia die Mutter aufdeckte, damit der Arzt sie untersuchen konnte, erkannte Isacco Repubblicas besondere Reize. Obwohl sie zierlich war, hatte sie große, runde Brüste, so weiß und weich wie Marzipan. Ihre Hüften waren sanft gerundet, und ihr Schamhaar war am Ansatz dunkel, ansonsten aber goldblond.

»Ich färbe es ihr«, sagte Lidia stolz, während sie die Beine ihrer Mutter spreizte, um Isacco die erste Pustel zu zeigen, die dort aufgetreten war.

Isacco erkannte die Symptome der Krankheit wieder, es war die gleiche, an der Marianna gestorben war. »Deck sie zu«, sagte er zu der Tochter. Dann wandte er sich an Donnola. »Bärentraube, Arnika, Teufelskralle, große Klette, Ringelblume, Weihrauch … und lass dir auch Öl aus dem Guajakholz zubereiten«, wies er ihn an.

»Und keinen Theriak«, fügte Donnola grinsend hinzu.

»Und keinen verdammten Theriak«, schloss Isacco nickend. Während Donnola den Raum verließ, legte er seufzend den Überrock und den gelben Hut ab und krempelte die Ärmel seines Hemdes auf. »An die Arbeit«, sagte er zu Lidia. »Ich brauche ein Leinentuch und warmes Wasser, um die Wunden auszuwaschen. Kannst du möglichst sauberes Wasser besorgen und erhitzen?«

»Hier nicht«, sagte Lidia. »Dazu muss ich zu Goldmündchen gehen.«

»Dann lauf doch … zu diesem Goldmündchen«, forderte Isacco sie auf, als er sah, dass Lidia sich nicht von der Stelle rührte.

»Das geht jetzt nicht.« Lidia senkte lächelnd den Kopf. »Als wir bei ihr vorbeigekommen sind, habe ich gehört, dass sie Kundschaft hat.«

»Ach so, ich verstehe …« Isacco schob den Vorhang beiseite, damit ein wenig Licht in den Raum fiel. »Und wie lange, meinst du, wird das dauern?«

Lidia zuckte mit den Schultern.

Isacco schnaubte. Er ging zum Fenster. »Wie kann man das öffnen?«

»Nur vom anderen Zimmer aus«, antwortete Lidia.

»Na, dann geh rüber und öffne es. Deine Mutter braucht frische Luft.«

Das Mädchen legte ein Ohr an die Trennwand und schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Der Kardinal hat auch Kundschaft.«

»Welcher Kardinal?«

Lidia lachte. »Quirina trägt immer Rot und sieht wie ein Mann aus.«

Ungeduldig klopfte Isacco an die Wand. »Mach das Fenster auf, Kardinal!«

»Leck mich doch, du Scheißkerl!«, kam es von der anderen Seite.

»Sie flucht auch wie ein Kerl«, sagte Isacco zu Lidia.

»Und zuschlagen kann sie auch wie einer«, fügte das Mädchen hinzu.

»Dann sollte ich wohl besser nicht noch einmal fragen«, bemerkte Isacco und setzte sich neben Repubblica auf das Bett. Er legte ihr eine Hand auf die Stirn, dann wandte er sich Lidia zu. »Sieh mal nach, ob wir jetzt heißes Wasser von dieser Frau – Goldmündchen, hast du gesagt? – bekommen können.«

»Ja, sie heißt Goldmündchen, weil …«

»Ich kann mir schon denken, warum«, unterbrach Isacco sie hastig. »Bleib vor ihrer Tür stehen, bis sie frei ist, und dann komm mit heißem Wasser und einem Tuch zurück, sei so lieb.«

Das Mädchen sah besorgt zu seiner Mutter.

»Ich bin doch jetzt bei ihr«, sagte Isacco beruhigend, und Lidia machte sich auf den Weg.

Als Isacco Repubblica mit einem Zipfel der Decke den Schweiß abwischte, öffnete die Hure die Augen. Sie waren zwar gerötet, aber ihr Blick war klar. »Ich stelle mich immer schlafend, weil es mir wehtut, mein kleines Mädchen anzusehen«, sagte sie mit sanfter, sinnlicher Stimme.

Isacco war verblüfft. Diese ungewöhnlich schöne Stimme passte überhaupt nicht zu ihrem Gesicht.

Repubblica schien seine Gedanken zu erraten. »Ich lösche das Licht in meinem Zimmer, und dann sag ich ihnen, was sie am meisten erregt … meinen Freiern, meine ich … Sie schätzen das sehr.«

»Das verstehe ich«, sagte Isacco. »Wann hat das hier bei dir angefangen? Und wie fühlst du dich jetzt?« …