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Tim Pröse - „Hallervorden – Ein Komiker macht ernst“

ISBN: 9-783-455-00159-4

 

Klappentext:

»Ich bin privat ein scheuer Mensch. Der Autor Tim Pröse hat es geschafft, mich zu öffnen. Manche Dinge, nach denen er mich gefragt hat, überraschten mich. Nicht nur seine Fragen, sondern auch meine Antworten. Einiges, was ich im Leben tat, und vor allem warum ich es tat, war mir zuvor selber nicht so klar.« (Dieter Hallervorden)

 

»Palim, palim!« – Als Didi hat er Generationen von Fernsehzuschauern zum Lachen gebracht. Und sich jahrzehntelang danach gesehnt, mehr als "nur" Komiker sein zu dürfen. Mit über 70 Jahren, wenn die meisten Menschen längst in Rente sind, übernahm Dieter Hallervorden das Schlosspark Theater in Berlin. Und in den letzten Jahren überraschte er viele Millionen Kinozuschauer als Charakterdarsteller in »Sein letztes Rennen« oder »Honig im Kopf«.

Tim Pröse hat sich auf die Spuren dieses Werdegangs begeben. Für sein biographisches Porträt hat er Hallervorden lange begleitet und zahlreiche Gespräche mit ihm geführt – ebenso mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn, mit Weggefährten, Freunden und prominenten Kollegen. Er hat Hallervorden auf dessen privater Insel in der Bretagne besucht, auf die sich der Künstler seit Jahren regelmäßig zurückzieht. Entstanden ist eine stark erzählte und persönliche Annäherung an den empfindsamen und selbstkritischen Menschen Hallervorden. Ein besonderer Blick auf einen außergewöhnlichen Lebensweg und ein Buch, das eine der größten Fragen beantwortet: Wie wird man einfach nur man selbst?

 

Inhalt:

Dieses Buch ist eine Art Lebensbeschreibung von Dieter Hallervorden. Der Leser erfährt, wie er lebt, was er macht und was ihn umtreibt. Hinzu kommen noch Einblicke in seine Gedankenwelt zu verschiedenen Problemen. - Alles ziemlich interessant, weil der Autor auch seine eigenen Eindrücke noch mit nieder schreibt.

Sehr interessant waren auch die Interviews mit der Frau und einem Sohn von Dieter. Auf jeden Fall hat der Leser hier ein sehr interessantes Gesamtbild von dem Mann hinter Didi.

 

Leseprobe:

… Als junger Schauspieler überwand ich mich und ging abends in genau die Kneipe, in der sich alle Kollegen trafen. Ich dachte, das gehört nun mal dazu. Und dort habe ich zwei Erfahrungen gemacht: Einmal habe ich Regisseure kennengelernt, die damals ganz oben, die richtige Stars waren. Die sagten nach ein paar Bierchen zu mir: »Mensch, du hast ja ’ne interessante Fresse … Wir machen mal was zusammen! Ich komm mal vorbei, wo du gerade spielst. Wo war das noch mal? Was war das für ein Stück? Und dann machen wir was, ich sage es dir, wirst sehen!« Und das waren natürlich die, die nie kamen, diese Blablabla-Kollegen. Es wird so unglaublich viel gequatscht in diesem Beruf.

Das Zweite, was ich in solchen Kneipen lernte, war die Art, wie manche Kollegen miteinander umgehen. Dieses »Ach, Mensch, wie schön, dass wir uns sehen! Toll, dass du hier bist!«. Und kaum bist du einen Schritt weiter, freuen die sich: »Gut, dass der sich nicht an unseren Tisch gesetzt hat, dieser Widerling!« Dieses Unehrliche, dieses ewige verbale Von-hinten-in-die-Kniekehlen-Hauen, das fand ich unappetitlich.

Ich erinnere mich an einen Kollegen, der wenig spielte, aber viel trank, immer in dieser Kneipe war und die dollsten Sprüche draufhatte. Da kam einmal eine hochschwangere Kollegin vorbei, die ihn zur Begrüßung auf die Wange küsste. Er aber drehte sich ab und raunte: »Ich küss doch keine gefüllte Taube.« Würg, würg, kann ich da nur sagen. Wie peinlich und menschenverachtend sind doch einige Kollegen. Da spürte ich, dass ich es schwerhaben würde, mich in diesen Kreisen zu Hause fühlen zu können. Außerdem wollte ich mich nicht jahrzehntelang in diesem Sud der Schauspielerei unterhalten, mit den ewig gleichen Themen. Das wäre mir zu langweilig gewesen.

Deswegen fing ich an, mir andere Menschen auszusuchen, von denen ich hoffte, dass sie besser zu mir passen. Also eben auch Leute mit anderen Berufen, Musiker, Fotografen, Steuerberater. Vor allem aber sollten und mussten sie menschlicher sein als die typischen Schauspielkollegen und ihren Beruf nicht über alles stellen.

Sie haben einen Lieblings- und Hausregisseur im Schlosspark Theater, Thomas Schendel. Der spricht liebevoll, aber auch erstaunlich kritisch über Sie. Dieser Thomas Schendel sagte mir, Sie hätten den Preis des Zauberlehrlings von Goethe ausreichend bezahlt  – die Geister, die Sie einst riefen, hätten Sie lange nicht losbekommen. Nun aber doch als Charakterdarsteller. Sie hätten diese Erfüllung aber früher im Leben haben können, sagt dieser Kollege, denn Sie trugen diese Sehnsucht Ihr Leben lang in sich  …

Sicher hätte ich früher Charakterrollen übernehmen mögen, um dem Didi-Image etwas entgegenzusetzen. Gerne hätte ich Figuren gespielt, die weit weg von Didi angesiedelt sind. Aber dazu braucht es ja immer jemanden, der einen lässt. Den gab es nicht. Ich hätte mich als weit über 50-Jähriger irgendwo in der Schlange der Bewerber an staatlichen Bühnen anstellen müssen. Das wäre mir wie Betteln vorgekommen. Die meisten Leute dort hätten wahrscheinlich auch nicht die Phantasie aufgebracht, um zu erkennen, dass mehr in mir steckt als Didi. Also: Mich beim Berliner Ensemble oder Deutschen Theater vorzustellen, um den Sosias im Amphitryon von Kleist spielen zu dürfen  – ich glaube, die Intendanten hätten alle mit dem Kopf geschüttelt.

Schendel sagt, Sie hätten andere finden können, die es mit Ihnen gewagt hätten, aber dafür hätten Sie diesen anderen vertrauen müssen.

Ich weiß nicht, wen er damit meint. Ich kann mein Vertrauen ja nicht irgendwo hinwerfen in der Hoffnung, dass mir auch vertraut wird. Ich habe ja relativ spät erst Theaterregisseure kennengelernt, zuvor war ich im Sog des Kabarettbetriebes. Vor der ersten Spielzeit hier am Schlosspark Theater war die große Frage, welchen Regisseur nimmst du für welches Stück? Ich erkundigte mich also bei den Verlagen der Stücke, hängte mich da richtig rein, fragte, welche der Inszenierungen besonders gelungen waren und bekam Hinweise, denen ich nachging. Das waren alles Leute, die mit einem Lächeln sagten: »Na ja, da versucht ein Möchtegernintendant, irgendetwas auf die Beine zu stellen. Ob ich mich da vor den Karren spannen lassen soll … Ich weiß nicht.« Die haben sich alle bitten lassen. Das war alles nicht einfach. So viel also zum Vertrauen. Das kann ich doch erst zu jemandem in der Zusammenarbeit aufbauen. Da gab es wenige. Sehr wenige! Mit Thomas Schendel und Folke Braband ist es mir gelungen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das aber auch immer wieder neuen Belastungen standhalten muss.

Mittlerweile ist der »Möchtegernintendant« inmitten der 9. Spielzeit – da kann der Spielplan bisher ja wohl so schlecht nicht gewesen sein.

Sie seien zudem immer misstrauisch, sagt Thomas Schendel. Dieses Misstrauen fortzuschaffen, diesen ewigen Begleiter, diese Skepsis sich selbst gegenüber, sei die wichtigste Aufgabe eines Regisseurs, der mit Ihnen arbeite! Auf dass Sie sich ganz hingeben, ohne Wenn und Aber … ...