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Anonymus - „Das Buch ohne Namen“

ISBN: 9-783-404-16516-2

 

Klappentext:

Zwielichtige Gestalten beherrschen die Straßen von Santa Mondega - der vermutlich einzigen Stadt der Welt, in deren Bars man nicht rauchen darf, sondern muss. Eine Sonnenfinsternis wird dieses gottverlassene Fleckchen Erde bald in völlige Dunkelheit tauchen und dann wird Blut fließen. Mehr Blut als sich irgendjemand vorstellen kann. Denn ein Fremder ist in der Stadt: The Bourbon Kid.

 

Inhalt:

In diesem Buch dreht sich alles um eine silberne Kette, an der ein blauer Stein hängt. Das Auge des Mondes hat unheimliche Macht und sollte auf keinen Fall in die Hände von Vampiren geraten. Die würden die anstehende Mondfinsternis gleich mal etwas länger andauern lassen.

In der verlorenen Stadt geht die Angst um. Bourbon Kid, der berüchtigte Killer ist wieder da.

Eine kleine Angestellte und ihr Freund stehlen das Auge des Mondes, wollen es es aber wieder los werden, als sie erfahren, was es damit auf sich hat.

 

Leseprobe:

… Die Städtische Bücherei von Santa Mondega war ganz einfach riesig, auch wenn es dem verblüfften Miles Jensen ein völliges Rätsel war, warum ein solches Kaff eine derart große Bibliothek brauchte. Oder verdiente. Die Bücherei zog sich über drei Stockwerke, und  – beeindruckender noch  – jedes Stockwerk war so groß wie eine Sportarena. Reihe um Reihe von bis unter die zehn Meter hohen Decken reichenden Regalen voller Bücher. Jede Etage hatte eine gemütlich eingerichtete Leseecke ein Stück abseits der Bücherstapel, wo es kostenlos Kaffee gab, ausgeschenkt von einer Gruppe unglaublich freundlicher Kellnerinnen, die sofort zur Stelle waren, sollte ein Kunde eine weitere Tasse wünschen.

Jensen hatte sich gründlich in der Bücherei umgesehen. Es hatte fast eine Stunde gedauert, doch als Liebhaber des geschriebenen Wortes hatte er es nicht als mühselige Arbeit empfunden.

Wenn es nur überall solche Büchereien gäbe, dachte er immer wieder bei sich.

Ein Buch ohne Namen von einem Autor ohne Namen zu finden würde sich in dieser riesigen Bibliothek als schwierig erweisen, so viel stand fest, und die Tatsache, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, ob es ein Sachbuch oder ein Werk der Belletristik war, vereinfachte seine Aufgabe nicht. In gewisser Hinsicht wurde seine Arbeit durch das Wissen erleichtert, dass eine gewisse Annabel de Frugyn das Buch bereits ausgeliehen hatte  – es bedeutete, dass er nicht ohne Hilfe danach suchen musste, sondern sich am Informationsschalter erkundigen konnte, worum es in diesem Buch ging.

Die Frau am Schalter war klein, zierlich, blond und Ende zwanzig. Sie trug eine einfache weiße Bluse und eine wenig modische Brille mit dickem Hornrand. Sie hatte das Haar in einem Knoten zusammengebunden und war ungeschminkt. Jensen meinte trotzdem zu sehen, dass sie sehr hübsch sein konnte, erst recht, wenn sie sich ein wenig zurechtmachte. Das abgedroschene alte »Sie  … Sie sind wunderschön, Miss Carstairs«, wenn die Heldin ihre Brille abnimmt oder das Haar öffnet, kam Jensen in den Sinn.

Supermodel-Potenzial, in den richtigen Händen.

Vielleicht wusste sie dies und tat ihr Bestes, es zu verbergen, um nicht die falsche Form von Aufmerksamkeit an einem so erhabenen Ort wie der Bücherei zu erwecken. Vielleicht war es eine Vorschrift der Bücherei, ihr gutes Aussehen zu verbergen, oder vielleicht konnte lediglich Jensen sehen, wie schön sie war. Unglücklicherweise reicht Schönheit, wie das Sprichwort besagt, nur bis unter die Haut.

Die Frau bedachte ihn jedenfalls mit einem eisigen Blick, als er sich näherte. Sie war alles andere als erfreut über sein Erscheinen.

Sie saß hinter einem dunkelbraunen Schreibtisch in einem Empfangsbereich, der aussah wie eine Bar, nur dass anstatt Spirituosen und Bier hinter ihr in den Regalen Bücher und Computer standen.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?«, erkundigte sie sich müde, als hätte sie diese Phrase bereits zum tausendsten Mal an diesem Tag von sich gegeben. Um fair zu bleiben, so war es wahrscheinlich auch.

»Ich suche ein Buch«, antwortete Jensen.

»Oh. Haben Sie es schon beim Metzger auf der Dunn Street versucht?«

Großartig! Eine Ulknudel.

»Ja. Sie hatten das Buch nicht, nach dem ich suche, also war ich noch in einem Teppichladen und einer Witzbude, bevor mir die Idee kam, es vielleicht in der Bücherei zu versuchen.«

Die Lady (deren Name nach dem Schildchen an ihrer Bluse Ulrika Price lautete) reagierte nicht sehr freundlich auf Jensens schlagfertige Antwort. Sarkasmus war die einzige Waffe, die sie gegen Kunden hatte, welche unablässig dumme Fragen stellten, und es verbitterte sie, dass einer es wagte, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.

»Wie lautet der Name des Buches, das Sie suchen, Sir?«

»Ich fürchte, das weiß ich nicht. Verstehen Sie, es ist so  …«

»Der Name des Autors bitte?«

»Nun, das ist es ja gerade, verstehen Sie? Es ist gelistet als geschrieben von einem anonymen Autor.«

Ulrika Price hob die linke Augenbraue. Sie war eindeutig nicht amüsiert. Ein paar Sekunden lang wartete sie darauf, dass Jensen zugab, sich über sie lustig gemacht zu haben, und mit einer vernünftigen Frage herausrückte. Er beobachtete, wie ihr ablehnender Gesichtsausdruck wegen des dummen Witzes einem Ausdruck von Enttäuschung und Frustration wich, als ihr schließlich dämmerte, dass er keine Witze machte.

»Gütiger Himmel«, seufzte sie. »Ist es ein Sachtitel oder Belletristik?«

Jensen lächelte und hob die Schultern. Mrs. Price schloss die Augen und verbarg das Gesicht in den Händen. Die Frau sah aus, als hätte sie einen schlimmen Tag hinter sich und als erreichte sie erst jetzt den Tiefpunkt.

»Können Sie vielleicht eben in Ihren Computerdateien nachsehen? Ich glaube, es ist zurzeit von einer Lady namens Annabel de Frugyn ausgeliehen.«

Ulrika Price blickte auf, und ihre Miene hellte sich ein wenig auf.

»Dann sind Sie also kein totaler Klugscheißer?«, schnappte sie.

»Nicht einmal ein klein wenig«, antwortete Jensen und lächelte sie an in der Hoffnung, dass sie seine freundliche Geste erwiderte. Zu seiner Überraschung tat die Sekunden zuvor noch aufgebrachte Mrs. Price ihm den Gefallen, wenngleich widerwillig. Ihre Augen deuteten sogar an, dass sie sich an Jensens kühler Gelassenheit erwärmte. Wenn die Süße sich in mich verknallt, dachte er, könnte das die Dinge ein wenig vereinfachen.

Die Bibliothekarin begann auf einer Tastatur zu tippen, die unterhalb des Schalters außer Sicht angebracht war. Sie tippte blind und hatte den Blick auf einen Monitor zu ihrer Rechten gerichtet. Jensen konnte nicht sehen, was auf dem Bildschirm erschien, doch er hoffte, dass sie den Monitor umdrehen und ihm die Ergebnisse ihrer Suche zeigen würde. Was sie jedoch nicht tat. So sehr hatte sie sich wohl doch noch nicht für ihn erwärmt.

»Sie haben recht«, sagte sie ohne jede Spur von Überraschung in der Stimme. »Annabel de Frugyn hat im Moment ein Buch ausgeliehen, und es hat in unseren Unterlagen weder einen Titel noch einen namentlich erwähnten Autor.«

»Gut, genau das dachte ich mir«, sagte Jensen. »Können Sie mir verraten, was das für ein Buch ist? In welcher Sektion steht es, in welcher Kategorie? Oder gibt es jemanden in der Bücherei, der irgendetwas über das Buch weiß?«

»Ja, Sir, das kann ich. Aber nur, wenn Sie ein Mitglied dieser Bücherei sind, und das glaube ich nicht. Ich arbeite bereits seit zehn Jahren hier, und ich kenne fast all unsere Kunden. Ich habe Sie noch nie vorher hier gesehen.«

»Wenn es weiter nichts ist, ich kann Ihnen versichern, dass ich in der Tat Mitglied bin, Mrs. Price. Mein Name ist John Creasy, und ich habe erst letzte Woche zwei Bücher ausgeliehen.«