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Kathy Reichs - „Fährte des Todes“

ISBN: 9-783-641-13794-6

 

Klappentext:

In den Wäldern um den Mountain Island Lake in North Carolina lauert der Tod besonders auf alle, die ins Beuteschema gefährdeter Raubvögel passen - denn für sie wurde in der Nähe das Carolina Raptor Center eingereichtet. Doch Edith Blankenship, eine junge Biologiestudentin, fand hier allem Anschein nach den Tod durch die Hand eines Artgenossen, ihre Leiche findet sich in einer alten Sporttasche. Tempe Brennan, als forensische Anthropologin mit der Untersuchung betraut, heftet sich an die Fersen eines offenbar skrupellosen Mörders - ohne zu ahnen, wie gut sich ihr Widersacher auf täuschen, tarnen und zuschlagen versteht...

 

Inhalt:

Tempe Brennan will sich einen schönen Tag mit einer Freundin machen. Allerdings kommt der Anruf dazwischen, dass etwas am Ufer eines Sees gefunden wurde.

Nach einer holprigen Fahrt kann Tempe einen Plastiksack mit einer Leiche ans Ufer bringen. Allerdings ist diese Leiche komplett und passt somit nicht zu den vier Knochen, die sie gerade im Labor untersucht.

Doch die Leiche kann als Studentin identifiziert werden. Diese hatte ein Verhältnis mit ihrem Professor, der aber verheiratet war. Das Opfer wurde stranguliert. Der Täter war auf jeden Fall kleiner als das Opfer. Dieser Fakt trifft auf die betrogene Ehefrau zu.

Doch des Rätsels Lösung ist eine andere. Die Täterin fühlt sich auch betrogen. Tempe kommt ihr gefährlich nahe und muss am Ende einmal mehr im ihr Leben fürchten.

 

Leseprobe:

… Slidell kam zwanzig Minuten zu früh. Ich ließ meine halb gegessenen Cheerios stehen und kippte den Kaffee in einen Thermobecher.

Ganzkörperlatex ist für Skinnys Auto genau so angemessen wie für Autopsiesaal vier. Fastfood-Kartons, Zigarettenkippen, Überreste alter Brotzeiten. Ich setzte mich behutsam hin, um den Kontakt mit Sitz und Boden zu minimieren.

Wir fuhren auf der Route 16 in nördlicher Richtung aus der Stadt. Bald wichen die Hochhäuser mit Eigentumswohnungen und Büros vorstädtischen Wohnvierteln und Einkaufsstraßen, und die schließlich Feldern und hin und wieder einer Autowerkstatt, einer Kirche oder einem Grillrestaurant.

Nach fünfundvierzig Minuten bog Slidell vom Highway auf eine schmale, zweispurige Straße ab. Nichts als Ufer, Wald und Weiden. Hier und da ein aufgeschrecktes Pferd oder ein Bootssteg.

Bald sahen wir einen Pfeil, der auf unser Ziel hinwies. Slidell fuhr links auf den Parkplatz und stellte den Motor ab. Ein Schild warnte: »Gesichert durch Alarmanlage, Kameras und scharfe Klauen.«

Das Carolina Raptor Center war hell und luftig, geschmückt mit Fotos und Zeichnungen von Vögeln. Von der Decke hingen Nachbildungen von Adlern. In Körben türmten sich Souvenirs für Touristen – ausgestopfte Wanderfalken, Eulen-Schlüsselketten, T-Shirts mit mehr oder weniger originellen Vogel-Sprüchen. Ein grünes Wandgemälde stellte den Lebenszyklus des Rotschwanz-Bussards dar.

»Hallo!«, zirpte eine Siebzigjährige mit einem erstaunlich linken Lächeln. »Ich bin Doris. Kann ich Ihnen helfen?«

Doris sah aus wie einem Comic von Gary Larson entlaufen. Katzenaugen-Brille, eine Strickweste mit Zopfmuster und mehr Knöllchen als eine Politesse. Klein, aber stämmig. Fit.

Slidell zeigte seine Marke.

»O Gott.« Die Frau drückte sich eine altersfleckige Hand ans Herz, ihr Blick zuckte hektisch von links nach rechts, als erwarte sie ein hereinstürmendes  SWAT-Team. »Gibt es ein Problem?«

»Das wäre Doris …?« Slidell hob fragend das Kinn.

»Kramer. Doris Kramer.«

Slidell zog ein Foto aus der Innenseite seines Sakkos. »Erkennen Sie diese Frau?«

»Natürlich. Das ist Edith.« Doris runzelte die Stirn. »Ist mir ein Rätsel. Ich hätte nie gedacht, dass sie uns einfach so verlässt.«

»Sie war oft hier?«, fragte ich.

»Viele von Professor Olsens Studenten machen hier im Zentrum Projekte. Er kommt jeden Dienstag mit einer Gruppe. Edith liebte unsere Vögel so sehr, dass sie als Freiwillige im Krankenhaus arbeitete.«

»Krankenhaus?«

»Jedes Jahr kommen mehr als siebenhundert verletzte oder verwaiste Raubvögel in unsere Einrichtung. Wir sind eins der wenigen Zentren im Südosten, die die Amerikanischen Weißkopfseeadler wieder in die Natur eingliedern.« Wenn Menschen tatsächlich strahlen können, tat Doris das jetzt. Dann verdüsterte sich ihr Gesicht. »Schrecklich, wie viele dieser majestätischen Kreaturen von Autos angefahren werden oder an Stromleitungen einen tödlichen Schlag erhalten.«

»Stromleitungen?«, fragte ich.

»Einen tödlichen Schlag?«, fragte Slidell.

Doris nickte feierlich. »Weil ihre Flügel eine so große Spannweite haben, dass sie zwei Leitungen auf einmal berühren können. Es hätte Edith fast das Herz gebrochen. Stundenlang konnte sie bei den verletzten Vögeln in der Notaufnahme sitzen. Sie gehörte auch zu unserem Krankenwagenteam, fuhr Einsätze, wenn unsere gefiederten Freunde in Schwierigkeiten waren. Aber vorwiegend kümmerte sie sich um unsere Bewohner.«

»Bewohner?« Slidells Tonfall deutete auf rapide schwindende Geduld hin.

»Wir beherbergen über hundert Raubvögel, die aufgrund von Verletzungen, Amputationen oder menschlicher Prägung nicht in die freie Wildbahn entlassen werden können. Besucher können dreiundzwanzig verschiedene Arten beobachten, wenn sie über unseren Greifvogel-Pfad wandern.«

»Was genau tat Edith?«, fragte ich.

»Sie reinigte die Käfige, füllte die Futterstellen auf, führte routinemäßig Gesundheitschecks durch.« Doris lachte, und es klang wie eine Mischung aus Schluckauf und Husten. »Ich schwöre Ihnen, dieses Mädchen mochte Vögel mehr als Menschen. Vor allem Eulen. Das waren ihre Lieblinge.« Doris’ Lächeln zerbröckelte wieder. Ich meine,  sind.«  Sie schüttelte den Kopf. »Ach du meine Güte. Es ist ja so bestürzend.«

Ein Paar kam mit einem Beagle-Welpen im Arm herein. Doris sprang auf, als hätte man ihr einen Taser in den Rücken gedrückt.

»Mit Verlaub! Hunde sind strengstens verboten.« Mit schnelleren Bewegungen, als ich einer Frau ihres Alters zugetraut hätte, scheuchte sie die Übeltäter wieder zur Tür hinaus.

Ich stieß Slidell an. Und deutete auf eine Bekanntmachung neben einem Nest, das groß genug für Flugsaurier war. »Wehrt euch gegen Duke Energy – Lernt, autark zu leben.« Die Kontaktadresse war hermanblount@gmail.com.

Mit mürrisch verkniffenen, sehr roten Lippen kehrte Doris zu ihrer Empfangstheke zurück. »Also wirklich. Wir haben überall Schilder. Verstehen die Leute denn nicht, dass Hunde für Vögel einfach furchtbar sind?« Sie drehte den Oberarm, um uns eine Quetschung zu zeigen, einen auberginefarbenen Bogen auf ihrem bleichen Fleisch. »Da hat mich letzte Woche ein Hund gebissen. Um ehrlich zu sein, ich traue diesen Viechern nicht.«

»Kannte Edith einen Mann namens Herman Blount?« Ich versuchte, das Gespräch wieder aufs Thema zu bringen.

»Ja.« Argwöhnisch.

»Sie sind kein Fan von ihm?«

»Gegen Hermans Tierliebe kann ich nichts sagen. Auch wenn es von wenig Urteilsvermögen spricht, sich einen Rottweiler zu halten, den schlimmsten Alptraum eines jeden Vogels. Aber er ist ein bisschen … extrem für meinen Geschmack.« Doris Augen wurden groß. »Hat Herman etwas Unrechtes getan?«

Slidell ignorierte ihre Frage. »Wie gut kannte Blount denn Blankenship?«

»Er brachte ihr einmal einen verletzten Streifenkauz. Das ist eine Eule. Edith half bei der Pflege. Das arme Ding überlebte nicht. Edith und Hermann kämpften leidenschaftlich dafür, die Stromproduzenten zu zwingen, ihre Leitungen für Vögel sicherer zu machen. Und na ja, wenn Sie ihn gesehen haben, wissen Sie ja Bescheid. Herman ist kein übler Anblick.« Doris machte etwas mit ihren Augenbrauen, das wohl »Wenn Sie wissen, was ich meine« bedeuten sollte, aber ziemlich beunruhigend wirkte.

»Haben sie viel Zeit miteinander verbracht?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht.« Ein beiläufiges Achselzucken. »Das geht mich nichts an.«

Slidell kam direkt auf den Punkt. »Ist Blankenship zu Gewalt fähig?«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel Stromleitungen manipulieren? Sachen in die Luft jagen?«

Doris wandte den Blick ab.

»Was ist?«, bedrängte Slidell sie.

»Ich will ja nichts Schlechtes sagen. Aber dieses Mädchen würde wohl alles tun, um ihre Vögel zu schützen.«

»Haben Sie irgendeine Vorstellung, was mit ihr passiert sein könnte?«, fragte ich sanft.

Doris schaute mich verständnislos an.

»Jedes Detail könnte uns weiterhelfen.« Ich lächelte ermutigend, wie ich hoffte.

»Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet«, murmelte Doris.

»Wenn Edith etwas angetan wurde, müssen wir den Schuldigen finden, um ihn vor Gericht zu bringen.« …