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Kathy Reichs - „Totengeld“

ISBN: 9-783-453-43794-4

 

Klappentext:

Der Tod einer jungen Frau, deren Leiche in einem Straßengraben gefunden wird, bereitet Forensikerin Tempe Brennan schlaflose Nächte. Der Teenager könnte ohne Papiere ins Land gereist sein. Und dann ist da noch der Fall eines Schmugglers, der kuriose mumifizierte Artefakte in die USA schleust. Besteht eine Verbindung zwischen dem toten Mädchen und dem lukrativen illegalen Handel? Auf eines kann die Todesermittlerin sich verlassen: Knochen kann man nicht zum Schweigen bringen.

 

Inhalt:

Ein totes Mädchen am Straßenrand. Bones wird dazu gerufen und soll nun herausfinden, woran das Mädchen gestorben ist. - Ihr Kollege ist das Vorurteil in Person und meint gleich erst einmal, dass es sich sowieso um eine Nutte handelt und man diesen "Mädchen" keine Beachtung weiter schenken muss.

Doch Bones vermutet von Anfang an mehr dahinter. Es kommt ihr spanisch vor, dass keiner dieses Mädchen kennt oder je gesehen hat. Illegaler Einwanderer hin oder her, Bones ist entschlossen, auch diesen Fall zu lösen.

Doch sie kommt nicht weiter. Ihr sind die Hände gebunden und es kommt kein weiterer Hinweis auf die Tat rein. - Also fliegt Bones für einen kleinen "Zwischenauftrag" nach Afghanistan, wo zwei Männer exhumiert werden sollen. Die Schuld oder Unschuld eines dort stationierten Soldaten soll geklärt werden. - Dass sie genau mit diesem Fall aber auch Schwung in den Fall in Amerika bringt, hätte sie nicht gedacht.

Wieder zu Hause angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Eine Zunge liegt auf ihrer Türschwelle, sie bekommt Drohmails, dass auch sie bald sterben wird und ausgerechnet ein Foto, dessen Herkunft sie nicht kennt, was sie aber in ihrem Gepäck gefunden hat, soll dann Licht in die Sache bringen.

 

Leseprobe:

… Zwei Einheimische werden uns während der ganzen Operation auf die Finger schauen.«

Blanton blies Luft durch die Lippen, sagte aber nichts.

»Das  Team wird sich morgen um null-fünfhundert am Sammelpunkt treffen. Die geschätzte Flugzeit nach Sheyn Bagh beträgt zwei Stunden,  Touchdown dürfte also nicht später als null-achthundert sein.  Rechnen Sie eine Stunde für Begrüßung und Konversation mit dem Bürgermeister und den Dorfältesten ein, dann sind wir um null-neunhundert vor Ort auf dem Friedhof. Start der Maschine dann wieder um siebzehnhundert. Hat irgendjemand von Ihnen ein Problem damit?«

»Es ist schwer einzuschätzen, wie lange eine Exhumierung dauern wird, ohne die Bedingungen zu kennen, mit denen wir es zu tun haben«, sagte ich.

»Sie haben acht Stunden.« Sollte heißen: Ende der Diskussion.

»Mit soll’s recht sein«, sagte Blanton. »Ich werde auf keinen Fall außerhalb des Stützpunkts übernachten.«

»NCIS  hat bei Grabung und Untersuchung das letzte  Wort,  nach  Rücksprache mit Dr. Brennan.«  Welsted schaute in  meine Richtung. »Sollte es jedoch Unstimmigkeiten geben, entscheidet Blanton.«

Ich hatte zwar meine Probleme damit, nickte aber.

»Blanton wird die eigentliche Grabung überwachen. Sein  Team besteht aus zwei Marines aus Delaram und zwei Einheimischen –«

»Als wüssten  Ali Baba und sein Kumpel, wie man richtig mit der Kelle arbeitet.«  Aus Blantons  Worten triefte Geringschätzung. »Oder wie sie sich verhalten müssen, damit ihre verdammten Sandalen keine Indizien zertrampeln.«

»Ohne lokale Beteiligung wären wir zu keiner Einigung gekommen.«  Welsted wurde allmählich etwas ungeduldig. »Die  Afghanen haben darauf bestanden, das Pentagon hat zugestimmt.«

»O Mann.«

Ich sah den  NCIS-Agenten an. Seine  Verachtung für das afghanische  Volk überraschte mich.

Aber war das alles?  Waren es die Einheimischen, die Blanton nicht mochte? Oder war es die Böswilligkeit, die sich bei ihnen eingenistet hatte?

Ich versuche immer, unvoreingenommen zu sein, jeden nur nach seinen  Verdiensten und seinen Leistungen zu beurteilen. Ich bin tolerant gegenüber jeder Weltanschauung, jeder sexuellen Orientierung und auch jeder Hautfarbe, die anders ist als meine. Ich hasse nicht in Stereotypen.

Aber absolut keine  Toleranz habe ich für einen Glauben, der nicht nur Mädchen jegliche Bildung verweigert, sondern zudem den Missbrauch von Frauen entschuldigt, sogar gutheißt. Für ein Dogma, dass Männern erlaubt,  Angehörige meines Geschlechts zu schlagen, zu verstümmeln, ja sogar zu töten.

Mein einziges  Vorurteil. Ich verachte die  Taliban. Und ich glaube fest daran, dass dieArroganz und Grausamkeit ihrer Gefolgsleute von Unwissenheit,  Angst und männlicher Unsicherheit herrühren.

»Mr. Blanton wird die Dokumentation per  Video und Foto übernehmen«, fuhr  Welsted fort. »Dorfbewohner dürfen zusehen, doch sie werden auf mindestens zehn Meter  Abstand gehalten.«

»Werden wir ihnen Eiscreme servieren?  Vielleicht ein paar Lieder am Lagerfeuer singen?« Blanton ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. »So ein gottverdammter Zirkus.«

Welsted wandte sich wieder an mich. »Sie wissen, welche  Ausrüstung Sie brauchen?«

Ich zog eine Liste aus meinem  Rucksack und gab sie ihr.

Welsted blickte sich am  Tisch um. »Noch Fragen?«

Ich hatte eine.

»Wo werde ich die Untersuchung durchführen?«

»Im Krankenhaus hier auf dem Stützpunkt.«

»Ich brauche ein  Röntgengerät.«

»Ist bereits arrangiert.«

Ich hatte noch eine.

»Warum können wir das nicht schon heute machen?«

»Die  Army übernimmt den  Transport. Der Blackhawk steht erst morgen zu  Verfügung.«

Blanton wollte etwas sagen.  Welsted schnitt ihm das  Wort ab.

»Dann viel Glück, Leute.«

Ich nahm Jacke und  Rucksack und ging nach draußen.  Vor der  Tür sah ich, dass Blanton um eine Ecke des Gebäudes verschwand.

»Dr. Brennan?«

Ich drehte mich um.  Welsted kam durch die  Tür.

»Haben Sie im  Augenblick etwas vor?«

»Ich habe ein  Rendezvous mit einer Fallakte.«

»Können Sie mit einer  Waffe umgehen?«

»Ich habe ein Schießtraining in Quantico absolviert, aber –«

»Ich bin unterwegs zum Schießstand.  Wollen Sie mitkommen?«

»Waffen sind nicht wirklich mein –«

»Eine Frau braucht gewisse Fähigkeiten, vor allem hier.«

Da sie mein Schweigen als Zustimmung nahm, führte  Welsted mich am Ellbogen zu demTransporter, der uns hergebracht hatte.  Während der Fahrt stellte sie eine beunruhigende Begeisterung für und ein enzyklopädisches  Wissen über Feuerwaffen zur Schau.

»Da haben wir die automatischen Gewehre M16, M4 Karabiner und M27. Scharfschützengewehre wie das M110 und M40. Die halbautomatische Schrotflinte M1014. Benutzt von den Streitkräften in Großbritannien,  Australien, Malaysia, Slowenien und von der Polizei in L. A. Nettes Ding. Unter einem Meter lang. Nur ungefähr vier Kilo.«

Welsted hatte noch nie eine  Waffe kennengelernt, die sie nicht mochte.

»Ich halte mich lieber an Handfeuerwaffen.«

»Die sind eher was für zu Hause, wenn Sie wissen, was ich meine.«  Welsted zwinkerte tatsächlich.

Der Schießstand war ein Freiluftgelände am Rand des  Stützpunkts. Hinter den Pfosten mit den Zielscheiben und dem äußeren Begrenzungszaun erstreckte sich Meile um Meile eine Ödnis aus Fels und Sand. Ganz in der Ferne erhob sich ein ummauertes Dorf wie ein winziger, wabernder Höcker in der endlosen  Weite.

»Bin gleich wieder da«, sagte  Welsted, nachdem sie uns angemeldet hatte.

Das war sie auch. Mit einer  Waffe, die mir vertraut war.

»Beretta M9. Halbautomatik.  Reichweite fünfzig Meter.  Wechselmagazin mit fünfzehn Schuss.«

Ich nahm die Beretta. Dabei fiel mir wieder ein, dass ich sie mochte. Nicht zu groß, nicht zu schwer. Liegt gut in der Hand. Der Griff fühlte sich gut an.

»Reuben wird Ihnen helfen.  Wir sehen uns in sechzig Minuten.«

Welsted ging zu einem Stand vier Ziele von meinem entfernt.

Reuben war ein kräftiger Schnurrbartträger und eindeutig keine Quasselstrippe. Er gab mir Ohrstöpsel und Schutzbrille, zog eine Zielscheibe auf und sah mir beim Schießen zu. Nach einigen Ratschlägen zu Griff und Körperhaltung ließ er mich allein.

Nach einer Stunde Üben hinterließ ich einen engen Kreis aus Löchern in der schwarzen Mitte der menschenförmigen Zielscheibe.

Ich zog eben die Ohrstöpsel aus den Ohren, als  Welsted wieder auftauchte, das Gesicht gerötet vor Hitze oder  Aufregung.

»Gut?«, fragte sie.

»Gut«, sagte ich.

Reuben erschien wieder, als Welsted den Transporter rief. Ich gab ihm die Beretta und die Schutzbrille. Dankte ihm.

Wir waren kaum losgefahren, als Welsted eine Nummer in ihr Handy tippte.  Was ich von dem Gespräch mitbekam, deutete darauf hin, dass sie die Arrangements für den nächstenTag bestätigte. Höflichkeit war nicht gerade die Stärke dieser Frau.

Ich schaute auf mein iPhone. Kein Signal.

»Ganz schön nervig, mit diesen Leuten umgehen zu müssen.« Welsted steckte sich das Gerät in eine Tasche ihrer Tarnhose. »Die Gebräuche ändern sich von Stamm zu Stamm, meistens sind es nur geringfügige Unterschiede. Es zahlt sich aus, wenn man sich darum kümmert, dass alle auf derselben Wellenlänge sind.«

»Damit es keine Überraschungen gibt.«

»Es kommt hier ziemlich selten vor, dass Überraschungen was Gutes bringen.«

Allgemeiner Grundsatz oder persönliche Erfahrung?

Nach zwei weiteren Telefonaten drehte Welsted sich um und deutete mit dem Daumen zum Fenster.

»Das Green Bean müssen Sie probieren. Die haben einen irren Kaffee.«

Bis auf die Waffen, die Kampfmonturen und das Schild mit der Aufschrift »Salutieren hier nicht erforderlich« hätte dieser Platz auch ein Treffpunkt auf irgendeinem Collegecampussein können.

Schrecklich junge Männer tranken im Schatten eines Sonnendachs aus Pappbechern. Ein Paar hatte die Köpfe zusammengesteckt und las gemeinsam etwas. Eine Frau schrieb alleine an einem Picknicktisch, ihre kurzen, braunen Haare glänzten in der Sonne.

Waren die Männer eben aus einem Konvoi gesprungen, oder bereiteten sie sich auf dieAbfahrt vor? Überlegte sich das Paar, welchen Film es sich anschauen wollte? Schrieb die Frau eine Postkarte nach Hause?

Wie viele von ihnen würden in einem Jahr noch am Leben und unversehrt sein?

Wieder suchten meine Augen reflexhaft nach Katy.

Und wieder meldete sich das schlechte Gewissen.

»Wie wär’s jetzt mit ’ner Tasse Java?«, fragte Welsted.

»Ich sollte in mein Quartier gehen und die Fallakte lesen.«

Und meine Mails checken.

»Ihre Entscheidung.«

Zurück in meiner Bude, loggte ich mich in den alten PC ein. Keine Nachricht von Katy oder Ryan. Nichts auf der Voicemail.

Na und?

Ich schaute auf die Uhr.

12:40.

Ruhelos, weil ich nichts zu tun hatte, marschierte ich auf und ab. Zerbrach mir den Kopf wegen meiner Tochter.

Ich war jetzt seit zwölf Stunden in Bagram. Wo war Katy? Warum hatte Blanton sie noch nicht gefunden?

Ich marschierte weiter sinnlos auf und ab.

Warum hatte ich Welsted nicht ins Vertrauen gezogen?

Ich kannte Katys Einheit. Ich konnte sie selbst finden.

Nein, riet mir eine leise Stimme.

Dieses eine Mal befolgte ich ihren Rat.

Ich holte mir eine Flasche Wasser aus dem Schrank, schob Papiere und Magazine auf demTisch beiseite, holte die Gross-Akte aus meinem Rucksack und fing an zu lesen.

Doch sehr schnell wurden mir die Augen schwer. Ich konnte mich nicht konzentrieren.

Vielleicht bringen dich Essen und ein bisschen Bewegung wieder auf Vordermann, dachte ich mir und ging zur Kantine.

Vierzig Minuten und einen epischen Salat später bog ich wieder in meine Hüttenstraße ein. Mein Puls beschleunigte sich, als ich den rosa Zettel sah, der im Türstock meiner Hütte klemmte. Ich rannte los, weil ich hoffte, dass es eine Nachricht von Katy war.

War es auch. …