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Garry Kilworth - „Im Reich der Mäuse“

ISBN: 3-442-43690-7

Klappentext:

Im Leben einer jeden Maus kommt die Zeit, in der sie ihren bisherigen Lebensraum aufgibt und weiterzieht. So verläßt auch Trödler die Hecke, die ihm bisher als Unterschlupf gedient hat, und begbit sich auf den Marsch in ein fernes Land, das unter dem Namen „Das Haus“ bekannt ist. Er kommt in ein aufregende neue Welt. Kriegerische Stämme wohnen in ihr: die Stinkmorcheln des Kellers, die Wilden in der Küche, die Buchfresser in der Bibliothek, die Totenköpfe, die Unsichtbaren und die 13-K-Gang. Des langen Streits untereinander müde, beschließen die Tiere, sich gemeinsam gegen die schlimmste Pest des Hauses zu wenden – die Menschen. Die Vertreibung der „Nacktlinge“ und ihrer Satelliten, der Katzen und eines Hundes, will indes nicht so recht gelingen und würde sogar scheitern, wenn die Mäuse nicht so findig wären...

Inhalt:

Trödler,  eine stolze Maus der Gelbhals-Rasse, bekommt von den Ahnen eine Prophezeiung. Er ist der Eine, der Auserwählte, der eines Tages vielen Mäusen durch seine Taten helfen wird.

Trödler hat zunächst wenig Ambitionen die Hecke zu verlassen. Er führt doch hier ein recht nettes Leben. Doch die Nachrichten der Alten darf man nicht ignorieren. Also macht er sich eines schönen Tages auf die gefahrvolle Reise zum Haus.

Im Haus trifft er dann auf Mäuse der verschiedensten Rassen, die alle zu Hausmäusen verkommen sind. Sie trinken Alkohol, ernähren sich von dem, was die Nacktlinge ihnen übrig , lassen oder knabbern an Büchern herum und reden danach komisches Zeug. Außerdem bekriegen sich die verschiedenen Stämme gegenseitig.

Doch ein Wunsch vereint sie alle. Sie wollen die magische Speisekammer für sich haben. Die Nacktlinge sollen aus dem Haus vertrieben werden. Dazu schließen sich die Stämme zu einer gewaltigen Armee zusammen und setzten ihre Pläne in die Tat um.

Was zunächst das Paradies auf Erden ist, entwickelt sich später zur Hungersnot. Die Speisekammer füllt sich nicht von allein auf. Die Mäuse müssen hungern und verfallen in Wahnvorstellungen.

Jetzt kommt Trödler seine Stunde. Er soll die Mäuse in das gelobte Haus führen, da er sich als Außenmaus in Feld, Wald und Flur auskennt und um die Gefahren weiß.

Die Mäuse verlassen das Haus und machen sich auf die gefahrvolle Reise zum gelobten Haus.

Leseprobe:

… Schließlich war die Haut abgezogen. Es wirkte äußerst makaber, wie der Kopf daran herunterbaumelte. Der Kopfjäger schaute Trödler an und zeigte wieder die Zähne. Dann zog er sich den glitschigen Balg über den Zeigefinger, wobei der Nagel aus der klaffenden Schnauze hervorragte, und wackelte mit dem Mäusekopf, als sei das Tier noch am Leben. Die Fingerpuppe führte einige Scheinangriffe auf Trödlers Käfig aus, und der Besitzer der Hand gab die dazu passenden Geräusche von sich.

Trödler konnte sich nicht vorstellen, welche Befriedigung der Kopfjäger aus diesem gräßlichen Spiel zog. Sein Gesicht verriet eine zügellose Freude, als die Wühlmauszähne an den Gitterstäben rüttelten. Von dieser ekelerregenden Folter sah Trödler seinen Verstand bedroht. Er brabbelte sinnloses Zeug vor sich hin, als sei die Puppe lebendig und wolle in den Käfig eindringen.

Als der Kopfjäger seines Spiel überdrüssig geworden war, zerschnitt er das Fleisch des häuteten Körpers und verfütterte es stückchenweise an den Kleinen Prinzen.

Trotz der Angst vor Augapfel verschlang der Kleine Prinz die gekochten Bröckchen in wilder Gier.

Plötzlich landete etwas draußen auf dem Sims vor dem bleiverglasten Fenster und lenkte den Kopfjäger ab. Er drehte sich um und starrte durch die dicken Scheiben. Dort saß ein Rotkehlchen, scheinbar angelockt von der züngelnden blauen Flamme des Bunsenbrenners, der noch immer auf dem Tisch vor sich in zischte.

In diesem Augenblick sprang Aufapfel auf den Tisch, schnappte sich die Überreste der gekochten Wühlmaus und sauste wie der Blitz zur Tür hinaus. Der Kopfjäger stieß einen durchdringenden Schrei aus. Er griff nach einem hölzernen Schläger und schleuderte ihn der Katze hinterher. Der Schläger traf Trödlers Käfig, der polternd zu Boden fiel. Beim Aufprall sprang die Tür auf.

Obwohl stark mitgenommen, raste Trödler durch die Öffnung und verschwand unter dem Bett. Er kauerte sich in den tröstlichen Schatten und sammelte seine fünf Sinne. Im nächsten Augenblick preßte sich das Gesicht des Kopfjägers in den Boden und glotze unter das Bett. Trödler gab sich einen Ruck und schoß an dem Nacktling vorbei durch die offene Tür und hinaus auf den Treppenabsatz.

Hätte Trödler schon länger im Haus gelebt, wäre er zu einem der Schlupflöcher gerannt. Nun stand er orientierungslos an der Treppe und wußte nicht, wohin. Der Kopfjäger trampelte schon durch die Schlafzimmertür.

„Schnell, hier lang!“

Trödler hörte den Ruf, wußte aber nicht, welche Richtung gemeint war.

„Hier lang,  hier lang!“ rief die Stimme.

Da entdeckte er eine Waldmaus, die bei einem Loch in der Nähe des Badezimmers wartete. Trödler lief auf sie zu, und schon sauste ein schwerer Stiefel genau auf die Stelle nieder, an der er eben noch gehockt hatte. Blitzschnell verschwand er im Loch und folgte der Waldmaus.

Als sie sich tief im verschlungenen Labyrinth hinter den Wänden befanden, blieb die Waldmaus plötzlich stehen und drehte sich um. „Alles in Ordnung? Der Kopfjäger hätte dich beinahe erwischt.“

„Beinahe?“ keuchte Trödler. „Er hat mich erwischt, aber ich bin ihm wieder entkommen.“

Sein Gegenüber riß die Augen auf. „Er hat dich erwischt und du bist davongekommen? Muß eine Premiere sein. Wie hast du das geschafft?“

Trödler richtete sich auf und sammelte seine Gedanken. „Seltsamerweise hat mir Augapfel bei der Flucht geholfen. Sie schnappte sich... etwas, das der Kopfjäger in einem Topf gekocht hatte. Dann warf er etwas nach ihr. Es traf meinen Käfig, und die Tür sprang auf. So bin ich entwischt.“

„Mein Freund, du bist wirkliche ein Glückspilz. Sonst wärst du schon Futter für den Kleinen Prinzen.“

„Das kannst du laut sagen“, seufzte Trödler. „Ich habe wohl ein Schutzengel.“ Er zitterte, da er sich noch nicht ganz von diesem Erlebnis erholt hatte. Das würde sicher auch noch  eine Weile dauern. Der Begriff „Alptraum“ reichte wirklich nicht aus, dachte er bei sich. Es mußte noch ein anderes Wort geben, das diese Hölle angemessen beschreiben konnte, doch ihm fiel  nichts ein. Leid, Drangsal, Marter – alles völlig unzureichend.

„Du wirkst ein wenig durcheinander“, stellte die andere Maus fest. „Mußt du irgendwohin?“

Trödler schüttelte den Kopf. „Ich habe bei den Buchfressern gelebt, aber das ist vorbei. Man bekommt dort nie genug zu fressen. Wer bist du? Woher kommst du? Ich habe hier noch keine anderen Waldmäuse gesehen.“ ….