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Jeanine Krock - „Die Sternseherin“

ISBN: 978-3-86608-557-2

Klappentext:

Die Feentochter Estelle kann die Gefühle der Menschen in ihrer Umgebung wahrnehmen. Sie muss jemanden nur berühren, schon kennt sie seine innersten Wünsche und Sehnsüchte. Diese besondere Gabe stürzt Estelle immer wieder in ein tiefes Gefühlschaos. Als sie dem attraktiven Julen begegnet, ist er der Einzige, dessen Geheimnisse sie nicht sofort erspüren kann. Eigentlich könnte er der perfekte Mann für sie sein. Doch Estelle fühlt sich zu dem Vampir Asher hingezogen, er in seinem Wesen alles vereint, was sie eigentlich ablehnt ... „Tiefdunkle Phantastik mit der richtigen Mischung aus Emotion und Erotik – ein unglaublich sinnlicher Roman.“ Literatopia.de

Inhalt:

Estelle ist eine Feentochter. Wenn sie Menschen berührt, brechenVisionen über sie herein, denen sie nur sehr schwer Herr wird. - Sie soll in eine andere Stadt gehen, um ihrem Gefühlschaos wieder Herr zu werden.

Zunächst scheint es, als würde das ganze Chaos noch größer. Sie trifft auf Julen. Endlich jemand, in dem sie nicht lesen kann, wie in einem offenen Buch. Sie glaubt, den perfekten Mann für sich gefunden zu haben, bis sie auf Asher trifft...

Leseprobe:

… Als Estelle am frühen Nachmittag die Decke beiseite schlug und aus ihrem kuscheligen Bett stieg, glaubte sie im ersten Moment, die Ereignisse der letzten Nacht nur geträumt zu haben. Aber dann sah sie das Blut auf ihrer Bluse – Julens Blut. Es war also kein Traum gewesen, den man, sobald man erwacht war, abstreifen konnte wie ein hässliches Kleid. Der Überfall hatte wirklich stattgefunden und, was sie noch schlimmer fand, Julen hatte wie selbstverständlich und ohne sichtbare Anstrengung zwei Vampire getötet, als wäre dies sein tägliches Geschäft. Woran sie sich ebenfalls erinnerte, war seine Anordnung, das Hotel keinesfalls ohne ihn zu verlassen. Sie hatte nicht vor, sich daran zu halten. Nach einem leichten Imbiss im Restaurant reihte sie sich in die Reihe der Wartenden ein, die gegenüber auf dem College-Gelände standen, um das »Book of Kells« mit seinen keltisch beeinflussten Tier- und Menschenfiguren sowie die mit Ornamenten und Zierbuchstaben reich geschmückten lateinischen Evangelien in der Bibliothek des Trinity College anzusehen. Die Sonne schien, die Wartenden kauften Punsch oder heiße Waffeln, und Estelle genoss die winterliche Atmosphäre, die um sie herum herrschte. Einmal den Eingang passiert ging sie eigene Wege. Rund um das Ausstellungsstück standen ohnehin so viele Besucher, dass jeder höchstens einen kurzen Blick darauf werfen konnte, bevor ein anderer Tourist sich vordrängte. Jeden Tag, so erfuhr sie von den in unzähligen Sprachen vorbeiziehenden Fremdenführern, blätterte man eine Seite des keltischen Buches um. Wie lange würde diese Kostbarkeit wohl diesen Menschenmassen, ihrem feucht zersetzenden Atem und der eigentümlichen Ausstellung standhalten?

Mehrere Stunden später gestand Estelle sich ein, dass die Suche im Longroom, dem Hauptschiff der Bibliothek, eine Herausforderung war. 200.000 alte Schriften ließen sich selbst mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht so ohne Weiteres untersuchen. Kurz bevor die Bibliothek schloss, hatte sie beginnend bei »aa« die Bücher aus fünf Regalen berührt und war völlig erschöpft. Als sie das Gebäude gemeinsam mit den letzten Touristen schließlich verließ, war sie froh, nur die Straße überqueren zu müssen, um dem schneidenden Wind zu entkommen, der neben allerlei festlicher Beleuchtung daran erinnerte, dass Weihnachten nicht mehr fern war.

Wehmütig erinnerte sie sich an die Vorweihnachtstage mit ihrer Familie. Obwohl sie keiner christlichen Kirche angehörten, hatte ihre Mutter immer Wert darauf gelegt, dass die Schwestern eine, wie sie es nannte, christliche Erziehung genossen. »Sie müssen sich in ihrem Heimatland und nicht nur in der Anderswelt zurechtfinden können«, habe sie stets betont, erfuhren die Zwillinge später von ihrer Tante. Estelle erinnerte sich kaum an den allsonntäglichen Kindergottesdienst und den gemeinsamen Auftritt der Zwillinge als Engel im Krippenspiel der örtlichen Kirche. Auf ihre langen, weißen Gewänder hatte die Mutter glänzende Sterne aus Metallfolie genäht, auf dem Kopf trugen sie goldene Sternhauben. Solcherart geschmückt hatten die Mädchen wie himmlische Geschöpfe gewirkt. Ein Ereignis, über das die Gemeindemitglieder noch Jahre später sprachen. Estelle und Selenas aufgeregtes, inneres Leuchten hatte sie alle verzaubert. Zuhause feierten sie die Wintersonnenwende eher schlicht. Ihre Mutter entzündete überall im Haus Lichter und über die Feiertage besuchten sie nicht selten unirdische Wesen. Die große Schwester hatte häufig Mühe, ihr Zuhause in den Alltag zu integrieren, denn ihr war schnell klargeworden, dass es in anderen Familien weit weniger magisch zuging. Welche Mutter stand schon auf vertrautem Fuß mit den Heiligen Drei Königen, die am Ende der Raunächte gerne einmal auf einen Punsch vorbeischauten? Estelle wusste nie, ob es ihre eigenen Erinnerungen oder die Erzählungen ihrer Tante waren, in denen Mama stets eine wichtige Rolle spielte. Trotz ihrer Müdigkeit trat sie lächelnd in die von Menschen geschaffene Anderswelt des Luxushotels ein. Sie hatte eine gute Kindheit erlebt, wenn auch die Eltern viel zu früh von ihr gegangen waren.

Türen wurden ihr geöffnet, dicke Teppiche schluckten jeden Schritt und die höfliche Stimme, die ihre Aufmerksamkeit erbat, rauschte anfangs an Estelles Ohr vorbei. »Madame, Sie haben eine Nachricht!« Sie nahm den Umschlag entgegen und riss ihn auf, während sie die Treppen zu ihrem Zimmer hinaufeilte. Wegen der dezenten Beleuchtung konnte sie die Karte nicht sofort lesen und kämpfte, oben angekommen, erst einmal wieder mit der elektronischen Verriegelung. Endlich sprang die Tür auf, Estelle kickte ihre Schuhe in eine Ecke und ließ sich auf das gepolsterte Sofa fallen.

Die Nachricht war kurz:

Warte auf mich!

Gruß Julen

Zu spät, dachte sie und schraubte die Wasserflasche auf, um ihren Durst zu löschen. Sie fühlte sich wie ausgedorrt. Buchsammlungen hatten diese Wirkung auf ihre Kehle.

»Du bist alleine in die Bibliothek gegangen!«

Vor Überraschung spuckte Estelle das Wasser über den blank polierten Tisch. Sie trocknete ihr Kinn mit einem Taschentuch. »Ich habe ewig auf dich gewartet. Dein Handy war offenbar auch ausgeschaltet, und als ich am Nachmittag annehmen musste, dass du nicht mehr auftauchen würdest, bin ich halt ohne dich in die Bibliothek hinübergegangen, um mich schon einmal umzusehen.« Julen wollte zu einer Erklärung ansetzen, als Estelle weitersprach: »Ich soll nichts auf eigene Faust unternehmen, aber wenn man dich braucht, dann bist du unerreichbar.« Sie versuchte, die Wasserlache vor sich mit einem zweiten Papiertaschentuch aufzunehmen. »Ich versteh ja, dass du bei diesem herrlichen Wetter keine Lust hast, in einer Bibliothek zu sitzen! Meinetwegen hätten wir den Tag gerne auch anderswo gemeinsam genießen können. Doch du hüllst dich in Schweigen und tauchst einfach nicht auf.«

»Hör zu ...«

»Du hast mich versetzt!«

»Der Sonnenschein wird das Problem gewesen sein!«

Estelles Kopf ruckte herum, so dass ihre Haare flogen. In der Tür stand Asher und schaute keineswegs freundlich. Der Blick, den Julen ihm zuwarf, spiegelte diese Stimmung perfekt wider.

Estelle blickte von einem zum anderen. Die Frage, die ihr unwillkürlich entschlüpfte, machte ihren halbherzigen Versuch, nach dem ersten Schrecken einigermaßen souverän auf Ashers plötzliches Auftauchen zu reagieren, zunichte. »Sonnenschein? Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Er ist ein Dunkelelf.« Asher schlenderte in den Salon und blieb dicht vor Julen stehen, der hörbar mit seinen Zähnen knirschte. »Sag nicht, du hast vergessen, diese Kleinigkeit zu erwähnen.«

»Aber«, sie schluckte, »dann ist er nichts anderes als ...«

Julen trat vor. »Estelle, lass dir erklären ... bitte!«

Doch da gab es nichts zu erklären. Die wie durch Geisterhand verschwundenen Leichen vom Vorabend, sein Fernbleiben während des Tages, alles deutliche Zeichen, die sie übersehen hatte. Vielleicht hatte übersehen wollen, weil sie sich in Julens Gesellschaft wohlgefühlt hatte. …