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Thomas Gifford - „Aquila“

ISBN: 3-404-15118-6

 

Klappentext:

Ein über zweihundert Jahre altes Dokument kommt überraschend ans Tageslicht. Der Student, der es entdeckt hat, wird ermordet aufgefunden. Eine junge, forsche Fernsehreporterin lässt nicht locker. Und ein harmloser Geschichtsprofessor aus Harvard, Massachusetts, findet sich plötzlich im Kreuzfeuer der Geheimdienste. Gemeinsam versuchen die beiden ungleichen Verbündeten, das Geheimnis zu lüften. Sie stoßen dabei auf eine Verschwörung, welche die Grundfesten der Nation erschüttern könnte.

 

Inhalt:

Im Jahre 1778 kommt eine Wache eines Lagers zu einem Papier, dass nicht nur seine Weltansicht erschüttert. Sollte der große George Washington wirklich ein Verräter sein?

1975 wird wegen eben jenem Papier ein Student ermordet. Doch auch er hat das Papier nicht mehr. Statt dessen wird sein Professor in die Sache mit herein gezogen. Er wird von seltsamen Gestalten überfallen, muss fliehen, verliebt sich auf der Flucht in eine Reporterin und gerät an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit.

Die vermeintliche Sicherheit ist eine Falle, alte Bekannte sind nicht das, was sie jahrelang vorgegeben haben und noch mehr Unschuldige werden in die Sache hinein gezogen.

Hat George Washington wirklich sein eigenes Land verraten?

 

Leseprobe:

… Nat Underhill hatte nie ernsthaft damit gerechnet, Bukarest wiederzusehen, nicht nach fünfzig Jahren. Aber nun ging er hart auf die Achtzig zu, und er war hier, und die alte Stadt lag unter seinem Hotelfenster, von trockenem Schnee bestäubt, der wie ein Rauchschleier im Grau des späten Nachmittags wehte. Nein, er konnte es noch immer nicht fassen, dass er das noch erlebte. Er steckte seine alte schwarze Pfeife an, mit der Louisburg-Square-Mischung, wie er sie seit Jahren rauchte, und seufzte abgrundtief vor Erleichterung und Zufriedenheit. Er ließ seine Hosenträger schnalzen und die Gedanken in die Vergangenheit driften, weit hinaus über sein Spiegelbild in der verschmierten Fensterscheibe. Wie eine Jalousie, die man mit einem Ruck herabzog, um die Intimsphäre zu sichern, brach plötzlich die Nacht herein. Es hätte noch die Stadt von vor fünfzig Jahren sein können. Zu jener Zeit war er Student gewesen. Er hatte die Geschichte von Siebenbürgen erforscht und sich in die Stadt Bukarest verliebt, in das nächtliche Leben der Cafes, die Mahlzeiten um Mitternacht, das beinahe spanische Flair der Stadt, dem jedoch die unterschwellige Grausamkeit fehlte, die er in Spanien empfunden hatte. Aber eigentlich faszinierte ihn nicht nur die Stadt, sondern auch ein bezauberndes rumänisches Mädchen aus wohlhabender und entfernt aristokratischer Familie. Der Krieg und die Russen hatten sie ausgelöscht wie unwichtige Zeichen auf einer Wandtafel, und Nat Underhill blieb zurück mit gebrochenem Herzen und einer unbefriedigenden Lebenserfahrung, die ihm zu jener Zeit sehr wichtig erschien.

Aber der Krieg hatte die Gedanken an das Mädchen verdrängt. Er war in London stationiert gewesen, wohin es auch viele andere Rumänen verschlagen hatte. Sie schworen, Kontakt zu pflegen, wenn alles vorbei war, wenn die Welt frei war, wie Vera Lynn sang. Natürlich kam es nicht dazu. Die Geschichte hatte es mit den Rumänen nie gut gemeint, und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war das auch nicht anders. Boston und Bukarest schienen auf verschiedenen Planeten zu liegen.

Mit der Zeit änderte sich das. Im Laufe seiner historischen Forschungen hatte Nat die Welt der Bücher und Briefe, der Zeitschriften, Dokumente und Tagebücher entdeckt. Es ging ihm nicht so sehr ums Lesen – obwohl er das auch tat –, sondern ums Kaufen, Verkaufen und Sammeln. Der Zufall brachte seine Hand ins Spiel, und fünfzig Jahre später hatten sich zwei besondere Ereignisse miteinander verschworen, um ihn zu einem bittersüßen Abschied nach Bukarest zurückzubringen.

Zunächst kam die Ankündigung, dass der Kongress der Antiquare über die Weihnachtsfeiertage nach Bukarest einberufen wurde – ein Zeichen für Rumäniens angestrebte Beziehungen zum Westen. Aber er brauchte einen Vorwand für seine Teilnahme; nur die Stadt wiederzusehen, das reichte nicht für seine sparsame neuenglische Seele.

Dann war der junge Davis in sein elegantes, überladenes kleines Geschäft gekommen, das versteckt auf dem Beacon Hill lag, buchstäblich einen Steinwurf vom State House entfernt. Bill Davis, Harvard-Student mit langem strähnigem Haar und vergoldeter Nickelbrille, kam Nat Underhills Faible für die Eleganz der Brooks-Brothers kein bisschen entgegen. Trotz seiner entsetzlich vergammelten Erscheinung trug der junge Davis ein so unglaubliches Stück Papier bei sich, dass Nat Unterhill sofort einen Stuhl und eine Tasse frisch aufgebrühten Englischen Frühstückstee brauchte.

War es echt, wollte der Junge wissen. Gab es Mittel und Wege, das herauszufinden?

Was das Alter des Dokuments anging, ja, das konnte man bestimmen. Die Echtheit des Inhalts – historisch gesehen – stand auf einem ganz anderen Blatt; sie fiel in den Arbeitsbereich eines erfahrenen Historikers und Schriftsachverständigen. In seinem altmodischen kleinen Büro herrschte an jenem Morgen eine Atmosphäre, die sich völlig von dem unterschied, was er in seinem Beruf bisher erlebt hatte. Er bekam eigenartiges Herzklopfen. Seine trockenen, faltigen Hände hatten gezittert, als er das Dokument berührte. Sein Mund war wie ausgedörrt. In all den Jahren, die er in Gesellschaft antiker Papiere verbracht hatte, war ihm nie etwas Ähnliches begegnet. Nie …

Nachdem er dem Jungen eingeschärft hatte, das Juwel in einem Bankschließfach zu verwahren, sobald er es dem Professor seines Vertrauens gezeigt hatte – Colin Chandler von der Harvard-Universität war eine Kapazität auf dem Gebiet –, lehnte Nat sich in seinem quietschenden Drehstuhl zurück und sah zu, wie der spätherbstliche Wind an den Politikern zerrte, die ihre Tage damit zu verbringen schienen, vor seinem Bürofenster hin und her zu laufen und dabei die Angelegenheiten des Gemeinwesens zu regeln.

Von diesem Moment an war Bukarest ein äußerst vernünftiges Reiseziel. So ein Dokument, datiert vom Winter 1778, konnte man fast nicht mit Geld aufwiegen … aber eine Zahl musste genannt werden. Schon seine pure Existenz würde ein ungeheures Interesse und unzählige Diskussionen hervorrufen. Dazu kam noch Nats eigene Genugtuung, die Gelegenheit, seine Karriere mit einem Schlussstein zu versehen. Unschätzbar. Sein Name als Fußnote in den Geschichtsbüchern – nein, viel mehr als das. Er lächelte. Beim Pfeiferauchen, während der Rauch seinen Kopf umwölkte, buchte er den Flug nach Basel und die Weiterfahrt mit dem Zug und reservierte ein Zimmer im Athénée-Palace in Bukarest.

Nat hatte sich überlegt, wann er seinen spektakulären Fund präsentieren sollte: Er brauchte den passenden Rahmen für diesen Höhepunkt der Woche. Die Europäer waren nicht leicht zu beeindrucken, wenn es um historische Dokumente ging; ihre eigene Geschichte war sehr viel länger und reicher als Nat Underhills. Aber sie kannten die amerikanische Geschichte, und die Fotokopie des Dokuments, die er bei sich trug, würde sie in Erstaunen versetzen, selbst wenn es keine tausend Jahre alt war. So etwas aufzutreiben war der Traum all seiner Kollegen, doch meistens träumten sie ihr Leben lang vergebens. Das Dokument, als dessen Hüter er sich betrachtete, war nicht nur ein netter hieb- und stichfester historischer Beweis, nein, es veränderte die Geschichte!

Die letzte Nacht seines Aufenthalts in Bukarest war wohl der geeignete Zeitpunkt. Er lud eine Gruppe von alten Freunden in ein warmes, dunkles, von Wohlgerüchen erfülltes Kellerrestaurant ein, das sich seiner Erinnerung nach seit den dreißiger Jahren nicht verändert hatte. Sie waren zu sechst, dazu kam ein junger Rumäne namens Grigorescu, der sich während der Woche bei den älteren Herren als Führer durch das neue Bukarest beliebt gemacht hatte. Grigorescu war noch unter dreißig. Er hatte ein volles blasses Gesicht und schien immer zu warm angezogen zu sein mit seinem Pullover und dem Sakko, das fast aus den Nähten platzte. Sein Teint ging ins Teigige, und die tief in den Höhlen liegenden, überschatteten Augen erinnerten Nat Underhill an einen Blinden. Er war zurückhaltend, hilfsbereit, rastlos und stets bemüht, einen guten Eindruck zu machen und die Weisheit der älteren Westler in sich aufzunehmen.

Schulter an Schulter um einen großen Ecktisch gruppiert, durch die Wärme und die gehaltvollen rumänischen Weine in besonders gesellige Stimmung versetzt, rauchten sie, ließen die Vergangenheit wieder aufleben und aßen mamaliga und mititei, winzige Fleischbällchen am Spieß, und Wurst und Steak und saure Suppe, und den verheerend fetten Schmortopf. Erschöpft von Obst und Käse und tzuica lehnten sie sich zurück. Sie brachten einen Toast auf Nat Underhill aus und neckten ihn wegen seines hohen Alters, obwohl drei aus ihrer Runde auch schon die Siebzig überschritten hatten. Grigorescu lächelte verlegen, schwitzte, wischte sich die Stirn, hörte zu, übersetzte für den Kellner. Schließlich zündeten sie ihre Pfeifen und Zigarren an, und Nat Underhill sah ihnen ins Gesicht. Dann zog er einen einfachen Umschlag aus der Tasche und warf ihn auf das mit Weinflecken verzierte Tischtuch. Die Kerzen waren heruntergebrannt. Wachs lief in fantastischen Mustern zusammen.

»Meine Herren«, sagte Nat Underhill, »ich muss Ihnen eine Geschichte erzählen … Sie ist ein Beispiel für die Wunder, die sich in unserem Beruf hinter jeder Ecke verbergen können. Grigorescu, Sie wissen nie, was morgen passieren kann. Sie fangen erst an … ich nähere mich dem Ende. Aber das Schicksal kann jederzeit einen von uns bei der Hand nehmen.« Der korpulente junge Mann nickte mit ernstem Gesicht. »Vor weniger als einem Monat spielte mir das Schicksal das bemerkenswerteste Dokument meines Lebens zu …« Er wedelte gemächlich mit dem Umschlag wie ein Zauberer, der gerade dabei ist, ein Kaninchen aus einem Ohr zu zaubern. »Es kam aus heiterem Himmel, und es wird dafür sorgen, dass die Geschichte des amerikanischen Revolutionskrieges neu geschrieben werden muss! Nichts weniger … Sie kennen mich, ich neige nicht zu Übertreibungen. Lassen Sie mich erklären …«

Als er mit seiner Geschichte am Ende war, ließ er die Fotokopie um den Tisch gehen. Er erkannte echte Bewunderung in ihren Gesichtern: Männer wie sie zeigten sie nicht oft, und wenn sie es taten, gab es keinen Zweifel. Er lächelte, während er sie beobachtete. Das war der Lohn: das ehrliche, unausgesprochene Lob seiner Kollegen. Näher konnte ein Antiquar dem Nobelpreis nicht kommen.

Sie verabschiedeten sich in der großen Lobby des Athénée-Palace. Nat machte sich am frühen Morgen auf den Weg. Einige seiner Kollegen würde er im kommenden Frühjahr in New York treffen, andere – besonders den jungen Grigorescu – bestimmt nie wieder. Er klopfte dem Rumänen auf den Rücken, schüttelte ihm mehrmals die feuchte Hand und wankte ins Bett. Nat Underhill war bestimmt nie in seinem Leben glücklicher gewesen als in jener Winternacht in Bukarest, während der Wind an den Fenstern rüttelte und die Heizkörper rumorten.